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Wie soll es nach der desaströsen Hinserie unter Trainer Florian Kohfeldt mit dem SV Werder Bremen taktisch weitergehen? 

Eine Analyse von Tobias Escher

Werders taktische Hinrunden-Bilanz: Ist der Traum vom schönen Spiel ausgeträumt?

Werder Bremen wollte mit offensivem Fußball die Europa-League-Qualifikation schaffen. Stattdessen überwintern die Bremer auf einem Abstiegsrang. Wie konnte das geschehen? Und wie könnte es in der Rückrunde aus taktischer Sicht weitergehen? Unser Taktikanalyst Tobias Escher wagt sich an eine Bilanz der Hinrunde.

Von Europa geträumt, im Abstiegskampf aufgewacht: Auf diesen Satz lässt sich Werder Bremens Hinrunde reduzieren. Florian Kohfeldt war mit der Hoffnung in die Saison gestartet, seine Mannschaft spielerisch wie taktisch auf ein neues Niveau heben zu können. Eine Verletztenmisere und eine anhaltende Niederlagenserie haben den Plan zerstört.

Im Sommer herrschte in Bremen noch Zuversicht. Werder verlor mit Max Kruse zwar den Kapitän und zentralen Akteur des Spielsystems. Kohfeldt äußerte sich aber hoffnungsvoll, diesen Abgang kompensieren zu können. In Stürmer Niklas Füllkrug bekam er zudem eine wichtige neue Option: Der brachiale Stürmer sollte Torgefahr im gegnerischen Strafraum kreieren.

Werder Bremen: Ein stabiles Fundament

Ansonsten wollte Kohfeldt auf dem Fundament aufbauen, das er in den vergangenen zwei Jahren gelegt hatte. Der Trainer hatte die Mannschaft vor allem fußballerisch weiterentwickelt. Er ließ seine Mannschaft einen technisch sauberen, anspruchsvollen Stil spielen. Aus der Abwehr sollte das Spiel flach eröffnet werden. Werder setzte dazu häufig auf Diagonalpässe. Pässe von den Außenverteidigern zu den Stürmern oder von den Innenverteidigern nach Außen waren die meist gesehenen Varianten.

Zugleich hatte Kohfeldt in der vergangenen Saison nach und nach das taktische Fundament seines Teams erweitert. Seine Mannschaft fühlte sich in fast jeder Formation wohl, sei es 5-3-2, 4-4-2 oder die klassische Werder-Raute im 4-3-1-2. Kohfeldt wollte diese taktische Flexibilität nutzen, um sich individuell auf die Gegner einstellen zu können. Der Plan: Mit dominantem, flexiblem Fußball sollte die Liga aufgemischt und Europa erreicht werden.

Verletzungen lassen das Fundament bei Werder Bremen einbrechen

Die Saison hatte kaum begonnen, schon kollidierte der Plan mit der Wirklichkeit. Kohfeldt brachen nach und nach die Säulen seines Fußballs weg. Niclas Füllkrug? Kreuzbandriss. Abwehrchef Niklas Moisander? Muskelverletzung. Yuya Osako, der als Zehner Bälle festmachen und verteilen sollte? Oberschenkelprobleme. Das sind nur die drei prominentesten Beispiele. Zwischenzeitlich fehlte Kohfeldt eine halbe Mannschaft.

Die ständigen Verletzungssorgen verhinderten, dass Werder sich einspielen konnte. Vereinzelt war der angedachte Kombinationsfußball noch zu erkennen. Gerade Milot Rashica überzeugte als Abnehmer der Diagonalpässe aus dem ersten Drittel. Manch anderer Akteur blieb jedoch unter dem Niveau der vergangenen Saison. So war der häufigste Spielzug der vergangenen Saison – ein Pass auf den Flügel zum startenden Maximilian Eggestein – nur noch selten zu bestaunen. Eggestein lief wochenlang seiner Form hinterher. Aufgrund der Verletzungssorgen stand er trotzdem stets in der Startelf.

