Mersad Selimbegovic ist Trainer des SSV Jahn Regensburg, der Überraschungsmannschaft der 2. Bundesliga. Am 17. Spieltag will er mit seiner Mannschaft Werder Bremen schlagen.
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Mersad Selimbegovic ist Trainer des SSV Jahn Regensburg, der Überraschungsmannschaft der 2. Bundesliga. Am 17. Spieltag will er mit seiner Mannschaft Werder Bremen schlagen.

Ein DeichStube-Gespräch

„Werder ist nur schwer zu bremsen“ - Regensburg-Coach Selimbegovic im Interview

„Brutale Qualität“ sieht er bei Werder Bremen. Mersad Selimbegovic, der Erfolgstrainer bei Jahn Regensburg, dem Überraschungsteam dieser Saison, rechnet damit, „dass Werder noch kommen wird.“ Im Interview mit der Deichstube spricht der 39-jährige Bosnier über den Rückenwind, den das souveräne 4:0 gegen Aue und die Impulse des neuen Kollegen Ole Werner gegeben haben. Wörtlich: „Wenn die Bremer Spaß und Lust haben und ins Laufen kommen, sind sie nur schwer zu bremsen.“ Selimbegovic beschreibt zudem die Philosophie bei des Clubs aus der Oberpfalz, spricht über seine Flucht während des Jugoslawien-Kriegs und seine Lebenseinstellung.

Jahn Regensburg ist zu der Überraschungsmannschaft der Saison avanciert. Der Aufschwung erfolgte unter Ihrer Regie. Verraten Sie uns doch bitte mal das Erfolgsgeheimnis, Mersad Selimbegovic?

Der aktuelle Aufschwung setzte schon vor mehr als einem Jahr und ist Teil einer klangen Entwicklung. Das Geheimnis? Wir haben schon seit einigen Jahren eine klare Philosophie entwickelt für den gesamten Club, wir arbeiten nach eindeutig festgelegten Kriterien und Werten. Vielleicht macht das unsere Arbeit so effektiv.

Können Sie das näher beschreiben? War der nun nach Köln abgewanderte Manager Christian Keller der entscheidende Mann bei dieser Neuaufstellung?

Richtig, Christian ist sicherlich der Vater des „neuen Jahn“. Wir haben klare Richtlinien geschaffen, ein durchgängiges Konzept mit einer einheitlichen Spielidee, nicht nur ergebnis- sondern auch leistungsorientiert. Stück für Stück haben wir es aufgebaut. Die Grundsatzfrage: Was passt zum Standort Regensburg?

Haben Sie als Nachwuchskoordinator dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet?

Wir haben gemeinsam mit viel Energie und Leidenschaft unseren Beitrag dazu geleistet.

(Verfolgt das Zweitliga-Duell von Werder Bremen gegen Jahn Regensburg im Live-Ticker der DeichStube!)

Werder Bremen: Jahn Regensburg-Coach Mersad Selimbegovic will „Ausgangsposition nicht überbewerten“

Ist diese Struktur so stabil, dass auch der Weggang von Keller verkraftet werden kann?

Die Abläufe und Strukturen sind klar festgelegt, darauf können wir auf jeden Fall aufbauen. Wir machen keine große Welle, doch ich würde es mal folgendermaßen ausdrücken: Wir backen kleine Brötchen, aber wir backen regelmäßig und die Brötchen schmecken.

Setzt sich der Höhenflug weiter fort? Können Sie sich auch in der Rückserie an der Spitze behaupten?

Momentan stehen wir gut da, doch es bringt uns nicht dazu, diese Ausgangsposition überzubewerten. Unser Ziel ist weiterhin, möglichst schnell 40 Punkte zu erreichen. Wir müssen alle fleißig bleiben und weiter punkten. In dieser starken Spielklasse kann eine Mannschaft, die nur ein bisschen nachlässt, ganz schnell in einen negativen Strudel geraten.

Bereits nach dem phänomenalen Start haben Sie gewarnt. Nun sprechen Sie immer noch vom angestrebten Klassenerhalt. Bewusste Tiefstapelei oder realistische Selbsteinschätzung?

Aus meiner Sicht stapele ich nicht tief, weil ich um die Probleme weiß, die in der 2. Liga entstehen können, wenn eine Mannschaft nur ein wenig nachlässt und Druck aus dem Spiel nimmt. Auch Regensburg darf und kann sich das nicht leisten.

Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus? Spielt Ihre Mannschaft am Leistungslimit?

