Werder-Coach Kohfeldt zeigte beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg eine Achterbahnfahrt der Emotionen.
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Werder-Coach Kohfeldt zeigte beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg eine Achterbahnfahrt der Emotionen.

Werder sorgt sich um die Stimmung, dabei ist es der beste Saisonstart seit fünf Jahren

Zu große Hoffnung, zu großer Frust

Wenn die Saison schon jetzt vorbei wäre, dürfte Werder wahrscheinlich noch hoffen – und zwar tatsächlich auf Europa.

Als Tabellensiebter könnte es reichen, wenn eine vor Werder platzierte Mannschaft den DFB-Pokal gewinnt. Doch von Hoffnung ist in Bremen nach drei Spieltagen wenig zu spüren. Der späte Ausgleich der Gäste aus Nürnberg war am Sonntag ein Stimmungskiller sondergleichen. Es gab nach dem 1:1 gegen den Aufsteiger sogar Pfiffe, eine absolute Ausnahme im Weserstadion. Das besorgt Werder.

So klar mag das öffentlich allerdings niemand sagen, um das Thema nicht noch größer zu machen und um nicht als Mimose dazustehen. Doch für die nun anstehende Woche, in der die Tabelle gemacht wird, wie es so schön bei drei Spielen in nur acht Tagen heißt, setzt der Club auf einen Sinneswandel, auf eine faire Einschätzung nach fünf Punkten aus drei Spielen. Das ist ganz nebenbei der beste Start seit 2013, als unter dem damaligen Coach Robin Dutt sechs Zähler nach drei Partien auf dem Konto standen. Doch darüber wird kaum gesprochen. Die Skeptiker finden gerade mehr Gehör – aber warum nur? Ein Erklärungsversuch:

Liegt es an der mutigen Zielsetzung?

Ganz bestimmt! Wer sich hohe Ziele setzt, wird erst dafür gefeiert, dann sofort daran gemessen und schließlich bei der ersten kleinen Schwäche dafür kritisiert. So ist das im Fußball, im Sport und irgendwie auch im ganzen Leben. Und deswegen wagt es auch kaum jemand, mutige Ziele zu verkünden. Werder hat es nach vielen Jahren Abstiegskampf trotzdem getan, um sich selbst zu pushen, um eine andere Mentalität ins Team zu bekommen, um eine Aufbruchstimmung in Bremen nach den vielen grauen Spielzeiten zu verbreiten. Der Plan ging auf – bis zum späten Ausgleich gegen Nürnberg. Dann wurde den Bremern die selbst in die Höhe getriebene Erwartungshaltung zum Verhängnis. Großer Hoffnung folgt eben auch große Enttäuschung.

Liegt es am Auftreten der Mannschaft?

Absolut! Auch, wenn Florian Kohfeldt mit seiner Einschätzung über die erste halbe Stunde gegen den 1. FC Nürnberg („Das war mit das Beste, was ich hier gesehen habe, seit ich Trainer bin“) vielleicht etwas übertrieben hat, diese 30 Minuten hatten es wirklich in sich. Werder dominierte die Partie, erspielte sich mehrere gute Chancen, ging in Führung und ließ dabei selbst nichts zu. Besser geht es kaum gegen so defensiv agierende Teams wie Nürnberg. Die Fans sangen nach dem Tor von Maximilian Eggestein nicht ohne Grund schon von der Deutschen Meisterschaft, sie waren euphorisiert. Und deshalb konnten sie auch nicht verstehen, wie Werder in dieser Partie den Sieg noch leichtfertig herschenken konnte. Die Fallhöhe war enorm, entsprechend groß ist der Frust.

Liegt es an der Qualität des Kaders?

Vielleicht. Werder hat den stärksten Kader seit Jahren. Sportchef Frank Baumann und Trainer Florian Kohfeldt haben betont, sich alle Wünsche auf dem Transfermarkt erfüllt zu haben – mit einer Einschränkung: „Im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten.“ Auch die anderen Clubs haben sich teilweise enorm verstärkt oder besaßen ohnehin schon – auf dem Papier – besseres Personal als die Bremer. Objektiv betrachtet kann dieser Werder-Kader auf den Rängen neun bis zwölf einsortiert werden. Da ist Platz sieben eigentlich gar nicht so schlecht. Allerdings: Bei dem Auftaktprogramm durfte tatsächlich mehr erwartet werden. Wer nach Europa will, muss seine Heimspiele gegen Hannover und vor allem gegen Nürnberg gewinnen. Klar, dass sich die Skeptiker nach den Unentschieden bestätigt fühlen. Der Sieg in Frankfurt macht aber Hoffnung.

Liegt es am Trainer?

Auch! Florian Kohfeldt versteht es wie kein anderer Bremer Trainer in den vergangenen Jahren, alle zu begeistern, ohne zu überdrehen. Er kann seinen Fußball erklären, seine Handschrift ist bei Werder-Spielen nicht zu übersehen. Ihm wird vertraut, diese Mannschaft wirklich dauerhaft aus dem Tal der Tränen geführt zu haben. Auch das schürt Erwartungen. Vor allem dann, wenn er wie in Frankfurt den Sieg einwechselt – in Person von Torschütze Milot Rashica. Aber auch einem Kohfeldt gelingt längst nicht alles. Gegen Nürnberg bekam ausgerechnet Joker Rashica keinen Stich. Marco Friedl sollte als Abwehrspieler den knappen Vorsprung mit über die Zeit retten, was misslang. Es war ein untypisches Signal von Kohfeldt, der seiner Mannschaft eigentlich auch in schwierigen Momenten Mut vermitteln will.

Kapitän Kruse war im Spiel gegen Nürnberg enorm viel unterwegs und suchte allein in Hälfte eins drei Mal den Abschluss. Dabei aber ohne Präzision. Einige seiner Ideen im Spielaufbau zündeten nicht.

An eine Auswechslung des schwachen Max Kruse hat sich der Coach nicht herangewagt. Am dritten Spieltag durchaus verständlich, schließlich ist Kruse der Kapitän. Für den starken Bargfrede war dagegen schon nach 70 Minuten Schluss, was viele nicht verstanden. Doch Kohfeldt musste handeln, ein völlig ausgepumpter Bargfrede hatte das Signal zum Wechsel gegeben, also kam Nuri Sahin zu seinem Werder-Debüt.

Der Trainer steht vor einer großen Herausforderung, die Mannschaft stellt sich längst nicht mehr von selbst auf, Stars müssen auch mal draußen sitzen. Und wenn dann die Ergebnisse nicht stimmen, wird es immer auch Kritik geben. Die sollte sich allerdings nach fünf Punkten aus drei Spielen mehr als in Grenzen halten.

Fazit

Wie hat Kohfeldt vor dem Nürnberg-Spiel so schön gesagt: „Eine latente Unzufriedenheit muss immer da sein.“ Nun ist die Unzufriedenheit im Umfeld definitiv da – und sehr wahrscheinlich zu groß. Dazu passt dann Kohfeldts Nachsatz: „Auf der anderen Seite muss man auch die Lockerheit haben, um nicht zu verkrampfen.“ Das heißt also: Den Nürnberg-Ärger vergessen, fröhlich auf die Tabelle gucken und auf einen Sieg am Samstag in Augsburg hoffen.

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