Die DeichStube-Reporter Björn Knips und Timo Strömer sprechen mit Ex-Werder Bremen-Profi Martin Harnik über das Nordderby gegen den HSV.
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Die DeichStube-Reporter Björn Knips und Timo Strömer sprechen mit Ex-Werder Bremen-Profi Martin Harnik über das Nordderby gegen den HSV.

Martin Harnik im DeichStube-Podcast

„Ich bin kein Wappen-Küsser“ - Ex-Werder- und HSV-Profi Martin Harnik über die Rivalität zwischen beiden Vereinen

Bremen – 47 Pflichtspiele für den SV Werder Bremen, 23 für den Hamburger SV: Ex-Profi Martin Harnik kennt beide Seiten der großen Rivalität zwischen den Nordvereinen – weil er im Sommer 2019 von Werder zum HSV gewechselt ist. Warum das für ihn definitiv kein Tabubruch war, was er über die Bremer und Hamburger Mannschaft vor dem Nordderby am Sonntag denkt und wie es ihm derzeit privat geht, hat der 34-Jährige nun im DeichStuben-Podcast „eingeDEICHt“ verraten.
 

Herr Harnik, Sie sind im Sommer 2019 von Werder Bremen ausgerechnet zum Hamburger SV gewechselt. Warum?

Hamburg ist meine Heimatstadt. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich auch für den HSV große Sympathien hege. Deswegen war es für mich sehr schön, vor der eigenen Haustüre Profifußball spielen zu dürfen. Trotzdem verfolge ich auch Werder noch mit sehr viel Herzblut. Da schlagen mehrere Herzen in meiner Brust.

Für die meisten Fans ist so etwas unvorstellbar. Hängen die Anhänger beider Vereine die Rivalität zwischen SVW und HSV zu hoch?

Die sportliche Rivalität ist super wichtig und super geil. Ich habe es geliebt, Derbys zu spielen, und habe in meiner Karriere leider zu wenige bestritten. Ich finde es super, wenn die Stimmung im Stadion aufgeheizt ist. Es ist in meinen Augen aber übertrieben, wenn Spieler von den eigenen Fans ausgepfiffen werden, nur weil sie eine gewisse Vergangenheit mitbringen. Aaron Hunt war da so ein Beispiel. Als er zum HSV kam, wurde er am Anfang überhaupt nicht akzeptiert. Er wurde alles andere als warm empfangen, und trotzdem hat er von der ersten Minute an Vollgas gegeben für seinen neuen Verein. So ist es halt bei uns Spielern. Wenn wir irgendwo einen Vertrag unterschreiben, dann geben wir Vollgas. Da sollte es dann eigentlich egal sein, welches Wappen man vorher mal auf der Brust getragen hat. Aber gut, das gehört vielleicht zur Fußballromantik dazu. 

Werder Bremen: Ex-HSV-Profi Martin Harnik - „Meine Liebe und Leidenschaft für den Fußball ist ungebrochen“

Haben Sie nach Ihrem Wechsel zum HSV viel Gegenwind bekommen?

Es ging eigentlich. Dadurch, dass ich immer relativ klar meine Meinung geäußert habe. Ich habe immer gesagt, dass ich nie ein Wappen-Küsser sein werde, denn für mich ist es irgendwo einfach ein Job. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und Vollgas für sie gegeben. So war es beim HSV auch. Ich hatte einen sehr guten Start, was meine persönliche Leistung angeht. Da war für die Leute schnell klar, dass ich mich reinhänge. Dass ich aus Bremen kam, war dann nicht mehr so wichtig.

(Verfolgt das Nordderby Werder Bremen gegen den Hamburger SV im Live-Ticker der DeichStube!)

Sie betreiben eine Indoor-Golfhalle, ein Unternehmen für Party-Equipment, dazu eine Pferdezucht. Sie haben Familie und mehrere Hunde. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Ich bin an meine Grenzen gestoßen in den letzten Wochen und Monaten. Ich wollte die Golfhalle eigentlich schon im September eröffnen und nicht erst im Februar, weil es ein saisonales Konzept ist und ich die Wintersaison voll mitnehmen wollte. Jetzt ist es in den Februar gefallen. Vor drei Monaten ist unser drittes Kind zur Welt gekommen, wir sind vor drei Wochen zudem in unser neues Haus eingezogen, das auch noch nicht fertig ist. Dazu kommt die Pferdezucht. Da ist zuletzt alles ziemlich kompakt in ein, zwei Monate gefallen, was überhaupt nicht der Plan war. Ich habe aber die volle Unterstützung meiner Frau. Gemeinsam kriegen wir das ganz gut gewuppt. Aber wie man vielleicht an meinen Augenringen sieht: Es waren intensive Tage zuletzt (lacht).

