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Die Fitmacher bei Werder Bremen: Die Athletiktrainer Günther Stoxreiter (l.) und Axel Dörrfuß sorgen dafür, dass die Profis körperlich an ihre Grenzen gehen können.

Athletiktrainer Dörrfuß und Stoxreiter im Fokus

Der gläserne Werder-Profi berichtet auch von seinem Schlaf

Grassau – Der Laptop steht wie immer am Spielfeldrand, ein Profi von Werder Bremen wirft einen Blick darauf und ruft: „Überall Totenköpfe.“

Alle, die es gehört haben, lachen. Es war ein guter Scherz, eine schöne Abwechslung in einer kurzen Pause der harten Trainingsarbeit in der Hitze von Grassau. Totenköpfe sind auf dem Laptop natürlich nicht zu sehen, sondern nur zahlreiche Live-Daten der Spieler. Sie sind mit GPS-Sendern ausgestattet.

Die Zahlen entscheiden mit, wie lange ein Training dauert: nicht unbedingt 90 Minuten, sondern eher sechs Kilometer. Der Werder-Profi wird immer gläserner, er berichtet dem Club sogar jeden Morgen von seinem Gewicht oder seinem Schlaf. „Das ist wichtig“, sagt Axel Dörrfuß, Leiter Athletik und Performance beim SV Werder Bremen. Gemeinsam mit Athletiktrainer Günther Stoxreiter nimmt er sich im Trainingslager viel Zeit, um der DeichStube einen Einblick in das Thema Fitness zu gewähren. Die wichtigste Frage ist natürlich: Wann wird die Mannschaft topfit sein?

Werder Bremen: Limit im athletischen Bereich fast erreicht

Und die Antwort ist zunächst ernüchternd. „Keine Mannschaft kann am ersten Spieltag bei ihr volles Leistungspotenzial abrufen“, sagt Dörrfuß. Dafür sei die Vorbereitung von vier bis sechs Wochen zu kurz. Es helfe auch nichts, dass es bei Werder gar keine echte Pause gibt. Die Profis dürfen und sollen sich nach Saisonschluss zwar ein paar Tage ausruhen, dann haben sie aber einen klaren Plan. „Natürlich ist es super wichtig, dass die Jungs richtig psycho-physisch regenerieren. Aber das heißt nicht zwangsläufig, passiv zu sein“, erklärt Dörrfuß. Die Arbeit der Profis im Urlaub sei die Grundlage für die ganze Saison, weil die Vorbereitung auf einem ganz anderen Level beginnen könne.

Sonne, Strand und Spaß sind zwar weiterhin erlaubt und auch erwünscht, aber der regelmäßige Sport gehört inzwischen mit dazu. „Wir haben im Leistungsfußball eine andere Kultur, ich sage ganz bewusst nicht eine bessere“, erzählt Dörrfuß. Der 48-Jährige will auf keinen Fall abfällig über das Leben der Ex-Profis sprechen. Aber die heutigen Bundesliga-Akteure seien durch ihre Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren ganz anders geschult. „Mit dem Lifestyle von vor 15, 20 Jahren wäre es nicht mehr möglich, auf dem heutigen Level zu performen“, betont Dörrfuß: „Wir nähern uns dem Plateau, was den athletischen Bereich betrifft.“

Axel Dörrfuß (l.) ist bei Werder Bremen Leiter Athletik und Performance unter Trainer Florian Kohfeldt.

Trainer bei Werder Bremen wollen wissen, warum ein Spieler schlecht schläft

Um diesen höchsten Punkt wirklich erreichen zu können, wird bei Werder so viel gemacht, wie nie zuvor. Der Mitarbeiterstab rund um die Mannschaft hat sich enorm vergrößert. „Es geht um Gesundheit und Leistung“, sagt Dörrfuß: „Die Mediziner, die Physiotherapeuten, die Athletiktrainer und der Psychologe arbeiten mit den Trainern Hand in Hand, um den Spielern zu helfen.“ Dabei sei die Kommunikation enorm wichtig, betont Stoxreiter. Ein kleines Trainerteam alleine könne das alles gar nicht bewältigen.

