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Die zwei Aggregatszustände des Robin Dutt: Links ausgelassen jubelnd, nachdem Werder am 19. April mit dem 3:1 über 1899 Hoffenheim den Klassenerhalt perfekt gemacht hatte. Und rechts schwer deprimiert nach dem 0:1 gegen den 1. FC Köln am 24. Oktober – danach war klar: Mit Dutt geht es nicht weiter. Viktor Skripnik (Mitte) wird neuer Cheftrainer.

In der Führungsetage ist mehr Bewegung als in der Tabelle: Werder wohnt auf Dauer im Keller

Das große Stühlerücken

Bremen - Von Carsten Sander. Die Figur des Jahres bei Werder Bremen? Natürlich Viktor Skripnik, der neue Trainer. Ist doch klar! Oder vielleicht doch Marco Bode, der neue Vorsitzende des Aufsichtsrates? Sein Vorgänger Willi Lemke wohl nicht. Dann eher Klaus-Dieter Fischer, der ewige Chef des Clubs, der sich nach 44 Jahren in einer Führungsposition in den Ruhestand zurückzieht. Es ist ein großes Stühlerücken in der Chefetage, das die zurückliegenden Monate prägte – ständig begleitet von der Angst vor dem Abstieg. Am Ende des Jahres steht Werder auf dem Relegationsrang der Fußball-Bundesliga und vor einer großen sportlichen Herausforderung in 2015.

Dass es Viktor Skripnik, den Double-Sieger von 2004 und Coach der U 23, am 25. Oktober auf die Trainerbank der Profi spült, hat folgende Gründe: Null Siege in neun Spielen unter Robin Dutt und null Hoffnung, dass es mit dem erst im Sommer 2013 als Nachfolger von Thomas Schaaf verpflichteten Trainer besser werden würde. So kommt in der Nacht nach der 0:1-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln das Aus für den Mann, der Werder in der Saison zuvor mit 39 Punkten zum sicheren Klassenerhalt geführt hatte. Sein – in einem für ihn typischen Anflug von Übertreibung kundgetanes – Karriereziel, für immer bei Werder Bremen zu bleiben, erreicht Dutt aber nicht. Es wurden nur 16 Monate daraus. „Wir waren uns einig, dass wir einen neuen Impuls setzen wollen“, berichtet Sportchef Thomas Eichin vom Ergebnis der nächtlichen Krisensitzung. Drei Wochen zuvor hatte er dem Trainer noch Rückendeckung gegeben: „Ich habe alle Geduld der Welt.“

Hatte er nicht. Und so wird der neue Impuls gesucht und in Viktor Skripnik im eigenen Club gefunden. Die Maßnahme bringt schnell den gewünschten Effekt. Sieg in Runde zwei des DFB-Pokals, zwei Erfolge in der Liga – der „Victory Viktor“ ist geboren. Der Ukrainer schickt sich an, in kürzester Zeit zum Bremer Kult-Trainer zu werden. Wegen der Siege, wegen seines teils putzigen Deutschs sowie nicht zuletzt wegen seiner trockenen Art, die an Vor-Vorgänger Thomas Schaaf erinnert.

„Schatz, das war’s mit Werder!“ Klaus-Dieter Fischer wechselt mit einem Kuss für seine Frau Anne vom Berufs- ins Privatleben.

