Frank Baumann spricht im Interview über den Abstieg von Werder Bremen, seine Zukunft als Sportchef sowie die Suche nach einem neuen Trainer und neuen Spielern.
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Frank Baumann spricht im Interview über den Abstieg von Werder Bremen, seine Zukunft als Sportchef sowie die Suche nach einem neuen Trainer und neuen Spielern.

Sportchef rechtfertigt Verbleib und gibt sich optimistisch

Werder-Sportchef Frank Baumann im DeichStube-Interview: „Ich stelle mich gerne in den Wind“

Bremen – Knapp eine Woche ist der Abstieg des SV Werder Bremen nun alt – und viel passiert danach nicht: Frank Baumann macht als Sportchef weiter, obwohl der Aufsichtsrat immer noch über ihn diskutiert.

Ein neuer Trainer lässt auch auf sich warten. Wie Frank Baumann mit seiner ungewöhnlichen Situation umgeht, was er zur Trainersuche sagt und welches Saisonziel es geben wird, verrät der 45-Jährige im Interview mit der DeichStube.

Frank Baumann, wie lange sind Sie noch Werder-Sportchef?

Das weiß ich nicht, weil ich nicht in die Zukunft schauen kann. Ich habe noch einen Vertrag für die kommende Saison, aber jeder weiß: Unsere Branche ist sehr schnelllebig. Das alles beeinflusst aber mein Handeln nicht. Ich versuche immer, nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig zu denken und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der Aufsichtsrat wollte schnellstmöglich entscheiden und verkünden, ob es dauerhaft mit Ihnen als Sportchef weitergeht. So sagte es Aufsichtsratschef Marco Bode am Sonntag, seitdem herrscht Stille. Wie wirkt das auf Sie?

Ich brauche diese schnelle Bestätigung nicht. Ich habe das Mandat, gemeinsam mit meinen Geschäftsführer-Kollegen die nötigen Planungen voranzutreiben und Entscheidungen zu treffen. Dass es nach so einer Saison extern und intern Kritik und unterschiedliche Meinungen gibt, ist richtig und wichtig. Damit kann ich umgehen.

Fühlen Sie sich durch diese Hängepartie nicht beschädigt?

Nein. Wenn der Aufsichtsrat zu einer anderen Entscheidung kommt, wird man auf mich zukommen. Dann werden wir eine Lösung finden.

Werder Bremen: Keine Gedanken an Rücktritt - Frank Baumann will Wiedergutmachung und Wiederaufstieg

Es gab die Fan-Proteste mit „Baumann-raus-Rufen“, und bei einer nicht repräsentativen Online-Umfrage der DeichStube haben sich 85 Prozent der 54.000 Teilnehmer für eine Trennung von Ihnen ausgesprochen – wie gehen Sie damit um?

Ich habe eine Eigenschaft, die ich vielleicht schon als Kind von meinen Eltern vermittelt bekommen habe: Man muss Lob und Tadel immer vernünftig einordnen. Das gilt ganz besonders im Fußball, wo alles noch etwas extremer ausfällt. Da darf man nicht abheben, wenn man viel Geld verdient und mit Lob überschüttet wird. Ich hatte als Spieler aber auch schlechte Zeiten, bin abgestiegen. Das Negative nimmt man zwar auch auf und muss sich reflektieren, aber man darf es nicht zu sehr an sich heranlassen und schon gar nicht darf es dein Handeln beeinflussen.

Haben Sie gar nicht an einen Rücktritt gedacht?

Ich bin auch nach meinem ersten Abstieg mit Nürnberg als Spieler nicht gegangen, obwohl wir dann nur noch in der Regionalliga gespielt haben und ich viele bessere Angebote hatte. Ich habe eine Verantwortung gespürt, ich wollte Wiedergutmachung und direkt wieder aufsteigen. Das will ich jetzt auch.

Worin sehen Sie Ihre Verantwortung?