Das geht schon in der Frühe los. „Wir reden schon auch mal mit den Spielern darüber, wie sie geschlafen haben.“ Gibt es Probleme, werden Dörrfuß und Co. aktiv. „Dann fragen wir beim Spieler nach“, sagt Stoxreiter: „Wir wollen herausfinden, warum er schlecht geschlafen hat. Vielleicht ist einfach nur die Raumtemperatur zu hoch, oder er hat zu spät gegessen.“ Die Auswirkungen können aber enorm sein. Ein nicht ausgeschlafener Spieler ist nicht so leistungsfähig und möglicherweise verletzungsanfällig. Deshalb werden auch die Blutwerte der Profis ermittelt, die Herzratenvariabilität wird regelmäßig gemessen, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Der Club bietet seinen Spielern eine spezielle Ernährung an.

Werder Bremen: Profis tragen GPS-Sender auf dem Rücken

Seit zwei Jahren betreibt Werder das Regenerationsmanagement auf diesem Level und verfügt nun über „valide Informationen“ (Dörrfuß). Es sei nicht selbstverständlich, dass sich die Profis darauf eingelassen haben. „Das sind doch zum Teil schon gestandene Männer. Da ist Vertrauen ein ganz großes Thema, das müssen wir uns erarbeiten“, sagt Dörrfuß und stellt zufrieden fest: „Die Spieler haben verstanden, wofür wir die Informationen brauchen. Es ist eine komplette Akzeptanz da, weil wir unserer Sorgfaltspflicht nachkommen und sensibel mit den Daten umgehen. Es geht ausschließlich um den Spieler selbst – nicht um einen Vergleich.“

Jeder Profi soll optimal vorbereitet sein. Der GPS-Sender, den die Spieler in einer Weste auf dem Rücken tragen, liefert live diverse Daten (Laufdistanz, Geschwindigkeitszonen, Beschleunigungen, Abbremsverhalten, Maximum-Speed, Herzfrequenz). Bislang durfte der Sender in Pflichtspielen nicht getragen werden, dort werden die Daten (allerdings nicht alle) anders ermittelt. Das könnte sich bald ändern.

Werder Bremen: Athletische Überraschungen fast ausgeschlossen

Während des Trainings schauen Dörrfuß, Stoxreiter und Co. regelmäßig auf den Laptop. Dann wird Cheftrainer Florian Kohfeldt informiert. Der passt das Training möglicherweise an, um die zuvor gesetzten Laufziele zu erreichen. Fast immer geschieht das in spielerischer Form. Partien auf dem Kleinfeld sorgen zum Beispiel für ein erhöhtes Abbremsverhalten. Gerne wird über die Grenze hinaus trainiert. Dann fällt es dem Spieler später leichter in einer Bundesliga-Partie, die Grenze zu erreichen, weil er das Gefühl schon kennt.

Athletische Überraschungen im Spiel sind fast ausgeschlossen. „Durch unsere Erfahrung mit dem Spieler und die vielen Daten wissen wir, wie er performen wird“, sagt Dörrfuß. Trotz dieses Wissens freut er sich nach dem Abpfiff auf die Zahlen, dann geht es schnell zum Rechner. „Natürlich sind wir Athletiktrainer etwas datenversessen und wollen sehen: Wie performen wir und wie die anderen? Nur so bekommen wir Objektivität rein, denn die Betrachtung eines Spiels ist immer subjektiv.“

Axel Dörrfuß: Werder Bremen im Bereich Athletik unter den „Top Fünf“ der Bundesliga