An ihn und an den Aufschwung, den Werder in der 14 Jahre währenden Schaaf-Ära genommen hatte, müssen die mehr als 1 000 Fans wohl denken, als sie Skripnik und seine Co-Trainer Torsten Frings (auch einer mit Kult-Status), Florian Kohfeldt und Christian Vander vor deren erstem Training begeistert begrüßen. Spalier, Applaus, Schulterklopfen – „ein wenig surreal“ findet Kapitän Clemens Fritz die Szenerie, die nicht zur Leistung der Mannschaft und zur Atmos-phäre der Abstiegsangst passt. Zur Erinnerung: Zwei Tage zuvor hatten cirka 200 wütende Fans nach dem 0:1 gegen Köln per Blockade die Abfahrt der Mannschaftsbusse verhindert. Dass alles wieder gut wird und Skripnik den SV Werder durch die Installation von U 23-Spielern wie Levent Aycicek, Davie Selke udn Melvyn Lorenzen von jahrelangen Leiden heilt, kann in der Zwischenbilanz zwar nicht garantiert, aber durchaus gehofft werden. Das Team bleibt zwar chronisch auswärtsschwach, fährt in acht Spielen unter ihm aber 13 Punkte ein – neun mehr als unter Vorgänger Dutt in neun Partien. In der Tabelle schlägt sich das noch nicht entscheidend nieder. Werder schwebt als Drittletzter in akuter Abstiegsgefahr.

Mehr Bewegung und Veränderung als in der Tabelle herrscht in der Bremer Chefetage. Klaus-Dieter Fischer (74) zieht sich mit dem heutigen Tag aus Altersgründen komplett aus dem operativen Geschäft zurück. Sein Nachfolger als Präsident des Restvereins und Geschäftsführer wird Hubertus Hess-Grunewald, bislang stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates. Doch bevor Fischer geht, zündet er noch eine Bombe. In einem Interview mit dieser Zeitung fordert er am 8. Oktober einen revolutionären Kurswechsel bei Werder, regt eine „überschaubare Verschuldung“ an, um in die Mannschaft investieren zu können. Damit stellt er sich gegen seinen langjährigen Mitstreiter Willi Lemke, der im Zuge der wirtschaftlichen Konsolidierung stets auf striktes Sparen gesetzt hatte.

Willi Lemke (li.) gibt auf Drängen der Geschäftsführung den Vorsitz im Aufsichtsrat an Marco Bode (re.) weiter.

So wurde im Sommer der angestrebte Transfer des costa-ricanischen WM-Stars Bryan Ruiz verhindert. Diese Haltung kostet Lemke schlussendlich den Posten als Chef des Aufsichtsrates. Unter dem Druck der Geschäftsführung kündigt er zunächst für 2016 seinen Rückzug an, wenig später stellt er selbst Marco Bode in die erste Reihe. Motto: Wenn er es macht, gebe ich den Vorsitz sofort ab. Bode macht’s – weshalb sich am Tag des Trainerwechsels auch im Aufsichtsrat etwas auf dem Papier Revolutionäres vollzieht: Bode löst Lemke ab, wird ebenso wie Skripnik als Heilsbringer gefeiert.

Und Lemke? Der Ex-Manager, seit 2005 an der Spitze des Gremiums, bleibt normales Mitglied des Aufsichtsrates, will sich aber einer maßvollen Verschuldung nicht mehr verschließen, sagt er – sofern alles im Rahmen der Vernunft bleibe. Und weil jeder weiß, dass aus Willi Lemke nicht mal eben ein Papierzahntiger wird, ist es spannend zu sehen, ob und was sich tatsächlich an der wirtschaftlichen Ausrichtung des SV Werder ändern wird.

