Keine einfache Zeit für Frank Baumann: Der Sportchef des SV Werder Bremen musste zuletzt unangenehme Personal-Entscheidungen treffen.
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Keine einfache Zeit für Frank Baumann: Der Sportchef des SV Werder Bremen musste zuletzt unangenehme Personal-Entscheidungen treffen.

Personalproblem für Werder-Sportchef Frank Baumann

Frank Baumanns Werder-Vision nach Entlassungen in Gefahr

Bremen – Frank Baumann, Sportchef von Werder Bremen, greift im Abstiegskampf hart durch und trennt sich von drei Mitarbeitern - nun hat er ein Personalprobleme. Eine Analyse.

Wenn Jiri Pavlenka im Weserstadion einen Ball pariert, dann wird auf der Anzeigetafel neuerdings sofort ein Werbefilm mit dem Slogan „sicherdirdenjob.de“ gezeigt. Der Keeper des SV Werder Bremen muss sich aktuell allerdings keine Sorgen machen, sein Platz im Tor ist ihm absolut sicher. Andere Mitarbeiter der Grün-Weißen mussten dagegen gerade gehen.

Sportchef Frank Baumann hat hart durchgegriffen – auch wegen des Abstiegskampfs, wie er betonte. Und er demonstrierte, dass er bei Personalfragen im Bereich Profifußball das Sagen bei Werder hat. Das macht ihn allerdings auch angreifbar. Denn Baumann trennt sich nun von Mitarbeitern, auf die er selbst seine Vision von einem professionelleren SV Werder Bremen gebaut hat. Und bei denen alleine muss es nicht bleiben. Eine Analyse.

Werder Bremen wollte mit Innovationen nach Europa

Finanziell gesehen bewegt sich Werder im Bundesliga-Vergleich längst nur noch in der unteren Tabellenhälfte, vielleicht sogar im letzten Drittel. Trotzdem träumt der Club seit Jahren von einer Rückkehr nach Europa. Wie soll das gehen? Mit Innovationen in allen Bereichen. Schon bei seinem Amtsantritt vor knapp vier Jahren deutete Baumann an, dass er vor allem auch die Infrastruktur verbessern wolle. Das ist ihm gelungen. Der Kabinentrakt wurde nicht nur modernisiert, sondern ausgebaut mit viel besseren Möglichkeiten zur Kommunikation und Analyse. Inzwischen gibt es dort sogar eine eigene Arztpraxis, die den Profis immer offen steht.

Ein Beispiel zeigt ganz besonders Frank Baumanns Ansatz: das Training der kognitiven Fähigkeiten. Es geht darum, die Spieler im Gehirn schneller zu machen. Eine Methode, die noch nicht so viele Bundesligisten ihren Profis anbieten. Damit soll im besten Fall aus einem guten Spieler ein sehr guter werden, der Rückstand zu den teuren Topstars verringert oder sogar wettgemacht werden.

Werder Bremen: Axel Dörrfuß hat noch Mini-Chance, bleiben zu dürfen

Axel Dörrfuß spielte als Leiter Performance und Athletik dabei bislang eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit Athletikcoach Günter Stoxreiter wollte er zudem die Mannschaft im Sommer durch ein verändertes Trainingspensum auf ein anderes Fitness-Level heben. Basierend auf den zahlreichen Daten, die ständig von den Profis erhoben werden. Dabei geht es nicht nur um Laufwerte, sondern zum Beispiel auch um die Bewertung des eigenen Schlafs. Die Länge der Trainingseinheiten richtete sich oft nicht nach der Zeit, sondern nach der Laufstrecke und der Intensität dieser Läufe. Optimal abgestimmt auf jeden einzelnen Profi. Und natürlich alles in Absprache mit Chefcoach Florian Kohfeldt.

Im Januar gestand dann Baumann – auch mit Blick auf die vielen Verletzten in der Vorbereitung und Hinrunde –, dass das Rad der Belastungssteuerung wohl etwas zu weit gedreht worden sei, um das nächste Level zu erreichen. „Vielleicht haben wir zu viel gewollt“, sagte Baumann damals. Nun gab er bekannt, dass Dörrfuß keinen direkten Einfluss mehr auf die Profis haben soll, sich um die Nachwuchsmannschaften kümmern wird – und ein bisschen auch noch um das große Ganze, also das grundsätzliche Thema, wie Spieler besser gemacht werden können. Baumann hält schließlich an seinem Konzept fest. Deswegen besitzt Dörrfuß auch noch eine Mini-Chance, bleiben zu dürfen, obwohl er im Verein eigentlich als verbrannt gilt. Seine zuweilen, wie es heißt, sehr eigenwillige Art macht eine Zusammenarbeit nicht so einfach.