Und Fußball spielen Sie auch noch, für den TuS Dassendorf in der Oberliga.

Ja, die Liebe und die Leidenschaft für den Fußball ist ungebrochen und wird es auch immer sein. Solange ich mich nicht mit Schmerzmitteln auf den Platz quälen muss, werde ich immer Fußball spielen. Egal, ob in der Oberliga, später mal für die Alten Herren oder Super Senioren. Ohne Fußball und Teamsport kann ich nicht. Dieses in der Mannschaft leben habe ich während des Lockdowns am meisten vermisst. Dieses Kindsein, dieses Blödsinn labern in der Kabine hat mir sehr gefehlt. Das brauche ich einfach. 

So könnte die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen den Hamburger SV aussehen!

Werder Bremen gegen den HSV: Ex-Profi Martin Harnik drückt im Derby „niemandem“ die Daumen

Wem drücken Sie im Nordderby die Daumen?

Niemandem natürlich. Ich bin ja nebenberuflich Sport1-Experte und dementsprechend immer neutral. Ich freue mich einfach auf das Spiel. In der Indoor-Golfhalle wird es auf allen Bildschirmen laufen. Ich bin da komplett emotionslos. Das war ich als Fußballgucker schon immer. Ich hatte eine super geile Zeit in Bremen und habe dort den Grundstein für meine Profikarriere gelegt. Den HSV habe ich schon immer als meinen Heimatverein in meinem Herzen getragen. Ich habe meine Karriere dort zwar nicht so beendet, wie ich es mir gewünscht hätte, aber das gehört dazu. Ich habe überall Freunde gefunden. So wie die Tabelle gerade aussieht, kann die Saison auch enden.

Rein hypothetisch gefragt: In welcher der beiden aktuellen Mannschaften würden Sie lieber mitspielen?

Aktuell würde ich mich eher bei Werder sehen. Einfach aufgrund des Spielsystems. Das, was HSV-Trainer Tim Walter macht, ist wirklich brutal aufwendig und speziell. Ich war schon immer ein Spielertyp, der relativ frei auf dem Platz sein musste. Ich passe in kein Schema. Ich habe mir auf dem Platz immer meine Situationen gesucht und relativ frei entschieden. Mein Gefühl ist, dass Tim Walter ganz klar vorgibt, was wie gemacht werden soll. Mit seiner Art zu spielen, ist er schon etwas revolutionär, auch wenn er sie inzwischen etwas angepasst hat. Es war ja ein großer Kritikpunkt von mir, dass er anfangs zu wild hat spielen lassen. Er hat sehr viel Wert auf die Offensive gelegt, hat alles nach vorne geschmissen. Selbst die Innenverteidiger haben mutig angedribbelt und standen gefühlt als Mittelstürmer auf dem Platz. Das sieht zwar geil aus, aber der Erfolg hat gefehlt, weil die Defensive gelitten hat. Jetzt hat sich die Mannschaft stabilisiert und es läuft besser.

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Und wie sehen Sie den Fußball von Ole Werner?

Bei Ole Werner ist es vom System her klassischer. In der Offensive hat Werder in Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch zwei Spieler, die sich gefunden haben, die gut harmonieren. Da könnte ich mir theoretisch schon vorstellen, die Rolle als Back-up für Fülle zu übernehmen. Da würde es für mich als Spielertyp wohl am besten hinhauen (lacht).

Sie würden also gerne mal mit Ducksch zusammenspielen?

Er ist auf jeden Fall ein geiler Spieler. Optisch passt er gut zu Füllkrug. Ich habe mal den Namen „hässliche Vögel“ gehört (lacht). Im Ernst: Mit Fülle habe ich in Hannover eine super Zeit gehabt. Ich spiele generell gerne mit einem Sturmpartner.

Werder Bremen-Ex-Profi Martin Harnik über Frank Baumann: „Gute Entscheidung, im Winter nicht viel zu machen“

Was haben Sie bei Füllkrugs Streit mit Clemens Fritz gedacht? Typisch Fülle?

