Werder Bremens Sportchef Frank Baumann spricht im DeichStube-Interview über die Zukunft des Bundesligisten, seinen auslaufenden Vertrag und Niclas Füllkrug.
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Werder Bremens Sportchef Frank Baumann spricht im DeichStube-Interview über die Zukunft des Bundesligisten, seinen auslaufenden Vertrag und Niclas Füllkrug.

Werder-Manager im DeichStube-Interview

„Werder ist mehr als nur Fußball“: Sportchef Frank Baumann im DeichStube-Interview über die Zukunft des Bundesligisten

Bremen – Von 1999 bis 2009 Spieler und Kapitän, seit 2016 nun schon Geschäftsführer Fußball: Frank Baumann prägt den SV Werder Bremen so sehr wie kaum ein anderer. Was hat der 47-Jährige mit den Grün-Weißen noch vor? Im Interview mit der DeichStube spricht Baumann ausführlich über die Zukunft des Bundesligisten, auch über seine eigene.

Frank Baumann, wer ist für Sie der beste Fußballer aller Zeiten?

Jede Zeit hatte für sich den oder die besten Fußballer. Ein Vergleich ist auch schwierig, weil sich das Spiel über die Jahrzehnte verändert hat, es manche Wettbewerbe zu bestimmten Zeiten noch gar nicht gab und längst nicht alles weltweit im Fernsehen übertragen wurde. Ihre Frage zielt aber sicher auf Lionel Messi ab: Unabhängig vom Titelgewinn zählt er für mich zu den besten Fußballern aller Zeiten.

Werden aktuell in Bremen mehr Trikots von Messi oder von Niclas Füllkrug verkauft?

In Bremen vermutlich von Niclas Füllkrug! Selbst bei den Nationaltrikots war er bei den Absatzzahlen vorne dabei. Bei Werder sehen wir das gerade auch wieder - insbesondere bei unserem lachsfarbenen Trikot. Ich musste sogar einige Füllkrug-Trikots für Freunde in Süddeutschland besorgen, die gar nicht so grün-weiß sind.

Werder Bremens Frank Baumann: „Wir achten darauf, Typen im Team zu haben, mit denen sich Fans identifizieren können“

Gerade jungen Fußball-Fans sind immer häufiger einzelne Weltstars wichtiger als die Clubs dahinter, was bedeutet das für Vereine wie Werder?

Wir achten schon darauf, den einen oder anderen Typen im Team zu haben, mit dem sich die Fans identifizieren können. Nicht nur Niclas Füllkrug ist bei unseren jüngeren Fans sehr beliebt, sondern zum Beispiel auch Marvin Ducksch, Romano Schmid oder Mitch Weiser. Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass auch die nächsten Generationen zumindest in unserer Region Werder-Fans werden. Das geht über Werte, Typen, sportlichen Erfolg, Zusammenhalt, das Erleben von begeisternden Momenten und unser soziales Engagement. Aber wir werden und wollen es auch nicht verhindern, dass Nachwuchsfußballer mit ihren großen internationalen Idolen aufwachsen.

Sie sind 1999 zu Werder gekommen, haben 2004 als Kapitän das Double geholt und danach jahrelang in der Champions League gespielt. Werder war ein Topclub. Anschließend kamen schwierige Jahre mit dem Abstieg als traurigem Tiefpunkt. Das haben Sie als Sportchef genauso erlebt wie den direkten Wiederaufstieg. Was ist Werder jetzt?

Werder ist mehr als nur Fußball! Wir definieren uns bereits in den letzten Jahrzehnten nicht nur über den sportlichen Erfolg, sondern wir vertreten Werte, und die gesellschaftliche Verantwortung ist uns wichtig. Davon haben wir in schwierigen Zeiten durch die Rückendeckung unserer Fans und Partner profitiert. Sportlich ist es ein täglicher, wöchentlicher, saisonaler Kampf und viel Arbeit, um sich zu behaupten und die Situation Schritt für Schritt zu verbessern.

