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Foto-Story mit Werder-Ehrenspielführer

Clemens Fritz im Interview: „Ich möchte von Frank lernen“

Um Clemens Fritz war es im letzten halben Jahr ruhig geworden – nach seinem Karriereende im Sommer hat sich Werders Ehrenspielführer ganz bewusst zurückgezogen. Der Plan: Den Fußball mal Fußball sein lassen, Zeit mit der frischgegründeten Familie verbringen und abschalten. Doch Fritz bastelt bereits an der Karriere nach der Karriere.

Im Interview mit der DeichStube spricht der 37-Jährige bei einem Spaziergang durch die Bremer Wallanlagen über seinen persönlichen Fahrplan, eine Zukunft bei Werder und die potenzielle Nachfolge von Frank Baumann. Klickt Euch durch die Foto-Story oder lest die längere Version weiter unten.

Hi Clemens, schön, dass Du Dir die Zeit für ein Gespräch nimmst. Du hast Dich zuletzt vergleichsweise rar gemacht...

Clemens Fritz: Ja, ganz bewusst. Ich wollte etwas Abstand gewinnen und mich selbst reflektieren. Nach all den Jahren im Profi-Fußball tut das gut und ich genieße unser Familienleben.

Was machst Du denn den ganzen Tag?

Fritz: Ich kümmere mich um meine Mädels – die gemeinsame Zeit mit meiner Frau und unserer Tochter ist mir sehr wichtig. Ansonsten mache ich etwas Sport und der eine oder andere Termin flattert ja doch immer wieder ins Haus.

Wickeln, nachts aufstehen, Haushalt – macht Papa Clemens alles selbst?

Fritz: Ja natürlich, aber den Löwenanteil macht Alena – so ehrlich muss ich sein. Ich versuche aber, sie so gut es geht, zu unterstützen und dabei ist es schon ein Vorteil, dass ich momentan viel zu Hause bin.

Welche Dinge, die Du als Fußball-Profi nicht machen konntest, genießt Du heute?

Fritz: Spontanität! Wir haben in Italien Urlaub gemacht und haben uns einfach treiben lassen: Keine Termine, da wo es uns gefallen hat, sind wir geblieben. Oder wenn meine Mutter Geburtstag hatte, dann konnte ich kurzfristig nach Erfurt fahren und sie überraschen – als Profi-Fußballer ist das undenkbar.

Was steht auf Deiner To-Do-Liste? Hat Clemens Fritz eine Bucketlist?

Fritz: Da gibt es schon ein paar Dinge: Ich möchte mir gerne einen Super Bowl anschauen, in Kanada angeln und beim Derby zwischen Boca Juniors und River Plate dabei gewesen sein. Für solche Wünsche war in den letzten Jahren keine Zeit.

Wie zermürbend war rückblickend der Dauerdruck des Abstiegskampfes der vergangen Jahre?

Fritz: Das ist Stress, der sich auch aufs Privatleben auswirkt. Man igelt sich ein und hat keine Lust, morgens beim Bäcker oder abends im Restaurant auf die angespannte Situation angesprochen zu werden. Die Lebensqualität leidet darunter.

Wie gelingt es dann, nach 16 Jahren Profi-Dasein, von jetzt auf gleich herunterzufahren? Fehlt Dir die Competition, das an eigene Grenzen gehen, sich messen wollen?

Fritz: Nein, gar nicht, das hatte ich lange genug. Was mir fehlt ist, mal Kicken zu gehen oder Tennis zu spielen. Das ist momentan nicht möglich, weil ich noch immer Probleme mit dem Sprunggelenk habe.

Wie ist da der aktuelle Stand?

Fritz: Nach einer langen Reha dachte ich eigentlich, dass das Gröbste überstanden ist, aber dann wurde ein Knochenödem festgestellt. Ich bin nach wie vor in Behandlung und hoffe, dass die Verletzung bald ausgeheilt ist.

Heißt, wenn Du weitergemacht hättest, wärst Du heute noch immer nicht wieder fit und keine Hilfe für Werder?

Fritz: Mit meiner Sprunggelenksverletzung wäre ich in meiner aktuellen Verfassung tatsächlich keine große Hilfe für Werder, ja.

Musst Du jetzt eigentlich abtrainieren, damit Du nicht wie so viele Ex-Profis einen Wohlstandsbauch bekommst?

Fritz: Das Entscheidende ist, nicht wegen des Bauchs, sondern wegen des Herzens abzutrainieren. Momentan bin ich da ein bisschen limitiert und deswegen versuche ich, auf dem Ergometer regelmäßig ein paar Kilometer abzureißen, auch wenn ich darauf überhaupt keine Lust habe (lacht).

Gibt's einen Fitness-Plan?

Fritz: Seitdem das Knochenödem festgestellt wurde, darf ich nicht mehr joggen. Ich gehe ins Fitness-Studio und fahre Fahrrad. Mehr ist momentan nicht drin.

