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Wissenswertes vor dem Werder-Spiel gegen Union Berlin: Hans-Günter notiert es auf seinem Klemm-Brett.

Klemm-Brett vor Werder-Spiel gegen Union

Notizen vor Union-Spiel: Alte Försterei, besondere Fans und ein „Chrampfer“

Von wegen Rente: Hans-Günter Klemm, langjähriger Kicker-Redakteur mit Expertise rund um Werder Bremen, hält für die DeichStube Augen und Ohren offen – fällt ihm 'was zum kommenden Gegner der Grün-Weißen auf, notiert er es auf seinem Klemm-Brett. Vor dem 4. Spieltag geht es um Union Berlin.

Nur ein Spiel haben Werder Bremen und der Aufsteiger Union Berlin bislang ausgetragen. Die Partie fand in der ersten Runde des DFB-Pokals am 2. August 2008 im Stadion an der Alten Försterei statt. 19.000 Zuschauer sahen einen souveränen 5:0-Sieg der Bremer. Sanogo und Moreno trafen je zweimal, den fünften Treffer steuerte Naldo bei. Am Samstag kommt es zum zweiten Aufeinandertreffen zwischen den Köpenickern und den Bremern. Es wird die Bundesliga-Premiere.

Spruch von Union-Profi Christopher Trimmel

„Die Bundesliga wird für immer im Lebenslauf stehen.“

Christopher Trimmel, der Mittelfeldmann aus Österreich, nach dem gelungenen Aufstiegsjahr

Zuschauerschnitt von Union Berlin

Im Schnitt 21.805 Zuschauer besuchten die Heimspiele im Aufstiegsjahr. Damit belegte Union den fünften Rang in der Spielklasse in dieser Rubrik, die angeführt wird von den Zuschauermagneten Hamburger SV (48.923) und Köln (48.916). In der Fairplay-Tabelle nehmen die Berliner einen Mittelplatz ein: eine Rote, zwei Gelb-Rote, 70 Gelbe Karten.

Union Berlin sorgte für Zweitliga-Rekord

Als sechstes Team in der Historie der 2. Liga überstehen die „Eisernen“ eine Hinserie ohne Niederlage. Zuvor glückte dies fünf Mannschaften, die allesamt am Ende den Aufstieg schafften: Leverkusen 1978/79, Hannover 2001/02, Köln 2002/03, Rostock 2006/07 und Düsseldorf 2011/12.

Die Alte Försterei - das etwas andere Stadion

Eine echte Besonderheit: Die Alte Försterei ist das einzige Stadion im Profifußball, das über drei reine Stehtribünen verfügt. Die eigenen Fans haben es 2008 und 2009 ausgebaut. 2000 freiwillige Helfer leisteten damals rund 140.000 unentgeltliche Arbeitsstunden für die Modernisierung der Arena, die ein Fassungsvermögen von 22.012 Plätze aufweist. Konkret: 3.617 Sitzplätze, 18.395 Stehplätze. Nach dem Aufstieg erteilte der DFB dem Club eine Sondergenehmigung, weil das Stadion nicht den Ansprüchen genügt.

Das Stadion An der Alten Försterei ist absoluter Kult. Am Samstag ist Werder Bremen dort und bei Union Berlin zu Gast.

Union Berlin: Besondere Fan-Aktionen

Bei den Heimspielen kommt die Rock-Röhre Nina Hagen zu ihrem Recht. Sie singt die Stadionhymne. Titel: „Eisern Union“. Außergewöhnlich weiterhin: Als das Geld mal knapp wurde, spendeten die Fans der „Eisernen“ Blut, um den Club finanziell zu unterstützen. Slogan der Aktion: „Bluten für Union“. Populär ist auch eine Veranstaltung vor dem Fest der Feste im Dezember: das bundesweit bekannte Weihnachtssingen im stets voll besetzten Stadion.

