Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über die neue Bundesliga-Saison, Morddrohungen und Ex-Trainer Markus Anfang.
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Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, spricht im DeichStube-Interview über die neue Bundesliga-Saison, Morddrohungen und Ex-Trainer Markus Anfang.

Werder-Sportchef im Interview

„Es kann kein anderes Ziel als den Klassenerhalt geben“ - Werder-Manager Frank Baumann über Morddrohungen, Anfang und die neue Saison

Bremen – 2021 mit Werder Bremen abgestiegen und von nicht wenigen Fans persönlich dafür verantwortlich gemacht, 2022 dann wieder aufgestiegen – und plötzlich ein gefeierter Sportchef: Es ist ein Jahr der Extreme, das hinter Frank Baumann liegt. Im Interview mit der DeichStube erklärt der 46-Jährige, wie er damit umgegangen ist, welche Rolle er Werder in der neuen Bundesliga-Saison zutraut und wie die Impfpass-Affäre rund um Markus Anfang dem Verein sogar geholfen hat.

Herr Baumann, es ist jetzt ein Jahr her, dass es Morddrohungen gegen Sie gab, dass Sie nach dem Abstieg sogar unter Personenschutz standen. Wie denken Sie heute über diese Zeit?

Es war keine angenehme Situation. Aber für mich war daran in erster Linie unangenehm, dass wir abgestiegen sind. Das hat alle anderen unschönen Dinge, die damit verbunden waren, erstmal an den Rand gedrängt. Fußball ist eine tolle Sache, vielleicht sogar etwas mehr als die schönste Nebensache der Welt. Das haben wir ja gerade erst nach dem Aufstieg gesehen. Andererseits, wenn es sportlich nicht so gut läuft, können sich diese Emotionen aber auch in die andere Richtung ausdrücken. Es gab in den letzten zwei Jahren und insbesondere vor dem letzten Saisonspiel gegen Gladbach in den sozialen Medien zahlreiche Kommentare, die eindeutig eine Grenze verletzt haben. Das hatte Rücksprachen mit unseren Sicherheitsleuten und der Polizei zur Folge. Daraufhin gab es die Empfehlung, dass wir für den Fall des Abstiegs am Abend und in der Nacht von einer privaten Sicherheitsfirma geschützt werden. Dem sind wir nachgekommen.

Haben Sie sich ernsthaft bedroht gefühlt?

Ich hatte keine Sorge, dass etwas passiert, aber ausschließen kann man es ja nie zu 100 Prozent. Die ganze Sache hatte auch Auswirkungen auf die Familie, die das Ganze hautnah mitbekommen hat. Für uns Verantwortliche bei Werder ging es aber sehr schnell wieder darum, dass wir uns mit den Folgen des Abstiegs auseinandersetzen und einen Wiederaufbau einleiten.

Ein Jahr nach diesen unerfreulichen Vorkommnissen werden Sie nun für den Wiederaufstieg und die ersten Sommer-Transfers gefeiert. Wie bewegen Sie sich zwischen diesen Extremen?

Der Profifußball ist nun einmal eine Branche, die von Extremen lebt. Ich habe in meiner Spieler- und Funktionärslaufbahn schon viele schwierige, aber auch viele schöne Geschichten mitgemacht. Ich habe das für mich in beide Richtungen immer relativ nüchtern betrachtet. Das hilft dabei, sowohl im Positiven als auch im Negativen die richtigen Entscheidungen zu treffen und einerseits nicht abzuheben, andererseits aber auch nicht den Glauben an sich selbst zu verlieren.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann über die Anziehungskraft des Vereins: „Liegt insbesondere an drei Komponenten“

Zuletzt gab es viel Aufmerksamkeit und Lob für die Verpflichtungen von Amos Pieper und Niklas Stark. Was sagt es über die Entwicklung des Vereins innerhalb des vergangenen Jahres aus, dass sich begehrte Spieler wieder für einen Wechsel nach Bremen entscheiden?

Werder hatte auch in den vergangenen Jahren immer einen sehr guten Ruf bei Spielern. Das liegt insbesondere an drei Komponenten. Da ist zum einen der Trainer, der für potenzielle Neuzugänge immer ein ganz wichtiger Aspekt ist. Da hatten wir in Florian Kohfeldt jemanden, der Spieler dafür begeistern konnte, zu Werder zu kommen. Bei Ole Werner ist das definitiv genauso. Und auch Markus Anfang hat Spieler vom Verein überzeugt. Dazu kommt die Begeisterung in der Stadt und der Region, die für viele Profis sehr wichtig ist. Und als dritter Punkt sind es die Werte, für die Werder als Verein steht, die sowohl bei Amos‘ als auch bei Niklas‘ Entscheidung für einen Wechsel nach Bremen eine große Rolle gespielt haben.

