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Holger Berger ist seit über 30 Jahren als Physiotherapeut beim SV Werder Bremen tätig und eine echte Institution im Verein. 

Werder-Masseur denkt nicht ans Aufhören

Hand drauf - Holger Berger sorgt bei Werder Bremen seit 1985 für mehr als nur Massagen und Verbände

Bremen – Es ist jetzt ein knappes Jahr her, da gab es – ohne dass es ihn eigentlich noch gebraucht hätte – noch einmal einen sehr schönen Beleg dafür, welch große Rolle dieser Mann für diesen Verein spielt. Sommer 2019. Der SV Werder Bremen hatte zum großen Klassentreffen geladen.

Die Pokalsieger von 1994 waren gekommen, die von 2009 ebenso, um gemeinsam mit der aktuellen Mannschaft des SV Werder Bremen die Jahrestage ihrer Erfolge zu feiern. Drei Kader, drei Generationen von Profis, die neben ihrer Zeit mit der grün-weißen Raute auf dem Trikot an diesem Abend eine weitere Gemeinsamkeit feststellten: Sie hatten alle schon auf seiner Liege gelegen: Holger Berger.

Der Physiotherapeut, der 1985 von Schalke 04 zu Werder kam und seitdem zehn Cheftrainer erlebt hat. Der Vertrauensmann, auf dessen Rat die Spieler früher ebenso großen Wert gelegt haben, wie sie es heute noch tun. Und der Öffentlichkeitsscheue, der nie im Vordergrund stehen wollte. Vor Kurzem ist Holger Berger 65 Jahre alt geworden. Ans Aufhören denkt er nicht. Eine Annäherung.

Nach Bundesliga-Debüt von Luca Plogmann für Werder Bremen: Holger Bergers Aufmerksamkeit

Wie Luca Plogmann am Ende reagiert hat, ist nicht überliefert, für die Wirkung der folgenden Anekdote aber auch gar nicht unbedingt entscheidend. Denn sie bringt auch so auf den Punkt, wofür Holger Berger bei Werder neben aller fachlichen Expertise steht: für das Zwischenmenschliche. Als der junge Torhüter Plogmann im September 2018 sein Bundesligadebüt gefeiert hatte, organisierte Berger kurzerhand ein Foto von Plogmanns großem Moment und schenkte es ihm. Als Erinnerung an einen Tag, der auch Berger viel bedeutet hatte. 

Vor allem zu den Jungprofis pflegt er seit jeher guten Kontakt, unterstützt sie während der ersten Schritte auf der großen Fußballbühne. Kleine Gesten gehören dabei ebenso dazu wie gemeinsames Kreuzworträtseln im Trainingslager oder die Päckchen, die Berger auch heute noch an ehemalige Spieler schickt, um ihnen eine Freude zu machen.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann: „Menschen wie Holger Berger Gold wert“

„Menschen wie Holger sind für einen Verein Gold wert“, sagt Werders Sportchef Frank Baumann. „Er trägt sehr viel dazu bei, dass sich viele Spieler hier sehr wohl gefühlt haben und es auch heute noch tun.“ Spieler, die einst von irgendwoher nach Bremen kamen – und nie wieder gingen. Baumann weiß, wovon er spricht. Er ist schließlich einer von ihnen. Von 1999 bis 2009 stand er für Werder auf dem Platz. „Da kamen im Laufe der Zeit schon ein paar Massagen und Tapeverbände zusammen“, sagt Baumann. Und etliche gute Gespräche.

Holger Berger (re.) in Aktion: Mit dem Golfcart fährt der Masseur des SV Werder Bremen Niclas Füllkrug in die Katakomben des Weserstadions.

Berger gilt als sehr belesen, Geschichte, aktuelles Zeitgeschehen, moderne Literatur – wenn Werders Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer an den Physiotherapeuten denkt, hat der in seiner Vorstellung nicht etwa Fußballerwaden, sondern ein Buch in der Hand. Manchmal allerdings auch ein Kartenspiel. Dass die Skat-Variante Ramsch bei Werder schon lange zur Folklore gehört, ist eng mit dem Namen Berger verknüpft. „Früher im Bus oder Flieger waren wir kaum angeschnallt, schon kamen die Karten raus“, erinnert sich Fischer. Seine Versuche, Berger für die wöchentliche Werder-Skatrunde im Bootshaus nahe des Weserstadions zu gewinnen, scheiterten aber bisher allesamt. „Er hat gesagt, dass er erst dabei ist, wenn er als Physiotherapeut aufgehört hat.“ Und danach sieht es aktuell nicht aus, auch wenn Holger Berger seit nunmehr rund sechs Wochen schon nicht mehr am Weserstadion gesichtet worden ist.