Werder Bremens Sportchef Frank Baumann: „Die Bezeichnung Fahrstuhl-Mannschaft passt definitiv nicht zu uns“

Es gibt Bezeichnungen wie Fahrstuhl-Mannschaft, Herausforderer, ambitionierter Verein, graue Maus oder Topclub . . .

Fahrstuhl-Mannschaft passt definitiv nicht zu uns, auch wenn wir gerade einmal runter und dann wieder rauf sind. Über die anderen Bezeichnungen dürfen sich gerne andere den Kopf zerbrechen.

Aber was kann Werder überhaupt noch mal werden?

Natürlich geht die Schere im Profifußball immer weiter auseinander, aber eigentlich ist diese Entwicklung nicht neu. Es gab trotzdem immer Ausreißer nach oben und nach unten. Das ist weiterhin möglich. Der SC Freiburg und Union Berlin sind da positive Beispiele, die mit guter Arbeit, vielen guten Entscheidungen und Kontinuität andere Mannschaften mit besseren Möglichkeiten überholt haben. Es muss unser Ziel sein, aus unseren Möglichkeiten mehr zu machen.

Muss Werder also auf die Überholspur wechseln?

Das streben wir an. Aber wenn man sich den SC Freiburg und Union Berlin anschaut, dann erkennt man: Die sind nicht durch großes Reden oder hohe Ziele, die nach außen kommuniziert wurden, dahingekommen, sondern mit dem Fokus auf das Wesentliche und einem gewissen Understatement. Deswegen wird es von uns auch keine großen Sprüche geben, die würden ohnehin nicht zu Werder passen.

Es gibt ja auch genügend andere Probleme: Das Eigenkapital ist mit 14 Millionen Euro negativ, es gibt Kredite über 20 Millionen Euro und eine Anleihe mit 17 Millionen Euro. Wie kommt Werder da raus?

Durch den Fokus auf kontinuierlich gute Arbeit und den daraus resultierenden sportlichen Erfolg.

Sportchef Frank Baumann über Werder Bremens Geschäftsmodell: „Wir sind kein Spieler-Casino“

Reicht das? Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Rudolf Hickel hat Werders Geschäftsmodell, sich vor allem durch Transfereinnahmen zu finanzieren, als gefährliches und nicht zukunftsfähiges Spieler-Casino bezeichnet.

Natürlich wäre es gefährlich, sich hauptsächlich auf Transfererlöse zu konzentrieren. Aber das ist nicht unser Geschäftsmodell. Wir wollen nur das ausgeben, was wir einnehmen. Transfererlöse können dabei konstant, aber auch einmalig helfen, unsere Verbindlichkeiten zu reduzieren. Wir sind kein Spieler-Casino! Aber natürlich wollen wir auch mal bestmöglich unsere Spieler verkaufen, wie es fast alle Clubs machen. Dadurch kann man neben dem Abbau von Verbindlichkeiten auch in den Kader oder in die Infrastruktur investieren.

Hickel wünscht sich eine Investorengruppe möglichst aus Bremen, damit Werder wieder wettbewerbsfähig wird, ohne sich an fremde Geldgeber zu verkaufen. Was halten Sie davon?

Man kann sich viel wünschen . . . Wir sind grundsätzlich an dem Thema „strategischer Partner“ dran. Eine regionale Lösung war dabei schon immer ein mögliches Modell.

Nachdem Aufsichtsratsmitglied Harm Ohlmeyer das Thema Investor im Sommer sehr offensiv angegangen ist, haben Sie sich sehr skeptisch geäußert. Warum?

Es war keine Skepsis gegenüber dem Thema, mir war es als Geschäftsführer Fußball Sport im ersten Schritt aber besonders wichtig, dass sich unsere sportliche und wirtschaftliche Lage erst einmal verbessert. Dann ist die Bewertung des Clubs auch eine ganz andere, und der Handlungsdruck ist nicht so groß. Mitten in einer Pandemie und nach einem Abstieg ist aus meiner Sicht nicht der optimale Moment, um Gespräche mit Investoren zu führen.

