Niclas Füllkrug fällt bei Werder Bremen verletzt aus - auch im DFB-Pokal gegen seinen Heimat-Club Hannover 96.
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Niclas Füllkrug fällt bei Werder Bremen verletzt aus - auch im DFB-Pokal gegen seinen Heimat-Club Hannover 96.

Interview vor Werder gegen Hannover 96

96-Legende Schatzschneider: „Ohne Füllkrug ist Werder nur die Hälfte wert“

Hannover – In Hannover rufen sie ihn nur „Schatz“ – früher als Torjäger, aber auch heute noch als Jugendscout und Vertrauter von 96-Boss Martin Kind: Und Dieter Schatzschneider sagt vor dem DFB-Pokalspiel am Mittwoch gegen den SV Werder Bremen ganz schnörkelos, was er denkt. Die DeichStube sprach mit dem 62-Jährigen, der den verletzten Werder-Stürmer Niklas Füllkrug ausdrücklich lobt, mit dem Bremer Coach Florian Kohfeldt dagegen etwas fremdelt. Und dann verrät Schatzschneider noch, dass er einst um ein Haar nicht beim Hamburger SV, sondern bei Werder gelandet wäre.

Herr Schatzschneider, Sie hatten in den vergangenen zehn Jahren schon viele Funktionen bei Hannover 96, wie lautet Ihre aktuelle Stellenbeschreibung?

Ich bin bei 96 als Scout für die Jugend angestellt, nachdem ich jahrelang einen Beratervertrag hatte.

Und ohne offiziellen Titel sind Sie auch der Adjutant von Clubchef Martin Kind.

Was heißt hier Adjutant? Ich schätze Martin Kind über alles. In Hannover wird vieles viel zu klein geredet. Es wird nicht entsprechend gewürdigt, was er für 96 getan hat. Natürlich hat er auch Fehler gemacht, doch ohne Martin Kind wäre der Club nicht so finanziell seriös aufgestellt wie jetzt.

Was fehlt dann, damit Hannover wieder in die erste Reihe der Clubs in Deutschland zurückkehrt?

Die Strukturen in der sportlichen Leitung müssen aufgebaut und optimiert werden. Und vor allem die Einkaufspolitik auf eine solide Grundlage gestellt werden. Das ist Aufgabe von Trainer und Manager.

Und nicht Ihr Terrain?

Nein, ich bin für den Nachwuchs verantwortlich. Zu Zeiten von Jörg Schmadtke (Ex-Manager, Anm. d. Red.) habe ich mich allerdings auch um diesen Bereich bei den Profis gekümmert. Eine tolle Zeit, weil ich mein Wissen und meine Erfahrungen einbringen konnte. Ich kenne meine Schwächen, weiß, dass ich sehr rechthaberisch sein kann. Es ist nicht einfach, mit mir zusammenzuarbeiten. Doch damals hat es funktioniert.

Die Nachwuchsarbeit in den Vereinen und im Verband wird neuerdings stark thematisiert. Es soll grundlegende Veränderungen geben. Richtig so?

Es wird allerhöchste Zeit. Es werden große Fehler gemacht in der Ausbildung. Auch der DFB befand sich zuletzt auf dem Holzweg. Ich hoffe, dass der Verband die Kraft zum Umdenken hat.

Werder Bremen gegen Hannover im DFB-Pokal: 96-Legende Dieter Schatzschneider wittert Chance

Zur Aktualität: Hat Hannover 96 im DFB-Pokal eine Chance gegen Werder Bremen?

Ja, natürlich. Ich traue 96 einen Sieg zu.

Wie begründen Sie Ihren Optimismus?

Wir haben einen erstklassigen Trainer. Ich schätze Kenan Kocak sehr. Ich weiß, dass gerade die Darbietungen und Resultate in den Auswärtsspielen, wie am Wochenende in Regensburg, dieses Urteil nicht gerade untermauern. Aber ich weiß, wovon ich rede. Ich bin jeden Tag beim Training, verfolge, wie Kocak arbeitet, wie er die Mannschaft führt. Da erinnert er mich an meinen großen Lehrmeister: Ernst Happel beim Hamburger SV. Obwohl dieser mich nicht immer gut behandelt hat, habe ich seine Fähigkeiten bewundert.

Kann der souveräne Heimsieg gegen die Spitzenmannschaft VfL Bochum unabhängig vom Regensburg-Spiel die Wende zum Guten gewesen sein?

Es ist möglich, weil wir Bochum an die Wand gespielt haben. Für mich war das der Beweis für die Qualitäten unseres Coaches, der die Mannschaft nach der bitteren Niederlage gegen Heidenheim schnell wieder aufgerichtet und auf Vordermann gebracht hat.

Haben Sie eine Erklärung für die Leistungsschwankungen unter Kocak?

