Das Kapitel Werder Bremen liegt hinter Florian Kohfeldt, jetzt ist der 39-Jährige Trainer des VfL Wolfsburg und tritt sogar in der Champions League an.
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Das Kapitel Werder Bremen liegt hinter Florian Kohfeldt, jetzt ist der 39-Jährige Trainer des VfL Wolfsburg und tritt sogar in der Champions League an.

Das große DeichStube-Interview

„Den Flo habe ich in Bremen gelassen“ - Florian Kohfeldt über seine Schuld am Abstieg des SV Werder und den neuen Job in Wolfsburg

Wolfsburg – Dieses W auf seiner Brust ist aus Werder-Sicht noch etwas gewöhnungsbedürftig, das freundliche Lächeln dagegen sehr bekannt: Florian Kohfeldt erscheint gut gelaunt zum Interview mit der DeichStube. Dabei ist dem Coach des VfL Wolfsburg sehr wohl bewusst, dass es im Medienraum seines neuen Arbeitgebers sehr viel um den Abstieg seines Ex-Clubs Werder Bremen gehen wird. Doch der 39-Jährige duckt sich nicht weg. Er spricht ausführlich über seine Verantwortung, bedankt sich emotional bei den Menschen in Bremen und verweist auf die Tradition des VfL Wolfsburg.

Moin, Florian Kohfeldt – oder wie sagt man hier in Wolfsburg?

Eher Guten Tag und Hallo, aber ich werde beim Moin nicht komisch angeguckt.

Welche Bremer Gepflogenheiten haben Sie hier schon einführen können?

Bewusst nichts. Da müssten Sie auch eher die Menschen hier fragen. Ich habe nach 20 Jahren in Bremen bestimmt die eine oder andere Eigenschaft, die andere als bremisch bezeichnen würden. Mir selbst fällt das nicht auf.

Nach drei Siegen in den ersten drei Spielen hat Sie die „Bild“ als „ausgeschlafenen Taktik-Fuchs und Kopf-Problemlöser mit Wechsel-Händchen“ gefeiert. Was soll jetzt noch kommen?

Eigentlich sollte ich sofort wieder aufhören, besser wird es nicht (lacht). Im Ernst: Wir haben schon eine erste Woche mit Ergebnissen erlebt, die gegen Gegner wie Leverkusen, Salzburg und Augsburg in Summe nicht selbstverständlich sind. Aber das jetzt auf meine Person zu reduzieren, wird der Sache nicht gerecht.

Sondern?

Zuerst muss man schon sagen, dass wir zwei Fifty-fifty-Spiele hatten, also gegen Salzburg und Augsburg. Wir haben nicht alles in Grund und Boden gespielt. Und wenn wir gewinnen, sind es für mich sowieso immer die Siege der Mannschaft. Hier gibt es einfach ein unglaublich gutes Fundament. Auffällig ist besonders die Arbeit gegen den Ball, die Intensität und die individuelle Qualität der Spieler, die in den engen Momenten den Ausschlag gegeben hat.

Trotzdem: Wie wichtig war dieser Traumstart auch für Sie persönlich – gerade nach den letzten beiden schwierigen Jahren in Bremen mit der Entlassung kurz vor dem Abstieg in die 2. Liga?

Es ist keine neue Erkenntnis: Mit Siegen erhöht sich die Lebensqualität im Fußball. Man gewinnt mit jedem Sieg Zeit, um in Ruhe an einer Weiterentwicklung zu arbeiten. Das hat man schon im Kopf. Deswegen ist diese Phase für mich sehr schön. Und natürlich ist es gut, mit Erfolgserlebnissen in eine Zusammenarbeit zu starten, um den Glauben an die Idee, also was der Trainer da vorne gerade erzählt, zu stärken.

Von Werder Bremen zum VfL Wolfsburg: So hat sich Florian Kohfeldt bewusst als Trainer verändert

Was ist mit dem Glauben an sich selbst, die schnelle Erkenntnis, dass Sie nach einer schwierigen Zeit wieder etwas bewegen können?

Ich glaube, dass die Phase von meiner Entlassung bis zu meinem neuen Job für mich als Trainer, aber auch als Mensch extrem wichtig war. Es ging darum, diese Zeit zu reflektieren und festzustellen, was war gut, was nicht. Die Ausschläge in Bremen waren schon extrem. Die ersten beiden Jahre liefen außergewöhnlich gut, die nächsten beiden ergebnistechnisch sehr schlecht. Das musste ich verarbeiten. Als ich nach Wolfsburg kam, wusste ich genau, was ich als Trainer an mir verändern möchte. Außerdem hatte ich die Grundüberzeugung, dass die Qualität des Kaders, die Strukturen mit der sportlichen Leitung, also Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer, und meine Idee vom Fußball sehr gut zusammenpassen. Da war ich mir sicher, so selbstbewusst bin ich, dass die Chance auf positive Ergebnisse gegeben ist.