Die Spieler arbeiten gut. In der Hinrunde haben sie mich nur ganz selten enttäuscht. An diese Leistungen gilt es anzuknüpfen.

(Schon gelesen? So könnte die Startelf-Aufstellung von Werder Bremen gegen Jahn Regensburg aussehen!)

Werder Bremen-Gegner Jahn Regensburg in aller Munde - Mersad Selimbegovic: „Das merken wir natürlich“

Der Jahn ist in aller Munde. Registrieren Sie, dass sich der Stellenwert der Mannschaft in ganz Deutschland erhöht hat?

Das merken wir natürlich, doch das macht die Sache nicht einfacher. Früher war es schon mal so, dass uns der Gegner vielleicht unterschätzt hat. Das kommt heute kaum noch vor. Alle Kontrahenten haben uns nun auf der Rechnung, sind sehr motiviert und gehen die Partien recht intensiv an.

Könnte ein Schlüssel für die Erfolgsserie sein, dass der Stamm der Elf weitgehend zusammengeblieben ist und es mit Carlo Boukhalfa, Sapreet Singh und Joel Zwarts nur punktuelle Verstärkungen gegeben hat?

Absolut, die Integration der Neuen fiel so wesentlich leichter. Ich kann mich an den Sommer 2019 erinnern. Damals haben wir den kompletten Kader ausgetauscht: 17 Spieler haben uns verlassen, 15 Zugänge sind gekommen. Das ging nicht so leicht. Diesmal lief es reibungslos. Die Erfahrung in der 2. Liga zeigt, dass Mannschaften, die länger geformt worden sind, sich besser behaupten. Die Aufsteiger Bochum und Fürth sowie auch Bielefeld ein Jahr davor sind für mich die besten Beispiele.

Zur Partie gegen Bremen: Am letzten Wochenende hat Regensburg mit 0:3 in Heidenheim verloren, Werder lieferte das Gegenstück mit einer endlich mal überzeugenden Vorstellung beim 4:0 gegen Aue. Erleichtern Ihnen diese Resultate die Spielvorbereitung?

Auf keinen Fall, bei Werder ist mit Ole Werner ein neuer Trainer da. Wir werden sehen, ob er genauso spielen lassen wird wie zuletzt. Dieses 4:0 hat gezeigt, welch brutale Qualität bei Werder vorhanden ist. Ein Ergebnis, das für neuen Rückenwind sorgen kann. Wenn die Bremer Spaß und Lust haben, somit ins Laufen kommen, sind sie nur schwer zu bremsen.

War die hohe Niederlage in Heidenheim der erste richtige Dämpfer für Sie und Ihre Mannen?

Es ist unglücklich gelaufen, wir haben ein Tor aus dem Nichts kassiert. Zudem mussten wir lange Zeit in Unterzahl spielen.

Jahn Regensburg-Trainer Mersad Selimbegovic: „Würde nicht von einer enttäuschenden Halbserie von Werder Bremen sprechen“

Keine guten Voraussetzungen nun durch den Platzverweis für David Otto, der eine Sperre von drei Spielen absitzen muss.

Das ist auf jeden Fall sehr ärgerlich. Mit David fehlt ein wichtiger Stammspieler, außerdem war Andreas Albers zuletzt krank, es bleibt offen, ob er spielen kann. Zwei Leistungsträger in der Offensive in den letzten Wochen könnten also fehlen, schon eine Schwächung für uns mit einem eher kleinen Aufgebot. Doch eines unserer erwähnten Prinzipien ist: Wir jammern nicht, wir schauen nach vorn.

Wie betrachten Sie die bisherige Saison von Werder im Unterhaus? Eine Enttäuschung?

Von einer enttäuschenden Halbserie der Bremer würde ich nicht sprechen. Sie sind nicht so weit weg von den oberen Rängen. Wenn Werder eine Serie gelingt, sind sie ganz schnell in der Spitze etabliert. Wie gesagt: Es kann sehr schnell in der nicht ganz einfachen Spielklasse gehen – nach unten oder auch nach oben.

Doch hatten Sie nicht mehr von dem Erstliga-Absteiger erwartet?

Die Ausgangslage für Absteiger ist immer schwer. Die Enttäuschung muss verarbeitet werden. Der Druck ist groß, den Wiederaufstieg anzugehen. Und es gibt meist einen riesigen Umbruch im Kader. Es braucht Zeit, bevor sich die Erfolge einstellen. Ich rechne damit, dass Werder noch kommen wird. Die Saison ist noch lange nicht gelaufen.