Kurios ist ja, dass die Verletzung bei einem Zweikampf mit Jerome Gondorf entstanden ist. Heute spielt er bei Werder und er trägt Deine alte Rückennummer, die Acht. Habt Ihr mal darüber gesprochen?

Fritz: Es war ein ganz normaler und fairer Zweikampf. Aber Jerome hatte mir eine Nachricht geschrieben und sich entschuldigt, was aus meiner Sicht gar nicht nötig war. Ich mache ihm da überhaupt keinen Vorwurf! Er fragte mich dann auch, ob es okay sei, dass er meine Rückennummer bekommt. Für mich ist das kein Problem.

Zu wem aus der Mannschaft hast Du denn noch regelmäßig Kontakt?

Fritz: Zu gar keinem. Ich habe mich da ganz bewusst herausgezogen, ich wollte diesen Abstand haben.

Keine Sorge, den Anschluss zu verlieren und zu weit weg zu sein?

Fritz: Nein, weil ich das ja eben ganz bewusst gemacht habe. Es wird schon schnell genug wieder losgehen.

Wie verfolgst Du die Spiele?

Fritz: Ich war ein paar Mal im Stadion und wenn ich nicht live dabei sein kann, schaue ich die Spiele vor dem Fernseher und ich freue mich besonders, wenn die Mannschaft so erfolgreich wie gegen Dortmund spielt.

Wie emotional bist Du als Zuschauer, der nicht mehr eingreifen kann?

Fritz: Emotional war ich auf dem Platz. Ansonsten bin ich eher der ruhige Typ. Auch wenn ich verletzt und zum Zusehen gezwungen war, habe ich nicht groß herumgeschrien.

Clemens Fritz flucht also nicht, wenn Werder gegen Dortmund den zwischenzeitlichen Ausgleich bekommt?

Fritz: Ich ärgere mich schon, bleibe aber optimistisch.

Wie schwer wiegt die Verletzung von Fin Bartels?

Sehr schwer! Zu Beginn der Saison hatte Fin noch ein paar Probleme, aber zuletzt hat er sich kontinuierlich gesteigert. Da hat man gesehen, wie wichtig er ist, insbesondere im Zusammenspiel mit Max Kruse. Das erinnerte an die sehr erfolgreiche Rückrunde der letzten Saison. Es tut mir unheimlich leid für ihn, aber auch für Werder – ein großer Verlust.

Wie abhängig ist Werder vom Duo Kruse/Bartels?

Fritz: Das Duo war zuletzt an fast allen Toren beteiligt und wenn einer von den Beiden wegbricht, tut das schon weh.

Reden wir wieder über Dich: Wie geht’s jetzt mit der Karriere nach der Karriere weiter, wie sieht der Fahrplan bei Werder aus?

Fritz: Es ist ja kein Geheimnis, dass ich bei Werder einen Anschlussvertrag habe. Ich werde mich noch im Dezember wieder mit Frank Baumann und Klaus Filbry zusammensetzen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ansonsten plane ich, im Februar meinen ersten Trainerschein zu machen, die Elite-Jugend-Lizenz. Dafür habe ich bereits beim Bremer Fußball-Verband hospitiert und das Training verschiedener Auswahl-Mannschaften begleitet – das war sehr interessant, weil es etwas völlig anderes ist, auf der Seite des Trainers zu stehen. Außerdem möchte ich gerne die A-Lizenz machen, ein weiterer Baustein, um für meine berufliche Zukunft auch die Perspektive eines Trainers besser einschätzen zu können.

Eine neue Trainer-Generation ist aktuell am Zug und die Taktik-Finessen rücken gefühlt immer mehr ins öffentliche Interesse. Wie weit ist es mit Deinem taktischen Fußball-Sachverstand?

Fritz: Ich glaube, schon, dass ich mich bei aller Bescheidenheit recht gut auskenne (lacht). Man muss aber auch aufpassen, dass man die Spieler nicht überfordert. Als Trainer hast Du auch nichts, davon, wenn die Spieler gar nicht begreifen, was sie umzusetzen haben. Wichtig ist es, der Mannschaft Raum für Kreativität zu lassen. Das taktische Gefüge muss stimmen, ja, aber aus meiner Sicht ist das Gleichgewicht zwischen taktischen Vorgaben und spielerischer Kreativität entscheidend.

Wo wir gerade Deine Fähigkeiten möglicher Funktionen bei Werder ausloten: Wie gut wärst Du im Bereich Scouting? Erkennst Du schnell, ob ein Spieler Werder weiterhelfen würde?

Fritz: Ich denke schon, dass ich da ein gewisses Grundverständnis habe, aber da ist bestimmt noch Luft nach oben. Da möchte ich gerne noch dazulernen.

Bei allen Optionen soll es für Dich aber schon in den Bereich Management gehen, oder?