Union Berlin: Sponsor, der nicht zu den eigenen Idealen passt

Wie St. Pauli aus Hamburg gilt Union als der Kultclub nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Die „Eisernen“ pflegen dieses Image, anders zu sein als andere: ein eingetragener Verein, keine Marke, ein Gegengewicht zu den von Kommerzialisierung bestimmten Liga-Rivalen. Doch nach dem Aufstieg präsentierten sie einen neuen Hauptsponsor, der nicht ganz zu den verkündeten Idealen passte. „Aroundtown“, ein Immobilienunternehmen. Eine durchaus zu hinterfragende Wahl in der Bundeshauptstadt, deren Situation in diesem Bereich gekennzeichnet ist durch Wohnungsknappheit und Mietpreiserhöhungen. Eine „bemerkenswert instinktlose Entscheidung“, kommentierte der Union-Blog „Textilvergehen“. Der Beweis: Auch Union ist in mancher Hinsicht ein stinknormaler Erstligist bei allen Beteuerungen.

Idol von Union Berlin: Torsten Mattuschka

Als der Union-Profi schlechthin gilt Torsten Mattuschka, eine Ikonie und ein Idol in Köpenick. Der Offensivmann absolvierte von 2005 bis 2014 exakt 161 Spiele im bezahlten Fußball, wird dabei nur vom noch aktiven Michael Parensen (seit Januar 2009 im Klub) übertroffen. Mattuschka, nun Co-Trainer bei der VSG Altglienicke, führt gemeinsam mit Sebastian Polter, ebenfalls noch im aktuellen Kader, die ewige Torschützenliste an: 42 Treffer für beide.

Union Berlin: Das ist die Einkaufsliste der Eisernen

Rührig auf dem Transfermarkt waren die „Eisernen“. Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profifußball, leistete Akkordarbeit und lotste 14 neue Spieler in die Hauptstadt. Darunter große Namen wie die ablösefrei gekommenen Altstars und ehemaligen deutschen Meister Christian Gentner (Stuttgart) und Neven Subotic (AS St. Etienne). 

Etwas kosten ließ sich Union die feste Verpflichtung des bereits ausgeliehenen Marvin Friedrich: 1,9 Millionen Euro, nachdem der FC Augsburg die Rückkaufoption gezogen hatte. Friedrich ist als Abwehrchef eingeplant. Eine namhafte Verstärkung gibt es auch für den Angriff: Marcus Ingvartsen, 23-jähriger Däne vom KRC Genk, kostete 1,7 Mio. Euro. Ebenfalls neu: Anthony Ujah. Der Ex-Bremer, der zuletzt bei Mainz engagiert war, kam für 1,9 Millionen Euro. Auch Suleiman Abdullahi ist neu bei den Eisernen - er kam für eine Ablöse von 950.000 Euro von Eintracht Braunschweig.

Union Berlin: Trainer Urs Fischer

„Chrampfer“, so rufen sie ihn in seiner Heimat, der Schweiz. Übersetzt heißt dies schlicht und einfach Arbeiter. Es soll seinen Arbeitsstil beschreiben. Urs Fischer, der 53-Jährige, seit Juli 2018 bei Union, ist ein Pragmatiker, ein stiller, sachlicher und bodenständiger Vertreter seiner Zunft. Zumeist lässt er defensiv spielen. „Angsthasenfußball“ haben sie ihm in der Alpenrepublik vorgeworfen, als er mit Basel 2016 Meister und 2017 Pokalsieger wurde. Ein wenig übertrieben, denn „Chrampfer“ Fischer hat Erfolge vorzuweisen - auch in Berlin. Mit seiner Art passt der Trainer-Legionär irgendwie ganz gut nach Köpenick.

Union Berlin: Stimmungsboykott bei der Bundesliga-Premiere

Ausgerechnet gegen RB Leipzig, ausgerechnet gegen dieses verhasste Konstrukt lief die Premiere ab. Union hätte sich zum Auftakt in der höchsten Spielklasse jeden anderen Gegner gewünscht als die Sachsen. Die Fans protestierten. Stimmungsboykott auf den Rängen in der ersten Viertelstunde, Stimmungsmache durch ein provozierendes Plakat. „Nach zehn Jahren wieder ein Ostverein in dieser Liga“, so stand es auf dem Banner. Leipzig, so denken viele, wird der Status eines Vereins abgesprochen. RB gilt als Marketingsinstrument im Konzern des Brauseherstellers Red Bull aus Österreich.