Was haben Sie an sich geändert?

Man kann nicht alles genau benennen, gewisse Dinge passieren unbewusst. Aber es war eine wichtige Erkenntnis für mich, dass ich nicht immer die extreme Perfektion suchen muss. Ein Beispiel: In Bremen habe ich im Training vielleicht zu stark versucht, sehr viel taktisch zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass ich die Spieler damit überfordert habe. Aber manchmal ist es auch gut, einfach nur Sechs gegen Sechs quer über den Platz zu spielen. Die Mischung ist wichtig. Das habe ich aus vielen Gesprächen mit Trainern und Spielern mitgenommen.

Gab es da noch mehr?

Natürlich ist es für die Spieler wichtig, einen Trainer zu haben, der mit ihnen ist, der Emotionalität auslebt. Aber in einigen Momenten ist vielleicht auch ein Tick mehr Souveränität wichtig. Eine Sache wird sich aber nie verändern, auch wenn sie mir am Ende in Bremen vorgeworfen wurde: meine kommunikative und erklärende Art im Umgang mit den Spielern und allen, die beteiligt sind. Das ist extrem wichtig, um eine stabile menschliche Beziehung aufzubauen.

Vorgehalten wurde Ihnen zudem, dass Sie sich um sehr viele Dinge im Club gekümmert haben, wobei Sie durchaus auch in diese Rolle gedrängt worden sind. Ist das hier anders?

Ja. Ich bin hier als Cheftrainer hingekommen und bin nicht der ehemalige Torwart der dritten Mannschaft und Trainer der U16 oder was auch immer. Damit will ich die Zeit in Bremen nicht schlechtreden, aber es ist auch mal gut, nicht alles und jeden zu kennen. Ich kann mich voll auf meine Aufgabe als Trainer konzentrieren.

In Bremen waren Sie für viele der Flo, was sind Sie jetzt – der Florian oder der Herr Kohfeldt?

Herr Kohfeldt nicht – noch bin ich ja nicht 40... Du und Trainer oder Florian ist okay, aber den Flo habe ich in Bremen gelassen.

Werder Bremen: Ex-Trainer Florian Kohfeldt erlebte Abstieg mit einem „Gefühl der Ohnmacht“

Wie oft denken Sie daran, dass Werder nun in der 2. Liga zu kämpfen hat, während Sie mit dem VfL Wolfsburg in der Champions League auf der großen Fußball-Bühne stehen?

Ich habe kein schlechtes Gewissen, dass ich einen neuen tollen Verein habe. Wir sollten schon noch mal festhalten, dass ich nicht gesagt habe, ich gehe. Natürlich tut es weh, dass Werder in der 2. Liga ist. Ich bin nach wie vor ein großer Werder-Fan und drücke alle Daumen, dass es möglichst schnell wieder nach oben geht.

Wie sehr fühlen Sie sich als Absteiger?

Als Cheftrainer habe ich einen großen Anteil an der letzten Saison. Deswegen fühle ich eine große Verantwortung, und das ist auch kein schönes Gefühl. Ehrlicherweise war es aber am schlimmsten, den Abstieg kampflos erleben zu müssen.

Sie sprechen den letzten Spieltag an, vor dem Sie gefeuert worden sind.

Ich will damit keine Entscheidung kritisieren, doch diese Zuschauerrolle war für mich ein Gefühl der Ohnmacht.

Dadurch können Sie aber behaupten, dass Werder mit Ihnen vielleicht nicht abgestiegen wäre.

Nein, das würde ich nie sagen. Man kann mir gewiss einige Dinge vorwerfen, aber eines nicht, dass ich nicht gekämpft habe. Und das konnte ich am letzten Spieltag nicht machen, sondern nur zuschauen.

Daheim auf dem Sofa?

Nein, nein – vor einem Fernseher irgendwo in Europa. In Bremen wollte ich zu dem Zeitpunkt nicht sein.

Florian Kohfeldt: „Mein Verhältnis zu Werder Bremen ist nicht zerstört worden“

Sie haben im Sommer 2020 nach der erfolgreichen Relegation gegen Heidenheim gesagt, dass Sie sich einen Abstieg mit Werder nie verziehen hätten und dass es Ihre größte Angst sei, entlassen zu werden, weil Sie den Ansprüchen nicht mehr genügt haben. Was haben die Entlassung und der Abstieg tatsächlich mit Ihnen gemacht?

