Drei Bilder von Florian Kohfeldt: Der Trainer des SV Werder Bremen steht bei Bundesliga-Spielen in Zivil an der Seitenlinie.
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Seit dieser Saison trägt Florian Kohfeldt nicht mehr Trainingsanzug, sondern steht in Zivil an der Seitenlinie. Aber der Trainer des SV Werder Bremen hat sich nicht nur optisch verändert.

Werder-Trainer hat sich verändert

Die neue Rhetorik von Werder-Coach Florian Kohfeldt: Kleinmachen statt Großreden

Florian Kohfeldt hat sich diese Saison verändert - optisch, aber auch rhetorisch: Ein Blick auf den Trainer des SV Werder Bremen, der die Gegner stark- und das eigene Team kleinredet.

Bremen – Anfang Oktober, während des Testspiels gegen den FC St. Pauli, da war er noch einmal für 90 Minuten zu sehen gewesen, schwarz und glänzend, weil vom Bremer Herbstregen gnadenlos durchnässt – der schwarze Trainingsanzug, den Florian Kohfeldt vor der Saison eigentlich als Arbeitskleidung abgelegt hatte. Seit dem ersten Bundesligaspiel steht der Trainer des SV Werder Bremen stattdessen in Zivil an der Außenlinie. Sneaker, Stoffhose, Steppjacke, solche Sachen eben, modisch alles auf der Höhe der Zeit. Es ist eine optische Veränderung, selbstgewählt, die zu Saisonbeginn natürlich sofort aufgefallen war.

Werder Bremen: Neuer Florian Kohfeldt? Der Trainer tritt in dieser Saison anders auf

Vom „neuen Stil des Trainers“ war da zu lesen, oder – absoluter formuliert – vom „neuen Florian Kohfeldt“. Was angesichts von nicht mehr als etwas Stoff in anderen Farben und Schnitten sicherlich übertrieben war, inzwischen aber gar nicht mehr so übertrieben wirkt. Denn spätestens seit dem Spiel des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Köln ist klar, dass es bei Kohfeldt nicht nur eine optische Veränderung gegeben hat – auch rhetorisch tritt der 38-Jährige nun anders auf. Eine Betrachtung.

Schon einen Tag vor der Partie gegen den „Effzeh“ waren während der Online-Pressekonferenz Sätze gesagt und durchs Internet geschickt worden, die durchaus bemerkenswert waren, weil sie – so die öffentliche Wahrnehmung – den Gegner als sehr stark und die eigenen Aussichten auf Erfolg als dementsprechend fragil erscheinen ließen. „Ich möchte sehr deutlich darauf hinweisen, dass es alles andere als nur an uns hängt“, sagte Kohfeldt etwa. Oder: „Es ist kein Automatismus, zu sagen: Wir kommen auf 100 Prozent, und dann schlagen wir den 1. FC Köln. Das wäre absolut vermessen.“

Werder Bremen: Florian Kohfeldt redet Gegner stark und das eigene Team klein - entgegen dem einstigen Tenor

Das Ziel, das der Werder-Trainer mit diesen Aussagen verfolgte, wurde schnell klar: Er wollte der Erwartungshaltung des Umfelds entgegenwirken, das nach zuvor fünf Bremer Spielen ohne Niederlage nun einen Heimsieg gegen zuvor 16 Mal in Serie sieglose Kölner forderte. Das passte Florian Kohfeldt nicht, deshalb redete er dagegen an, was für sich genommen durchaus nachvollziehbar ist. Schließlich spricht kein Bundesliga-Trainer – allein schon aus Respekt vor dem Gegner – von leichten Aufgaben und Pflichtsiegen. Und natürlich verfügt der 1. FC Köln insgesamt über einen Kader, der eine Mannschaft wie Werder Bremen vor Probleme stellen kann.

