Giovane Elber trägt einen Ohrhörer von einer TV-Übertragung im Ohr und schaut nach oben
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Giovane Elber, ehemals FC Bayern München, spricht im Interview über die Entwicklung des SV Werder Bremen.

Vor Werder gegen FC Bayern

Ex-Torjäger Elber im Interview über den SV Werder Bremen: „Nur Rashica wäre einer für die Bayern“

Bremen – Sagen wir es so: Seinen Ruf als Torjäger hat sich Giovane Elber nicht in Spielen gegen Werder Bremen erworben. Nur drei Treffer in 13 Partien - gemessen an der Gesamtbilanz von 133 Treffern in 260 Bundesliga-Einsätzen ist das eine eher dürftige Ausbeute.

Werder Bremen, so sagt es der 48 Jahre alte Brasilianer im Interview mit der DeichStube, war zu seiner aktiven Zeit eben „eine echte Hausnummer“. Getoppt jedoch vom FC Bayern, mit dem Giovane Elber zwischen 1997 und 2003 vier Meistertitel holte, dreimal den DFB-Pokal gewann und 2001 auch in der Champions League triumphierte. Heute lebt der Torschützenkönig von 2003 in seiner Heimat, hat aber immer noch ein Auge auf die Bundesliga und den deutschen Fußball.

Haben Sie am Dienstag Fußball geschaut, Giovane Elber?

Oh ja, es war schrecklich. Ein Spiel zum Vergessen für die deutsche Nationalelf. Nichts, aber auch gar nichts hat funktioniert.

Ist dieses 0:6 gegen Spanien zu vergleichen mit dem 7:1 der Deutschen 2014 in Belo Horizonte, das einer nationalen Tragödie für Brasilien gleichkam?

Das Resultat tut schon weh – für die Deutschen genauso wie für uns Brasilianer vor sechs Jahren. Doch der Vergleich hinkt schon gewaltig. Damals war es eine Weltmeisterschaft, ein Halbfinale, also ein Match mit einem ganz anderen Gewicht als diese vergleichsweise unbedeutende Partie in dieser ungeliebten Nations League.

Es gab das unrühmliche WM-Aus in Russland, dazu zuletzt enttäuschende Leistungen: Wie hat sich der Stellenwert des deutschen Fußballs in Ihrer Heimat entwickelt seit dem bestaunten WM-Gewinn 2014?

Das Ansehen ist noch recht hoch. Die Brasilianer schätzen am deutschen Fußball immer noch die Fähigkeit und Bereitschaft, auf den Punkt fit und konkurrenzfähig zu sein. Wenn ein Turnier startet, sind die Deutschen zu beachten. 

Ex-FC-Bayern-Star Giovane Elber im Interview: „Ich habe um Werder Bremen gezittert“

Als sie noch spielten, spielte Werder eine gewichtige Rolle in der Bundesliga, war daher auch weltweit eine bekannte Nummer. Wie hat sich dies inzwischen entwickelt? 

Werder ist immer noch ein Name mit Klang, auch in Brasilien. Doch mittlerweile wird mehr über die glanzvolle Vergangenheit geredet als über die Gegenwart, die eher trist ist.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Clubs?

Es läuft nicht mehr so optimal für Werder, vor allem in der letzten Spielzeit. Da hatte ich ernsthaft Sorge, dass der Verein in die 2. Liga absteigt. Ich habe um Werder gezittert. Zum Glück ist es dazu nicht gekommen. Ich finde gut, dass Bremen es mit viel Glück in der Relegation noch mal geschafft hat. 

An welche Spiele gegen Bremen als Profi von Stuttgart, Bayern und Gladbach erinnern Sie sich noch heute?

Im Gedächtnis geblieben ist mir ein Spiel, bei dem ich schon nicht mehr in der gegnerischen Mannschaft stand. 2004, dieses Meisterstück der Mannschaft um Thomas Schaaf. Sie haben im Olympiastadion gewonnen, haben dort im Duell mit den Bayern den Titel perfekt gemacht. Erst ein Jahr zuvor hatte ich München verlassen, von daher hatte ich noch immer einen nahen Bezug zu den Bayern. Ich weiß deshalb einzuschätzen, wie dieser Triumph zu bewerten ist. 

Giovane Elber über Werder Bremen: Früher „perfekte Einheit ohne Schwachpunkt“, heute im „Abwärtstrend“

Und eine Partie, bei der Sie mitgewirkt haben?

Besonders war das Pokalfinale 1999, bei dem ich im Kader stand, indes auch nicht dabei war. Ich war angeschlagen, eine Knieverletzung. Es war ein besonderes Spiel, nur drei Tage nach unserer unglücklichen Niederlage gegen Manchester United in der Champions League. Die Riesenenttäuschung wirkte sich aus, wir alle waren nicht bei der Sache und verspielten so den zweiten möglichen Titel. Aus der Traum vom Triple, am Ende blieb nur die Meisterschaft.

Bei Werder war es der Startschuss zu einer glorreichen Epoche, der Beginn der erfolgreichen Ära mit Trainer Thomas Schaaf.

Die Mannschaft aus Bremen zu jener Zeit war schon eine Hausnummer. Eine Elf ohne Schwachpunkt: Ismael hinten, Micoud als Regisseur, ganz der Chef, und vorne mein Landsmann Ailton an der Seite von Ivan Klasnic. Eine perfekte und eingespielte Einheit. 

