Clemens Fritz (l.) und Frank Baumann verteilen ihre Aufgaben beim SV Werder Bremen untereinander künftig anders.
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Clemens Fritz (l.) und Frank Baumann verteilen ihre Aufgaben beim SV Werder Bremen untereinander künftig anders.

Eine Woche vor dem Saison-Start

Fritz und Baumann im DeichStube-Doppel-Interview über Werder Bremen: „Wir werden nicht groß brüllen“

Bremen – Auf der Bank des SV Werder Bremen wird in der 2. Liga nicht nur ein neues Trainerteam, sondern auch ein anderer Vertreter der Clubführung sitzen: Clemens Fritz (40) nimmt als Leiter Profi-Fußball den Platz von Frank Baumann (45) ein.

Der will sich künftig mehr auf seine Aufgaben als Geschäftsführer Sport konzentrieren, überlässt dafür Fritz den direkten Draht zur Mannschaft, aber auch große Teile der Medienarbeit. Im Doppel-Interview mit der DeichStube sprechen die beiden Ex-Profis des SV Werder Bremen gemeinsam vor dem Start in die Saison über ihre neue Rolle, die Probleme beim Umbau der Mannschaft und die Reaktion der Fans.

Clemens Fritz, wie waren Sie früher, wenn Sie auf der Bank gesessen haben?

Fritz: Recht unruhig.

Also ein Lautsprecher?

Fritz: Ich war dort auf keinen Fall so emotional wie auf dem Platz. Ich weiß aber nicht, wie ich künftig auf der Bank sein werde.

Ist Ihre neue Rolle der nächste logische Schritt in Ihrer Nach-Profi-Karriere?

Fritz: Ich mag es nicht, von Schritten zu sprechen. Es hat sich jetzt so ergeben, und ich bin bereit für diese Aufgabe.

Werder Bremen - Clemens Fritz: „Mannschaft weiß, dass es noch Veränderungen geben wird“

Spüren Sie eine größere Verantwortung?

Fritz: Eigentlich nicht, weil ich Verantwortung, Druck und Kritik einfach gewohnt bin. Als Fußball-Profi lernst du, damit umzugehen. Mir macht das Spaß.

Erst der Abstieg, jetzt die Probleme beim Umbau der Mannschaft, dazu die Ungewissheit im Verein mit den anstehenden Veränderungen im Aufsichtsrat – das kann doch nicht spurlos an Ihnen vorbeigehen...

Fritz: Natürlich ist der Abstieg ein einschneidender Moment für diesen Verein, das müssen wir auch unbedingt gerade rücken. Daran arbeiten wir. Mit den anderen Dingen beschäftige ich mich nicht.

Baumann: Natürlich hat der Abstieg unheimlich weh getan. Aber jetzt geht es darum, die Situation anzunehmen, wieder etwas aufzubauen und zu entwickeln.

So viel hat sich in den vergangenen Wochen allerdings nicht entwickelt. Wo steht Werder kurz vor dem Saisonstart?

Fritz: Das würde ich so ungern stehenlassen. Die Vorbereitung war gut, die Jungs sind fit und haben die Spielidee von Markus Anfang verinnerlicht. Die Mannschaft weiß aber auch, dass es noch Veränderungen geben wird.

Frank Baumann: Werder Bremen muss unbedingt noch Transfer-Einnahmen erzielen und Gehalt reduzieren

Sie meinen Spielerverkäufe.

Fritz: Natürlich. Klar ist aber auch: Je näher wir an das Ende der Transferperiode kommen, desto schwieriger wird die Situation auf dem Transfermarkt. Spieler, mit denen wir uns seit Wochen oder Monaten beschäftigen, unterschreiben irgendwann woanders. Dann musst du als Scoutingabteilung nachschieben, das ist nicht so einfach. Wir werden aber auf jeden Fall mit einer sehr guten Mannschaft in die Saison starten.

Kann sich Werder diese Mannschaft denn überhaupt für die ganze Saison leisten?

Baumann: Nein, wir müssen definitiv noch Transfereinnahmen erzielen und das Gehaltsbudget reduzieren. Deshalb werden wir noch Spieler abgeben und können dann auch nur kostengünstigere Alternativen holen. So geht es aber vielen Clubs, das macht den Markt auch so schwierig.

(Lest auch: Werder-Sportchef Frank Baumann Im Interview über bevorstehende Transfers und die Ungeduld des Umfelds)

Muss man nicht irgendwann die eigenen Preisvorstellungen bei Spielerverkäufen herunterschrauben, um wieder handlungsfähig zu werden?

Baumann: Natürlich können sich Preise für Spieler mit der Zeit verändern – in beide Richtungen. Aber wir werden keinen Spieler verschenken.

Fritz: Wir arbeiten intensiv daran, dass wir in drei Wochen das Gerüst stehen haben.

Kann man diese Ungewissheit mit dem Kader einem Trainer auch noch länger zumuten?

Fritz: Natürlich sagt Markus uns, auf welchen Positionen er noch Wünsche hat, aber er baut keinen Druck auf. Er kennt die Situation.

Werder Bremen - Clemens Fritz: Kader sollte sich eigentlich schon mehr verändert haben

Dabei verwundert allerdings, dass der Trainer, konsequent auf ein 4-3-3-System setzt mit Flügelstürmern, die der Kader gar nicht hergibt. Wurden ihm da falsche Versprechungen gemacht?

Fritz: Wir haben diese Position im Fokus und wollen dort noch etwas machen. Aber gerade in der Offensive sind wir sehr hochwertig besetzt. Leonardo Bittencourt hat in seiner Zeit beim 1. FC Köln schon auf dieser Position gespielt und hat es jetzt sehr gut gemacht (Anm. d. Red.: Das Interview wurde vor Bittencourts Verletzung geführt). Eren Dinkci und Abdenego Nankishi können das auch. Romano Schmid ist ebenfalls eine spannende Alternative.