In der Coronavirus-Krise hat Werder Bremen seine Institution nach Hause geschickt

In der Coronavirus-Krise hat Werder Bremen seine „Institution“ (Baumann) vorübergehend nach Hause geschickt. Berger ist Raucher, zählt zudem auch wegen seines Alters zur Risikogruppe. „Deswegen haben wir ihn erstmal rausgenommen. Bevor er wieder eingreift, wollen wir abwarten, wie sich die Situation entwickelt“, erklärt Baumann. Geplant sei aber, dass Berger noch mindestens ein Jahr weitermacht. 

Mit einem seiner beiden VW Käfer wird der Mann, der aus Oberhausen stammt, also auch in Zukunft wieder die Rampe zum Osterdeich runterfahren. Ein Auto schwarz, das andere rot. Farblich dazu passend stimmt Berger übrigens stets die Wahl seines Brillengestells ab. „Er ist ein Mann mit Stil“, sagt Baumann. Trägt Berger nicht den Werder-Trainingsdress, ist er nahezu ausnahmslos in Anzug und Hemd unterwegs. So natürlich auch bei den Weihnachtsfeiern des Vereins, bei denen es laut Fischer schon lange ein kleines, aber feines Ritual gibt.

Werder Bremen: Holger Berger und das kleine aber feine Rotwein-Ritual

Irgendwann, zu später Stunde, lässt sich Berger den besten Rotwein des Hauses bringen. Auch den Spielern hat er in all den Jahren manch kulinarischen Genuss verschafft. So waren Schokoriegel im Massageraum bei Werder lange Standard. „Das war nicht immer alles sportlergerecht“, schmunzelt Baumann, der sich auch daran erinnern kann, wie Berger am späten Abend vor dem Spiel Clubsandwiches oder drei Stunden vor dem Anstoß Rinderfilets mit Sauce Bearnaise organisierte. Keine Frage: Auch so etwas schafft Vertrauen, auch so etwas trägt zu einer Art Vaterrolle bei. 

Als Berger Mitte der 1980er zu Werder kam, war er 30 Jahre alt. Mehr als sein halbes Leben hat er inzwischen im Verein verbracht. Allemal genug Zeit, um gegenüber den Profis vom gleichaltrigen Weggefährten zum großväterlichen Ratgeber zu werden. Zu einem, der abseits des Flutlichts, der Notizblöcke und Kameras für den sozialen Kitt sorgt, der einen Verein wie Werder Bremen zusammenhält. Und zu einem, dem sie bei Werder vor einigen Jahren endlich eine bequeme Sitzgelegenheit an den Arbeitsplatz gestellt haben.

Werder Bremen: Neuer Polstersitz als schöner Nebeneffekt für Physio Holger Berger

Saison für Saison, Training für Training hatte Berger stets auf einem kantigen Medizinkoffer irgendwo am Rand des Feldes Platz genommen, wenn die Profis ihre Einheiten abspulten. Stoisch, wie eine Statue von sich selbst sah er dem Treiben zu – immer bereit, im nächsten Moment gebraucht zu werden, loszulaufen. Nun hat Holger Berger ein Golfcart, mit dem er den Weg zum Platz zurücklegt – und das vor allem über einen gepolsterten Sitz verfügt. 

„Das haben wir aber nicht angeschafft, weil Holger in die Jahre gekommen ist“, lacht Baumann. Verletzte Spieler schnell abtransportieren zu können, das sei der Zweck. Der Polstersitz, wenn er so drüber nachdenke, aber ein schöner Nebeneffekt für den Physio, der früher einfach nur Masseur hieß. Und der ihn hin und wieder doch noch mal auspackt, hinstellt und sich draufsetzt: den guten alten Medizinkoffer. (dco)

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