Ich hatte vor allem Angst, durch eine Entlassung ein Stück Heimat zu verlieren. Denn ich habe bei dem einen oder anderen meiner Vorgänger erlebt, wie die Heimatstadt zum Problem wurde. Auch wenn es etwas pathetisch klingt, muss ich wirklich sagen: Ich bin den Bremern sehr, sehr dankbar dafür, wie sie mir in den letzten Monaten begegnet sind. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, meine Heimatstadt verloren zu haben – und ich war oft in Bremen. Die Leute gucken mich nicht komisch an, ich spüre immer noch viel Zuneigung und fühle mich zuhause. Und das ist mir ehrlicherweise sehr wichtig.

Fragen Sie sich manchmal: Wie hätte ich mit dem Wissen von heute den Abstieg verhindern können?

Sie wollen auf das Spiel in Bielefeld hinaus, das viele als den Knackpunkt ansehen. Aber eines kann ich ganz deutlich sagen: Niemand in unserer Kabine hat sich nach dem Bielefeld-Spiel zehn Spieltage vor Saisonende im Ansatz sicher gefühlt! Es gibt nicht den einen Grund. Für mich war der Abstieg ein Gesamtkonstrukt – und zwar nicht nur der letzten Saison.

War der wegen des Sparzwangs veränderte Kader nicht mehr wettbewerbsfähig?

Es gibt wie gesagt nicht diesen einen Grund – und dabei möchte ich es gerne belassen.

Werder-Boss Klaus Filbry hat Sie zwei Wochen nach dem Abstieg öffentlich dafür kritisiert, dass Sie Werder zu früh in Sicherheit gewähnt und am Ende auch falsch ausgewechselt hätten. Wie sehr hat Sie dieses Nachtreten überrascht und getroffen?

Mein engster Ansprechpartner im Verein war zu jedem Zeitpunkt Frank Baumann. Ich möchte einzelne Vorgänge nicht mehr bewerten, weil ich uns immer als Wir empfunden habe. Deswegen tragen auch wir alle die Verantwortung. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu allen Verantwortlichen – speziell zu Frank Baumann und Marco Bode. Da ist nichts kaputtgegangen.

Sie waren 20 Jahre lang ein Teil der Werder-Familie – sind vom Sohn als Spieler quasi zum Vater als Trainer aufgestiegen. Welchen Familiengrad nehmen Sie jetzt ein, vielleicht den des ausgewanderten Onkels?

(lacht) Ich weiß nicht, ob ich noch auf Familienfeiern eingeladen werde. Mein Verhältnis zu Werder ist nicht zerstört worden. Ich kann jedem in die Augen schauen, weil ich alles gegeben habe. Aber jetzt bin ich in Wolfsburg.

Werder Bremen-Ex-Trainer Florian Kohfeldt mit dem VfL Wolfsburg in der Champions League: „Schon geil“

Was wollen Sie mit dem VfL erreichen?

Das Saisonziel lautete, dass wir in der Liga um die europäischen Plätze mitspielen wollen. Das halte ich für realistisch. Und in der Champions League wollen wir so weit kommen wie möglich.

Wie war denn das Gefühl beim ersten Champions-League-Spiel Ihrer Karriere?

Schon geil (lacht). Der Moment, als die Hymne gespielt wurde, der war schon Gänsehaut. Das war eine andere, eine besondere Atmosphäre.

Auch in Wolfsburg?

Auf jeden Fall! Ich weiß, das Stadion war nicht ausverkauft. Aber es gab eine besondere Verbindung zwischen denen, die da waren, und der Mannschaft. Das hat man gespürt.

Dennoch: Sie haben Werder als Traditionsverein gelebt und auch die besondere Kraft der Fans gerne in Statements oder im Weserstadion genutzt. Wie passen gerade Sie zu einem Werksclub wie Wolfsburg?

Fairerweise muss man schon sagen, dass der VfL Wolfsburg nicht erst vor drei Jahren in die Bundesliga gekommen ist. Da unterschätzt man die Tradition des VfL. Deswegen fällt es mir überhaupt nicht schwer, mich auf diesen Verein einzulassen. Es gibt unglaublich professionelle Strukturen – und ich fand es toll im Stadion.

Wann gibt es ein sportliches Wiedersehen mit Werder?

Diese Saison ist es leider ausgeschlossen, weil wir beide schon im Pokal raus sind. Ich hoffe, dass wir so schnell wie möglich wieder zwei Spiele im Jahr gegeneinander haben. (kni)

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