Angesprochen auf ein Bundesliga-Ranking im Bereich Athletik ordnet Dörrfuß Werder sofort in den „Top Fünf“ ein: „Die Athletik darf uns nie im Weg stehen, unsere Ziele zu erreichen.“ Das ist keine Arroganz, sondern ein Anspruch. Gerade Vereine wie Werder, die sich nicht immer die besten Spieler leisten könnten, müssten deshalb in den anderen Bereichen umso besser sein. Doch Dörrfuß und Stoxreiter sind alles andere als zufrieden, wenn nur ihre Zahlen stimmen. „Das Ergebnis des Spiels steht über allem, sonst wären wir fehl am Platz“, stellt Stoxreiter klar. Der 38-Jährige warnt in diesem Zusammenhang auch alle Nicht-Experten zu versuchen, die öffentlich zugänglichen Daten selbst zu interpretieren. Diese Zahlen müssten erst aufbereitet und in Relation gesetzt werden: „Die Bayern haben meistens die geringere Laufdistanz, haben aber 70 Prozent Ballbesitz und gewinnen sehr, sehr oft.“

Die Spieler selbst interessieren sich mal mehr oder weniger für ihre Daten. Besonders interessant seien natürlich die drei Leistungstests, die pro Jahr gemacht werden. Sie geben Aufschluss über die Entwicklung eines Spielers – und dementsprechend werden die Ziele gesetzt. Gleichzeitig wird nach neuen Feldern gesucht, um den Spieler zu fördern. Da gibt es zum Beispiel das Thema Bewegungsmuster. So verriet Kohfeldt kürzlich, dass Maximilian Eggestein an seinem Bewegungsablauf bei der Ballmitnahme arbeitet, um noch dynamischer zu werden.

Günther Stoxreiter arbeitet bei Werder Bremen als Athletiktrainer.

Gehirn soll schneller werden: Kognitives Training bei Werder Bremen immer wichtiger

Dabei helfen auch Bilder einer Drohne, die immer mal wieder über dem Trainingsplatz schwebt. Zukünftig wird sich Werder noch intensiver mit dem Thema kognitives Training beschäftigen. Kurz gesagt geht es darum, das Gehirn der Spieler schneller zu machen, um ihnen bei der Entscheidungsfindung auf dem Platz mehr Zeit zu verschaffen. Auch das periphere Sehen spielt eine wichtige Rolle, die Profis sollen einen größeren Blickwinkel bekommen.

Aber wie verarbeiten die Eggesteins und Co. das alles? Werden sie nicht irgendwann überfordert? Schummeln sie nicht bei den diversen Fragebögen, um im knallharten Bundesliga-Geschäft möglichst perfekt dazustehen? „Das sind wichtige Fragen, die wir uns auch immer wieder stellen“, sagt Dörrfuß. „Natürlich gehört Perfektion zum Leistungssport. Aber eine Kernbotschaft von uns ist: Perfektion gibt es nicht 24 Stunden an sieben Tagen der Woche. Wenn wir die Perfektion am Spieltag ansteuern, haben wir schon sehr viel erreicht. In der Woche ist es manchmal sogar gewünscht, nicht 100 Prozent perfekt zu sein.“

Werder Bremen: Mannschaft soll zwischen fünftem und achtem Spieltag topfit sein

Es würden auch nicht alle Spieler alle Angebote komplett nutzen. „Es gibt diese Ausnahmen noch“, berichtet Dörrfuß: „Diese Ausnahmen offenbaren aber auch die Stärke des Konzepts. Wir wollen Individualität beibehalten. Wenn wir die Spieler, die sich daran reiben, trotzdem weiterentwickeln, ohne dass sie sich daran stören, haben wir ein gutes Konzept.“ Stoxreiter lässt sogleich noch ein Lob folgen: „Die Bereitschaft der Spieler, mit uns zu arbeiten, ist enorm. Da haben wir auch etwas Glück, dass es so gut passt.“

Und wann ist die Mannschaft nun topfit? „Zwischen dem fünften und achten Spieltag – das ist bei uns wie bei den meisten anderen Teams der Bundesliga. Kein Team wird am ersten Spieltag die Daten abliefern, die es am elften Spieltag abliefern wird“, sagt Dörrfuß, weiß aber um die Brisanz dieser Aussage und beruhigt: „Unsere Mannschaft wird am ersten Spieltag so fit sein, dass sie den Spieltag erfolgreich bestreiten kann, dass es dann keine physischen Limits gibt.“ (kni)

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