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Das Ding, das Derby-Geschichte schrieb: Die Papierkugel wird zehn Jahre alt.

Nordderby-Wochen 2009 - Teil 3

Frings: „Die Papierkugel hatten wir uns verdient“

Bremen – Wie sie so daliegt, sieht sie unglaublich harmlos aus. Ein zusammengeknülltes Stück Papier. Etwas, das jeden Tag millionenfach in deutschen Papierkörben landet.

Doch dieses Exemplar landete am 7. Mai 2009 auf dem Rasen des Volksparkstadions und wurde zum Hauptdarsteller in einem der dramatischsten, kuriosesten und wohl auch folgenschwersten Spiele der Nordderby-Geschichte. Es war das Rückspiel im Uefa-Pokal-Halbfinale zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen – der ultimative Höhepunkt total verrückter Derby-Wochen.

An diesem Tag vor zehn Jahren gewann Werder Bremen mit 3:2 beim HSV, schaffte somit trotz der 0:1-Hinspielpleite im Weserstadion den Einzug ins Finale. Und weil die Papierkugel, die längst im Bremer „Wuseum“ bestaunt werden kann, nicht sprechen kann, erinnern sich der damalige Werder-Profi Torsten Frings sowie der damalige Coach Thomas Schaaf an ein Spiel, das allen, die damals – auf welche Art auch immer – dabei waren, auf ewig im Gedächtnis bleiben wird.

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Wegen der Papierkugel: Gravgaard verursacht folgenschweren Eckball

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Papierkugel, die dort auf dem Rasen liegt, aus einer Choreographie stammt, die zur Unterstützung des HSV gedacht war. Doch in der 83. Minute passiert etwas völlig anderes. Michael Gravgaard, der Hamburger Verteidiger, will unbedrängt einen Rückpass zu seinem Torhüter Frank Rost spielen. Doch der Ball wird durch die achtlos aufs Spielfeld geworfene Papierkugel abgelenkt, Gravgaard verursacht einen Eckball. Und in dessen Folge erzielt Werder-Kapitän Frank Baumann das 3:1 – es ist die Entscheidung für die Bremer, die anschließend zwar noch einen Gegentreffer kassieren, doch das juckt niemanden mehr.

Die Papierkugel, der nächste große Sieg über den HSV nach dem DFB-Pokal-Halbfinale wenige Tage zuvor – die Freude darüber dringt lautstark aus der Bremer Kabine. Frings sagt mit einem Jahrzehnt Abstand: „Da haben wir richtig Gas gegeben und haben die Hamburger schon ziemlich provoziert.“ Doch das sei nur die Revanche gewesen für das, was der HSV nach dem Hinspiel im Weserstadion abgeliefert hatte. Frings: „Wir haben es ihnen doppelt und dreifach zurückgezahlt.“

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Frank Baumann nickt ein: Dank des Kopfballtreffers des Kapitäns gegen den HSV zieht Werder Bremen 2009 ins Uefa-Pokal-Finale ein.

HSV provoziert Diego - Bittere Gelbsperre im Finale

Zuvor hatte auf dem Platz eine Atmosphäre geherrscht, die der Ex-Nationalspieler als „hitzig“ bezeichnete: „Da war schon so etwas wie Hass zu spüren.“ Die Bremer wollten das Hinspiel-Ergebnis umdrehen, die Hamburger selbiges verteidigen. Und das laut Frings mit allen Mitteln. Besonders auf Werder-Spielmacher Diego hatten sie es demnach abgesehen gehabt. „Die wollten ihn so provozieren, dass er vom Platz fliegt“, meint Frings.

Tatsächlich bekam Diego nach einer Rudelbildung auch Gelb. Für das Halbfinale hatte das zwar keine Auswirkung, für das Endspiel in Istanbul gegen Schachtjor Donezk war Diego durch die Verwarnung jedoch gesperrt. Frings macht den HSV heute noch für die Spätfolgen dieser Karte verantwortlich: „Dass Diego gefehlt hat, war auch ein Grund, weshalb wir das Finale verloren haben. Leider hat uns das den Titel gekostet.“

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Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © im ago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

Schaaf hatte Papierkugel-Vorfall live gar nicht mitbekommen

Aber die gute Erinnerung an eines der bemerkenswertesten Spiele der Club-Geschichte gehört allein den Bremern. Wenngleich die Papierkugel-Geschichte in Echtzeit an dem einen oder anderen vorbeigerauscht war. Zum Beispiel an Thomas Schaaf: „Ich habe das damals gar nicht mitbekommen.“ Schlussendlich überstrahlte die Papierkugel auch eine überzeugende Bremer Leistung. „Die Mannschaft hat sich unglaublich reingeworfen. Das war der Hammer“, sagt Schaaf im Rückblick. Frings sieht es gerne so: „Die Papierkugel hatten wir uns wirklich verdient.“

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Und die Hamburger? Sie litten. Ganz fürchterlich sogar, wie Michael Gravgaard in der „Bild“-Zeitung zugab: „Wenn es gegen Frankfurt und Leverkusen gewesen wäre: schlimm. Aber es war gegen Werder. Schlimmer hätte es nicht sein können. Als Fußballer lernst du: Sei hart, sei ein Kerl. Aber das war unglaublich schmerzhaft für uns.“

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