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Ziemlich beste Freunde: Theodor Gebre Selassie bedauert den Abgang von Zlatko Junuzovic.

Über die Freundschaft zu Junuzovic, seine Kindheit und den geheimnisvollen Keeper

Gebre Selassie im Interview: „Für mich ist es ein Riesenverlust“

Bremen - Männerfreundschaften. Frauen verstehen sie oft nicht. Wissenschaftler haben sie zu einem Forschungsgebiet gemacht. Männer aber pflegen sie einfach. Mitunter auch im harten und zumeist egogesteuerten Business Profi-Fußball.

Bei Werder Bremen gelten Zlatko Junuzovic und Theodor Gebre Selassie als richtig enge Kumpel – und das schon seit sechs Jahren. Jetzt geht Junuzovic, wechselt zu RB Salzburg. Gebre Selassie bleibt. „Für mich ist es ein Riesenverlust“, sagt der Tscheche über den Weggang des Österreichers. Im Interview mit der DeichStube spricht Gebre Selassie, übrigens der Werder-Dauerbrenner der zu Ende gehenden Saison, aber nicht nur über Zlatko Junuzovic, sondern auch über seinen schweigsamen und deshalb immer noch etwas geheimnisvollen Landsmann Jiri Pavlenka sowie über die eigene, nicht ganz leichte Kindheit in Tschechien.

Am vergangenen Spieltag ist Zlatko Junuzovic mit seinem Sohn Clemens auf dem Arm zu seinem letzten Heimspiel eingelaufen. Sie hatten ebenfalls ihren fast vier Jahren alten Sohn Noe an der Hand. Wieso?

Theodor Gebre Selassie: Noe ist eben total verrückt nach Fußball. Er ist auch beim Tag der Fans schon mal mit mir eingelaufen. Aber am vergangenen Wochenende ging es nur um Zladdi, für ihn war es der wichtigere Tag. Aber auch für mich war die Verabschiedung richtig emotional. Es ist traurig, dass er weggeht.

Werder verliert in Junuzovic den Kapitän, Sie auch den Freund.

Gebre Selassie: Ja, aber im Moment fühlt es sich noch nicht wie Abschied an, weil wir uns immer noch jeden Tag sehen. Ich glaube, das Gefühl kommt erst nach der Sommerpause, wenn es bei Werder weitergeht, Zladdi aber nicht mehr neben mir in der Kabine sitzt. Und für das gemeinsame Aufwärmen auf dem Platz muss ich mir jetzt auch jemand anderen suchen.

Wie ist es zu der Freundschaft zwischen Ihnen beiden gekommen? Wieso stimmt die Chemie zwischen Theo und Zladdi?

Gebre Selassie: Als ich im Sommer 2012 zu Werder kam, habe ich nur Tschechisch und Englisch gesprochen. Thomas Schaaf wollte aber, dass jeder Spieler Deutsch spricht. Er hat mich dann mit Zladdi auf ein Zimmer gelegt, damit er mir die Sprache beibringt. Erstmal ist aber nur Zladdis Englisch besser geworden, nicht mein Deutsch (lacht). Ab einer gewissen Zeit haben wir dann aber auch deutsch miteinander geredet. Zladdi hat mir damals wirklich sehr viel geholfen. Wir haben auch viele Sachen miteinander unternommen und sind dabei richtig gute Freunde geworden. Im Fußball habe ich keinen besseren Freund als ihn.

Ein Österreicher mit entsprechendem Dialekt hat Ihnen also die deutsche Sprache näher gebracht – können Sie auch „Österreichisch“´?

Gebre Selassie: (lacht) Ja, ab und zu benutze ich auch spezielle Zladdi-Worte.

Welche?

Gebre Selassie: Schimpfwörter. Aber welche, das sage ich jetzt nicht.

Nennen Sie doch mal eine Eigenschaft, die Sie an Zlatko Junuzovic besonders mögen, bitte!

Gebre Selassie: Er ist einfach ein netter Mensch, ein emotionaler Mensch. Wir haben über viele Punkte im Leben die gleiche Meinung.

Ein Beispiel?

Gebre Selassie: Wir sind beide keine Typen, die glauben, dass Geld das Wichtigste ist im Leben. Wir entsprechen da nicht dem Klischee des typischen Fußballspielers.

Sondern?

Gebre Selassie: Was uns von Anfang an verbunden hat, war, dass wir beide keine normale Kindheit hatten. Zladdi war als Kind mit seinen Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich gekommen. Das war nicht leicht für ihn. Für mich war es in Tschechien wegen meiner Hautfarbe (Gebre Selassie ist der Sohn einer Tschechin und eines Äthiopiers, d. Red.) auch nicht immer einfach. Wir kannten beide nicht die Normalität der anderen, hatten deshalb einen ähnlichen Ausblick auf das Leben. Wir mussten beide wirklich alles geben und mussten hart arbeiten, um nach vorne zu kommen. Deswegen haben wir uns auf Anhieb gut verstanden. Und das hat sich weiter entwickelt. Heute sind wir eben eng befreundet – auch unsere Familien übrigens.