Sind Sie nervös vor dem ersten Spiel in der 2. Liga?

Fritz: Nervös nicht. Aber es ist ganz wichtig, die Mentalität dieser Liga anzunehmen. Du kannst nicht in die 2. Liga gehen und sagen, unsere Qualität wird reichen.

Aber genau das könnte doch das Problem sein mit viel zu vielen Spielern im Kader, die noch erstklassig denken und deshalb auch weg wollen.

Fritz: Ich würde nicht von viel zu vielen Spielern sprechen. Und alle Spieler, die aktuell im Kader stehen, haben die Situation angenommen, das hat auch die Vorbereitung gezeigt. Aber klar, wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass sich das Bild der Mannschaft zu diesem Zeitpunkt schon etwas mehr verändert hat. Aber wir haben auch Spieler dazubekommen, die genau die geforderten Attribute mitbringen.

Der Trainer könnte enorm in die Bredouille geraten, auf wen er nun setzen soll – auf die vermeintlich besten Spieler oder die, die neu sind oder sehr wahrscheinlich bleiben. Welche Freiheiten hat er?

Baumann: Der Trainer hat komplett freie Hand, was die Aufstellung und den Kader für das Spiel betrifft. Das ist sein Gebiet, da gibt es keine Vorgaben.

Werder Bremen - Clemens Fritz: 2. Liga? Aufstieg? „Wir sehen uns nicht als Topfavorit“

Ab wann wird Druck auf die Spieler ausgeübt, die den Verein eigentlich verlassen sollen?

Fritz: Jeder Spieler hat einen Vertrag, da werden wir zu keinem sagen: „Wenn du dir nicht einen neuen Verein suchst, dann spielst du keine Rolle mehr.“ Es ist alles klar mit den Spielern besprochen, sie kennen die wirtschaftliche Situation des Vereins. Wenn etwas kommt, setzen wir uns zusammen. Bis dahin muss und wird jeder Gas geben!

Mit welcher Reaktion des Publikums rechnen Sie am Samstag während des ersten Heimspiels nach dem Abstieg?

Baumann: Sobald das Spiel läuft, werden unsere Fans die Mannschaft unterstützen. Ich verspüre schon einen Stimmungsumschwung nach der ganzen Trauer, Enttäuschung und Wut.

Haben Sie diese Wut auch persönlich erfahren?

Baumann: Nein, da war im direkten Kontakt nichts wirklich problematisch. Ich glaube, dass sich immer mehr Fans jetzt auf die Spiele in dieser attraktiven 2. Liga freuen, aber vor allem auch darüber, dass sie nach den vielen Geisterspielen endlich mal wieder in die Stadien dürfen. Wir müssen mit unserer Leistung und unseren Ergebnissen dazu beitragen, dass wir die Werder-Fans wieder begeistern.

Werder wird von vielen Experten als Topfavorit genannt, liegen Mirko Slomka und Co. richtig?

Fritz: Wenn man absteigt, wird man immer als Favorit bezeichnet. Wir sehen uns nicht als Topfavorit. Bevor wir Ziele formulieren, müssen wir erst unseren Kader genau kennen.

Werder Bremen: Neue Rollenverteilung zwischen Frank Baumann und Clemens Fritz

Na ja, in der 1. Liga haben Sie und Frank Baumann gerne darauf hingewiesen, dass Werder finanziell mit den meisten Clubs nicht mithalten kann. Jetzt ist das anders, Werder bekommt neben Schalke das meiste TV-Geld, hat mit den größten Spieleretat. Das kann man doch nicht ignorieren.

Fritz: Wir wollen ja auch oben mitspielen. Aber wir werden nicht groß brüllen, sondern anpacken. Da ist jeder einzelne im Verein gefragt.

Sie, Herr Baumann, nehmen dabei eine neue Rolle ein, ziehen sich etwas zurück. Scheuen Sie nach dem Abstieg und der harschen Kritik an Ihrer Person das Rampenlicht?

Baumann: Das hat bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. Ich ducke mich nicht weg, ich werde weiter präsent sein – auch medial. Nur eben anders. Wir haben einschneidende Veränderungen in der Mannschaft, im Trainerteam, im gesamten Verein inklusive Aufsichtsrat. Da ergibt eine Rollenverteilung, wie sie bereits in vielen Vereinen praktiziert wird, einfach Sinn. Wir sind davon überzeugt, dass wir in dieser Struktur die Stärken jedes einzelnen am besten einsetzen können, um unsere relevanten Ziele erreichen zu können. Es passt sehr gut zu Clemens, dass er näher an die Mannschaft sowie das Trainerteam rückt und dort seine Stärken einbringt.

Werden Sie bei den Spielen auch nicht mehr in der Kabine sein?

Baumann: Vielleicht anschließend. Ansonsten übernimmt Clemens da meinen Part. Er reist im Normalfall auch am Tag vor dem Spiel mit der Mannschaft an. Wir wollen da einfach eine klarere Rollenverteilung. Aber die Gesamtverantwortung liegt weiter bei mir, davor will ich mich überhaupt nicht drücken.

Und von wo aus werden Sie demnächst die Spiele verfolgen, Herr Baumann?

Fritz: Von Zuhause (lacht).

Baumann: Schön vorm Fernseher... Nein, ich habe den idealen Platz im Stadion noch nicht gefunden. Wahrscheinlich werde ich irgendwo stehen, wo ich möglichst in Ruhe das Spiel verfolgen kann. (kni/mwi)

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