Florian Kohfeldt versuchte gegen Mainz 05 immer wieder vergeblich die Spieler des SV Werder Bremen wachzurütteln.
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Florian Kohfeldt versuchte gegen Mainz 05 immer wieder vergeblich die Spieler des SV Werder Bremen wachzurütteln.

0:5-Blamage gegen Mainz

Werder-Taktik-Analyse: Warum die Raute zum Scheitern verurteilt war

Von Tobias Escher. Gegen Mainz sollte der Befreiungsschlag gelingen. Es wurde ein Debakel. Werder Bremen verliert nicht nur mit 0:5. Die herbe Niederlage wirft auch die Frage auf, wie der taktische Kern der Mannschaft in Zukunft aussehen soll.

Wer dachte, nach dem 1:6 in München könne es nicht schlimmer kommen, sah sich am Dienstagabend eines Schlechteren belehrt. „Dieser Tag hat eine unfassbare Wut in mir ausgelöst“, sagte Werder-Trainer Florian Kohfeldt nach dem 0:5 gegen Mainz. Nicht nur bei ihm: Werder Bremens Auftritt kämpferisch, spielerisch und auch taktisch indiskutabel.

Vor dem Spiel hatte Trainer Kohfeldt offiziell den Abstiegskampf ausgerufen. Seine Startelf hingegen setzte sich nicht in erster Linie aus Kämpfern zusammen, sondern akzentuierte das spielerische Element.

Werder Bremen wollte sich mit flachen Pässen vors gegnerische Tor kombinieren - das gelang fast nie

Florian Kohfeldt schickte seine Elf in einer Raute auf das Feld. Leonardo Bittencourt agierte nominell als Zehner hinter einem Doppelsturm aus Milot Rashica und Yuya Osako. Diese Anordnung bestand aber nur auf dem Papier: Immer wieder tauschten die drei Angreifer die Positionen. So zog Bittencourt häufig auf die rechte Seite, während Osako und Rashica sich ins Zentrum bewegten. An der grundsätzlichen Philosophie änderte Kohfeldt damit nichts: Werder wollte über flache Pässe aus der Abwehr aufbauen und sich vor das gegnerische Tor kombinieren.

Gäste-Trainer Achim Beierlorzer wollte verhindern, dass Bremens Drei-Mann-Sturm Zuspiele erhält. Er stellte seine Mannschaft in einer kompakten 4-2-3-1-Ordnung auf. Der Clou: Zehner Jean-Paul Boëtius nahm Bremens Sechser Nuri Sahin in eine enge Manndeckung. Mainz lenkte den Spielaufbau damit weg von Sahin hin zu den Außen.

Werder stand in der eigenen Rautenformation äußerst eng. Mainz zog sich kompakt gegen das Bremer Konstrukt zusammen und nahm Sahin in Manndeckung. Das genügte, um die Partie komplett zu dominieren.

Defensive Lücken bei Werder Bremen: Robin Quaison findet Schnittstellen 

Dass Sahin völlig aus dem Spiel genommen wurde, war im Nachhinein betrachtet nicht Bremens größtes Problem. Tatsächlich gelang es Bremens Außenverteidiger einige Male, flache Diagonalbälle zu den Angreifern zu spielen. Bremen kam gerade in der ersten Viertelstunde einige Male in Temposituationen. Das flache Kombinationsspiel funktionierte, wie man es aus besseren Zeiten kannte.

Die Bremer Schwachstelle war die Defensive. Mainz hatte sich einen stringenten Plan zurechtgelegt, wie sie Werder knacken wollten. Sie waren im Mittelfeld asymmetrisch aufgestellt: Auf rechts besetzte Levin Öztunali die Breite. Er bekam immer wieder Unterstützung von Boëtius. Mainz wollte Durchbrüche über diese Seite forcieren.

Linksaußen Robin Qaison wiederum zog in Richtung Tor. Er war mehr Stürmer denn Außenspieler. Immer wieder suchte er die Schnittstelle zwischen Michael Lang und Milos Veljkovic. Der recht simple Mainzer Plan ging auf: Auf rechts setzte sich Öztunali gegen Bremens windelweiche Verteidigung durch. Er spielte den Ball zu Qaison, den niemand daran hinderte, hinter die Abwehr zu starten.

Cheftrainer Florian Kohfeldt zieht nach der blamablen Vorstellung von Werder Bremen gegen Mainz die ersten Konsequenzen.

Werder Bremen ohne Körperlichkeit und Dynamik

Die Schwierigkeiten in der Abwehrkette waren nur die Spitze des Eisbergs. Zu häufig wurden die Abwehrspieler allein gelassen. Es gab eine Szene nach einer Mainzer Balleroberung, als diese mit sieben Mann in die Bremer Hälfte starteten. Bremen kehrte jedoch nur mit sechs Spielern zurück. Eine absolut vermeidbare Unterzahl. Das Problem war nicht taktischer Natur, auch wenn Bremens Raute durchaus arg weit gestreckt war gegen das äußerst kompakte Konstrukt der Mainzer.

Werder hatte zudem große Probleme mit der Körperlichkeit des Gegners. Im Mittelfeld erzwangen die Mainzer zahlreiche direkte Duelle. Nach langen Bällen eroberten sie praktisch jeden zweiten Ball. Sobald Werder versuchte, den Ball ins Mittelfeld zu spielen, war er bereits verloren. Sie waren nach den frühen Gegentoren noch stärker darauf angewiesen, mit direkten Bällen von den Außenverteidigern zu den Stürmern durchzubrechen. Diese Pässe kamen angesichts des sinkenden Selbstbewusstseins immer seltener an.

Kohfeldt reagierte früh. Sahin, der gegen Manndecker Boëtius kaum ein Duell gewann, ging. Für ihn kam Johannes Eggestein (27.). Werder agierte weiterhin in der Raute, nur fortan mit Maximilian Eggestein als Sechser, Bittencourt als Achter, Osako als Zehner und Johannes Eggestein als Stürmer. Diese Variante war noch offensiver – und Werder lief noch häufiger in Konter. Da Eggestein seine Arbeit gegen den Ball solide verrichtete, fiel dies nicht mehr so negativ ins Gewicht.

Werder Bremen: Das System muss auf den Prüfstand

Nach der Halbzeit-Pause agierte Werder in einem Mischsystem: Offensiv hielten sie an der Raute fest. Defensiv standen sie nun häufiger in einer kompakten 4-4-2-Ordnung. Das stabilisierte zumindest die Defensive. Erst nach einer späten Umstellung auf ein 4-3-3 fing Bremen das Gegentor zum 0:5. Das schadete jedoch allenfalls dem Torverhältnis.

Kohfeldts Hoffnung, auch im Abstiegskampf auf die vor der Saison eingeübten Spielzüge zu setzen, führte gegen Mainz zum Debakel. Der Mannschaft fehlte in der Defensive Tempo, im Mittelfeld Kampfkraft und im Sturm Körperlichkeit. Die Raute war angesichts dieser Voraussetzungen zum Scheitern verurteilt. Kohfeldt steht vor seiner schwersten Aufgabe als Trainer: Er muss sich neu erfinden und seine Mannschaft auf den Abstiegskampf einstellen. Ausgang ungewiss.

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