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Auf Abstiegskampf eingestellt: Florian Kohfeldt weiß jetzt schon, dass in der heißen Phase der Saison „mit mir als Privatmensch nicht so viel anzufangen“ sein wird.

Werders U23-Cheftrainer im Interview

Florian Kohfeldt: „Ich bin da, wo ich sein soll“

Bremen - Die Rettung auf den letzten Drücker, dieses erzwungene und bejubelte 1:0 über den VfR Aalen, ist gerade mal einen Monat her. Doch schon am Donnerstag geht es für die U23 von Werder Bremen wieder los. Trainer Florian Kohfeldt bittet den Drittligisten zum Trainingsauftakt.

Es wird Tag eins einer Mission, die erneut den Titel „Klassenerhalt“ trägt. Als letztes verbliebenes Nachwuchsteam eines Bundesligisten treten die Bremer an, um sich wieder in einer Liga mit ausgebufften Profis und namhaften Traditionsteams zu behaupten. Für Kohfeldt (34), den ehemaligen „Co“ des Bundesliga-Teams, wird es die erste volle Spielzeit auf dem Posten des U23-Cheftrainers, nachdem er in der vergangenen Saison erst nach dem zehnten Spieltag die Leitung übernommen hatte.

Als Sie im vergangenen Oktober die Aufgaben bei der U23 übertragen bekamen, haben Sie in einem Interview selbst die Frage gestellt, ob Sie als Chef geeignet sind. Haben Sie mittlerweile eine Antwort darauf gefunden?

Florian Kohfeldt: Ich mache es gerne und habe auch das Gefühl, dass ich den Schritt ganz gut bewältigt habe. Ich habe ein tolles Trainerteam und tolle Mitarbeiter an meiner Seite, die es mir leicht gemacht haben. Ich habe die erste Saison genossen und glaube, dass ich meine Rolle gefunden habe.

Vom Co-Trainer der Profis zum Boss bei der U23 – wo lagen da die größten Schwierigkeiten?

Kohfeldt: Der Umgang mit den Spielern ist ein anderer. Es gab viele Situationen und Gespräche, in denen es darum ging, wer spielen darf und wer nicht. Gerade in der U23 ist es immer wieder ein Thema, dass ein junger Spieler trotz guter Trainingsleistungen zurückstecken muss, weil ein Profi den Vorzug bekommt. Das ist auch richtig so, weil das unser Prinzip ist. Aber dann musst du das gegenüber dem Spieler erklären und vertreten und kannst dich hinter niemandem mehr verstecken. Als Co-Trainer war das natürlich anders.

Inwiefern?

Kohfeldt: Als Cheftrainer musst du die Mischung aus Entscheidungshärte und Einfühlungsvermögen für den Spieler finden. Am wichtigsten ist es für mich aber immer, die Entscheidung auch zu erklären, das ist immer mein Anspruch. Ich denke, dass ich die Balance aus „Geradeaus entscheiden“ und „Ein offenes Ohr haben“ ganz gut hinbekommen habe.

Kurz gesagt: Sie können Chef?

Kohfeldt: Ich glaube, ja.

Woran haben Sie es noch gemerkt?

Kohfeldt: In der Zeit, als wir ordentliche Ergebnisse abgeliefert haben, habe ich gesehen, dass das, was ich mir überlegt habe, funktionieren kann. Das war schon mal eine Beruhigung für mich. Meiner Meinung nach sollte man als Trainer auf zwei Punkte besonders achten: Verstehen deine Spieler, was du von ihnen willst? Und: Wenn sie es verstanden haben und es auch machen, muss es auch funktionieren. Sonst war deine Idee nicht gut. Beides war in einer gewissen Phase der Saison gegeben.

Bis es nicht mehr funktionierte. Nach dem 26. Spieltag folgten acht Spiele, in denen Ihr Team nur zwei Punkte holte.