Haben Sie in Tschechien oft Ablehnung wegen Ihrer Hautfarbe erfahren?

Gebre Selassie: Wie gesagt: Es war nicht einfach in Tschechien, und es wird vermutlich auch nie einfach sein. Es ist immer noch nicht typisch, dass ein Mensch mit meiner Hautfarbe ein Tscheche ist. Noch ist es ein großer Unterschied, ob man hier in Deutschland ist oder in Tschechien. In Deutschland ist es multikultureller, Tschechien ist noch nicht ganz so weit. Aber ich habe Hoffnung, dass mein Land da auf einem guten Weg ist.

Zurück zur Männerfreundschaft: Ist es eigentlich immer beim von Schaaf verordneten Doppelzimmer geblieben?

Gebre Selassie: Nein, zum Glück nicht. Seit wir Väter sind und Kinder haben, sind wir froh, wenn wir im Hotel oder im Trainingslager ein Einzelzimmer und auch mal unsere Ruhe haben können. Aber im Zillertal zum Beispiel hatten wir die Zimmer nebeneinander – mit einer Verbindungstür, die eigentlich auch immer offen war.

Über Zlatko Junuzovic sind in den vergangenen Tagen schon viele Lobeshymnen und Abschiedstexte geschrieben worden. Ihre Meinung: Wie groß ist der Verlust für Werder?

Gebre Selassie: Es geht ein Stück Werder-Qualität verloren. Wenn er auf dem Platz ist, gibt er immer alles. Er versucht auch immer, Fußball zu spielen – wenn man einen Doppelpass spielen wollte, war man bei Zladdi immer richtig. Für mich ist es deshalb ein Riesenverlust. dass er geht. Aber so ist das Fußball-Geschäft. Es ist verständlich, dass Zladdi sich so entschieden hat.

Wie schwer ist es, eine Freundschaft wie Ihre über den Fußball hinaus zu erhalten?

Gebre Selassie: Man kann solche Freundschaften nicht mit zehn Leuten pflegen, aber mit zwei, drei geht das. Und mit Zladdi wird es auch gehen.

Haben Sie schon die Flugverbindungen Bremen-Salzburg gecheckt?

Gebre Selassie: Nein, noch nicht, Zladdi hat ja noch nicht verraten, wo es hingehen wird. Aber Salzburg wäre nicht weit weg von der tschechischen Grenze und damit auch nicht weit weg von dem Ort, in dem meine Eltern leben. Sie wohnen nur 50 Kilometer hinter der tschechisch-österreichischen Grenze. Man kann also mal den Besuch bei den einen mit einem Besuch bei dem anderen verbinden.

Zlatko Junuzovic hat ein nicht ganz so attraktives Bremer Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt und startet mit 30 Jahren nochmal neu. Sie selbst sind 31 Jahre alt und verfügen bei Werder über einen Vertrag bis 2019, der sich per Option bis 2020 verlängern lässt. Wie viel Lust haben Sie noch auf neue Herausforderungen?

Gebre Selassie: Da werde ich drüber nachdenken, wenn es soweit ist. Noe wird 2020 sechs Jahre alt sein, und wir wissen noch nicht, ob er dann in Deutschland oder in Tschechien eingeschult werden soll.

Sportlich geht es Ihnen aktuell so gut wie beinahe noch nie bei Werder. Vor dem letzten Saisonspiel sind Sie mit 2738 Spielminuten der Bremer Feldspieler mit der meisten Einsatzzeit. Dauerbrenner Gebre Selassie – gibt es ein Rezept dafür?

Gebre Selassie: Ich glaube, es ist die Ruhe, die ich mittlerweile habe. Mir hilft es, wenn ich mir nicht so viele Gedanken über Fußball und Fehler auf dem Platz mache. Ich komme auch gar nicht mehr dazu, weil ich zwei Kinder habe. Früher habe ich mich drei Tage lang mit einem schlechten Spiel beschäftigt. Jetzt fordern mich die Kinder, und es bleibt keine Zeit mehr fürs Grübeln. Das macht mich auf dem Platz unbeschwerter.

Nach dem Junuzovic-Weggang rücken Sie in der Liste der dienstältesten Profis auf Rang zwei vor, überboten nur von Philipp Bargfrede. Bringt man diesen Status und die Spielzeit in der aktuellen Spielzeit zusammen, kommt in der Summe ein ziemlich hoher Stellenwert heraus. Empfinden Sie das auch so?

