Werder Bremen-Torwart Jiri Pavlenka spricht im DeichStube-Interview über Druck im Fußball, das Bundesliga-Spiel beim 1. FC Köln und Gespräche mit Pfosten und Latte.
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Werder Bremen-Torwart Jiri Pavlenka spricht im DeichStube-Interview über Druck im Fußball, das Bundesliga-Spiel beim 1. FC Köln und Gespräche mit Pfosten und Latte.

Werder-Torwart mit Treuebekenntnis

Jiri Pavlenka im DeichStube-Interview: „So lange Werder mich behalten will, würde ich gerne bleiben“

Bremen – Es ist einer der Räume des Weserstadions, den auch Jiri Pavlenka nicht allzu häufig betritt, aber seinen Zweck erfüllt er allemal. Weil gerade nirgendwo sonst Platz ist, findet das Interview mit der DeichStube kurzerhand in der Schiedsrichterkabine statt. Dort, wo sich normalerweise die Unparteiischen auf ihren Einsatz vorbereiten, spricht Pavlenka ausführlich über seine beachtliche Frühform, das Spiel in Köln und eine dunkle Phase in seiner Karriere. Außerdem verrät der 30-jährige Torhüter des SV Werder Bremen, wovon er Davie Selke schon seit Jahren überzeugen will und weshalb er vor dem Anstoß mit Pfosten und Latte stets ein kurzes Gespräch führt.

Jiri Pavlenka, innerhalb der Bundesliga gab es gerade einen viel beachteten Torwartwechsel: Yann Sommer steht künftig nicht mehr für Gladbach, sondern für den FC Bayern zwischen den Pfosten. Wie aufmerksam verfolgen Sie solche Nachrichten?

Schon sehr, denn es interessiert mich natürlich, was die anderen Torhüter so machen. Nicht nur in der Bundesliga, auch international. Dabei geht es mir aber gar nicht so sehr um Transfers, sondern mehr darum, zu schauen, wie andere Torhüter spielen, wie sie bestimmte Situationen lösen. Yann Sommer zum Beispiel ist super mit dem Ball am Fuß. Da kann ich mir etwas abschauen.

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann hat jüngst gesagt, dass ein Torhüter nur 15 Minuten benötigt, um mit einer neuen Mannschaft spielen zu können. Hat er Recht?

Für Yann Sommer gilt das bestimmt, denn er hat viel Erfahrung, kennt die Bundesliga und spricht deutsch. Da dürfte es mit dem Eingewöhnen in München schnell gehen. Als ich 2017 zu Werder Bremen kam, war es nicht ganz so einfach, weil ich die Sprache noch nicht konnte und der Unterschied zwischen der tschechischen und der deutschen Liga sehr groß ist. Ich habe also etwas länger als 15 Minuten gebraucht (lacht).

Torwart Jiri Pavlenka über Werder und Bremen: „Verein, Stadt, die Menschen - für uns passt hier einfach alles“

Sie sind inzwischen seit fünfeinhalb Jahren bei Werder und – abgesehen von einer kurzen Phase zu Beginn der Zweitligasaison – durchgehend die Nummer 1. Haben Sie es 2017 für möglich gehalten, so lange in Bremen zu bleiben?

Es ist wirklich eine lange Zeit, länger habe ich noch nie für einen Verein gespielt. Damit habe ich direkt nach meinem Wechsel aus Tschechien eher nicht gerechnet. Aber meine Familie und ich fühlen uns auch heute noch sehr wohl in Bremen. Verein, Stadt, die Menschen – für uns passt hier einfach alles.

Auch sportlich läuft es für Sie gerade rund: Während Ihrer Einsatzzeit in den Testspielen gegen Murcia, St. Gallen und Schalke gab es kein Gegentor. Vor allem gegen Schalke haben Sie sich zuletzt in starker Frühform präsentiert. Woher kommt die?

Das hat mit meinem Hexenschuss aus dem Dezember zu tun. Um schnell wieder fit zu werden, habe ich zu Hause in Tschechien keine richtige Pause eingelegt, sondern habe mit Hilfe eines Fitnesstrainers einfach durchtrainiert, auch im Urlaub. Ich wollte bereit sein für den Trainingsstart. Der Rücken macht mir jetzt keine Probleme mehr. Seit meiner Verletzung im letzten Sommer mache ich viele Extraübungen.

