Florian Kohfeldt, Cheftrainer des SV Werder Bremen, lehnt am Zaun und schaut den Spielern beim trainieren zu.
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Florian Kohfeldt, Cheftrainer des SV Werder Bremen, spricht im zweiten Teil des großen DeichStube-Interviews zum Saisonstart unter anderem darüber was er noch lernen muss und den Hype um Neuzugang Tahith Chong.

Bremer Coach verrät, was er noch lernen muss

Werder-Trainer Florian Kohfeldt im Interview - Teil 2: „Ich bin so entspannt wie noch nie“

Bremen – Trainer auf Bewährung? Florian Kohfeldt muss sich diese Frage vor dem Start in die neue Saison der Fußball-Bundesliga gefallen lassen. Nach dem Beinahe-Abstieg des SV Werder Bremen in der vergangenen Spielzeit ist er angezählt, doch das macht ihm offenbar überhaupt nichts aus.

Er sagt: „Ich gehe so entspannt wie noch nie in eine Saison.“ Wieso das so ist, erklärt Florian Kohfeldt im zweiten Teil des Interviews mit der DeichStube. Außerdem ein großes Thema: Tahith Chong. Der Neuzugang ist schon auf dem Weg, der neue Liebling beim SV Werder Bremen zu werden. Kohfeldt sieht das jedoch kritisch.

Neue Saison, neues Glück? Einige Wettanbieter glauben nicht daran, dass das für Sie gelten wird. Die Buchmacher sehen in Ihnen einen Top-Kandidaten auf die erste Trainerentlassung der neuen Spielzeit. Nur Schalkes Trainer David Wagner hat eine noch schlechtere Quote. Beschäftigen Sie sich mit so etwas?

Das ist Teil des Geschäfts, das muss man einfach so mitnehmen. Im letzten Jahr war ich, glaube ich, der zweitsicherste Trainer, jetzt ist es eben umgekehrt. Wenn am Saisonende auch das umgekehrte Ergebnis in der Tabelle dabei herausspringt, bin ich ganz zufrieden (lacht).

Haben Sie nach der historisch schwachen Vorsaison nicht das Gefühl, wie auf Bewährung zu arbeiten? Immerhin besteht die Gefahr, dass nach zwei, drei schlechten Spielen zum Start sofort wieder die Debatten des letzten Jahres aufbrechen.

Vielleicht ist das so. Aber erstens glaube ich nicht, dass wir zwei-, dreimal nacheinander verlieren werden. Und zweitens: Der Verein hat nicht an mir festgehalten, weil ich so nett und sympathisch bin, sondern weil er überzeugt von mir ist. Deswegen muss ich mir darüber keine Gedanken machen. Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir mit Werder noch einen guten und erfolgreichen Weg gehen werden.

Keine Angst, dass die neue Saison wie die alte verlaufen könnte?

Ich darf doch keine Angst vor einer Saison haben! Wenn ich nur denken würde: ,Bloß nicht verlieren in den ersten Spielen’, dann dürfte ich diesen Job nicht machen, dann würde ich nicht in den Profifußball gehören. Ich muss sagen: ,Super, dass es endlich wieder losgeht, dass wir wieder Wettkampf haben.’ Und genau so fühle ich mich auch.

Werder Bremen-Interview: Florian dachte daran als Trainer für die Grün-Weißen aufzuhören

Haben Sie sich im Sommer selbst die Frage gestellt, ob es für Sie überhaupt sinnvoll ist, als Werder-Trainer weiterzumachen?

Klar hat es diesen Moment gegeben, und der muss auch sein. Den gab es aber auch in der Saison davor. Es ging auch darum, mit Werder den Weg abzugleichen für die neue Saison. Das ist erfolgt. Jetzt habe ich richtig Bock auf diesen Weg.

Bei Ihnen hat man nicht das Gefühl, dass die vergangene Saison Spuren hinterlassen hat. Ihr Auftreten ist wie immer, das Selbstvertrauen nach wie vor da. Wie haben Sie das geschafft?

Es hört sich komisch an, aber ich gehe so entspannt wie noch nie in eine Saison. Nach dem Urlaub hatte ich das Gefühl: ,Hey, du bist da echt durch etwas durchgegangen.‘ Und auch wenn das keine populäre Aussage ist, bin ich auch stolz darauf, dass Werder es mit mir durchgehalten hat und dass ich die Situation bewältigt habe.

Sie haben im „Bild“-Podcast „Phrasenmäher“ erklärt, Sie hätten beim Ansehen der TV-Dokumentation über Basketball-Superstar Michael Jordan etwas Wichtiges gelernt: Sowohl „everybodys darling“ als auch erfolgreich zu sein, schließt sich aus. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Mir ist es wichtig, was man über mich denkt. Das ist vielleicht eine große Schwäche von mir. Und der eine oder andere aus der Branche hat mir auch schon gesagt, dass es mir egal sein muss, was alle über mich denken. Ich bin für mich am Ende der vergangenen Saison in diesem Punkt klarer geworden. Um das klarzustellen: Hier geht nicht um meinen Umgang mit der Mannschaft, sondern konkret um das Team drumherum. Ich weiß jetzt, dass es Entscheidungen zu fällen gibt, bei denen ich nullkommanull darüber nachdenken darf, was das für das persönliche Verhältnis zwischen mir und dem Betroffenen bedeutet. Es darf nur um den sportlichen Erfolg gehen.