Die großen Drei namens Werder, Schalke und HSV verharren in Lauerstellung. Hinter Tabellenführer St. Pauli haben sich fünf Mannschaften etabliert - neben Regensburg noch Darmstadt, Heidenheim, Paderborn und Nürnberg. Somit liegen neun Teams, also die Hälfte der Liga, ganz eng beisammen. Wird es bei dieser Konstellation bis zum Ende bleiben?

Ich glaube nicht, dass es so bleibt. St. Pauli schätze ich stark ein, sodann werden die „Großen“ sich mehr und mehr behaupten, vor allem weil sie nach der Winterpause davon profitieren werden, besser eingespielt zu sein. Die anderen, inklusive Regensburg, müssen aufpassen, dass sie im Verlauf der Saison das Niveau halten können.

Jahn Regensburg-Trainer Mersad Selimbegovic der „wohl unbekannteste Trainer in den ersten beiden deutschen Profiligen“

Bevor Sie zum Chef befördert wurden, waren Sie Assistent bei Achim Beierlorzer, einem Vertreter der Red-Bull-Schule. Gehören Sie zu dieser Gruppe?

Nein, es gibt sicherlich Ähnlichkeiten zwischen der Spielweise. Als Achim Beierlorzer aus Leipzig nach Regensburg kam, habe ich einiges von ihm lernen können. Doch als Verfechter der Red-Bull-Methode sehe ich mich nicht.

Kennen Sie die Beurteilung in der Süddeutschen: Sie seien „der wohl unbekannteste Trainer in den ersten beiden Profiligen“?

Ich bin schon öfter darauf angesprochen worden. Ich finde es positiv. Es sollte doch junge Trainer ermutigen, die keine so große Karriere hingelegt haben als Spieler. Es ist möglich, sich als Trainer zu etablieren. Wer den Traum dazu hat und das nötige Talent besitzt, sollte nicht aufgeben.

Sie sind während des Jugoslawien-Kriegs als junger Mensch aus Bosnien geflohen. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Sie hat mein Leben geprägt, prägt es immer noch. Ich habe so Dinge gelernt, die wirklich wichtig sind im Leben. Gesundheit und Sicherheit, Zufriedenheit und Glücklichsein. Wenn alle so leben würden, gäbe es weniger Fälle starker Unzufriedenheit und weniger Feindseligkeiten. Wichtig ist, an sich zu glauben und geerdet zu sein.

Während der Pandemie mehrten sich die Vorwürfe an Ihrem Berufszweig. Der Profifußball sei zu sehr abgehoben. Wie sehen Sie es?

Für mich ist es Problem, dass viele Dinge pauschalisiert werden. So auch in diesem Fall. Der Profifußball muss sich bewusst werden, dass er einen besonderen Status in der Gesellschaft hat. In mancher Hinsicht hat er sich auf jeden Fall zu weit von der Basis entfernt. Ein Profi ist privilegiert, er muss viel investieren und auf viel verzichten, sollte somit auch respektiert werden. Doch einige müssen sich ihrer Rolle als Vorbild bewusst sein, sollten und müssten anders agieren. Es geht in erster Linie darum, mehr Rücksicht auf andere zu nehmen. Viele schauen nur auf die anderen, nicht in den Spiegel und schauen nicht auf sich, auf die eigenen Versäumnisse. Eine solche Einstellung, die weit verbreitet ist, spaltet ohne Not die Gesellschaft.

Auf Ihrer Whatsapp-Seite steht eine Weisheit von Laotse: „Die größte Offenbarung ist die Stille“. Ihr Lebensmotto?

Eines meiner Lebensprinzipien, nach denen ich mich zu richten versuche. Der Mensch hat zwei Augen und zwei Ohren, doch nur einen Mund. Wir alle neigen oft dazu, zu schnell zu urteilen, zu schnell andere zu bewerten, zu schnell den Mund aufzumachen. Wir alle sind kaum bereit, dem anderen zuzuhören, seinen Standpunkt aufzunehmen, sein Verhalten zu beobachten aus verschiedenen Blickwinkeln. Also ein Motto für mich: Manchmal tut Stille, das Verharren und das Abwarten ganz gut. (hgk) Lest auch: Deutliches Signal - Werder-Aufsichtsratsboss Marco Fuchs plant mit Sportchef Frank Baumann!

Interview: Hans-Günter Klemm

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