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Überraschend anders: Werder-Trainer Florian Kohfeldt hatte sich in Wolfsburg für einen defensiveren Ansatz als sonst entschieden – und hielt nach dem Spiel ein Plädoyer für Offensivfußball.

Werder-Coach kämpft gegen die Enttäuschung

Kohfeldts offensives Versprechen

Wolfsburg – Manchmal sah es so aus, als wollte Florian Kohfeldt am liebsten selbst auf den Platz rennen und mitspielen oder – besser gesagt – seine Spieler auf dem Platz taktisch verschieben, ihnen helfen, um seinen Plan umzusetzen.

Und ebenso aktiv agierte der Werder-Coach nach dem 1:1 in Wolfsburg auch in der Interviewzone. Es war ihm ein ganz besonderes Anliegen, diesen zunächst sehr ungewohnt defensiven Auftritt seiner Mannschaft zu erklären, damit ihn die Journalisten und dann auch die Fans besser verstehen. Denn so ein bisschen steuert das Projekt Werder gerade in ein Missverständnis. Die Erwartung, attraktiven und zugleich stets siegreichen Fußball präsentiert zu bekommen, ist so groß geworden, dass die Bremer Unbesiegbarkeit in der Rückrunde fast zur Randnotiz verkommt. Es macht sich Enttäuschung breit, obwohl das Ziel Europa immer noch möglich ist.

„Ich als Trainer stehe mit Leib und Seele für Offensivfußball – für nichts anderes“, betonte Kohfeldt. Es waren am Sonntagabend die ersten Worte eines wahren Plädoyers in den Katakomben der VW-Arena. Kohfeldt hatte das Frage-Antwort-Spiel mit den Journalisten kurzerhand unterbrochen, einen Themenwechsel nicht zugelassen, um selbst die Initiative zu ergreifen. Keineswegs unhöflich, auch nicht vorwurfsvoll. Der 36-Jährige wollte einfach mal etwas loswerden.

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Tempofußball steht bei Kohfeldt über allem

„Ich liebe Spiele, die hin- und hergehen“, sagte er mit einem Leuchten in den Augen: „Ich liebe es auch, wenn du diese Spiele irgendwann dominierst, du den Gegner hinten reindrückst, das Gefühl hast, du bist stärker – also breite Brust.“ Da musste er selbst schmunzeln. „Ich kenne da jemanden sehr gut, der das immer gesagt hat.“ Gemeint war natürlich sein ehemaliger Chef Viktor Skripnik. Kohfeldt führte den Kurztrip in die Vergangenheit nicht fort, aber den Zuhörern fiel natürlich sofort ein, woran Skripnik im Herbst 2016 unter anderem gescheitert war.

Er hatte mit der Mannschaft nicht genügend Optionen erarbeitet, um seine Idee des Fußballs dauerhaft durchzubringen. Kohfeldt denkt da offenbar anders. „Du musst in einer Saison auch mal versuchen, über andere Aktionen und nicht immer nur über Ballbesitz in den Tempofußball zu kommen.“ Dieser Tempofußball stehe über allem, sagte der Coach und ließ ein leidenschaftliches Versprechen folgen: „Es ist nie mein Gedanke, nur zu verteidigen. Es wird bei Werder Bremen nie mein Gedanke sein, in ein Spiel zu gehen und zu sagen: Wir stellen uns jetzt hierhin und schauen mal, dass es 0:0 läuft – und vorne hilft uns der liebe Gott.“

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Auch gegen Wolfsburg sei das überhaupt nicht der Plan gewesen. Es sei lediglich darum gegangen, nicht in die berühmte Wolfsburger Falle zu tappen. VfL-Coach Bruno Labbadia locke die Gegner gerne raus, um sie dann über die Flügel oder mit Chipbällen auf den großen Mittelstürmer Wout Weghorst zu überrumpeln. Deswegen wählte Kohfeldt ein etwas ungewohntes 4-5-1-System, angegriffen wurde meistens erst ab der Mittellinie. Doch phasenweise wollte Werder dann ganz anders agieren, schnell umschalten – und zwar nicht mit langen Bällen, sondern kombinierend. „Uns hat aber heute die Präzision gefehlt“, monierte der Coach. Also waren die meisten Angriffe schon beendet, ehe sie sich entwickelt hatten.

Die Bremer können das eigentlich, haben schon mehrfach ein schnelles Zusammenspiel auf den Rasen gezaubert. Aber das funktioniert eben nicht jede Woche. Das ist auch eine Qualitätsfrage. So deutlich sagte Kohfeldt das allerdings nicht, er will sich nicht beschweren und seinen Spielern nicht die Klasse absprechen. Aber es gehörte eben auch dieser Satz zu seinem Plädoyer: „Leute, der VfL Wolfsburg ist 19. der europäischen Geldrangliste. Das habe ich neulich im ,kicker’ gelesen. Da war die Top 100 aufgeführt – und uns gab es gar nicht.“

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Nur drei Siege aus den letzten 16 Bundesliga-Spielen

Kohfeldt geht es um die richtige Einordnung, er kann die sich langsam breitmachende Enttäuschung nach Jahren des Abstiegskampfs nicht verstehen. Schließlich sei das sehr hochgesteckte Ziel Europa noch erreichbar. Zehn Spieltage vor Schluss beträgt der Rückstand auf den sechsten Platz sechs Punkte. In Wolfsburg, beim Tabellenfünften, habe das Team einen Rückstand aufgeholt und sogar noch die Chance auf den Sieg gehabt, hob Kohfeldt hervor. Dabei half auch die Umstellung auf Raute, die ohnehin nach einer Stunde geplant gewesen sei. Dieser Hinweis sollte noch ein Beweis dafür sein, dass Kohfeldt sich nicht mit einer Taktik und vor allem nicht mit einer eher defensiven Taktik allein für ein Spiel zufrieden gibt.

Zur Werder-Wahrheit gehört allerdings auch: Von den letzten 16 Bundesliga-Spielen haben die Bremer nur drei gewonnen. Zuletzt gab es drei Unentschieden in Folge. Damit soll am Freitag Schluss sein. „Ich habe großen Respekt vor Schalke“, sagte Kohfeldt: „Aber wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, dann müssen wir am Freitag mit einem Sieg vorlegen.“ Er wird dafür am Spielfeldrand ganz gewiss wieder alles tun.

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