Wir haben sogenannte Unterschiedsspieler gekauft, wollten uns so verstärken. Doch diese funktionieren leider noch nicht. Ich denke dabei an Simon Falette und Patrick Twumasi, die – aus welchen Gründen aus immer – noch nicht richtig angekommen sind.

Kann Hannover nach dem miserablen Start noch den Aufstieg schaffen?

Vom Aufstieg sollten wir nicht reden. Wenn wir in die Nähe des dritten Platzes kommen könnten, wäre es optimal.

Rutscht Werder noch in die Abstiegszone?

Das ist zwischenzeitlich doch schon geschehen. Mit dem Sieg in Mainz nach zuvor neun Spielen ohne Sieg hat sich die Lage nun wieder etwas entspannt. Doch es bleibt eng. Für Bremen steht wieder ein Abstiegskampf an, wie im letzten Jahr. Als Norddeutscher wünsche ich dem Club alles Gute, Werder darf nicht absteigen.

Wie beurteilen Sie die Vereinspolitik?

Ich schätze die Werder-Führung. Marco Bode ist ein guter Junge, Frank Baumann macht einen guten Job. Werder profitiert vom Fachwissen der beiden.

Zuletzt hat sich an der Weser eine Opposition gebildet, die die aktuellen Machthaber kritisch hinterfragt. Was halten Sie davon?

Generell finde ich es gut, wenn sich die Älteren zu Wort melden und Denkanstöße geben. Ob „Budde“ (Dieter Burdenski, Anm. d. Red.) oder Rune Bratseth, ob Willi Lemke und Klaus-Dieter Fischer – es ist richtig, dass sich diese altgedienten Ex-Profis oder Ex-Funktionäre einmischen. Die sollten nicht verdammt werden, wenn sie sich zu Wort melden. Nur mit offenen Diskussion kommt man weiter.

Wie sehen Sie momentan die Werder-Mannschaft?

Ich habe eins nicht verstanden: Warum hat man Max Kruse so einfach ziehen lassen? Kruse ist ein richtig guter Fußballer und ein Leader, sicherlich mit einem Verhalten, das gewöhnungsbedürftig ist. Doch die Mitspieler, so habe ich es immer empfunden, mögen ihn so, wie er sich gibt. Und ein zweiter entscheidender Punkt: Es fehlt momentan ein weiterer wichtiger Leistungsträger.

Wen meinen Sie?

„Fülle“, also Niclas Füllkrug, natürlich! Ihn kenne ich aus seiner Zeit bei 96 sehr gut. Ein überragender Stürmer, ein Individualist, von dem eine Mannschaft sehr abhängig ist. Wenn Füllkrug nicht spielen kann, ist die Werder-Elf in der Offensive nur die Hälfte wert. Zum Glück fehlt er noch im Pokalspiel. Ich hoffe für ihn, dass er im neuen Jahr schnell wieder mitwirken kann. Und ich denke, dass er dann seine Tore macht und Werder zum Klassenerhalt schießt.

Vor Werder Bremen gegen Hannover im DFB-Pokal: 96-Legende Dieter Schatzschneider kritisiert Florian Kohfeldt

Was halten Sie von Trainer Florian Kohfeldt?

Ich sehe ihn nicht so gut und tadellos, wie ihn viele andere sehen. Es ist nicht mehr viel geblieben von der anfänglichen Euphorie, als er in der Bundesliga erschien und zum Trainer des Jahres wurde.

Was kritisieren Sie?

In erster Linie seine Außendarstellung. Rund um den Profifußball gibt es viele Kameras. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich vor alle treten muss, mein Lächeln aufsetze und meine Kommentare abgebe.

Stimmt es, dass Sie bei Ihrem Sprung in die Bundesliga um ein Haar bei Werder anstatt beim HSV gelandet wären?

Ja, es stimmt. Otto Rehhagel wollte mich unbedingt. Doch ich habe mich für Hamburg entschieden. Kürzlich hat mir Otto das noch mal bestätigt, als wir uns getroffen haben. Rudi Völler, der dann für mich gekommen ist, sei quasi die zweite Wahl gewesen.

Bereuen Sie, dass Sie sich gegen Bremen entschieden haben?

In gewisser Weise schon. Sehen Sie sich Rudi Völler und seinen Werdegang an. Er hat eine Weltkarriere hingelegt. Möglicherweise wäre ich mit Otto Rehhagel besser zurechtgekommen als mit Happel. Bei Otto stand das Menschliche im Vordergrund, beim damaligen Europacupsieger HSV war es mehr diese knallharte Leistungsgesellschaft. Doch heute zu trauern, das bringt nichts. Ich bin auch so zufrieden mit meinem Leben.

Auch interessant: So könnte die Startelf-Aufstellung von Werder Bremen gegen Hannover 96 im DFB-Pokal aussehen.

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