Ich trage die Gesamtverantwortung im fußballerischen Bereich bei Werder. Ich stelle den Kader zusammen, verpflichte den Trainer. Aber natürlich sind auch Spieler und Trainer mitverantwortlich. Es gibt nicht diesen einen Schuldigen.

Der Trainer musste gehen, viele Spieler werden noch folgen, aber Sie dürfen bleiben. Womit rechtfertigen Sie das?

Eines mal vorweg: Der Abstieg ist unnötig gewesen, wenn man nach 24 Spieltagen elf Punkte Vorsprung hat, aber auch mit nur einem Punkt in den letzten zehn Spielen nicht unverdient. Viele Spieler sind in den letzten zwei Jahren auch hinter ihren eigenen Erwartungen zurück geblieben. Darunter sind sehr viele, mit denen wir es 2019 fast nach Europa geschafft hätten. Man kann nun lange darüber diskutieren, woran das alles gelegen hat. Aber wir brauchen jetzt schnelle und richtige Entscheidungen – zuerst in der Trainerfrage, dann beim Umbau des Kaders. Den muss es nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus sportlichen Gründen geben.

Werder Bremen - Frank Baumann: „Werden Ende Mai, Anfang Juni den neuen Trainer präsentieren“

Wird das Saisonziel sofortiger Wiederaufstieg lauten?

Wir wollen einen Kader zusammenstellen, der um den Aufstieg mitspielen und diesen auch erreichen kann. Die Zweite Liga wird in der nächsten Saison besonders stark sein, das fühlt sich dann in einigen Stadien wie erste Liga an. Das ist schön, aber es gibt auch eine andere Seite der Zweiten Liga: Wir werden oft die Gejagten sein, jeder wird Werder schlagen wollen. Dieser Favoritenrolle müssen wir uns stellen, der müssen wir gewachsen sein.

Bei Traditionsvereinen hieß es früher gerne, dass sie nach einem Abstieg „All in“ gehen, um bloß sofort wieder aufzusteigen.

Durch die Pandemie haben wir eine Situation, in der wir nicht „All in“ gehen können, das wäre verantwortungslos. Das war übrigens schon letzten Sommer so, als wir das Rattenrennen nicht mitgemacht haben. Wir haben mit Spielern nicht verlängert, haben auf eine Erfahrung von knapp 2.000 Bundesligaspielen verzichtet und hatten kein Geld für Neuzugänge. Die Gehälter der sechs jungen Spieler, die wir verpflichtet haben, waren in Summe geringer als das Gehalt einzelner Spieler, die uns verlassen haben. Wir mussten dieses sportliche Risiko eingehen, alles andere wäre existenzbedrohend gewesen. Genauso verantwortungsvoll handeln wir auch jetzt. Wir werden trotzdem einen wettbewerbsfähigen Kader haben. Ich bin optimistisch, dass wir, was die finanziellen Möglichkeiten betrifft, unter den Top 3 der Liga stehen werden.

Wer bleibt, wer geht, wer kommt?

Wir haben natürlich schon unsere Gedankenspiele, was den Kader betrifft. Aber wir haben die Spieler erst mal ein bisschen in Ruhe gelassen. Ich werde jetzt auch nicht einzelne Namen durchgehen. Wir wollen das alles auch in Ruhe mit dem neuen Trainer besprechen.

Haben Sie heute schon mit ihm telefoniert?

Ich telefoniere jeden Tag sehr viel (lacht). Es bleibt dabei, dass wir Ende Mai, Anfang Juni den neuen Trainer präsentieren werden. Aber auch hier werde ich zu Namen nichts sagen.

Werder Bremen - Frank Baumann: „Viele Trainer verspüren eine große Lust und sehen große Chance“

Ist Werder denn noch attraktiv genug?

