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Werder Bremen hat zum 120. Vereinsgeburtstag das Album „Lauter Werder“ veröffentlicht.

„Jonny Otten wird zur Hymne“

Plattenkritik: So gut oder schlecht ist das neue Werder-Album

Bremen - Musik an und ab die Post: In der Deichstube gab es was auf die Ohren - und zwar das neue Werder-Album. Wie gut oder schlecht sind die 21 Songs der 19 Künstler mit Jan Delay als Headliner?

Die Antwort haben wir natürlich nicht allein unserem Reporter Björn Knips überlassen, sondern ihm professionelle Hilfe aus der Kulturredaktion der Mediengruppe Kreiszeitung zur Seite gestellt: Rolf Stein. Sie haben sich das Album „Lauter Werder“, mit dem sich der SV Werder selbst zum 120. Geburtstag beschenkt, gemeinsam angehört. Dabei haben sie gestaunt, gelitten, gejubelt – und folgendes Gespräch geführt:

Stein: Gloria machen den Auftakt, da spielt immerhin Mark Tavassol mit, ein gebürtiger Bremer. Ganz nett eigentlich, oder?

Knips: Ja, das ist mal was anderes. Ich mag die Zeile: „Ich hab grünes Blut geleckt“. Aber ich kann mir schwer vorstellen, dass der Song im Stadion funktioniert.

Stein: Müssen diese Songs denn zwingend im Stadion funktionieren?

Knips: Nicht unbedingt. „Grün-Weiße Liebe“, das ist ja der Klassiker des neuen Werder-Lieds, hat zum Beispiel große Probleme im Stadion. Die Leute finden es trotzdem gut, auch wenn es nicht die Hymne schlechthin ist.

Neue Version von „Lebenslang Grün-Weiß“ ist schwierig

Stein: Trotzdem: Hört man diese Songs nicht eher im Stadion als daheim auf der Couch?

Knips: Wahrscheinlich genau dazwischen – also auf dem Weg zum Stadion, um sich einzugrooven. Oder auf dem Rückweg beim Feiern oder Leiden.

Stein: Das nächste Lied, „Vom Osterdeich aus in die Welt“ von Wilson & Jeffrey, hat mich eher ratlos gemacht. Da sind alle Wörter drin, die einem bei einem Brainstorming zum Thema „Ein Song für einen Werder-Sampler“ einfallen. Grauenhaft.

Knips: Im Stadion brauchst du schon etwas, was du sofort mitsingen kannst. Da helfen die bekannten Begriffe. Aber das Lied ist mir zu hektisch.

Stein: Ich finde es auch sehr wie am Reißbrett entworfen.

Knips: Da bin ich bei dir. Und das wiederum mögen sie im Stadion auch nicht. Ich bin ja viel in Stadien unterwegs, und da hat jeder Verein seine Hymne. Die ist oft grottenschlecht, aber die Leute lieben sie, weil sie meistens zu einem besonderen Moment entstanden ist. „Lebenslang Grün-Weiß“ hat auch extrem davon profitiert, in der Double-Saison entstanden zu sein. Deswegen ist auch die neue Version schwierig. Natürlich gehört die auf die Platte. Aber das ist nun mal das Lied von Ailton und Micoud – basta. In der neuen Version werden Max Kruse und Eggestein erwähnt – das passt aber nicht. Noch nicht. Wenn Werder im Mai den Pokal holt...

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Stein: Jetzt kommt Flo Mega mit „Jonny Otten“.

Knips: Einfach grandios.

Stein: Das ist auch eines von den Liedern, mit denen ich am ehesten etwas anfangen kann. Was macht für dich den Reiz aus?

Knips: Jonny Otten.

Stein: Bei mir ist es Johnny Rotten – auf den er dann auch noch über eine anzitierte Songzeile von Neil Young aus „My my, hey hey“ verweist. Das mochte ich als kleinen subkulturellen Dreh.