Florian Kohfeldt grübelte in dieser Saison nicht selten über die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft.

Der durchschnittliche Saisonstart und die Verletzungssorgen sorgten bei Kohfeldt für ein Umdenken. Vom Ballbesitzspiel verabschiedete sich Werder bereits früh. Nur dreimal hatte Werder deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner: Am ersten Spieltag beim 1:3 gegen Düsseldorf (67 Prozent), am dritten Spieltag beim 3:2 gegen Augsburg (67 Prozent) – und bei der 0:5-Niederlage gegen Mainz (60 Prozent).

Werder Bremens Probleme im Pressing und in der Abwehrkette

Werder suchte das Heil in der Defensive. Kohfeldts Mannschaft überzeugte immer dann, wenn sie mit hoher Kompaktheit im Mittelfeld Bälle erobern konnten. Dann konnten sie im Konter die Geschwindigkeit von Rashica und Leonardo Bittencourt nutzen. Kohfeldt stellte seine Mannschaft dazu akribisch auf den Gegner ein. Von Spiel zu Spiel passte er sein System an, die meisten seiner Anpassungen waren zumindest auf dem Papier stimmig.

Aus dem ersten Drittel der Saison hätte Werder mit diesem Fußball sogar deutlich mehr Punkte mitnehmen können – hätten nicht eklatante individuelle Fehler und eine schier unfassbare Schwäche nach Standards Werder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Kein Team kassierte in der Hinrunde mehr Gegentore nach ruhenden Bällen (elf Gegentore). Egal, ob Werder Eckstöße in einer Manndeckung, in einer Raumdeckung oder in einer Mischvariante verteidigte: Fast immer schwamm die Mannschaft bei hohen Hereingaben.

Zum Ende der Hinrunde wurde immer deutlicher, dass es auch sonst bei Werder an allen Ecken und Enden hakt. Im aggressiven Angriffspressing fehlte die Abstimmung, sodass Werder leicht zu überspielen war. Die Abwehr – von Woche zu Woche mit anderen Akteuren bestückt – konnte sich ebenfalls nie einspielen. Bayern (6:1) und Mainz (0:5) bestraften die schlechte Tiefenstaffelung der Abwehrkette gnadenlos.

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In den letzten Partien wurde auch die hohe Flexibilität zunehmend zu einem Problem. Kohfeldt hatte keine taktische Stammvariante, zu der er hätte zurückkehren können. Es fehlte jegliche Stabilität und Kontinuität. Durch die zahlreichen Verletzungen ergab sich das Bild einer Mannschaft, die Woche für Woche anders agierte – und sich in keiner Variante wohlfühlte geschweige denn einspielen konnte.

Für Kohfeldt stellt sich angesichts der desaströsen Hinrunde die Frage, wie es taktisch weitergehen soll. Mittlerweile hat sich das Lazarett etwas gelichtet. In der Rückrunde könnte Kohfeldt zum angestrebten Spielstil vor der Saison zurückkehren: flaches Passspiel gepaart mit Geduld und Aggressivität im Gegenpressing.

Anders als in der vergangenen Saison, als Werder früh wichtige Punkte geholt hatte, verzeiht die Tabelle nun aber keine Fehltritte mehr. Dem Team könnte es an Selbstbewusstsein fehlen für den angestrebten Kurzpassspiel, bei dem jeder Fehlpass zu Kontern führen kann. Kohfeldt könnte seiner Mannschaft daher in der Rückrunde einen defensiveren Stil verordnen, so wie er dies bereits bei der knappen 0:1-Niederlage gegen Köln tat.

Die Frage lautet: Kann er das? Und vor allem: Gibt der Kader solch einen Stil her? Sowohl in der Abwehr als auch im defensiven Mittelfeld fehlt die Geschwindigkeit, vorne wiederum die Giftigkeit im Pressing. Es stehen harte Entscheidungen an für Kohfeldt. Nur wenn er taktisch wieder Klarheit schafft, kann er sein Team zurück in die Erfolgsspur führen.

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