Werder-Profi im Fokus

Titelheld und Ruhepol: Ilia Gruev wird bei Werder Bremen immer wichtiger und avanciert in Bulgarien zum Star

Murcia – Am Ende hatte wieder einmal ein anderer die Lorbeeren geerntet. Das Training des SV Werder Bremen lief am Dienstagmorgen bereits einige Zeit, als Chefcoach Ole Werner seine Spieler fleißig Flanken üben ließ. Niclas Füllkrug gefiel dabei wie gewohnt als treffsicherer Torjäger und erntete reichlich Lob, doch die schönen Vorlagen, die hatte Ilia Gruev serviert. Reihenweise. Mit ganz feinem Fuß. Und somit passte es ziemlich gut ins Bild, dass der 22-Jährige wenig später während einer Medienrunde doch noch etwas mehr im Fokus stand. Was kein ungewohntes Gefühl ist, denn in seiner bulgarischen Heimat schickt sich Ilia Gruev gerade an, ein echter Star zu werden.

Es ist wenige Wochen her, da schmückte der Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen die Titelseite einer Zeitschrift. Nicht von irgendeinem Blatt, sondern von der bulgarischen Ausgabe des Forbes-Magazins. Ilia Gruev war dort in den illustren Kreis der „30 spannendsten Bulgaren unter 30 Jahren“ aufgenommen worden. „Ich wurde angerufen, ob ich dabei sein möchte. Das ist für mich eine große Ehre“, erklärte er. „Die Aufmerksamkeit in Bulgarien ist sehr groß geworden. Wir haben nur wenige Spieler, die in den Top-5-Ligen spielen, nur drei, vier Jungs. Der Fokus auf mich hat sich deshalb sehr verändert.“ Noch kann er nach eigener Aussage weitgehend unerkannt durch die Straßen gehen, „aber ich merke schon den einen oder anderen Blick mehr. Das ehrt mich aber, denn ich bin stolz, Bulgare zu sein.“

Die Popularität liegt quasi in der Familie, Vater Ilia Gruev ist schließlich auch kein Unbekannter. „Mein Dad hat noch einmal einen viel, viel größeren Status als ich. Das können sich hier vielleicht die Wenigsten vorstellen, aber wenn wir in Bulgarien fünf Mal ins Taxi steigen, wird er in vier Fällen erkannt“, erzählte Gruev junior und lächelt. Sein Papa war bekanntlich selbst Profi, trug ebenfalls das Trikot des Nationalteams. „Mich erkennen die Leute noch nicht so. Dass ich durch die Straßen laufe und überall Selfies machen muss, passiert nicht.“

Werder Bremens Shootingstar Ilia Gruev: „Es gab Momente, in denen ich über einen Wechsel nachgedacht habe“

Wenn der Profi des SV Werder Bremen allerdings so weitermacht wie bisher, dürfte es nicht mehr allzu lang dauern, bis auch das passiert. Denn in Bremen hat sich Ilia Gruevs Blickwinkel längst geändert. Einst ging es darum, irgendwie in die Mannschaft zu kommen. Inzwischen ist entscheidender für ihn, dass er dort auch bleibt. „Ich weiß noch ganz genau, wie mein Vater mich, als ich 15 war, zu Werder gebracht und gesagt hat, dass es doch Wahnsinn wäre, wenn ich hier mit 20, 21 bei den Profis spielen würde. Dass es jetzt wirklich so gekommen ist, freut mich enorm“, sagte Gruev, der in den bisherigen 15 Saisonpartien 13 Mal zum Einsatz kam und dabei in neun Duellen in der Startelf stand.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte Ilia Gruev Werder Bremen fast verlassen. „Es gab auf jeden Fall Momente, in denen ich über einen Wechsel nachgedacht habe“, verriet der 22-Jährige. „Das war während der Corona-Zeit, als auch die zweite Mannschaft nicht gespielt hat. Da habe auch ich fast zwei Jahre nicht gespielt, was gerade in dem Alter extrem schwer für mich war. Du brauchst die Minuten, auch wenn es in der Regionalliga ist. Du musst einfach Erfahrungen sammeln gegen Männer.“