Lange ist es her. Wie beurteilen Sie das schwächere Abschneiden der Bremer seit einem Jahrzehnt?

Eine schwer zu beantwortende Frage, weil ich natürlich nicht ganz so nah dran bin. Was ich sehe, ist dieser seit Jahren anhaltende Abwärtstrend. Die Mannschaft ist in eine Abwärtsspirale geraten, die sich nachteilig auswirkt. Das beste Beispiel ist die letzte Spielzeit, als auch noch Verletzungsprobleme das Ganze erschwert haben.

Giovane Elber: Milot Rashica von Werder Bremen einer für FC Bayern München - „doch damit meine ich den guten Rashica“

Früher hatten Sie auf dem Rasen häufig mit Frank Baumann zu tun. Als Manager ist der ehemalige Gegenspieler nun der verantwortliche Mann bei Werder. Wie schätzen Sie seine Arbeit ein?

Baumann tut, was er kann. Die Voraussetzungen bei Werder sind, wie jeder weiß, eingeschränkt. Er muss improvisieren und sich einschränken. Als Manager agiert er dabei, so beobachte ich es, wie schon als Spieler. Immer ruhig und sachlich, nie aufgeregt, sehr umsichtig und souverän.

Zielen Sie damit besonders auf sein Verhalten im Abstiegskampf des letzten Spieljahres ab, als Baumann trotz erheblicher Kritik und Einwände von außen am Trainer festgehalten hat?

Ich fand es gut. Ich begrüße, dass Florian Kohfeldt eine weitere Chance bekommen hat. Und der Start in diese Saison hat bewiesen, dass es sich ausgezahlt hat. Werder hat gepunktet und scheint die Kurve zu kriegen.

Früher wechselten Bremer Spieler häufiger zu den Bayern. Herzog und Basler, Frings und Borowski beispielsweise. Wer aus der aktuellen Werder-Mannschaft wäre überhaupt ein Kandidat für den glänzend besetzten Kader in München?

Gute Frage. Die Bayern haben jede Position doppelt besetzt, nicht einfach mit Edelreservisten oder Ergänzungsspielern, sondern mit Qualitätsprofis. Wenn einer verletzt ausfällt oder gesperrt ist, wird dieser ohne große Mühe gleichwertig ersetzt. Somit ist das Anforderungsprofil an einen Kandidaten recht hoch. Ich sehe nur ganz wenige Werder-Akteure, die diesen Ansprüchen genügen. Eigentlich nur einen Spieler, der diese Maßstäbe erfüllt: Milot Rashica, der gewisse Fähigkeiten besitzt, der eine Rolle spielen könnte. Doch damit meine ich den guten Rashica, den Stürmer, wie er sich vor einiger Zeit in der Liga präsentiert hat. Zuletzt ist er in ein Formtief geraten, hat unter Verletzungen gelitten.

Werder Bremen ohne Chance gegen FC Bayern München? Giovane Elber empfiehlt Mut und Selbstbewusstsein

Zu den Bayern: Ist die heutige Mannschaft stärker als die Formation zu Ihrer Zeit?

Viel stärker, da gibt es für mich keinen Zweifel. Bei Bayern spielen die besten deutschen Spieler sowie bärenstarke Ausländer wie Weltmeister aus Frankreich, wie Alaba oder Lewandowski. Die Breite des hochklassigen Aufgebots ist beeindruckend.

Was zeichnet Trainer Hansi Flick aus? Wie hat er es geschafft, aus den herausragenden Solisten eine starke Einheit zu formen?

Flick ist für mich ein Phänomen. Beim Champions-League-Turnier in Portugal war ich vor Ort, ganz nah an der Mannschaft. Ich konnte beobachten, wie er arbeitet. Er hat mit allen intensiv kommuniziert, mit Spielern und dem Vorstand, mit seinen Kollegen im Trainerstab und dem Team hinter dem Team, selbst für Gespräche mit mir hatte er Zeit. Diese Offenheit für alle, dieser Umgang und diese Menschlichkeit sind seine großen Qualitäten. Hansi Flick ist für mich ein grandioser Menschenfänger. Und er schenkt seinen Spielern ein enormes Vertrauen, sie zahlen es ihm zurück.

Gerade in Heimspielen ist Bayern für den Großteil der Bundesliga ein kaum zu schlagender Gegner. Haben Sie ein Rezept, wie Kohfeldt mit seinen Bremern dort auftreten soll?

Die meisten Bundesligisten machen den Fehler, mit einer gehörigen Portion Angst nach München zu fahren. Sie sollten dort selbstbewusster auftreten und versuchen gegenzuhalten. Ich habe Zitate von Florian Kohfeldt zu Beginn der Woche gelesen, die in diese Richtung zielen. Das finde ich gut.

Doch bei den Bayern zu bestehen und nicht unterzugehen, ist leichter gesagt als getan.

Mag sein, man braucht schon viel Glück, um in der Arena nicht unter die Räder zu kommen. Und noch viel mehr Glück, um dort zu punkten. Ich erinnere mich, was uns Ottmar Hitzfeld vor Spielen gegen hochklassige Kontrahenten wie Real oder Barca immer gesagt hat: Habt genug Mut! Wir müssen in der Defensive kompakt stehen, möglichst wenig zulassen. Im Laufe des Spiels ergeben sich dann für uns Konter und auch Chancen.

Auch interessant: So könnt Ihr das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den FC Bayern München live im TV oder Live-Stream schauen.

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