Beide Spieler kommen ablösefrei und bringen es gemeinsam auf einen geschätzten Marktwert von 14,5 Millionen Euro. Sanieren Sie Werder mit Transfers dieser Art?

Der Aufstieg in die 1. Liga wird sich grundsätzlich in Wertsteigerungen innerhalb des Kaders widerspiegeln. Als Zweitligaspieler hat man eben nicht diesen Marktwert wie vielleicht in der Bundesliga. Bei den beiden Transfers von Sanierung zu sprechen, ist mir aber zu hoch gegriffen. Für uns geht es in erster Linie darum, dass uns beide sportlich weiterhelfen und dass wir als Aufsteiger einen Kader zusammenstellen, der es uns ermöglicht, dauerhaft und konstant in der 1. Liga zu bleiben. Natürlich müssen wir dabei auch Werte schaffen, das ist klar. Aber auch bei den Spielern, die aktuell bei uns unter Vertrag stehen, sind einige dabei, die eine sehr gute Entwicklung genommen haben und damit noch nicht am Ende sind.

Torhüter Jiri Pavlenka hat unlängst seinen Vertrag verlängert und bleibt die Nummer 1, während sich das Gesicht der Abwehr durch die beiden neuen Innenverteidiger Pieper und Stark deutlich verändern wird. Wie sieht Ihr Plan für die verbleibenden Mannschaftsteile aus?

Wir werden im Mittelfeld und im Sturm definitiv noch etwas machen und neue Spieler verpflichten. Näher möchte ich auf dieses Thema aber nicht eingehen.

Kann es für den Kader – wie auch immer er am Ende aussehen mag – denn ein anderes Saisonziel als den Klassenerhalt geben?

Nein, kann es nicht. Das liegt ja im Grunde auf der Hand. Wir sind ein Aufsteiger aus der 2. Liga, auch was die finanziellen Möglichkeiten betrifft. Beim Gehaltsbudget werden wir auf einem Abstiegsplatz stehen. Unabhängig davon, welche Spieler vielleicht noch kommen, wird der Klassenerhalt unser Ziel sein. Darüber hinaus haben wir nach wie vor das Bestreben, Spieler weiterzuentwickeln und für eine Art und Weise des Fußballs zu stehen, mit der wir die Fans begeistern können.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann über die Erwartungshaltung: „Wir sind ein Aufsteiger. Da sollte man nicht davon ausgehen, dass wir direkt oben mitspielen“

Werder dürfte eher nicht als klassischer Aufsteiger wahrgenommen werden. Es gibt nach wie vor bekannte Namen im Kader, der Verein war nur ein Jahr lang weg aus der Bundesliga und zudem schüren Transfers wie Pieper und Stark die Erwartungen...

All das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir ein Aufsteiger sind. Da sollte man nicht davon ausgehen, dass wir direkt oben mitspielen. Wenn man sich die Bundesliga der neuen Saison anschaut, kann man sich schon die Frage stellen, wer da eigentlich am Ende absteigen soll. Es wird eine große Herausforderung für uns sein, nicht bei der Verlosung mitzumachen, wer nach der Saison runtergehen muss. Wir gehen unsere Aufgabe deshalb demütig an, wollen auf dem Platz aber natürlich ambitioniert auftreten.

Werders Ex-Aufsichtsratschef Marco Bode stellt in seinem jüngst veröffentlichten Buch die These auf, dass Werder nie wieder Deutscher Meister werden kann. Hat er recht?

(lacht) Marco möchte sein Buch ja gut verkaufen, dann darf er ruhig ein paar Thesen raushauen, die Widerhall finden. Ich würde die These aber etwas abschwächen und sagen, dass man es auf absehbare Zeit definitiv so sehen muss. Für immer und ewig würde ich mich da aber nicht festlegen wollen.

Wie sehr machen Ihnen die Positivbeispiele Eintracht Frankfurt, Union Berlin oder SC Freiburg, die zuletzt allesamt mit verhältnismäßig überschaubaren Mitteln großen Erfolg hatten, Mut, dass es auch mit Werder Bremen irgendwann wieder weit nach oben gehen kann?