Werder Bremens Ilia Gruev gibt sich selbstbewusst: „Die Trainer wissen, was sie bei mir bekommen“

Doch dann gab es bei Werder Bremen einen Trainerwechsel, Markus Anfang kam. Aus nachvollziehbaren Gründen sind die Erinnerungen an den Coach in Bremen nicht wirklich die besten, doch zumindest für Ilia Gruev hat sich die Zeit ausgezahlt. „Im Endeffekt habe ich mich dafür entschieden, doch zu bleiben und auf meine Chance zu warten. Die kam dann in der 2. Liga unter Markus Anfang – und zum Glück habe ich sie genutzt.“ Seither ging es immer weiter nach oben. Kontinuierlich machte Gruev stets den viel zitierten nächsten Schritt, den er im Übrigen auch jetzt wieder machen will. „Ich finde, dass ich eine gute, vernünftige Hinrunde bislang gespielt habe“, urteilte Gruev. „Nun ist es wichtig, konstant zu bleiben und zu liefern. Ich muss mich jetzt etablieren, denn 13 Spiele sind letztlich noch nichts.“

Mal wird der vierfache Nationalspieler als Achter aufgeboten, dann wieder auf der Sechs. Direkt vor der Abwehr fühle er sich am wohlsten, aber wichtig sei natürlich, dass er überhaupt spiele, sagte er. Das entscheidet am Ende logischerweise der Trainer, doch diese Entscheidung will Ilia Gruev Ole Werner am liebsten abnehmen. „Ich habe den festen Glauben, dass man konstant gute Leistungen liefern muss, denn dann stehen einem alle Türen offen“, betonte er. „Es wird sicherlich auch mal Spiele geben, in denen ich nicht so gut performe, was in diesem Alter aber ganz normal ist. Wichtig ist, dann wieder schnell in die richtige Spur zu finden.“ Doch seine Qualitäten, die habe er bereits bewiesen. „Mich zeichnet eine gewisse Konstanz aus. Die Trainer wissen, was sie bei mir bekommen und dass ich das auch regelmäßig auf dem Platz zeige.“

Werder Bremen: Ilia Gruev arbeitet an verschiedenen Facetten, um sich zu verbessern

Dieses Selbstbewusstsein hat sich Ilia Gruev hart erarbeitet. Auf und neben dem Platz. Gern vertieft er sich in Videos und schaut sich von großen Sportlern etwas ab. Zudem liest er Bücher, um seine Leistungen zu optimieren. Für das Trainingslager des SV Werder Bremen hat er sich das Werk „Die 1%-Methode“ von James Clear eingepackt, das sich mit Gewohnheiten und Routinen beschäftigt. „Wenn du dich stetig verbessern willst, dann geht es um Details“, ist sich Gruev sicher. „Alle Spieler, die bei Werder oder in der Bundesliga spielen, sind Spieler auf Topniveau. Da entscheiden Kleinigkeiten.“ An denen arbeitet er. „Mittlerweile ist es extrem wichtig, dass du dich in allen Bereichen entwickelst. Da geht es um die Schlafoptimierung, die Ernährung oder Kraftraumarbeit vor und nach den Trainings“, erläuterte Gruev. „Es gibt mittlerweile so viele Informationen zu einzelnen Bereichen, die man unbedingt nutzen sollte.“

Und das will er tun. Damit er noch besser wird. Auch wenn die Sache mit der Popularität dann noch einmal eine ganz neue Dimension erreichen dürfte. Und wer weiß, vielleicht tritt Ilia Gruev dann auch aus dem nächsten großen Schatten eines anderen – dieses Mal seines Vaters. Der hätte kein Problem damit. „Er hofft, dass ich ihn in allem überhole. Es macht ihn als Vater unheimlich stolz, dass sein Sohn in diesem Alter schon für Bulgarien und in der Bundesliga spielt.“ (mbü)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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