Trainer Florian Kohfeldt steht beim Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg an der Seitenlinie und gestikuliert: Er zeigt mit dem rechten Arm
+
Die Taktik von Werder Bremen ging gegen den VfL Wolfsburg nicht so auf, wie sich Trainer Florian Kohfeldt das gewünscht hätte.

3:5-Scheibenschießen am Freitag

Kuriose Torflut und wacklige Abwehr: Taktik-Analyse zur Werder-Pleite in Wolfsburg

Werder Bremen schießt drei Tore, kassiert aber auch fünf – und verliert damit gegen den VfL Wolfsburg. Die Torflut mutet umso kurioser an, wenn man das Spielgeschehen betrachtet. Warum Werders Defensive nach Wochen der Stabilität bröckelte, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Sportjournalisten kennen das Gefühl: Sobald sie eine Mannschaft oder einen Spieler loben, werden sie kurze Zeit später Lügen gestraft. „Commentator’s curse“ nennt sich dieses Phänomen im Englischen, der Fluch des Kommentators. Die Leistung des SV Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg war ein prächtiges Beispiel für diesen Fluch.

Nachdem in den vergangenen Wochen viele Medien, auch der Autor dieses Artikels, die Defensive der Bremer als neue Stärke ausgemacht hatten, kassierten sie gegen die Wölfe direkt fünf Gegentore. Wie kann das sein?

Werder Bremen-Taktik-Analyse gegen VfL Wolfsburg: Werder setzt auf passive Konterstrategie

Nominell veränderte Werder-Trainer Florian Kohfeldt seine Taktik im Vergleich zu den vergangenen Partien nicht. Werder Bremen begann mit einem defensiven 5-2-3-System. Die drei Angreifer blieben im gegnerischen Spielaufbau passiv. Sie sollten die Passwege in das Zentrum schließen. Wolfsburg durfte den Ball in der Abwehrkette laufen lassen, wurde aber gestört, sobald sie den Ball ins Mittelfeld passten.

Werder setzte also abermals auf eine passive Konterstrategie. Ihr Ballbesitzwert lag erneut bei unter 40 Prozent. Der VfL hingegen nahm die Aufgabe an, einen passiven Gegner zu knacken. Ihre Innenverteidiger kontrollierten das Spiel. Dabei erhielten sie immer wieder Unterstützung von Sechser Maximilian Arnold. Er ließ sich fallen, sodass die beiden Außenverteidiger weit vorrücken konnten.

In den ersten Minuten schien es noch so, als könne Werder Bremen mit der eigenen Kompaktheit die Wolfsburger schachmatt setzen. Doch mit der Zeit offenbarten sich die Schwachstellen des Bremer Spiels.

Werder Bremen-Taktik-Analyse gegen VfL Wolfsburg: Yuya Osako ist kein Josh Sargent

Die Defizite begannen in der vordersten Linie: Yuya Osako übernahm die Rolle des alleinigen Stürmers. Er war bemüht, ständig den Passweg der „Wölfe“ ins Mittelfeldzentrum zu blockieren, wie dies Josh Sargent (fehlte verletzt) in den vergangenen Partien so gut gelungen war. Häufig orientierte er sich jedoch am gegnerischen Sechser und öffnete damit den Passweg für die gegnerischen Innenverteidiger.

Beim Treffer zum Wolfsburger 3:2 war dieses Problem am deutlichsten zu erkennen: Bei etwas besserer Positionierung hätte Osako den Passweg geschlossen für den langen Ball von Maxence Lacroix. Osako machte seine Sache ordentlich, aber nicht perfekt – und der VfL Wolfsburg bestrafte diese Fehler.

Die zweite Bremer Schwachstelle: Gerade nach dem Treffer zum 1:0 agierten sie zu passiv. Sie ließen sich von Wolfsburg an den eigenen Strafraum drängen und rückten zu selten aggressiv heraus, sobald der Ball geklärt wurde. Dies war deutlich zu erkennen beim 1:1-Ausgleichstreffer: Lacroix durfte hier weit in die gegnerische Hälfte marschieren und konnte unbedrängt den Ball zu Ridle Baku passen.

Die Grafik zeigt, wie Werder Bremen versucht hat, das Zentrum zu schließen: Die Außenstürmer rücken weit ein, um zusammen mit Yuya Osako den Passweg ins Zentrum zu schließen. Der VfL Wolfsburg konterte mit zurückfallenden Sechsern und weit vorrückenden Außenverteidigern.

Werder Bremen-Taktik-Analyse gegen VfL Wolfsburg: Werder kommt systematisch fast nicht vor das Tor

Diese Schwachstellen bei Werder Bremen mögen wie marginale Details wirken. Sie sind aber entscheidend angesichts der Bremer Strategie. Über weite Strecken eines Spiels passiv zu verteidigen funktioniert nur, wenn sämtliche Spieler dem Plan durchgehend folgen. Kleinere Schwächen verschaffen dem Gegner sofort Raumgewinn, gerade wenn der Gegner individuell so hochklassig besetzt ist wie der VfL Wolfsburg.

Ein weiteres Problem an diesem Abend dürfte Werder-Fans altbekannt vorkommen: Den Bremern mangelte es an offensiven Aktionen. Das klingt seltsam angesichts dreier Tore. Diese fielen aber nach einer Standardsituation (Kevin Möhwalds 2:0) sowie nach zwei krassen Fehlern der Wolfsburger Innenverteidiger. Systematisch kam Werder fast nicht vor das Tor. Das bezeugen die nur fünf abgegebenen Torschüsse.

Werders Spielaufbau wusste dabei sogar zu gefallen. Sie lockten die aggressiv pressenden Wolfsburger auf eine Seite und kombinierten sich danach mit diagonalen Pässen in das Zentrum zurück. Es fehlte aber in der Folge fast immer eine Anschlussaktion, ins letzte Drittel kam Werder Bremen auf diese Art praktisch nie. Abermals fehlte ein Spieler, der in vorderster Linie für Tiefe sorgt.

Werder Bremen mit Luft nach oben: Spieler und Taktik nicht bei 100 Prozent - schon fünf Gegentore

Immer wieder versuchte Florian Kohfeldt, seiner Mannschaft mit taktischen Umstellungen neues Leben einzuhauchen. Zwischendurch beorderte er Milot Rashica als zweiten Stürmer neben Osako. Im 5-3-2 hatten die Bremer offensiv etwas mehr Wucht, hatten aber auch größere Probleme, die Flügel zu verteidigen. Nach der Gelb-Roten Karte gegen Möhwald versuchte Bremen, in einem improvisiert wirkenden 4-2-2-1 noch einmal für Torgefahr zu sorgen. Vergebens.

Es war ein kurioses Spiel: Wolfsburg gelangen bei 13 Schüssen fünf Tore, Werder machte gar aus fünf Schüssen drei Tore. An anderen Tagen wäre diese Partie 1:1 oder 1:2 ausgegangen. An diesem Abend war jeder zweite Schuss ein Treffer.

Und doch deckten die Wolfsburger die Schwachstellen der Bremer Defensive auf. Die 3:5-Niederlage widerlegt nicht nur diejenigen, die Werders Abwehr bereits als neue Stärke ausgemacht hatten. Sie beweist zugleich, wie fragil das Bremer Gebilde noch ist. Ein Tag, bei dem Spieler und Taktik nicht bei 100 Prozent sind – und schon kassieren die Bremer fünf Gegentore. Werder Bremen hat trotz des guten Saisonstarts noch viel Verbesserungspotential.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare