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Viele spielen mit dem Feuer, einer feuert an: Was einige HSV-Chaoten am Samstag im Weserstadion veranstalteten, hatte eine „neue, leider negative Qualität“, so Werder-Geschätsführer Hubertus Hess-Grunewald.

Hess-Grunewald fühlt sich „fast machtlos“

Eine erhebliche kriminelle Energie

Bremen - Bengalos, Raketen, Böller – was sich HSV-Chaoten während des Nordderbys am Samstag erlaubt hatten, war in der Bundesliga ziemlich beispiellos.

„Eine neue, leider negative Qualität“ habe der massive Einsatz von Pyro-Technik gehabt, meint Hubertus Hess-Grunewald (57), der für die Stadionsicherheit zuständige Geschäftsführer bei Werder Bremen. Die Aufarbeitung der Vorfälle im Weserstadion läuft – sowohl beim HSV, als auch bei der Bremer Polizei sowie dem SV Werder und seinem Sicherheitsdienst Elko. In Bremen geht es vor allem um die Fragen: Wie konnte so viel Pyrotechnik ins Stadion gelangen, und wie identifiziert man die für den Wahnsinn verantwortlichen Fans?

Pyro-Technik durch koordinierte Aktion ins Stadion?

Für das zweite Thema ist im Wesentlichen die Polizei zuständig. Ein Verursacher wurde bereits am Samstag ausfindig gemacht und vorübergehend festgenommen. Die Suche nach weiteren Feuerwerkern läuft. „Wir sind mitten in der Arbeit“, sagt eine Polizeisprecherin. Aussagen über die Erfolgsaussichten macht sie jedoch nicht. Vermutlich sind sie gering, denn erfahrene Pyro-Fans sind sehr findig darin, sich zu maskieren und keine Hinweise auf ihre Identität zu geben.

Ebenso findig gehen sie vor, wenn es darum geht, das Feuerwerk irgendwie ins Stadion zu bringen. Wobei das Wort findig in diesem Zusammenhang ziemlich verniedlichend ist. Hess-Grunewald spricht von einer „erheblichen kriminellen Energie“ der Hamburger Fans. Sie sollen – so die erste Mutmaßung – in einer koordinierten Aktion einen Rucksack mit Pyro-Technik am Ordnungsdienst vorbei ins Stadion gebracht haben. „Da gibt es ein planmäßiges Zusammenwirken mehrerer Kräfte. Da sind wir bei solchen Großveranstaltungen auch fast machtlos“, meint der Jurist.

Hubertus Hess-Grunewald ist bei Werder Bremen für die Sicherheit zuständig.

Knapp 600 eigene Ordner hatte Werder laut Hess-Grunewald am Samstag im Einsatz, alle angeblich gut geschult und mit dem klaren Auftrag, gefährliche Gegenstände bei den Besuchern zu finden und aus dem Verkehr zu ziehen. „Wir haben einen hohen, hohen Aufwand betrieben, haben Körperkontrollen in hoher Intensität durchgeführt“, sagt der Geschäftsführer. Und trotzdem passierte auch am Samstag, was immer wieder in der Bundesliga passiert: Es brannte und knallte im Stadion. Die einzige Möglichkeit, die der Werder-Geschäftsführer sieht, um das wirklich zu unterbinden, ist eine, die man sich nicht wirklich als gängige Praxis wünscht. Hess-Grunewald: „Wir müssten vor dem Stadion Zelte aufbauen, die Besucher müssten sich bis auf die Unterwäsche entkleiden und müssten auch alle Körperöffnungen eingehend untersuchen lassen.“

Aber das wäre – man kann es sich leicht vorstellen – die Fan-Vergrämung schlechthin, „weil wir 99,9 Prozent der Besucher unzumutbare Maßnahmen aufbürden würden, um 0,1 Prozent zu erwischen. Da befinden wir uns in einem schwierigen Spannungsfeld, das sich nicht so eindeutig lösen lässt, wie wir es gerne hätten“, erklärt Hess-Grunewald, der sich des Dilemmas bewusst ist.

Polizei in den Block, aufräumen, wieder raus - so einfach geht es nicht

Ähnlich groß ist das Problem, wenn die eingeschmuggelten Pyros im Block gezündet werden. Augenzeugen wunderten sich am Samstag, warum Ordnungskräfte nicht durchgriffen, als die HSV-Fans wiederholt Raketen zündeten. Aber einfach mal in den Block marschieren, aufräumen und wieder raus – das funktioniere eben nicht, so Hess-Grunewald. „So ein Block ist mit 4 000 Menschen gefüllt, da gibt es eine große Enge. Man muss bei einem Eingreifen der Polizei mit einer Panik rechnen, dann mit vielen Verletzten. Man muss immer mögliche Folgen abschätzen. Da haben wir eine große Verantwortung.“

Und es ist das nächste Dilemma, vor dem der Club steht. Denn wenn die Chaoten im Oberrang der Westkurve ungehindert wüten, haben die „normalen“ Besucher im Block darunter zu leiden. „Ich habe Verständnis für deren Verärgerung und Ängste. Die Menschen wollten ein Spiel genießen und hatten am Ende Sorge um ihre Gesundheit, um ihre Kinder. Das ist schlimm. Unsere Verantwortung ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder vorkommt“, sagt der Werder-Geschäftsführer. Eine echte Idee, wie die Bremer oder irgendein anderer Club der Welt das schaffen sollen, hat er aber nicht.

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