Felix Kroos, früher bei Werder Bremen, trägt seit 2016 das Trikot von Union Berlin.

Wiedersehen mit Werder Bremen: Der „kleine Kroos“

„Felix ist wie sein Bruder Toni ein außergewöhnlicher Spieler.“ Wer dies über Toni Kroos gesagt hat? Ein Bremer fällte dieses Urteil. Dieter Eilts, damals Trainer bei Hansa Rostock und dort Förderer des Talents, sagte es über den 14 Monate jüngeren Bruder des bei Real Madrid kickenden Weltmeisters. Nicht nur Eilts, alle Experten sagten es über Felix, dem sie eine große Zukunft als Profi vorhersagten. 

In Mecklenburg-Vorpommern, wo er groß geworden und von seinem Vater Roland zunächst in Greifswald, später in der Hansestadt Rostock geformt worden ist, hieß es einst: Der Felix wird noch besser als der Toni, er hat noch mehr Talent. Das mag auch die Werder-Verantwortlichen gereizt haben, als sie 2010 nach dem Drittliga-Abstieg von Hansa den mehrfachen und preisgekrönten Junioren-Nationalspieler an die Weser holten. Erst bei Thomas Wolter in der U23 eingesetzt, später von Thomas Schaaf in den Bundesliga-Kader übernommen, versuchte Felix sein Glück bei Werder. 

Sechs Jahre lang dauerte sein Bemühen, den ganz großen Durchbruch zu schaffen. Es glückte ihm nicht. Die Bilanz: 65 Spiele, ein Tor für den technisch starken, zuweilen jedoch nicht so robusten und möglicherweise zu langsamen Mittelfeldspieler. 2016 wechselte der „kleine Kroos“ in die 2. Liga, zu Union Berlin. Dort wurde er Stammspieler, sogar zwischenzeitlich Kapitän. Dort hat auch der Felix sein Glück gefunden - wie Bruder Toni in Madrid nach den Stationen in München und Leverkusen – nur alles eine Nummer kleiner. Es sei ihm gegönnt, dem Musterprofi, der keine Spur von Überheblichkeit wegen des berühmten Namens zeigte, stets umgänglich, freundlich und fair geblieben ist. Bei Werder wird sich niemand finden, der ein schlechtes Wort über Felix Kroos sagt.

Vor dem Duell zwischen Werder Bremen und Union Berlin spricht Felix Kroos im DeichStube-Interview über Kult, seine Zukunft und Claudio Pizarro.

Form von Union Berlin

Der Mann geht in die Geschichte ein: Marius Bülter gelang ein Doppelpack beim 3:1 gegen Borussia Dortmund. Es war der Grundstein für Unions ersten Sieg in der ersten Liga. Zwei Treffer durch Bülter, ein Tor durch den Schweden Andersson bei einem Gegentor von Paco Alcacer. Der erste Dreier für Union nach dem beachtenswerten Punktgewinn beim 1:1 in Augsburg. Zum Start setzte es eine Niederlage gegen RB Leipzig, doch die „Eisernen“ haben in der Liga Fuß gefasst.

Anekdote

Ich habe schon Spiele gesehen in ganz Deutschland. Ich war in den großen Stadien in Hamburg und Berlin, in Dortmund und Gelsenkirchen, in Frankfurt, Stuttgart und München. An der „Alten Försterei“ war ich noch nicht. Viel habe ich schon gehört über die einzigartige Arena, über Charme und Flair dieses Platzes im Osten Berlins. Union ist erstklassig. Eine Steilvorlage, um sich eine Partie in Köpenick anzuschauen. Ich möchte diese oft beschriebene Stimmung und diese hymnisch gefeierte Atmosphäre erleben, am eigenen Leib. Es wird Zeit. Ich muss dahin. Berlin ist auch aus diesem Grund eine Reise wert. Köpenick – ich komme!

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