Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, kontert die Kritik am „Folter-Fußball“ der Bremer.
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Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, kontert die Kritik am „Folter-Fußball“ der Bremer.

Werder-Sportchef Baumann verteidigt Kohfeldt

Folter-Fußball? Der SV Werder Bremen wehrt sich gegen Kritik am Spiel-Stil

Bremen – Frank Baumann ist bestens vorbereitet, als am Sonntagmittag die DeichStube bei ihm anruft. „Wir hatten 17 Torschüsse, das sind die zweitmeisten an diesem Spieltag bis jetzt“, sagt der Sportchef, der sich über die mediale Bewertung des 1:1 von Werder Bremen gegen den 1. FC Köln, die von einem gruseligen Kick bis hin zum Folter-Fußball reichte, ziemlich wundert.

„Von Folter-Fußball zu sprechen, das passt nicht. Klar, es war kein Schmankerl, aber wir haben das Spiel kontrolliert, hatten Chancen, haben uns nach dem Rückstand zurückgekämpft und hätten am Ende gewinnen müssen. Doch bei der Bewertung unserer Auftritte ist in dieser Saison das Glas meistens halb leer. Für uns ist es aber mindestens halb voll“, so Frank Baumann. Vor allem nach zehn Punkten aus sieben Spielen – und sieben Punkten Vorsprung für den SV Werder Bremen auf den Relegationsplatz.

Deswegen kann Baumann gut verstehen, dass Werder-Trainer Florian Kohfeldt in der Pressekonferenz nach dem Köln-Spiel ziemlich genervt war, als er den offensiv doch sehr mauen Auftritt seiner Mannschaft erklären sollte. „Florian und ich haben spätestens seit Ende der Transferperiode Anfang Oktober mehrfach betont, dass es mit dieser Mannschaft einzig darum gehen kann, stabil durch die Saison zu kommen und nicht wie im letzten Jahr unten reinzurutschen. Wenn das nicht ankommt und in den Fragen immer wieder eine andere Erwartungshaltung steckt, dann reagiert man auch mal gereizt“, betont Frank Baumann. Liebend gerne würde ein Trainer wie Kohfeldt wieder auf Ballbesitz und Kombinationsfußball setzen, doch das sei mit der aktuellen Mannschaft nicht möglich und deshalb eine gut funktionierende Defensive die erste Pflicht, so der Ex-Profi. Spätestens durch den Verlust von Davy Klaassen kurz vor Transferschluss habe sich intern die Erwartungshaltung verändert, weil aus finanziellen Gründen kein Ersatz und schon gar nicht der gewünschte neue Sechser geholt werden konnte. In der Coronapandemie mit erheblichen Mindereinnahmen durch die Geisterspiele ist Werder Bremen zum Sparen verdammt.

Werder Bremen geht mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause „ohne super happy zu sein“

„Es ist ein schmaler Grat, die Lage realistisch einzuschätzen, ohne die Mannschaft zu schlecht zu reden“, sagt Baumann: „Aber unser Kader ist nun einmal schlechter und jünger besetzt als im Vorjahr. Und wir dürfen auch nicht vergessen, wo wir herkommen.“ Fast aus der Zweiten Liga, denn nur knapp hat Werder Bremen in der Relegation den Klassenerhalt gesichert. Unter diesen Voraussetzungen seien die zwei Siege und vier Unentschieden nach der Auftaktpleite gegen die Hertha „ein ordentlicher Start“, so der 45-Jährige: „Wir gehen mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause, ohne super happy zu sein.“

Letzteres ist nicht nur verständlich, sondern ein Muss. Denn die Statistik gegen Köln weist zwar 17 Torschüsse auf, wirklich gefährlich war davon aber kaum einer. Und das gegen einen Gegner, der 16 Spiele lang nicht gewonnen hatte. Der sich aber auch nur hinten reingestellt habe, kontert Baumann. Trotzdem: Die erst neun erzielten Tore nach sieben Spielen kommen nicht von ungefähr, offensiv ist Werder Bremen in dieser Saison recht harmlos. Nicht ohne Grund hatten sich die Verantwortlichen im Sommer um eine Rückkehr des ablösefreien Max Kruse, bemüht, doch der entschied sich für Union Berlin und sorgt nun dort für Furore.

Erschwerend kam zuletzt der Ausfall von Toptorjäger Niclas Füllkrug hinzu – und auch von dessen Ersatz Davie Selke. „Sie sind bald zurück, dann haben wir vorne wieder ganz andere Möglichkeiten“, sagt Frank Baumann und erinnert auch noch an das ebenfalls verletzungsbedingte Fehlen von Linksverteidiger Ludwig Augustinsson. Trotz der Ausfälle habe die Mannschaft gepunktet, das spreche dafür, dass der Kader durchaus Möglichkeiten biete. Den Eindruck, Florian Kohfeldt oder auch er, hätten Probleme mit öffentlicher Kritik mag Baumann so nicht stehen lassen. Aber er wünscht sich eine realistische, eine faire Betrachtung – in einer alles andere als einfachen Zeit. Vielleicht liege es auch an den leeren Arenen, dass sportlich weniger spektakuläre Partien noch trister wirken würden. Auch das Stadionerlebnis mit vollen Rängen fehle wahrscheinlich, um die allgemeine Stimmung – auch bei den Protagonisten auf und neben dem Platz – zu verbessern, glaubt Baumann.

Werder Bremen: Nicht schön aber mit Punkten - Frank Baumann kontert Kritik an „Folter-Fußball“

Immerhin beim Thema Erwartungshaltung ist bald eine deutliche Annäherung zwischen sportlicher Leitung und Öffentlichkeit in Sicht. „Im nächsten Spiel gegen die Bayern sollte es da eigentlich keine zwei Meinungen geben“, sagt Baumann und lacht. Der Sportchef des SV Werder Bremen will sich partout nicht von Nörglern oder Pessimisten anstecken lassen: „Unser Glas ist halb voll. Und wir wissen, dass wir weiter hart arbeiten müssen – das machen wir!“ (kni)

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