Baumanns Vertragsverlängerung beäugt

Neuer Vertrag gilt nur für ein Jahr: Werder-Sportchef Frank Baumann sieht sich nicht auf Bewährung

Bremen – Die nackte Nachricht gab es am Mittwoch bereits am Morgen. Sie wurde von Werder Bremen pünktlich um 10.00 Uhr im Internet veröffentlicht und zeitgleich auf zahllose Mobiltelefone verschickt: „Sportchef Frank Baumann hat seinen im Sommer 2021 auslaufenden Vertrag vorzeitig verlängert.“ Eine große Überraschung war das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, hatte doch in den vergangenen Tagen und Wochen nahezu alles auf diese Entscheidung hingedeutet. Und dennoch bot die morgendliche Meldung Überraschendes – lieferte sie doch überraschend wenig weitere Informationen.

„Wir haben in der Mitteilung bewusst noch nicht alles verraten, damit das Interesse an der Pressekonferenz auch noch groß ist“, scherzte Aufsichtsratschef Marco Bode am Nachmittag zu Beginn der Medienrunde des SV Werder Bremen. Doch der wahre Grund für die knapp gehaltene Depesche dürfte ein anderer gewesen sein: Die komplexe Personalentscheidung schriftlich zu erklären, hätte ganz einfach den Rahmen gesprengt.

„Diesen Vertrag zu verlängern, war kein normales Geschäft“, erklärte Aufsichtsratsmitglied Andreas Hoetzel, der im Namen des Kontrollgremiums gemeinsam mit Bode die Verhandlungen mit Frank Baumann geführt hatte. Und weiter: „Wir mussten einer sehr besonderen Situation Rechnung tragen.“ Dann ging es an die Details. Das erste und ohne Frage wichtigste, weil es eine so große Aussagekraft hat, ist bei Vertragsverlängerungen stets die Laufzeit. Im Fall Baumann ist sie bemerkenswert kurz ausgefallen. Nur um ein Jahr, genauer: bis zum 30. Juni 2022, wurde die Zusammenarbeit verlängert.

Werder Bremen: Kritik an vorzeitiger Vertragsverlängerung mit Frank Baumann

Da der Aufsichtsrat wegen der im November aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallenen Mitgliederversammlung noch nicht neu gewählt werden konnte, hatte es von ehemaligen Werder-Funktionären Kritik an den Plänen des Gremiums gegeben, Frank Baumanns Vertrag vor der Wahl zu verlängern. „Wir haben in einer Sitzung Ende November beschlossen, dass wir dem Verein gegenüber in der Pflicht sind, den Vertrag zu verhandeln, damit Klarheit besteht. Der Verein braucht jetzt jemanden, der die kommende Saison planen kann“, sagte Hoetzel. Die kurze Laufzeit lässt einem im Frühjahr möglicherweise neu gewählten Aufsichtsrat nun jedenfalls die Möglichkeit, die Lage zeitnah neu zu bewerten.

„Es war einfach eine Frage des Respekts gegenüber einem möglicherweise neuen Aufsichtsrat, nicht langfristig vorzugreifen“, sagte Bode – und betonte: „Sollte sich der Aufsichtsrat verändern, wäre ein Jahr Zeit, um die Gesamtkonstellation zu betrachten und Entscheidungen fortzusetzen oder zu überdenken.“ Auch Baumann hat kein Problem mit dieser Lösung: „Ein Arbeiten auf Bewährung ist es für mich nicht.“ Schon im Spätsommer, als noch gar nicht endgültig klar war, dass die Mitgliederversammlung ausfällt, habe er zu Bode gesagt, „dass es für mich vorstellbar ist, den Vertrag nur um ein Jahr zu verlängern“. Besonderen Situationen müsse man sich eben stellen – und ohnehin: „Wichtiger war mir, dass ich das Vertrauen des Aufsichtsrats spüre, und das habe ich zu jeder Zeit gespürt. So etwas drückt sich für mich nicht nur in der Vertragsdauer aus.“

Werder Bremen auch nach Fast-Abstieg von Sportchef Frank Baumann überzeugt: „Richtiger Mann“

Bode machte stellvertretend für das Gremium klar, dass sich an der grundsätzlichen Überzeugung in den Sportchef Frank Baumann auch durch den Fast-Abstieg im Vorjahr nichts geändert hat: „Wir sind als Aufsichtsrat davon überzeugt, dass wir mit Frank an der Spitze der sportlichen Führung den richtigen Mann haben.“ An Kompetenz bringe Baumann alles mit, was nötig sei. „Und er hat eine Persönlichkeit, die uns als Verein guttut, gerade auch in dieser Krise. Frank reagiert stets besonnen und rational.“

Dazu passt, dass Baumann als Reaktion auf die wirtschaftliche Schieflage, in die Werder Bremen durch Corona geraten ist, neuen Spielern seit Sommer eine Art „Krisen-Klausel“ in die Verträge schreibt, durch die sich die Bezüge in Ausnahmesituationen automatisch verringern. Auch im neuen Vertrag des Sportchefs ist die Klausel verankert. Hoetzel: „Das war eine Frage der Glaubwürdigkeit.“ Ebenso übrigens wie die Tatsache, dass der neue Kontrakt keine Hintertüren wie etwa Klauseln zur automatischen Verlängerung bei Erfüllung bestimmter Bedingungen beinhaltet. „Solche Klauseln gibt es nicht. Und es gibt auch keinen Automatismus, dass der Vertrag verlängert wird, wenn der bestehende Aufsichtsrat im Amt bestätigt werden sollte“, erklärte Bode.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann: „Hoher Anspruch an mich selbst, die Dinge im Verein bestmöglich zu gestalten“

Der Ex-Profi betonte des Weiteren: „Ich weiß auch, dass immer wieder der Vorwurf im Raum steht, dass zu viel Harmonie in der Werder-Familie herrscht. Wir versuchen aber stets, einen respektvollen, menschlichen Umgang untereinander mit einem großen Leistungsanspruch zu kombinieren.“ Den klaren sportlichen Auftrag des Aufsichtsrats für die laufende Saison gab es für Baumann deshalb gleich mit dazu. „Es geht darum, Werder Bremen in sportlicher Hinsicht zu stabilisieren. Also in der Liga nicht wieder in eine dramatische Situation im Abstiegskampf zu geraten, sondern einen stabilen Platz im Mittelfeld zu erreichen“, sagte Bode.

Frank Baumann weiß natürlich auch, dass auf ihn und sein Team insgesamt eine „sehr große Aufgabe“ zukommt. „Durch die Pandemie sind die Herausforderungen definitiv nicht kleiner geworden“, sagte er. Der 45-Jährige ist aber überzeugt davon, sie meistern zu können: „Ich habe einen sehr großen Ansporn und einen hohen Anspruch an mich selbst, dass ich die Dinge im Sinne des Vereins immer bestmöglich gestalte.“ Und wenn es im Frühjahr so kommen sollte, dann auch an der Seite eines neuen Aufsichtsrats: „Das ist für mich absolut vorstellbar.“  (dco)

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Rubriklistenbild: © gumzmedia

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