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„Es fühlt sich an wie eine Niederlage“, sagte der Coach von Werder Bremen, Florian Kohfeldt, nach dem Spiel gegen Hertha BSC.

Remis gegen Hertha BSC

Taktik-Analyse: Offensiv macht Werder Bremen Fortschritte – defensiv nicht

Die Partie dominiert, Chancen erspielt – und am Ende doch nur einen Punkt geholt. Die Spieler von Werder Bremen haben beim 1:1 gegen Hertha BSC ihre Chancen nicht genutzt. Warum Werders Spielsystem zum Unentschieden beitrug, erläutert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Die vergangenen Wochen waren nicht leicht für Florian Kohfeldt, Coach des SV Werder Bremen. Die Verletztenmisere schränkte seine taktischen Möglichkeiten arg ein. Werder konnte nicht den Fußball spielen, den Kohfeldt eigentlich sehen will. Der junge Trainer möchte, dass seine Mannschaft das Spiel dominiert und Ball und Gegner laufen lässt. Langsam lichtet sich das Lazarett. Gegen Hertha BSC konnte Kohfeldt den Konterstil der vergangenen Wochen den Rücken zukehren und wieder so spielen lassen, wie er es sich vorstellt.

Werder Bremen: Unerwartete Kombinationsfreude

Kohfeldt schickte seine Mannschaft in einer Rautenformation auf das Feld. Leonardo Bittencourt begann als Zehner hinter einem Doppelsturm. Anders als gegen Frankfurt oder Dortmund begann Werder nicht aus einer abwartenden Haltung, sondern ließ den Ball laufen.

Bremen profitierte von einer Berliner Mannschaft, die Werders Spielaufbau kaum störte. Hertha stellte sich in einer Mischung aus 4-1-4-1 und 4-4-1-1 auf. Das Mittelfeld agierte aus einer tiefen Position. Per Skjelbred und Vladimir Darida stießen abwechselnd aus dem Dreier-Mittelfeld hervor, um Druck im Pressing zu erzeugen.

Hertha hatte es vor allem auf Milos Veljkovic abgesehen. Der rechte Innenverteidiger sollte keine Zeit am Ball erhalten. Hertha wollte den Spielaufbau zu Christian Groß lenken. Ihre Hoffnung war, dass der Kapitän von Werders U23 mit der Kugel nichts anzufangen weiß. Doch Herthas Plan ging nicht auf. Zum Einen rückte Groß mit dem Ball am Fuß immer wieder in den freien Raum nach vorne und verbuchte somit Raumgewinn. Zum Anderen blieb Veljkovic auch unter Druck ruhig, er spielte gleich mehrere Diagonalbälle auf Bittencourt.

Werder Bremen umspielte dadurch das gegnerische Mittelfeld. In der Folge suchten sie häufig den Weg über die Flügel. Links besetzte Stürmer Milot Rashica die Seite, Maximilian Eggestein sprintete auf die rechte Seite. Werder konnte Dynamik über die Flügel aufbauen und häufig vor das Tor gelangen. So auch in der siebten Minute, als Josh Sargent eine Hereingabe von der rechten Seite verwertete (7.).

Auch Hertha BSC mit gutem Ballbesitzspiel

So dominant Werder mit Ball auftrat: Im Spiel gegen den Ball offenbarten sie ungewohnte Lücken. Nuri Sahin rückte bei gegnerischem Ballbesitz in die Abwehr, er stockte die Vierer- zur Fünferkette auf. Bittencourt wiederum rückte vor auf Höhe der Stürmer. Werder verteidigte somit häufig in einem 5-2-3-System.

Werders Defensivsystem hatte zwei große Lücken: Auf den Flügeln hatten sie große Mühe, die gegnerischen Außenverteidiger in Schach zu halten. Rashica und Sargent rückten nicht weit genug auf die Seiten, um diese entscheidend zu stören. Auf links konnte Herthas Außenverteidiger Maximilian Mittelstädt einige eröffnende Bälle spielen. Auf rechts ließ sich Rechtsaußen Marius Wolf in die eigene Hälfte fallen, um Werders Lücke auszunutzen.

