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Für Werder-Coach Florian Kohfeldt sind die selbstgesteckten Ziele alles andere als als in weiter Ferne.

Nach dem 22. Spieltag

Werder glänzt wie PSG und „Juve“ - aber dem Schein fehlt noch das Sein

Bremen – Paris St. Germain – das ist großer Glamour, das ist Highend-Fußball-Business, das ist die große weite Welt. Juventus Turin – das ist Traditionsgigantismus, das ist der ewige Erfolg in schwarz und weiß. Und dann Werder Bremen. Das ist, nun ja, auch nicht schlecht.

Aber irgendwie erliegen wohl doch nur die verwegensten unter den Fans der Versuchung, den kleinen SV Werder auf eine Stufe mit Größen wie PSG und „Juve“ zu stellen. Und doch: einen Grund gibt es aktuell, genau dies zu machen. Denn neben den Parisern und den Turinern gehören einzig noch die Bremer zu jenen Teams aus den fünf europäischen Top-Ligen (England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich), die in der laufenden Saison in jedem Ligaspiel ein Tor erzielt haben.

Was unterscheidet Werder von PSG und „Juve“?

Bei Juventus sind das schon 24 Partien, bei PSG 23 Spiele, bei Werder 22. Was aber die Grün-Weißen von den Schwergewichten unterscheidet, ist dies: PSG und „Juve“ sind in Frankreich und Italien souveräne, unangefochtene Tabellenführer. Werder indes braucht jedes Tor in jedem Spiel, um sich vielleicht doch noch aus dem Mittelmaß der Bundesliga zu erheben und der europäischen Sonne entgegenzustreben. Dass das nicht so leicht ist, zeigt der Start in die Rückrunde. Der ist für Werder bei fünf Spielen ohne Niederlage grundsätzlich gut verlaufen, dennoch kommt das Team allenfalls im Schneckentempo voran.

Konkret: Werder verharrt auch nach Spieltag 22 noch auf Platz zehn (wie nach Hinrundenabschluss), und mit neun Punkten im Jahr 2019 liegt das Team von Trainer Florian Kohfeldt auch etwas hinter der Hinrundenausbeute aus den ersten fünf Partien (elf Zähler) zurück, der Abstand auf Platz sechs ist aber um ein Pünktchen von fünf auf vier geschrumpft. Frage: Ist das genug, um den Glauben an Europa bewahren zu können? Ist das genug, um an eine Aufholjagd in der schon angebrochenen Crunchtime der Liga glauben zu können?

Für Coach Kohfeldt gibt es darauf nur eine Antwort: Ja! Denn er sieht in der Torserie seiner Mannschaft einen klaren Hinweis auf deren Mentalität und deren Glauben an den Erfolg – mit dem Präzedenzfall des 1:1 bei Hertha BSC inklusive des späten Ausgleichs durch Claudio Pizarro am Samstag. Das Spiel war nicht perfekt, „aber ich habe auch viele positive Dinge gesehen. Dazu gehört eben auch dieses Bemühen. Du schießt in jedem Spiel ein Tor, weil du nie aufhörst, daran zu glauben. Da steckt schon ein Zusammenhang drin. Immer an dieses Tor zu glauben, immer nach vorne zu spielen. Ich bin sehr zufrieden, dass meine Mannschaft für so etwas steht“, erklärte Kohfeldt.

Weiter. Immer weiter.

Man könnte das, was Werder Bremen zeigt, auch mit dem alten Oliver-Kahn-Mantra „Weiter! Immer weiter!“ beschreiben. Denn so spielt Werder. Weiter. Immer weiter. Bis in der sechsten Minute der Nachspielzeit doch noch ein Tor gelingt, ein Punkt gerettet wird. Und nebenbei auch der Glanz erhalten wird, der sonst nur noch von Paris St. Germain und Juventus Turin ausgeht.

Claudio Pizarro netzt in der sechsten Minute der Nachspielzeit das 1:1 gegen Hertha BSC - und kront sich zum ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte.

Pizarro, der Held von Berlin, hat das, was die Bremer Elf beseelt, in einem Interview mit der DeichStube vor Rückrundenstart so beschrieben: „Wir wollen nach Europa, und ich bin mir sicher, dass wir bekommen, was wir wollen. Ich glaube, ihr werdet alle überrascht sein, über das, was wir noch zeigen werden.“ Tatsächlich haben die Bremer seit dem Re-Start der Liga im Januar zweimal überrascht. Einmal negativ beim 1:1 in Nürnberg, dem Ausreißer nach unten. Einmal positiv bei der Pokalsensation in Dortmund. Alles andere bewegt sich im Rahmen des Erwartbaren. 

Werder braucht aber mehr, um noch angreifen zu können. Ein Sieg in Berlin wäre so ein „Mehr“ gewesen. Letztlich war es „nur“ ein Punkt, zudem noch ein glücklicher. Kohfeldt reflektiert das einerseits kritisch („Das Team hat den Plan nicht umgesetzt“), andererseits will er auch nicht überdrehen: „Ich setze nicht zu großer Kritik an. Sonst müssten wir uns rote Trikots anziehen, auf denen Bayern München steht. Aber das will ich nicht.“ Soll heißen: Perfektion und immer nur das Maximum sind nicht der Maßstab, der ernsthaft angelegt werden kann.

Ausrutscher nicht erlaubt

Trotzdem muss es in den kommenden Wochen deutlich vorangehen. Mit einem Sieg über den VfB Stuttgart würde Werder die eigene Hinrundenbilanz überflügeln, sich in der Tabelle möglicherweise verbessern und den Rückstand auf Platz sechs weiter verkürzen. 

Danach müssen die Bremer den Rahmen des Erwartbaren verlassen und die Big Points einsammeln. Gegen Wolfsburg, gegen Leverkusen, gegen Gladbach, gegen die Bayern – es werden Herausforderungen im Zwei-Wochen-Takt. Und dazwischen immer wieder Aufgaben, die auf dem Bremer Weg Pflichtaufgaben sein müssen – Schalke, Mainz, Freiburg. Ausrutscher nicht erlaubt. Und die Voraussetzung für alles bleibt die eigene Torserie. Die muss halten.

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