Werder-Jahresrückblick 2014

Klare Vorgabe für die Rückrunde. „Wir peilen 21 Punkte an“, sagt Trainer Robin Dutt beim Trainingsauftakt. In der Hinrunde waren es 19 Zähler gewesen. 6. Januar © nordphoto
Das Rennen um die Nummer eins ist entschieden. Dutt legt sich auf Raphael Wolf fest, Sebastian Mielitz hat das Nachsehen. 20. Januar © nordphoto
Tore? Fehlanzeige! Nach zwei Testspielen ohne eigenen Treffer starten die Bremer mit einem 0:0 gegen Eintracht Braunschweig in die Rückrunde. 26. Januar © nordphoto
Doppelschlag auf dem Transfermarkt: Werder holt Fin Bartels (FC St. Pauli) für die neue Saison und Ludovic Obraniak (Girondins Bordeaux) für zwei Millionen Euro als Soforthilfe. Der Franzose erweist sich aber als Flop. 30. Januar © nordphoto
Trikotsponsor Wiesenhof und der SV Werder verlängern ihre Zusammenarbeit bis 2016. Statt bisher 5,2 Millionen Euro gibt es jetzt jährlich 5,7 Millionen Euro ins Werder-Portemonnaie. 6. Februar © nordphoto
Eine Klatsche im eigenen Stadion bringt Robin Dutt stärker in die Kritik. Nach dem 1:5 gegen Borussia Dortmund nimmt Geschäftsführer Thomas Eichin den Coach aber aus dem Fokus: „Er steht hier nicht zur Diskussion.“ 8. Februar © nordphoto
Das 100. Nordderby der Bundesliga-Geschichte bringt den ersten Rückrundensieg. Werder gewinnt gegen den HSV nach einem Tor von Zlatko Junuzovic mit 1:0. Vor dem Spiel wird eine Scheibe des HSV-Busses eingeschlagen, mehr als 1 000 Polizisten verhindern schlimmere Ausschreitungen. In der Ostkurve brennen Bengalos. 1. März © nordphoto
Ein Ur-Bremer bleibt Werder erhalten. Philipp Bargfrede verlängert seinen Vertrag bis 2017. 20. März © nordphoto
Ein Ur-Bremer wird Werder verlassen. Aaron Hunt lehnt das Angebot zur Vertragsverlängerung ab. Er entscheidet sich später für den VfL Wolfsburg. 27. März © nordphoto
Ein Meilenstein in Richtung Klassenerhalt: Werder gewinnt durch ein Last-Minute-Tor von Sebastian Prödl 2:1 bei Hannover 96 und hat nun acht Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. 30. März © nordphoto
Diese Fans sind einmalig: Trotz eines 0:3 in Mainz feiern Werder-Anhänger ihr Team – und das auch noch eine Stunde nach Spielschluss. 12. April © nordphoto
Einen echten Grund zum Feiern liefert das 3:1 über 1899 Hoffenheim. Werder hat drei Spieltage vor schluss neun Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. „Von Zittern kann jetzt nicht mehr die Rede sein“, jubelt Coach Dutt. Eine Woche später ist der Klassenerhalt auch rechnerisch sicher. 19. April © nordphoto
„Doubiläum“ in Bremen. Zehn Jahre nach dem Double kommen viele Stars von damals ins Weserstadion. 3. Mai © imago
Platz zwölf in der Abschlusstabelle: Werder hat den Klassenerhalt sicher geschafft – mit 39 Punkten, einem weniger als angepeilt. 10. Mai © nordphoto
Offiziell bestätigt: Verteidiger Alejandro Galvez wechselt im Sommer ablösefrei von Rayo Vallecano nach Bremen. 13. Mai © nordphoto
Verstärkung auch auf Funktionärsebene: Rouven Schröder (38), Manager bei Greuther Fürth, wird bei Werder Direktor für Kaderplanung und Scouting. 20. Mai © nordphoto
Thomas Schaaf hat wieder einen Job: Der ehemalige Werder-Coach wird bei Eintracht Frankfurt als Cheftrainer vorgestellt. 21. Mai © nordphoto
China ist das Ziel: Werder startet zur Promotion-Tour durch das Reich der Mitte. Eine Woche lang werben die Bremer im Smog der Metropolen für sich und den deutschen Fußball. 30. Juni © nordphoto