Die Grafik zeigt Werders Offensivstaffelung. Eggestein und Rashica besetzten dynamisch die Flügel, Bittencourt und Sargent starteten in die Tiefe.

Das zweite Bremer Problem: Ihnen gelang es nicht, die Räume im Mittelfeld zu schließen. Bremens Abwehr agierte teils sehr tief, der Weg zu den Stürmern war weit. Davy Klaassen und Maximilian Eggestein mussten einen großen Raum im Zentrum zu zweit decken. Nach und nach begann Hertha, diesen Raum für sich zu entdecken. Vor allem Skjelbred stieß immer wieder nach vorne, er wurde von den Flügeln aus bedient. So kam auch Hertha vor das gegnerische Tor.

Covic mit den besseren Wechseln

Mit Ball hui, ohne Ball pfui: Auf diesen einfachen Nenner lässt sich die Leistung der beiden Teams bringen. Es entstand eine flotte Partie mit Chancen auf beiden Seiten. Werder Bremen konnte insgesamt die besseren Chancen erarbeiten. Über Bittencourt gelang es ihnen häufiger als Hertha, ins offensive Zentrum zu gelangen. Hertha konnte zwar im Zentrum häufig auf Bremens Fünferkette zulaufen, verlor sich dann aber in Spielverlagerungen und schlechten Abschlüssen.

Die Partie kippte erst, als Hertha-Coach Ante Covic Neuzugang Dodi Lukebakio (56., für Javairo Dilrosun) einwechselte. Dieser Wechsel war nicht taktischer Natur: Lukebakio übernahm Dilrosuns Position als Linksaußen. Ihm gelang es jedoch wesentlich besser als seinem Vorgänger, Werders rechte Seite durcheinanderzuwürfeln.

Gebre Selassie hatte große Mühe, Lukebakios Dribblings Einhalt zu gebieten. Es half nicht, dass Selassie selbst recht offensiv agierte und daher einige Male zu hoch stand. Zudem fehlte in manchen Situationen die Unterstützung für Selassie. Dies funktionierte auf Bremens gegenüberliegenden Seite besser; hier halfen Rashica und vor allem Klaassen besser aus.

Werder Bremen vorne und hinten nachlässig

Nach Lukebakios Ausgleichstreffer (70.) versuchte Werder Bremen, den Siegtreffer zu erzwingen. Kohfeldt brachte in Philipp Bargfrede (81., für Sahin) einen Sechser, der fortan auch bei gegnerischem Ballbesitz im Mittelfeld verblieb. Doch trotz offensiver 4-3-3-Formation in den Schlussminuten: Es blieb beim 1:1-Unentschieden.

Werder zeigte zwar eine reife Leistung im Ballbesitzspiel. Sie hatten genug Chancen, das Spiel vorzeitig zu entscheiden. Ihre Schwächen im Spiel gegen den Ball luden Hertha jedoch ein, den Ausgleichstreffer zu erzielen. Werder tritt noch nicht vollends so auf, wie Kohfeldt sich das vorstellt.

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Das gibt es auch nur beim SVW: Thomas Schaaf hilft bei Werder Bremen als Co-Trainer aus - Grund ist eine Verletzung bei der U23. Zwei Mal 2:2, jetzt 1:1 – der SV Werder Bremen ist nach dem Spiel gegen Hertha BSC zum grün-weißen Eichhörnchen der Bundesliga geworden, das sich etwas mühsam ernährt. Nach der Partie waren Kohfeldt und seine Jungs bedient. Leonardo Bittencourt merkte an: „Wir treten auf der Stelle“ - die Stimmen zum Spiel. Elfmeter oder nicht? Hertha-Stürmer Vedad Ibisevic kam im Strafraum des SV Werder Bremen zu Fall - ein Foul von Keeper Jiri Pavlenka? Werder-Coach Florian Kohfeldt und Vedad Ibisevic im Fernduell. 

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