Kohfeldt: Nachdem wir drei Spiele in Folge nicht gewonnen hatten, habe ich überlegt, wie ich reagieren soll. Sollte ich laut werden? Bin ich das? Ich habe dann für mich herausgefunden, dass es für mich der richtige Weg ist, weiter nahe an der Mannschaft zu bleiben, weiter zu erklären – so, wie es meine Überzeugung ist, meine Linie. Von der bin ich nicht abgewichen.

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Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Kohfeldt: Wenn man es auf ein Spiel komprimieren will, dann auf das 1:1 gegen Halle (drittletzter Spieltag, d. Red.). Da hatte ich trotz der schlechten Ergebnisse vorher das Gefühl, dass wir die Krise überwinden.

Sie sind ein Trainer ohne Vergangenheit als Profi. Wie haben Sie Ihre Leitlinien, Ihre Überzeugungen entwickelt? Mangels Profi-Karriere haben Sie wenig Vorbilder zur Verfügung.

Kohfeldt: Zuhören, beobachten, Gespräche führen. Die zwei Jahre als Co-Trainer in der Bundesliga waren eine unfassbar wichtige Zeit für mich. Wie tickt ein Profi, wie funktioniert Profi-Fußball – das glaube ich, verstanden zu haben.

Von wem haben Sie gelernt?

Kohfeldt: Von Jannik Vestergaard zum Beispiel. Er ist ein sehr auf Erfolg fokussierter Spieler und hat der Mannschaft aus meiner Sicht unheimlich viel gegeben. Er war jemand, mit dem ich mich sehr gut unterhalten konnte. Oder auch von Clemens Fritz, mit dem ich mich auch nach meiner Zeit bei den Profis weiter regelmäßig ausgetauscht habe. Ich behaupte mal, dass ich mittlerweile ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt habe, wie Spieler sich in gewissen Situationen fühlen und was in welcher Situation als Maßnahme nötig ist.

Fritz hat die Karriere beendet, wird nach einer Auszeit als Trainee bei Werder beginnen. Vielleicht auch als Trainer-Praktikant bei Ihnen. Wie wär’s?

Kohfeldt (lacht): Dann muss er auf jeden Fall viel Kaffee kochen.

Mit der Vorbereitung der U23 startet am Donnerstag gewissermaßen wieder der Kampf um den Klassenerhalt. Wie viel Vorfreude kommt bei Ihnen angesichts dieser Aussichten auf?

Kohfeldt: Super viel! Weil wir in einer Liga spielen dürfen, in der wir uns als Team mit vielen jungen Spielern auf Profi-Niveau messen dürfen. Aber ich müsste auch lügen, wenn ich sagen würde, dass Abstiegskampf nicht auch stressig wäre. Im März oder April, wenn die heiße Saisonphase beginnt, kann man mit mir als Privatmensch nicht so viel anfangen. Das wird höchstwahrscheinlich auch nächstes Jahr wieder so sein. Das wäre der normale Lauf der Dinge. Aber natürlich ist es unser Ziel und unser Anspruch, dass wir frühzeitig nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun haben.

Werder ist als letzter Bundesligist noch mit einer U23 in der Dritten Liga vertreten. Ist die Spielklasse tatsächlich noch die richtige für ein Nachwuchsteam?

Kohfeldt: Es ist ein Alleinstellungsmerkmal für uns – und das macht uns auch stolz. Außerdem sehe ich es so: In der Dritten Liga sind die Spieler viel näher an der Bundesliga, als in der Regionalliga. Athletisch und körperlich gibt es zwischen der ersten und der dritten Liga kaum noch einen Unterschied – das sieht man auch jedes Jahr wieder im DFB-Pokal. Spieler, die den Alltag in Liga drei erleben, haben es bei der Eingewöhnung in Liga eins viel leichter. Sie lernen in der Dritten Liga, sich gegen Widerstände durchzusetzen.

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Die Kehrseite ist aber, dass eine U23-Mannschaft in der Dritten Liga immer am Abgrund steht, selten ein Spiel bestimmt.