Knips: Ich find’s geil, weil dieses „Otten, Otten, Otten“ total ins Ohr geht. Und endlich steht mal ein anderer Werder-Held im Mittelpunkt, also kein Ailton oder so. Verdient hat sich das Jonny allemal, er war der beste Linksverteidiger, den Werder je hatte. Diese Zeit kommt nie „Wiedener“, singt Flo Mega – herrlich. Ich kenne ihn eigentlich eher als Soul-Sänger, da hat mich dieser Rap schon überrascht. Ich bin mir sicher, das Lied wird zur Hymne, die Leute werden es lieben.

Die besten Lieder: „Mein Herz schlägt“ und „Jonny Otten“

Stein: Für mich ist es einer der wenigen Songs, die auch außerhalb des Fußball-Zusammenhangs funktionieren. Kommen wir zu „Das W auf dem Trikot“ von Johannes Strate. Da habe ich spontan das „Weh“ in meinem Kopf gespürt. Ich finde Revolverheld grauenhaft.

Knips: Das ist einer der besten Werder-Songs, aber ob den ausgerechnet Johannes Strate neu aufnehmen musste, weiß ich jetzt auch nicht.

Stein: Was ist denn dein Favorit?

Knips: „Mein Herz schlägt“ von Joka & MontanaMax & Shiml – sogar noch vor „Jonny Otten“.

Stein: Den fand ich auch gut. Da kommt sogar Klaus Bärbel vor, der immer auf dem Bahnhofsplatz steht.

Knips: Ich mag auch die Zeile: „Lieber null drei in Wolfsburg als eure falschen Millionen“. Und ich mag diesen Refrain, „Grün – Weiß“, der mich ans Stadion erinnert, wo die eine Seite „Werder“ ruft und die andere „Bremen“. „Das Körper-W“ von Flowin Immo finde ich auch nicht schlecht. Über die Zeile: „Wenn es Rehhagelt, zählen wir Schafe“, habe ich mich kaputtgelacht. Ich kann mir sogar vorstellen, dass das im Stadion gut läuft.

Stein: Kommen wir zu Begga, „This Is Osterdeich“.

Knips: Schönes Mittelmaß.

Stein: Dazu fällt mir nichts ein. Und Versengold, die danach kommen, sagen mir auch wenig. Immerhin erlauben sie sich ein Minimum an Kritik.

Rolf Stein (l.) aus der Kulturredaktion der Kreiszeitung und DeichStuben-Reporter Björn Knips besprechen die neue Werder-Platte.

Knips: Weißt du, woran mich das erinnert?

Stein: An die Dubliners?

Knips: Auch. Aber das könnte auch von einer typischen Kölner Karnevalsband sein. Die würden es allerdings besser machen. Es würde mehr rocken. Das ist ein Gute-Laune-Lied, aber ein Werder-Hit wird’s nicht. „Gröön un Witt“ von De Fofftig Penns ist dagegen schon einer. Das wird schon im Stadion gespielt, und dann geht es richtig ab. Die haben das geschafft, was alle auf der Platte vertretenen Künstler schaffen wollten: eine Werder-Hymne.

Stein: Ich finde das auch ganz interessant, wie sie plattdeutsche Texte mit Elektro-Beats und Akkordeon zusammenbringen.

Knips: Wie findest du Jan Delays „Grün Weiße Liebe“?

Stein: Ich weiß nicht, mir geht er langsam auf den Keks. Aber natürlich muss der drauf, der ist schließlich der prominenteste Beitrag.

Knips: Das ist ein Lied, das braucht Zeit, das musst du vier- oder fünfmal hören. Ich find‘s richtig gut, aber es nicht wirklich was fürs Stadion. Es ist eher ein Nach-Hause-geh-Lied. Viele waren enttäuscht, weil sie eine krachende Hymne erwartet hatten, aber Jan Delay hat Fans gefragt, und die meisten wollten eine Ballade. Das Video ist übrigens grandios!