Gerade die drei Vereine standen immer dafür, mit ihren Zielsetzungen sehr vorsichtig zu agieren, selbst wenn sie schon im oberen Drittel der Tabelle platziert waren. Insofern nehme ich mir an ihnen ein Beispiel, indem ich auch nicht über die ferne Zukunft spreche. Wir haben erstmal in der kommenden Saison eine große Aufgabe vor uns, die wir bestmöglich bewältigen wollen.

Das Stadion war in der Zweitliga-Saison mehrfach ausverkauft, nach dem letzten Spiel gegen Regensburg ist dann ganz Bremen in einem grün-weißen Jubelmeer versunken. Hat es Sie überrascht, dass die Fans in großen Massen wieder da sind? Schließlich wurde in der Anfangsphase der Corona-Pandemie noch über einen möglichen Bruch zwischen Clubs und deren Anhängern diskutiert.

Ich habe mich damals schon gegen die Schwarzmalerei gewehrt. Was mich aber noch mehr beeindruckt hat als die Szenen vor und nach dem letzten Spiel, war die Unterstützung während der Saison, als es für uns noch nicht so gut lief. Ich denke da zum Beispiel an die Stimmung während des Heimspiels gegen Darmstadt, als im Stadion eine unglaubliche Begeisterung da war. Das war für uns sehr wertvoll. Ich glaube die Menschen spüren die Werte, für die Werder steht, und sehen auch das soziale Engagement des Vereins in der Stadt. Das geben sie uns im Stadion zurück.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann über die Fans: „Ich glaube die Menschen spüren die Werte, für die Werder steht“

Nun dürfte es in der neuen Saison deutlich weniger Siege zu feiern geben als im Aufstiegsjahr. Glauben Sie, dass die Fans nach all der Euphorie zuletzt schnell wieder eine realistische Perspektive einnehmen werden, sprich dass die Erwartungshaltung nicht zu groß wird?

Ja, das glaube ich absolut. Die Menschen in Bremen sind als Norddeutsche per se für ihre Bodenständigkeit bekannt und nicht dafür, dass sie schnell abheben. Unsere Fans wissen, dass wir in der Bundesliga zusammenhalten müssen, um unser Ziel zu erreichen. Sie haben es ja zur Genüge bewiesen, dass wir auch in schwierigen Zeiten auf sie zählen können, und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir mit Zuschauern im Stadion 2021 sehr gute Chancen gehabt hätten, nicht abzusteigen.

Haben Sie seit dem Aufstieg eigentlich Kontakt zu Markus Anfang gehabt?

Ja, wir haben uns ein paar Nachrichten geschrieben, allerdings noch nicht getroffen. Das haben wir zeitlich nicht geschafft, aber es ist auf alle Fälle geplant, noch einmal in Ruhe zu sprechen.

Unter dem Strich ist die Affäre rund um Anfangs gefälschtes Impfzertifikat für Werder gut ausgegangen. Wie schauen Sie auf die Tage aus dem November zurück? Immer noch ungläubig? Inzwischen mit einem milden Lächeln und Kopfschütteln?

Es war definitiv das i-Tüpfelchen auf viele schwierige Momente, die wir zu meistern hatten. Darauf konnte man sich gedanklich jetzt nicht wirklich vorbereiten. Es war eine Extremsituation für den ganzen Verein, die den Teambuilding-Prozess innerhalb der Profimannschaft aber deutlich beschleunigt hat. Danach war allen klar, welche Spieler in der Mannschaft Führung übernehmen, wie die Achse aussieht. Die Spieler mussten in dieser Phase ja einiges selbst in die Hand nehmen, weil wir erstmal keinen Cheftrainer mehr hatten. Das hat das Team zusammenwachsen lassen.

Hat am Ende also eine Jetzt-erst-recht-Mentalität zum Wiederaufstieg beigetragen?

Ja, das kann man so sagen. Uns hat zudem sehr geholfen, dass wir in der schwierigen Phase in den Führungsgremien einen kühlen Kopf bewahrt haben. Da muss ich meinen Geschäftsführerkollegen und dem Aufsichtsrat, der erst wenige Wochen im Amt war, ein großes Kompliment machen. In Ole Werner haben wir dann schnell den richtigen Trainer gefunden. Zum Glück hatte er auch den Eindruck, dass es mit Werder sehr gut passt. (dco)

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