Kohfeldt: Stimmt, das wäre in der Regionalliga anders. Aber dennoch ist es unser Anspruch, auch in der Dritten Liga Spiele zu bestimmen. Nichtsdestotrotz wäre das in der Regionalliga sicher leichter gefalllen. Die technisch-taktische Ausbildung wäre vielleicht ein Stück präziser. Aber der Schritt von der Regionalliga in die Bundesliga ist sehr groß. Dann brauchen die Spieler wieder eine gewisse Zeit, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen. Eine Geschichte, wie sie Maximilian Eggestein in der vergangenen Saison geschrieben hat (als 20-Jähriger hat er sich nach einer phasenweise Rückversetzung in die U23 letztlich im Bundesliga-Team etabliert, d. Red.), wäre aus der Regionalliga heraus schwer möglich gewesen.

Wie groß sehen Sie die Chancen, in der kommenden Saison erneut die Rettung zu schaffen?

Kohfeldt: Wir müssen in allen Bereichen am absoluten Optimum arbeiten, damit wir in der Liga bleiben. Es ist eine schöne, aber auch schwierige Liga für uns. Wir haben in der vergangenen Saison 45 Punkte geholt. Es war sehr knapp, aber 45 Punkte waren eine sehr gute Bilanz. Ein ähnliches Ziel haben wir für die kommende Saison.

Sie haben einige Spieler verloren, bislang aber nur sechs Spieler aus der U19 sowie von extern Mittelfeldmann Dennis Rosin (20) vom FC St. Pauli und Innenverteidiger Marco Kaffenberger (20) von den Stuttgarter Kickers dazubekommen. Was fehlt noch, um den Kader komplett zu machen?

Kohfeldt: Es fehlt noch der eine oder andere Spieler, der bereits Erfahrungen im Herrenbereich gesammelt hat, altersmäßig aber noch zu uns passt. Das ist noch ein Ziel der Transferperiode, da wird mit Sicherheit noch etwas kommen.

Welche Entwicklung erwarten Sie von Johannes Eggestein und Niklas Schmidt?

Kohfeldt: Im Grunde kommen die Beiden jetzt erst aus der U19 heraus. Wir hatten sie vergangene Saison nur ein Jahr früher hochgezogen. Beide werden die Vorbereitung bei den Profis absolvieren. Die Verletzung bei Johannes (Anriss des Syndesmosebandes im März, d. Red.) war natürlich nicht gut. Aber man hat vorher sehen können, dass er sich im Herrenfußball akklimatisiert hat – auch körperlich. Und dass er mehr und mehr wieder seine Stärken, die ihn zu einem unfassbar talentierten Strafraumstürmer machen, zur Geltung bringen konnte. Deshalb sehe ich ihn auf einem sehr guten Weg. Bei Niklas bin ich ähnlicher Meinung. Er hat ein ganz stressreiches Jahr mit Ausbildung und dem Sprung in den Herrenbereich hinter sich. Das waren Dinge, die nicht so einfach waren. Er hat auf ganz hohem Niveau 32 Spiele in der Dritten Liga gemacht, und das bringt ihn voran. Niklas muss aber – und das ist völlig klar – weiter an seiner körperlichen Reife arbeiten. Fußballerisch traue ich ihm jederzeit den Sprung in die Bundesliga zu.

Gutes Stichwort: Hegen Sie selbst auch Ambitionen, in die Bundesliga zu wechseln? Dort sind junge Trainer gerade sehr angesagt.

Kohfeldt: Ich habe in der Bundesliga nichts gesehen, was mich davon abschrecken würde, dort wieder zu arbeiten. Aber ich habe es damit nicht eilig. Ich habe in der vergangenen Saison gemerkt, dass ich gerade genau an dem Ort bin, an dem ich sein soll – und dass ich gerade sehr viele Erfahrungen sammeln kann. Zudem habe ich in den letzten drei Jahren etwas Wesentliches gelernt: Das eine kommt so schnell, dann geht wieder etwas weg.

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