Fällt es Ihnen schwer, dieser Linie zu folgen?

Innerhalb der Mannschaft überhaupt nicht, weil es zu meinen ureigensten Aufgaben als Trainer gehört, Entscheidungen über Spieler zu fällen. Außerhalb des Teams ist es für mich aber ein riesiger Lernprozess, vielleicht sogar das größte Lernfeld überhaupt. Ich bin ja immer noch ein junger Trainer.

Werder Bremen-Interview: Florian Kohfeldt will Tahith Chong schützen

Um Neuzugang Tahith Chong entsteht nach seinem Tor in Jena schon ein Hype, obwohl er noch nicht ein Bundesliga-Spiel gemacht hat. Wie denken Sie darüber?

Das überrascht mich etwas, passt aber zudem, was ich auch schon mit Josh Sargent erlebt habe.

Was meinen Sie?

Erst hieß es: ,Wann bringt der blinde Kohfeldt endlich mal den Sargent?’ Dann spielt Josh zwei Spiele, und es heißt: ,Der kann ja überhaupt nichts!’ Das sind diese Extreme, vor denen wir die jungen Spieler bewahren müssen. Auch Tahith Chong. Mir ist schon klar, wie so ein Hype entsteht. Er ist ein Neuzugang von Manchester United – ein Club, der nicht jedes Jahr Spieler an Werder abgibt. Dass Tahith dort aber kein regelmäßiger Kaderspieler war, sondern ein junges Talent ist, steht meistens weit hinten in den Artikeln. Meine Rolle wird es immer sein, solche Spieler vor zu hohen Erwartungen zu schützen. Auch wenn ich dann wieder der Miesepeter bin.

Schutz ist ein gutes Stichwort bei Tahith Chong, denn es scheint, dass er den auch auf dem Platz gut gebrauchen könnte. In Jena wurde er bereits hart angegangen...

Er hat den Vorteil, dass er aus England kommt, wo auch nicht gerade sanfter Fußball gespielt wird. Er weiß also schon, was auf ihn zukommt. Aber natürlich wird jedes Foul, das er bekommt, bei seiner Spielweise und seinem Speed sehr heftig sein. Er muss lernen, zu entscheiden, wann er diese Duelle eingeht und wann nicht. Gut ist, dass er nicht zur Theatralik neigt. Wenn er liegen bleibt, dann tut es auch richtig weh. Das ist auch wichtig, denn alles andere reizt die Gegenspieler irgendwann.

Sie haben betont, dass Chongs Defensivverhalten noch nicht so gut ist. Aber inwieweit muss man so einen kreativen Spieler überhaupt disziplinieren, nach hinten mitzuarbeiten? Kann man so einen nicht mal so laufen lassen?

Das kann man schon, aber Tahith ist hier, um sich zu entwickeln, und das möchte er auch. Bei ihm ist das keine Willensfrage. Er ist einfach noch nicht so gut geschult, was das mannschaftstaktische Verhalten angeht. Er ist da auch total lernwillig und auf einem guten Weg. Es ist keine Riesenbaustelle, an der wir arbeiten müssen.

Chong ist nur für eine Saison ausgeliehen, Sie entwickeln ihn also nicht für Werder Bremen, sondern für Manchester United. Wo ist da der nachhaltige Nutzen?

Wenn sich ein Spieler bei uns entwickelt, wie es ja schon mehrfach passiert ist – ich denke da an die Beispiele Kevin de Bruyne und Serge Gnabry –, sind wir als Verein einfach immer interessant, weil andere Clubs das Gefühl haben, dass etwas mit dem Spieler passieren kann, wenn man ihn zu Werder schickt. Wenn sich Tahith so entwickelt, dass Man United ihn im nächsten Jahr wiederholen will, dann hat er eine richtig gute Bundesliga-Saison gespielt und uns damit geholfen. Wenn er aus Manchesters Sicht aber noch ein Jahr braucht, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir wieder der erste Ansprechpartner sind. Das Geschäft verbessert also unsere Position. (csa/dco)

Im ersten Teil: Florian Kohfeldt erklärt, warum er sich sicher ist, dass im neuen Jahr bei Werder Bremen alles besser wird, weshalb er trotzdem kein tabellarisches Saisonziel für seine Mannschaft mehr ausgeben möchte – und inwiefern das „Extremerlebnis“ Relegation im Nachhinein hilfreich sein könnte.  So läuft der Bundesliga-Start: Werder Bremen gegen Hertha BSC im Live-Ticker.

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