Mädchen, die durch den Tisch treten

Stein: Dann wäre da noch Grillmaster Flash...

Knips: Wer Kettcar mag, mag das wahrscheinlich auch.

Stein: Es ist auch eines der ganz wenigen Lieder, in denen diese Jungsveranstaltung mal aufgemischt wird. Da sind es zur Abwechslung die Mädchen, die durch den Tisch treten und im Eisen die Replacements hören – das fand ich erfrischend. Es soll ja auch Frauen geben, die sich für Fußball interessieren.

Knips: Und ich glaube sogar, dass das außerhalb des Werder-Kontextes laufen kann.

Stein: Vielleicht sogar eher dort als innerhalb. Apropos außerhalb. Lenna aus Stuhr sind auch drauf. Wie findest du die?

Knips: Das ist für mich der Bremer Silbermond...

Stein: Mit Tendenz zum Halbmond - oder sagen wir lieber: mit partieller Mondfinsternis.

Knips: Ich muss dazu sagen, dass ich Silbermond gar nicht schlecht finde. Aber ich brauch‘ nicht noch eine Kopie davon.

Stein: Bei Kopie fällt mir noch „Heimstark“ ein, das die Original Deutschmacher mit Frank Bartelt aufgenommen haben. Von dessen alter Band, der Bremer Beat-Legende The Yankees, stammt die Vorlage „Halbstark“.

Knips: Das ist sehr clever gemacht. Nach dem dritten, vierten Bier wird da im Eisen nach einem Heimsieg mitgegrölt. Der Song wird seinen Weg machen – vielleicht sogar ins Stadion.

Stein: Anders sieht es für mich bei Wigald Bonings Beitrag „6:2“ aus. Der erinnert mich fatal an „I Like Chopin“ von Gazebo.

Knips: Mich auch, gruselig.

Stein: Ich fand die Idee ganz schön, da die Geschichte des Kreml-Fliegers Matthias Rust einzuflechten und die Episode mit dem Zivildienstleistenden. Allein, dass auf dieser Platte ein Song ist, in dem das Wort KPdSU vorkommt, hat Charme, aber ansonsten erschließt sich mir der Witz nicht.

Knips: Da hätte der gute Wigald lieber Olli Dittrich fragen sollen. Die Doofen waren grandios. Die Idee ist richtig gut, ein einzelnes Spiel als Aufhänger zu nehmen, also dieses Wunder gegen Spartak Moskau. Sorry, aber man kann’s kaum ertragen.

Stein: Wir müssen wohl auch noch über Heinz Rudolf Kunze reden.

Nicht wenig Elend, viel Durchschnitt und ein paar Highlights

Knips: Das ist eine fürchterliche Anbiederung. Wenn der Song ankommt...

Stein: Dann trittst du aus?

Knips: Ich bin ja nicht im Verein. Er singt übrigens in „Das ist mein Verein“: „Man hat nicht immer einen Lauf“. Das passt schon ganz gut zu ihm...

Stein: Als Fußball-Laie würde ich sagen, das Endergebnis ist wie eine durchschnittliche Werder-Saison: nicht wenig Elend, viel Durchschnitt und ein paar Highlights.

Knips: Aber sie bietet auch alle Möglichkeiten, wieder ins große Geschäft zu kommen. Da sind schon ein paar Lieder, die oben mitspielen können. Ja, es ist viel Mittelmaß dabei – und die Abstiegszone konnten einige Songs nicht ganz verlassen. Aber die Idee ist gut. Ich werde die CD meinem besten Freund, einem großen Werder-Fan, zum Geburtstag schenken.

Stein: Und es ist ja nicht zuletzt auch für einen guten Zweck, das darf man vielleicht auch noch erwähnen: Alle Erlöse des Albums gehen in Bremer Nachwuchs- und SPIELRAUM-Projekte der Werder Stiftung und der Musikszene Bremen e.V..

Netzreaktionen zum neuen Werder-Song: „Lässigste Hymne ever“

 © gumzmedia
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