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Schwere Zeiten bei Werder Bremen: Florian Kohfeldts Mannschaft braucht dringend neue Impulse - woher sie kommen sollen, ist allerdings die große Frage.

Warum Kohfeldt die Hände gebunden sind

Werder-Coach Florian Kohfeldt und der Mangel an Möglichkeiten

Bremen – Normalerweise ist die Kabine ein heiliger Ort - auch beim SV Werder Bremen. Alles, was sich dort ereignet oder besprochen wird, bleibt auch dort – vor Außenstehenden verborgen wie ein gut gehütetes Geheimnis. 

Im Fußball ist das seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz, auf das sie auch bei Werder Bremen großen Wert legen – wie gesagt: normalerweise. Denn nach der bitteren 0:3-Heimpleite gegen Hoffenheim machte Florian Kohfeldt eine Ausnahme.

„Natürlich könnte ich kotzen, wenn ich in unserer Küche in der Kabine sechs, sieben Spieler stehen sehe, die eigentlich gleich in den Spielertunnel gehen müssten“, betonte der Trainer mit Blick auf die beispiellose Verletztenmisere seiner Mannschaft: „Da könnte ich innerlich durchdrehen.“ Schließlich sorgt es dafür, dass Florian Kohfeldt im Abstiegskampf die Hände gebunden sind, dass er kaum, ja fast gar keinen personellen Handlungsspielraum mehr hat. Zwar warb der 37-Jährige einmal mehr für seinen Weg, mit dem er Werder aus dem Keller führen will. Erstmals stellte er dabei aber auch deutlich heraus, wie klein seine Möglichkeiten beim SV Werder Bremen inzwischen geworden sind.

Werder Bremen fehlt gegen Augsburg ein gelernter Außenverteidiger

„Wir müssen mehr Spieler ins letzte Drittel kriegen, denn wir sind zu wenig im Strafraum“, sagte Kohfeldt. Ein Problem, das der Trainer klar identifiziert hat, dessen Lösung sich aber schwierig gestaltet. Gegen Hoffenheim hatten die Bremer wie schon in Düsseldorf im 5-3-2-System begonnen, was hinten zwar lange für Sicherheit gesorgt, den Angriff aber zum lauen Lüftchen hatte verkommen lassen. Eine Alternative wäre zweifellos das in der Vergangenheit oft praktizierte 4-3-3 gewesen – womit aber bereits die Stelle erreicht wäre, an der diese Geschichte den Konjunktiv braucht. „Können wir mir einer Viererkette spielen?“ fragte Kohfeldt in die Journalistenrunde – und gab sich die Antwort gleich selbst: „Im Moment habe ich nicht so viele Spieler für rechts und links.“ 

Stimmt. Weil sich Marco Friedl gegen Hoffenheim die fünfte Gelbe Karte wegen Meckerns abgeholt hat (Kohfeldt: „Das ärgert mich sehr“), steht Werder Bremen für das Spiel in Augsburg am kommenden Samstag gar kein gelernter Außenverteidiger mehr zur Verfügung. „Eine grundsätzliche Systemumstellung wird also schwierig“, hielt Kohfeldt fest, „das gibt das Personal einfach nicht her. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns in den Abläufen, die wir haben, festigen.“

Werder Bremen: Kurioserweise gibt es im Sturm Alternativen für Florian Kohfeldt

In Augsburg wird Werder also wieder mit Dreierkette – bestehend aus Ömer Toprak, Kevin Vogt und Rückkehrer Niklas Moisander – auflaufen. Für die beiden Außenpositionen bleibt zunächst nur Leonardo Bittencourt übrig, dessen Sprunggelenk jedoch nach wie vor Probleme macht. Der Friedl-Ersatz für die andere Seite? Muss noch irgendwo gefunden werden.

Das Dreier-Mittelfeld, das seit Wochen enttäuscht, nicht frisch wirkt und zu wenig Gefahr ausstrahlt, stellt sich zudem weiter von allein auf: Nuri Sahin, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen. Lediglich im Sturm – kurioserweise in dem Mannschaftsteil, in dem Werder am dringendsten Verstärkung braucht – gäbe es personelle Alternativen. Milot Rashica ist gesetzt, klar. Für den überforderten Josh Sargent könnten – zumindest theoretisch – Yuya Osako, Johannes Eggestein oder Altmeister Claudio Pizarro ins Team rücken. Problem: Für Besserung stehen diese Namen in Bremen inzwischen auch nicht mehr.

„Wir haben nicht die Konstanz und die Qualität, vier, fünf Spiele am Stück zu gewinnen. Das müssen wir uns eingestehen“, sagte Florian Kohfeldt. Er betonte aber auch: „Wir haben aber trotzdem die Qualität, um die Klasse zu halten.“ Ab Mittwoch will der Coach mit seinem Team am Angriffsspiel im letzten Drittel arbeiten, sich dabei – anders als es sonst Werders Art ist – womöglich noch mehr am Gegner orientieren. „Vielleicht müssen wir noch gezielter danach suchen, was uns der Gegner im letzten Drittel anbietet. Das könnte eine Lösung sein.“

Werder Bremen um Florian Kohfeldt hat nur noch ein Ziel: Den Klassenerhalt

Ganz wichtig ist Florian Kohfeldt generell der rationale Blick auf den Ist-Zustand bei Werder Bremen. „Wir dürfen unsere Enttäuschung nicht mehr an den ursprünglichen Ideen messen, die wir für diese Saison hatten“, sagte der Trainer. „Ich habe nur noch dieses eine Ziel vor Augen: den Klassenerhalt. Und daran hangele ich mich entlang.“ Rückschläge, wie es das 0:3 gegen Hoffenheim einer war, sind dabei einkalkuliert. Kohfeldt: „Wir haben verloren, das war nicht gut. Aber gegen einen Europa-Cup-Aspiranten zu verlieren, ist nichts, wonach man sagen muss: Jetzt steigen wir sicher ab.“

Insgesamt hat der Trainer des SV Werder Bremen seine Mannschaft in den bisher zwei Pflichtspielen in 2020 auf einem besseren Niveau gesehen als am Ende der Hinrunde. Das Niveau aus der starken Vorsaison dürfe eben nicht mehr der Maßstab sein. „Wir waren dafür verantwortlich, dass ganz Bremen im vergangenen Jahr eine grün-weiße Euphorie erlebt hat, und wir sind jetzt genauso dafür verantwortlich, dass gefühlt alle tief in der Depression stecken“, sagte Florian Kohfeldt – und versprach, dass er diese Depression früher oder später heilen wird: „Wir werden die Klasse halten! Es ist zwar nicht vergnügungssteuerpflichtig, was wir hier machen, aber wir werden weiter machen.“ (dco)

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