Wir waren immer sehr standhaft im Umgang mit unseren Trainern. Man merkt in den Gesprächen, dass das sehr hoch geschätzt wird. Viele Trainer verspüren eine große Lust und sehen es als große Chance, hier wieder eine Begeisterung zu entfachen und eine Entwicklung mitzugestalten. Wir sind jetzt im Entscheidungs- und Umsetzungsprozess und sehr optimistisch, einen Trainer genau für unsere Situation zu finden: einen Traditionsverein mit einer gewissen Unruhe, mit einer verunsicherten Mannschaft und mit finanziellen Zwängen, der Spieler besser macht sowie attraktiven, erfolgsorientierten Kombinationsfußball spielen und aufsteigen will.

Der Trainer soll nächste Woche da sein, wann wird die neue Mannschaft erkennbare Konturen annehmen?

Das ist schwer zu sagen. Der Transfermarkt ist noch nicht wirklich im Gang. Wir haben jetzt auch noch eine Europameisterschaft, deswegen warten viele Vereine und Spieler noch ab. Es ist bekannt, dass wir Einnahmen generieren müssen. Deswegen rechne ich damit, dass es noch ein bisschen dauern wird mit unserem neuen Kader und es sich über die Vorbereitung strecken wird.

Was nehmen Sie persönlich aus den vergangenen Wochen mit dem negativen Höhepunkt des Abstiegs mit?

Nachdem die Trauer und die Enttäuschung an dem besagten Samstag brutal war und auch nicht weg ist, ziehe ich unglaublich viel Kraft daraus: Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass wir schnellstmöglich wieder erste Liga spielen.

Sportchef Frank Baumann sieht Werder Bremen für Transfers „sehr gut vorbereitet“

Ihnen und Clemens Fritz als Leiter Profifußball und Scouting wird allerdings vorgeworfen, dass Sie den Transfermarkt nicht optimal im Blick haben und keine Schnäppchen finden. Holen Sie sich für diesen Bereich Hilfe dazu?

Über dieses Thema müssten wir ein eigenes Interview führen, um die Hintergründe zu erklären. Nur so viel: Wir hatten in der vergangenen Saison quasi kein Geld, um überhaupt echte Transfers zu machen. Bei den Spielern, die wir geholt haben, muss man auch schauen, welche Erwartungen man an sie haben konnte. Romano Schmid, Manuel Mbom und Felix Agu haben zum Beispiel viel gespielt. Das sind doch keine Fehleinkäufe, wenn man das Preis-Leistungsverhältnis anschaut. Wir werden schauen, was in diesem Sommer finanziell möglich ist – und sind dabei sehr gut vorbereitet, die Spieler zu holen, die wir brauchen.

Machen Sie sich keine Sorgen, dass sich in der neuen Saison, wenn es nicht sofort läuft, der Unmut sofort gegen Sie richtet und es wieder diese Raus-Rufe geben wird?

Wenn das dem Verein, dem Trainerteam und der Mannschaft hilft, dann stelle ich mich wieder in den Wind. Ich war schon als Spieler so – und auch als Geschäftsführer habe ich unter Beweis gestellt, dass ich mich im Erfolg eher zurückziehe und mich bei Niederlagen nicht verstecke. Ich gehe die Saison optimistisch an. Wir wollen die Menschen auf eine Reise mitnehmen, die natürlich viel Ungewisses verspricht, aber ich erinnere mich gerne an das Jahr 1997. Damals haben wir es mit dem 1. FC Nürnberg sofort wieder aus der Regionalliga zurück in die Zweite Liga geschafft. Das war neben dem Double-Gewinn mit Werder 2004 meine schönste Saison als Spieler.

Die Fans sorgen sich ob der vielen Probleme aber mehr, dass Werder direkt durchgereicht wird.

Diesen Pessimismus kann ich nicht teilen. Wir werden versuchen, mit dem passenden Trainer und der passenden Mannschaft gar nicht erst in diese Gefahr zu kommen. Unser Ziel ist es, wieder in der ersten Liga zu spielen.

(Schon gelesen? Neuer Werder-Trainer: Markus Anfang jetzt Top-Kandidat!)

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