Ja, so in etwa. Ich kenne ihn ja so und weiß, dass er ein sehr emotionaler Typ ist und das Herz auf der Zunge trägt. Genau solche Typen sind wichtig für eine Mannschaft. Ich glaube, dass Werder davon im Abstiegsjahr zu viele gefehlt haben. Die Mannschaft war mir zu brav. Reibung und Energie gehören dazu. Es muss auch mal angeeckt werden, damit darüber nachgedacht wird. Manchmal muss es krachen. Ich glaube, das war im Abstiegsjahr bei Werder aber nicht so gewollt. Jetzt ist Fülle wie Phoenix aus der Asche wieder da. Ich habe in den ersten Monaten der Saison viel Kontakt mit ihm gehabt. Nach dem Nordderby in der Hinrunde, wo er zwei, drei super Chancen vergeben hat, haben wir telefoniert. Ich habe zu ihm gesagt: Mach einfach weiter, das wird. Das hat er getan. So lange er gesund bleibt, ist er für den Aufstieg eine Schlüsselfigur.

Sie haben im Sommer kritisiert, dass Werder-Sportchef Frank Baumann nach dem Abstieg bleiben durfte. Jetzt wurde sogar sein Vertrag verlängert. Wie bewerten Sie das?

Man muss da Sportliches und Persönliches trennen. Persönlich weiß ich Baumi total zu schätzen. Wir haben noch zusammengespielt, später hat er mich zu Werder zurückgeholt. Sportlich muss man aber sagen, dass die Abstiegssaison seine Handschrift trägt. Natürlich im Zusammenspiel mit Florian Kohfeldt. Dieser Kader war von den Typen her nicht so strukturiert, wie es meiner Meinung nach hätte sein müssen. Das war der Grund für meine Aussagen. Wie der letzte Sommer verlief, war aber nicht Baumis Schuld, das war einfach chaotisch. Du hattest ja jede Woche einen anderen Kader. Es war unfassbar, was es da noch für eine Rotation in der Mannschaft gab. Jetzt hat sich Werder gut stabilisiert. Ole Werner war eine super Entscheidung. Es war auch richtig, im Winter nicht viel auf dem Transfermarkt zu machen. Direkt nach dem Abstieg hätte man eine Entscheidung gegen Frank Baumann treffen können. Das sie jetzt so ausgefallen ist, ist aber auch nachvollziehbar.

Wenn Werder am Ende aufsteigt, hat Frank Baumann dann einen guten Job gemacht?

Ja, das kann man so sagen. Meine Kritik hat sich damals ja auch nicht auf die laufende Zweitliga-Saison bezogen, sondern auf die davor. Die aktuelle Saison war ja zunächst sehr chaotisch, mit Markus Anfang gab es dann einen Super-GAU, keine Frage. Aber: Das Blatt hat sich gewendet. Es hat eine Entwicklung stattgefunden. Werders Kader ist gut. Mit ihm musst du das Ziel Aufstieg ausgeben, weil du die beste Mannschaft in der Liga hast, die meiste Erfahrung und geile Typen. Mit Ducksch, Füllkrug, Bittencourt, Toprak und Pavlenka hat Werder eine Achse auf dem Platz, mit der der Verein aufsteigen muss.

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Martin Harnik über das Nordderby des SV Werder Bremen beim HSV: „Es wird ein offeneres Spiel werden“

Gelingt das am Ende? Steigt Werder auf? Steigt der HSV auf? Sogar beide?

Vor der Saison habe ich auf Schalke, Werder und den HSV getippt. Das setzt natürlich großes Expertenwissen voraus (lacht). Jetzt kristallisiert sich aber heraus, dass es vielleicht so kommen wird. Der HSV kommt über seinen Trainer und das System. Die Mannschaft hat richtig gutes Zweitliga-Niveau. Werder kommt ganz klar über die Qualität und den Run, den die Mannschaft gerade hat. Wenn dieses Team Selbstbewusstsein hat, ist es mit seiner Qualität nicht zu stoppen. Dann kann man auch mal Federn lassen wie gegen Ingolstadt, das passiert. Es wird trotzdem super schwer für den HSV. Schalke hat auch einen richtig guten Kader. Sie stehen meiner Meinung nach aber am meisten auf der Kippe, weil mir die Stabilität fehlt.

Was wird es für ein Spiel am Sonntag?

Ein komplett anderes als das Hinspiel. Da hat der HSV Werder überrollt, weil die Bremer mit dem System von Tim Walter nicht zurechtkamen. Es war beeindruckend zu sehen, wie der HSV gespielt hat und wie sehr Werder damit überfordert war. Werder ist jetzt aber ein anderes Werder. Die Mannschaft funktioniert und hat sich gefunden. Es wird ein offeneres Spiel werden. 

Und wie lautet Ihr Tipp?

Ich glaube, das Spiel endet unentschieden. (tst/kni) 

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