Werder Bremen: Florian Kohfeldt und Frank Baumann mussten in Konflikten schlichten

Frank Baumann wusste das, als er Dörrfuß, der 2015 noch von Thomas Eichin verpflichtet worden war, mit immer mehr Befugnissen ausstattete. Aber bei der Auswahl des Personals im Funktionsteam hatte der Sportchef nicht immer das glücklichste Händchen. Der erst im Sommer eingestellte neue Mannschaftsarzt Dr. Benjamin Schnee, der Dr. Philip Heitmann ablöste, verließ Werder nach nur wenigen Monaten wieder. Offizielle Begründung: Heimweh. Schnees Job macht nun Dr. Daniel Hellermann, der ab sofort auch den Bereich Physiotherapie leitet. Das war bislang die Aufgabe von Uwe Schellhammer.

Den Physiotherapeuten hatte Baumann im Sommer 2018 vom Hamburger SV losgeeist, um diesen Bereich zu verstärken. Aber bei Schellhammer verhält es sich ähnlich wie bei Dörrfuß – er soll nicht ganz einfach sein. Also krachte es immer wieder im Übergang zwischen Athletik und Behandlung. Baumann und Kohfeldt mussten regelmäßig schlichtend eingreifen, gaben den Protagonisten aber eine letzte Chance. Nun zogen sie die Notbremse, um im Abstiegskampf Ruhe zu haben. Dörrfuß wurde entmachtet, Schellhammer gekündigt.

Werder Bremen: Funktionsteam unabhängig vom Trainer zusammengestellt

Baumann betonte ausdrücklich, dass er zwar diese Entscheidung mit Kohfeldt besprochen habe, aber er allein am Ende dafür verantwortlich sei. Denn ein Grundsatz von ihm laute: Das Funktionsteam müsse unabhängig vom Cheftrainer zusammengestellt sein, weil es nicht bei jedem Trainerwechsel ausgetauscht werden könne.

Baumann übernimmt als Geschäftsführer Sport also die alleinige Verantwortung für die Personal-Entscheidung – auch im Fall Andreas Marlovits. Der Sportpsychologe musste nach vier Jahren gehen, weil er nicht mehr die gewünschten Effekte erbracht hat, so Baumann. Interessant dabei: Ab Ende November verzichtete Werder Bremen auf die Dienste von Marlovits und rauschte danach so richtig in die Krise. „Wir haben immer gesagt, dass Andreas nicht explizit für Krisensituationen da ist, sondern ein regelmäßiger Begleiter sein soll, um dieses Thema ein Stück weit zu normalisieren“, erklärte Kohfeldt damals.

Werder Bremen: Änderungen im Trainerteam? Ilia Gruev überzeugte nicht

Im Januar wurde Marlovits für das Trainingslager auf Mallorca zurückgeholt, auch beim verlängerten Aufenthalt in Leipzig war der Sportpsychologe dabei. Jetzt ist er raus und von einer Normalisierung seiner Rolle keine Rede mehr, sondern von einem neuen Impuls, den ein anderer Sportpsychologe geben könnte. Auch da hält Frank Baumann an seiner Vision fest: Dieser Bereich sei im Profifußball extrem wichtig und müsse personell stark besetzt sein. Damit setzt sich Werder Bremen von vielen anderen Bundesligisten ab.

Baumann muss sein Werder-Projekt personell neu ordnen. Weitere Änderungen sind nicht ausgeschlossen. Spätestens im Sommer wird noch einmal alles hinterfragt. Da könnte auch die Besetzung des Trainerteams ein Thema werden. So hat Ilia Gruev als Spezialtrainer für Standards nicht überzeugt, sein Einfluss ist erheblich gesunken. Im Abstiegskampf, so scheint es, kann auf Einzelschicksale keine Rücksicht mehr genommen werden. Und wer weiß, für wen bei Werder Bremen das Internetportal „sicherdirdenjob.de“ noch interessant werden könnte. Neben Trainer Florian Kohfeldt steht dabei längst auch ein Frank Baumann im Fokus. (kni)

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