Fritz: Grundsätzlich ist abgesprochen, dass ich ich den Management-Bereich gehe, dafür interessiere ich mich besonders. Ich mache die Trainerscheine nicht, um Trainer zu werden, ich möchte mich einfach möglichst breit aufstellen. Aber ich habe noch nie einen Büro-Job gehabt, vielleicht merke ich dann doch irgendwann, dass ich zurück auf den Rasen möchte.

Aber aktuell gibt es keine Pläne, Trainer zu werden...

Fritz: Richtig, Stand jetzt will ich nicht Trainer sein.

Ist es Dein Ziel, Baumann-Nachfolger zu werden?

Das kann ich noch gar nicht beantworten. Ich sehe ja bei Frank, was es heißt, Geschäftsführer Sport eines Bundesligisten zu sein. Ich ziehe meinen Hut vor dem, was Frank da leistet. Ich möchte von ihm lernen, mich weiterbilden und dann werden wir sehen, wie es weitergeht.

Baumann stand zuletzt wegen seiner Außendarstellung arg in der Kritik...

Fritz: Frank ist ein akribischer Arbeiter und ich schätze ihn sehr. Ich finde es schon heftig, was da zuletzt auf ihn eingeprasselt ist. Es gibt immer welche, die etwas zu meckern haben. Wichtig ist, dass es intern stimmt und den Eindruck habe ich.

Wenn Du siehst, wie Baumann teilweise angefeindet wird, hast Du da überhaupt noch Bock auf einen Job, bei dem Du so im öffentlich Fokus stehst?

Fritz: Darüber macht man sich schon Gedanken. Bei Franks Job stehst du 24 Stunden, sieben Tage in der Woche in der Öffentlichkeit. Das ist sicher anstrengend, aber umso bemerkenswerter, wie Frank damit umzugehen weiß.

Du könntest ja auch sagen: Brauche ich alles nicht, meine Schäfchen sind im Trockenen, macht Ihr man, aber ohne mich. Warum sollte man sich einen solchen Job antun?

Fritz: Eine gewisse Zeit kann ich es genießen, Abstand vom Fußball zu gewinnen und zu entspannen. Aber ich habe schon immer danach gestrebt, Profi-Fußballer zu werden, das war immer ein Ziel, das ich vor Augen hatte. Und diesen Ehrgeiz, immer neue Ziele zu verfolgen, den habe ich auch heute noch. Ohne solche Ambitionen werde ich unausgeglichen.

Dazu passt, dass Du schon zu Deiner Zeit als Profi gemeinsam mit Per Mertesacker eine Firma gegründet hast. Was genau ist Euer Business?

Fritz: Es geht um Immobilien. Wir kaufen Gebäude, verwalten sie und verkaufen sie mitunter auch wieder.

Geschäftstüchtig. Klingt jetzt erst mal gar nicht nach dem Klischee des ungebildeten Profifußballers, das Dein Kumpel Nils Petersen zuletzt noch einmal bestärkt hat.

Fritz: Nils ist ein lieber und guter Typ, aber ich glaube, dass er da sein Licht unter den Scheffel stellt. Er ist sicher kein dummer Junge und viele andere Spieler sind das auch nicht. Als Fußballer hast du viel Stress, aber zwischendurch eben auch viel Zeit. Da kannst du ein Fernstudium machen oder zumindest hin und wieder ein Buch lesen – das ist alles machbar, da muss keiner verblöden.

Reden wir über Werder: Du selbst hast in den letzten Jahren eigentlich ohne Pause gegen den Abstieg gekämpft, jeweils mit einem guten Ende. Wie dramatisch ist es in dieser Saison?

Nicht schlimmer als in den vergangenen Jahren. Niemand darf die Situation unterschätzen, aber ich halte unheimlich viel von Florian Kohfeldt und ich bin davon überzeugt, dass Werder mit ihm nicht absteigt!

Warum ist Kohfeldt der richtige Mann für die aktuelle Situation?

Fritz: Ich kenne Florian schon seit ein paar Jahren und schon als Co-Trainer und Viktor Skripnik hat er sehr gute Arbeit abgeliefert. Er hat eine sehr gute Ansprache an die Mannschaft und das Talent, alle Jungs mit ins Boot zu holen. Florian hat einen klaren Plan von dem Fußball, den er spielen will und seine große Stärke ist es, den Spielern Lösungen an die Hand zu geben. Man sieht ja momentan sehr gut, wie die Mannschaft von ihm profitiert.

Wenn es nicht klappt, besteht aber die Gefahr, eines der größten deutschen Trainer-Talente verbrannt zu haben, oder?

Fritz: Irgendwann muss man den Sprung doch wagen. Ich glaube nicht, dass ein Trainer mit 35 Jahren verbrannt ist, wenn es bei der ersten Profi-Station nicht auf Anhieb klappen sollte. Ich bin überzeugt von Florian!

Wo landet Werder am Ende der Saison?

Fritz: Auf einem Nicht-Abstiegsplatz!

(Fotos: Andreas Gumz / Montage: Janosch Lenhart)

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