Das Leistungszentrum (LZ) soll modernisiert werden. Geht das überhaupt ohne einen Investor?

Da müssen wir Schritt für Schritt gehen. Wir befinden uns mitten im Moderationsverfahren mit den Anwohnern. Ich bin optimistisch, dass sich daraus etwas Gutes entwickelt. Wenn man dann weiß, was, wie und wo gebaut werden kann, geht es an die Finanzierung. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten – mit Banken oder einem Immobilienentwickler.

Gerade Sie kämpfen sehr für einen Verbleib des LZ am Weserstadion, also in einem Hochwasserschutzgebiet und mit sehr kritischen Anwohnern. Warum eigentlich?

Was die Genehmigungen und das Thema Hochwasser betrifft, ist es sicherlich nicht der einfachste Standort. Doch zwei oder drei verschiedene Standorte würden noch ganz andere Probleme mit sich bringen. Das hört man immer wieder von anderen, vergleichbaren Vereinen. Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen wird deutlich erschwert. Wir leben von diesem Austausch, diesem Miteinander, diesem ,ein Werder’. Zudem brauchen wir eine räumliche Nähe zu unserem Internat in der Ostkurve und unserer Partnerschule in Obervieland.

Ihr Vertrag bei Werder läuft noch eineinhalb Jahre, danach sind es nur noch 16 Monate bis zu Ihrem 50. Geburtstag, ab dem Sie diesen Job nicht mehr machen möchten. Sollte Werder sich schon nach einem Nachfolger umschauen?

Im Fußball sind eineinhalb Jahre eine lange Zeit. Deswegen konzentrieren wir uns bei Werder auf die nächsten Aufgaben, alles andere kommt zu gegebener Zeit.

Werder Bremens Frank Baumann über seinen auslaufenden Vertrag: „Nach einer gewissen Zeit kann eine Veränderung gut sein“

Ist denn Ihre schon etwas ältere Aussage, mit spätestens 50 eine Pause einzulegen, in Stein gemeißelt?

Als ich 2016 vom Aufsichtsrat gefragt worden bin, ob ich diesen Job übernehmen will, da war mir eines ganz wichtig: Auf dieser Position sollte es Kontinuität geben. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass für alle Beteiligten nach einer gewissen Zeit, so nach acht bis zwölf Jahren, eine Veränderung gut sein kann. Durch so eine Geschichte wie bei Max Eberl sehe ich mich darin bestätigt.

Max Eberl ist Anfang 2022 wegen eines Burnouts als Sportchef von Borussia Mönchengladbach zurückgetreten.

Der Job ist eben sehr intensiv. Ich will da gar nicht jammern. Aber die außergewöhnliche Belastung muss man schon für sich im Blick haben.

Ist Ihre Entscheidung schon gefallen, wann bei Werder Schluss ist?

Nein.

Nach dem Abstieg gab es viel Kritik, nach dem Aufstieg und dem guten Saisonstart viel Lob – sind Sie nun ein guter oder ein schlechter Sportchef?

Das sollen andere bewerten.

Ist der, der verliert, automatisch der Schlechte, und der, der gewinnt, automatisch der Gute?

Nein, das glaube ich nicht – und das ganz unabhängig von Werder. Wir erleben es ja gerade bei der Nationalmannschaft. Da schaut die ganze Nation drauf. Da fühlen sich ganz viele bemüßigt, eine Bewertung abzugeben – und das in einer besonderen Form der Kritik, die oft üble Beschimpfungen und Beleidigungen beinhaltet. Das ist eine bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung. Natürlich sind Ergebnisse wichtig, um eine Bewertung von Personen und Teams vorzunehmen. Aber es ist mir zu kurz gegriffen, nur auf die Ergebnisse zu schauen. Man muss auch fragen: Wie war die Leistung? Wie wurden die Entscheidungen getroffen? Da sollte man schon etwas genauer hinschauen. (kni)

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