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Florian Kohfeldt war auch im Spiel des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Köln wie immer mit vollem Einsatz an der Außenlinie dabei.

0:1-Niederlage gegen Köln

Taktik-Analyse: Selbst ein radikaler Systemwechsel bringt Werder nicht in die Spur

Das Spiel gegen Köln war die letzte Chance für Werder, die Hinrunde versöhnlich zu beenden. Trainer Florian Kohfeldt rief eine radikale Defensivtaktik aus – und scheiterte. Warum der Systemwechsel nicht die erhoffte Wende brachte, erklärt unser Taktik-Analyst Tobias Escher.

Schön spielen, den Ball laufen lassen, erfolgreich sein: Diesen Dreiklang predigte Florian Kohfeldt in den vergangenen zwei Jahren. Er wolle nicht nur Erfolge feiern, sondern auch einen offensiven Stil beim SV Werder Bremen etablieren. Von Erfolgen ist Werder mittlerweile weit entfernt. Und auch das Ziel, schönen Fußball zu spielen, hat Kohfeldt kurzfristig aufgegeben. Gegen den 1. FC Köln mussten Ergebnisse her.

Werder Bremen startet abwartend gegen den 1. FC Köln

Im Kellerduell wollte Kohfeldt seine Mannschaft stabilisieren – koste es, was es wolle. Damit kehrte er auch von den meisten seiner bisher praktizierten Prinzipien ab. Seine Mannschaft begann das Spiel ungewohnt passiv. Werder zog sich an den Mittelkreis zurück und überließ den Kölnern das Spiel.

Kohfeldt hatte seine Mannschaft in einem defensiven 5-2-3 aufgestellt. Die drei Stürmer wachten darüber, dass Köln keine Pässe ins Mittelfeld spielen konnte. Den Gegner störten sie jedoch nicht. In der Abwehr und im Mittelfeld hielt Bremen die Räume kompakt. Die recht tief stehende Abwehrreihe fokussierte sich darauf, die Kölner Angreifer aus dem Spiel zu nehmen.

Es entstand ein bizarres Bild: In den ersten zehn Minuten hatte Köln einen Ballbesitzwert von 89 Prozent. Auch danach ließen sie den Ball in der Abwehr laufen, bis zur 30. Minute lag ihr Ballbesitzanteil immerhin noch bei 70 Prozent. Die Ausgangslage war klar: Die verunsicherten Bremer wollten über die Defensive kommen, Aufsteiger Köln das Spiel machen. Das hätte vor der Saison sicher kaum jemand erwartet.

Die Grafik zeigt Werders Defensivformation. Sie standen vor allem im Zentrum kompakt. Köln konnte den Ball von Außenverteidiger zu Außenverteidiger spielen. Ihnen fehlten jedoch die Verbindungen nach vorne.

Ein langer Ball zerstört Werders Plan

In der Anfangsphase ging Werders Plan auf. Das lag hauptsächlich an den Kölnern: Diese hatten keinerlei Idee, wie sie den kompakten Block der Bremer knacken wollten. Sie hatten sich in einer Art 4-2-4-Formation aufgestellt: Die beiden Außenstürmer agierten hier auf einer Höhe mit den Stürmern.

Köln verfügt also praktisch über kein Mittelfeld. Die Kölner Innenverteidiger konnten mangels Anspielstationen keine Pässe spielen ins Zentrum. Wieder und wieder verlagerten sie das Spiel von Linksverteidiger zu Rechtsverteidiger und zurück, ohne dass Werder einschritt. Raumgewinn versuchten sie allenfalls mit vertikalen Pässen auf den Flügeln - Bälle, die selbst für die verunsicherte Werder-Abwehr leicht zu verteidigen waren.

Werder selbst verteidigte in dieser Phase überraschend gut. Die Spieler hielten ihre Positionen, gerade das Mittelfeld verschob viel, um ja keine Räume preiszugeben. Es war ein völlig ereignisloses Spiel – bis Werders Abwehr in der 39. Minute einen langen Ball unterschätzte. Diese waren grundsätzlich Kölns einziger Weg, die vier hoch stehenden Stürmer mit den vier tief stehenden Verteidigern zu verbinden. Umso weniger schön war es, dass Werders Fünferkette vor dem Treffer durch Jhon Cordoba verpasst hatte, sich rechtzeitig nach hinten abzusetzen.

Werder Bremen liefert nur spielerisches Stückwerk

Der 0:1-Rückstand brachte Werders viel größere Wunde zum Vorschein: ihr Offensivspiel. Das war in der ersten Halbzeit nicht existent. Der Plan lautete, die Null zu halten und über einen schnellen Konter Milot Rashica auf halblinks oder Benjamin Goller auf halbrechts einzusetzen. Beiden fehlte aber das Tempo, um an der flinken Abwehr der Kölner vorbeizugehen.

Nach der Pause musste sich etwas ändern – und das tat es auch. Bremen störte die Kölner nun wesentlich früher. Das eigene System interpretierte Werder fortan eher als 3-4-3. Gerade Aushilfs-Rechtsverteidiger Maximilian Eggestein wagte vermehrt Vorstöße in die Kölner Hälfte. Das belebte das Bremer Spiel, auch weil er durch Yuya Osako immer wieder Unterstützung bekam.

Es blieb jedoch vieles im Bremer Spiel Stückwerk. Gegen nun passiv agierende Kölner war spätestens am gegnerischen Strafraum Schluss. Hohe Hereingaben waren mangels Stürmer keine Möglichkeit, und für die spielerische Komponente fehlten Werder Mut und Selbstverständnis. Eine Statistik des Grauen: Kein einziger Bremer Akteur gewann an diesem Nachmittag ein Dribbling.

Werder kämpft sich ins Spiel zurück - Köln verbarrikadiert sich erfolgreich

Dennoch blieb Werder im Spiel. Das lag nicht zuletzt an einer Kölner Mannschaft, die sich ausschließlich zurückzog. In ihrem neu formierten 4-1-4-1-System verbarrikadierten sie den eigenen Strafraum. Stürmer Cordoba hing vollends in der Luft, sodass Köln keine Entlastung durch Konter schaffen konnte.

Und Bremen? Die setzten auf die totale Offensive. Am Ende improvisierte Kohfeldt eine Formation, die vor allem Durchschlagskraft erzeugen sollte. Claudio Pizarro agierte als Mittelstürmer, während Fin Bartels (kam in der 67. Minute für Ludwig Augustinsson, der sich einen Muskelfaserriss zuzog und droht, das Trainingslager auf Mallorca zu verpassen) als Rechtsaußen und Goller als Linksaußen agierte. Bremen agierte mit fünf Spielern weit vorne – und konnte damit zumindest den Ball nach vorne schaffen.

Für einen Treffer genügte dies freilich nicht. Wie schon beim 0:5 gegen Mainz waren die Bremer vom Tempo und der Körperlichkeit dem Gegner klar unterlegen. Eins konnte man dem SV Werder Bremen bei der 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Köln aber nicht vorwerfen: mangelnden Kampf. Bis zur letzten Minute suchte Werder die Chance. Momentan mangelt es jedoch an Selbstvertrauen und Klasse – ein wesentlich vernichtenderes Urteil. Daran änderte auch Kohfeldts pragmatische Systemumstellung wenig.

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