Gebre Selassie: Erstmal danke für das Kompliment. Und ja: Ich bin froh, dass es so gut läuft für mich, und ich hoffe natürlich, dass es so auch weitergeht. Ich finde, dass wir mit einem richtig guten Trainer und einer guten Mannschaft auf einem guten Weg sind.

In dieser Saison gab es für Robert Bauer keinen Weg an Ihnen vorbei. Er will deshalb den Verein wechseln, ein neuer Konkurrent wird kommen. Empfinden Sie das als Herausforderung oder als Gefahr?

Gebre Selassie: Konkurrenz muss ja sein. Aber ich schaue nur auf mich. Und ich weiß: Wenn ich so spiele, wie ich spielen kann, habe ich noch ein paar Jahre in der Bundesliga vor mir.

Wie kommen Sie mit den Wechseln zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette zurecht? Gerade von einem Außenverteidiger ist dabei viel Flexibilität gefordert.

Gebre Selassie: Wenn im Spiel oder im Training jeder Spieler macht, was er soll, dann macht das sogar richtig Spaß. Florian Kohfeldt macht da auch einen überragend guten Trainer-Job. Wir sind jetzt als Mannschaft fußballerisch insgesamt weiter, können die Systeme wechseln und immer auf Anforderungen reagieren.

Mit dem Spiel bei Mainz 05 endet am Samstag die Saison, und es beginnt die Zeit der Rückblicke und Ehrungen. Die Fans wählen zum Beispiel immer den Werder-Spieler der Saison...

Gebre Selassie: (lacht) Und? Was glauben Sie, wer es wird?

Sie zuerst!

Gebre Selassie: Na gut: Natürlich Jiri Pavlenka, das ist für mich gar keine Frage.

Er ist der Shootingstar unter den Bundesliga-Torhütern und selbstverständlich auch bei Werder. Sie kannten ihn schon aus der tschechischen Nationalmannschaft, bevor er nach Bremen wechselte. Hätten Sie ihm eine dermaßen konstant gute Premierensaison zugetraut?

Gebre Selassie: Ganz ehrlich: Nein! Ich wusste, dass er ein guter Torwart ist. Aber in der ganzen Saison nur einen richtigen Fehler zu machen, ist wirklich überragend. Zumal er von Fans und Medien mit einiger Skepsis in Bremen empfangen wurde. Ich bin mir sicher, dass er das auch trotz der Sprachbarriere mitbekommen und gespürt hat. Ich finde es deshalb ganz stark, dass er das so verarbeitet hat. Er muss besonders cool sein.

Wie geht er mit seiner persönlichen Traumsaison um?

Gebre Selassie: Bei ihm muss man wirklich keine Angst haben, dass er abhebt. Er bleibt auf dem Boden, er ist einfach so ein Typ.

Und wenn Angebote von anderen Clubs kommen sollten?

Gebre Selassie: Im Moment ist es doch so: Jiri hat eine richtig gute Saison gespielt. Das im zweiten Jahr zu bestätigen, ist jetzt seine Aufgabe. Wenn ihm das gelingt, dann liegt eine sehr interessante Zukunft vor ihm.

Theodor Gebre Selassie: Seine Karriere in Bildern

Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie wechselte 2012 von Slovan Liberec an die Weser. © Gu mz
Theodor Gebre Selassie
Zuvor hatte der Rechtsverteidiger unter anderem bei Slavia Prag und dem FC Vysocina gespielt. © imago
Theodor Gebre Selassie
In seiner ersten Bundesliga-Saison kam er zu 27 Einsätzen. Gleich am ersten Spieltag erzielte er sogar sein erstes Tor für Werder - bei der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund. © imago
Theodor Gebre Selassie
Der tschechische Nationalspieler ist seit dem ersten Tag als Rechtsverteidiger gesetzt. © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Gebre Selassie hier im Duell gegen Fabian Johnson und Borussia Mönchengladbach. © Gumz
Theodor Gebre Selassie
In der Saison 2016/17 schoss der tschechische Nationalspieler in 30 Spielen fünf Tore für die Grün-Weißen. Zwei Treffer bereitete er vor. © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Im Sommer-Trainingslager 2017 im Zillertal verlängerte Gebre Selassie seinen Vertrag bei Werder. © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Er blieb in der Saison 2017/18 Stammspieler, fehlte in den ersten zehn Ligaspielen nur einmal wegen eines Infekts. © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Seit 2011 spielt Gebre Selassie auch für die tschechische Nationalmannschaft und gehört dort zum Stammpersonal. 2012 und 2016 nahm er für sein Land an der Europameisterschaft teil. © imago
Er konnte im Verlauf der Saison 2017/18 seinen Platz in der Startelf gegen Robert Bauer verteidigen.
Er konnte im Verlauf der Saison 2017/18 seinen Platz in der Startelf gegen Robert Bauer verteidigen. © gumzmedia

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