Kohfeldts Sätze sorgten vor dem Spiel bei vielen Beobachtern aber für den Eindruck, als reise da eine Übermannschaft und nicht ein vermeintlicher Konkurrent auf Augenhöhe an die Weser. Zum Vergleich: Mit 102,5 Millionen Euro (Werder) und 101,8 Millionen Euro (Köln) weist das Branchenportal „transfermarkt.de“ für die Kader beider Vereine einen nahezu identischen Gesamtmarktwert auf. Die betont defensiven Aussagen des Bremer Trainers überraschten vor diesem Hintergrund, zumal ja auch der sportliche Trend für sein Team sprach. Vor allem aber wollten die Sätze nicht so recht zum Werder-Sprech passen, den Kohfeldt in der Vergangenheit im Club etabliert hatte. Der Tenor einst: Kein Kleinmachen mehr! Wir sind Werder Bremen! Wir schauen auf uns!

Werder Bremen: Trainer Florian Kohfeldt passt seine Rhetorik an neue Verhältnisse an

„Ich will, dass man hier wieder ans Gewinnen denkt, dass dieser Gedanke wieder selbstverständlich ist“, sagte Kohfeldt im Sommer 2019 kurz nach seiner Vertragsverlängerung im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Und weiter, über seine Zeit als Co-Trainer der Mannschaft: „Damals war der ganze Verein zufrieden, wenn wir einmal im Monat gewonnen haben. Und wenn wir dann einmal gewonnen hatten, haben wir gefühlt bis Donnerstag nicht mehr richtig trainiert, jetzt mal überspitzt gesagt.“ Selbstbewusste Sätze waren das, geäußert mit einer starken Saison im Rücken, in der Werder Bremen das internationale Geschäft nur knapp verpasst hatte.

Es folgte ein Jahr mit Fast-Abstieg, woraufhin Kohfeldt seine Rhetorik den neuen Verhältnissen angepasst hat. Und die sehen in der Saison 2020/21 trotz des guten Saisonstarts mit zehn Punkten aus sieben Spielen nun einmal so aus, dass es für Werder in der Bundesliga nur ums Überleben gehen kann. Dass das im Verein niemand so klar ausspricht, macht die Sache für den Trainer nicht leichter. Hätte Werder von vornherein den Klassenerhalt als offizielles Saisonziel ausgegeben, was nach dem Beinahe-Absturz im Vorjahr und der personellen Entwicklung als folgerichtig erschienen wäre – die Nachfragen nach so einem wenig ansehnlichen Spiel wie dem 1:1 gegen Köln wären ziemlich sicher weniger kritisch gewesen.

Werder Bremen: Trainer Florian Kohfeldt reagiert genervt auf Kritik am Spielstil und verteidigt sich

So aber sah sich Florian Kohfeldt genötigt, den aktuellen fußballerischen Kurs erneut zu verteidigen. Und dabei wurde deutlich, wie sehr ihn das Thema mittlerweile nervt. „Ich verstehe die Fragen teilweise nicht mehr. Das kann ich nicht wirklich nachvollziehen“, ärgerte sich der Coach, der – so viel dürfte klar sein –, lieber für einen anderen Fußball stehen würde als er aktuell steht. „Es ist mein Ziel, wenn ich hier einmal nicht mehr Trainer bin, dass man dann objektiv sagt, Werder spielt jetzt besseren Fußball als vorher“, hatte er 2019 gesagt.

Und aktuell ist er von diesem Ziel, ob nun verschuldet oder nicht, eben ziemlich weit entfernt, was selbstredend auch eine Erklärung für die neue Rhetorik sein könnte. Den Schutz der eigenen Spieler sieht diese übrigens weiterhin vor: „Unterstützt diese Mannschaft in Bremen“, hatte Kohfeldt nach dem Köln-Spiel gefordert, „es ist ein guter Weg, den die Spieler gehen.“ Auch früher hatte er sich in schwierigen Phasen immer vor seine Profis gestellt. Und das klang damals im Trainingsanzug genauso eindringlich und überzeugend wie jetzt in Zivil. (dco)

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