Schlupfloch gefunden, Spieler geholt: Werder verpflichtet den bosnischen WM-Teilnehmer Izet Hajrovic. Wegen ausstehender Gehaltszahlungen hatte er bei Galatasaray Istanbul gekündigt. 10. Juli © nordphoto
Der Bremer Senat schockt die Bundesliga. Künftig will das Land Bremen der Deutschen Fußball-Liga die Kosten für den Polizeieinasatz bei Hochrisikospielen in Rechnung stellen. Der DFB entzieht Bremen als Reaktion das Länderspiel gegen Gibraltar. 22. Juli © dpa
Europameister! Stürmer Davie Selke gewinnt mit der U 19 in Ungarn den Titel, wird mit sechs Treffern EM-Torschützenkönig. 31. Juli © nordphoto
Mehmet Ekici verlässt den SV Werder. Der Fünf-Millionen-Euro-Flop wechselt zu Trabzonspor. 15. August © nordphoto
Der Fluch ist besiegt! Erstmals seit vier Jahren erreicht Werder wieder die zweite Runde des DFB-Pokals. Bei Viertligist FV Illertissen steht es nach Verlängerung 3:2. 17. August © nordphoto
Es knirscht im Werder-Gebälk. Der Aufsichtsrat bewilligt kein zusätzliches Geld für den geplanten Kauf des costa-ricanischen WM-Stars Bryan Ruiz. 21. August © dpa
Der Torjäger aus dem Talenteschuppen bleibt bei Werder. Davie Selke verlängert seinen Vertrag bis 2018. 18. September © nordphoto
44 Jahre lang ist Werder nicht mehr so schlecht gewesen: Nach dem 1:1 gegen den SC Freiburg stürzen die Bremer ans Tabellenende. 4. Oktober © nordphoto
Kurz vor seinem Abschied prescht Klaus-Dieter Fischer noch mal voran. Er regt eine überschaubare Verschuldung an. Eine kleine Revolution. 8. Oktober © nordphoto
Sieben Millionen Euro kassiert der SV Werder für die Vertragsverlängerung mit Vermarktungspartner Infront. Der Kontrakt läuft nun bis 2029, der Abschlussbonus wird sofort ausgezahlt. 12. Oktober © nordphoto
Dutt muss gehen! Noch in der Nacht nach der 0:1-Heimpleite gegen Aufsteiger 1. FC Köln beschließt die Geschäftsführung, den Trainer freizustellen. 24. Oktober © nordphoto
Viktor Skripnik, der U 23-Trainer, beerbt Robin Dutt. 25. Oktober © nordphoto
Erstes Spiel, erster Sieg für Skripnik. Im DFB-Pokal erreicht Werder durch ein 2:0 beim Chemnitzer FC Runde drei. 28. Oktober © nordphoto
Der Di-Santo-Schock: Wegen einer Knieverletzung fällt Top-Torjäger Franco Di Santo (sechs Tore) bis Jahresende aus. 20. November © nordphoto
Die Serie reißt! Nach drei Siegen in drei Pflichtspielen verliert Werder das erste Mal unter Skripnik – und das ausgerechnet im Nordderby beim HSV (0:2). 23. November © nordphoto
Mitgliederversammlung: Das Minus in der Geschäftsbilanz beträgt 9,8 Millionen Euro, Klaus-Dieter Fischer wird zum Ehrenpräsidenten ernannt, Hubertus Hess-Grunewald übernimmt von ihm das Präsidentenamt im Restverein. 24. November © nordphoto
Mit einem „Drecksack“-Auftrag schickt Skripnik seine zu lieben Spieler ins Spiel gegen Paderborn. Heraus kommt das beste Spiel seit Jahren und ein 4:0-Sieg. 29. November © nordphoto
Kein Mitleid mit der alten Liebe: Thomas Schaaf, Trainer von Eintracht Frankfurt, triumphiert mit 5:2 über seinen Ex-Club Werder und seinen Ex-Spieler Skripnik. Bremens Abwehrchef Sebastian Prödl zieht sich eine Knieverletzung zu, muss zwei Monate pausieren. 7. Dezember © nordphoto
Offizielle Verabschiedung von Klaus-Dieter Fischer. Ein Senatsempfang zieht den Schlussstrich unter „45 geile Werder-Jahre“, so Fischer. 18. Dezember © nordphoto
Mit einem 2:1 über Dortmund beendet Werder die Hinrunde versöhnlich. Die Bilanz: 17 Punkte, Platz 16, Abstiegsgefahr. 20. Dezember © nordphoto

Quelle: kreiszeitung.de

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