Wegen Rückenproblemen haben Sie 2021 die EM verpasst. Sie haben über die Zeit mal gesagt, dass Sie sogar Angst um Ihre Karriere hatten. Wie schwer war diese Phase?

Ich hatte in der Tat ein paar Tage Angst, weil ich kaum laufen konnte und zunächst niemand wusste, was mit mir los ist. Es lag am Ende nicht nur am Rücken, sondern auch an einem anderen Bereich, wie sich dann herausgestellt hat. Näher darauf eingehen möchte ich aber nicht. Auch für den Kopf war die Zeit nicht einfach. Jetzt ist aber alles wieder in Ordnung.

Werder Bremens Jiri Pavlenka: „Druck ist im Fußball immer da, aber es ist wichtig, dass der Spaß am Spiel nicht darunter leidet“

Wie gehen Sie generell mit Druck um?

Ich habe da in den letzten Jahren sehr viel dazugelernt. Druck ist im Fußball natürlich immer da, aber es ist wichtig, dass der Spaß am Spiel nicht darunter leidet. Alle wollen erfolgreich sein, klar. Aber manchmal geht es einfach nicht, da hat man eine Phase, in der nicht viel läuft. Es ist wichtig, dass man sich als Mensch dann nicht zurückzieht und einfach zumacht. Offenheit hilft. Ich persönlich habe gerade großen Spaß am Fußball und bin glücklich, wieder in der ersten Liga zu spielen.

Ihr Mitspieler Niklas Schmidt hat die Öffentlichkeit kürzlich gleichermaßen überrascht und beeindruckt, weil er offen über seine mentalen Probleme gesprochen hat. Wie haben Sie auf seinen Schritt reagiert?

Sehr positiv. Niklas weiß, dass wir alle für ihn da sind. Wir sind eine Mannschaft, und er ist einer von uns, und natürlich unterstützen wir ihn, wo wir können. Er ist wirklich ein super Typ.

Inzwischen sind Sie zweifacher Familienvater. Hat auch das Ihren Blickwinkel auf den Beruf verändert?

Ja, sehr. Früher war ich nach Niederlagen oder schlechten Spielen oft tagelang sauer oder traurig und wollte mit niemandem sprechen. Natürlich ärgert es mich immer noch, wenn wir Spiele verlieren.
Aber jetzt komme ich nach Hause und freue mich über meine beiden Jungs, denen es ziemlich egal ist, wie Papa gerade gespielt hat (lacht).

Zlatko Junuzovic hat während seiner Zeit bei Werder mal verraten, dass er vor jedem Spiel eine Dose Red Bull trinkt. Haben Sie eigentlich auch ein Ritual, auf das Sie nicht verzichten können?

(lacht) Stimmt! Zladdi saß in der Kabine direkt neben mir, da habe ich so manche Dose gesehen. Ich trinke lieber Espresso, das mache ich aber jeden Tag und nicht nur vor dem Spiel. Ein Ritual? (überlegt) Ich ziehe immer den linken Handschuh zuerst an, wobei das vermutlich einfach Gewohnheit ist. Ach ja: Auf dem Platz berühre ich vor dem Anstoß immer kurz beide Pfosten und die Latte und sage zu ihnen, dass sie mir heute gerne helfen dürfen. Manchmal klappt es.

Ist das die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Köln?

Werder Bremen-Torwart Jiri Pavlenka: „Mein großer Traum ist es, die Nummer 1 der Nationalmannschaft zu werden“

2024 findet in Deutschland die Europameisterschaft statt. Sehen wir Sie dann im tschechischen Tor?

Das ist eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Diese Saison ist sehr wichtig für mich, denn mein großer Traum ist es, die Nummer 1 der Nationalmannschaft zu werden. Wir haben eine gute Qualifikationsgruppe und müssen es einfach zum Turnier schaffen. Ich kenne alle Stadien in Deutschland und auch die Fans – hier die EM zu spielen, wäre einfach super. Das ist mein Ziel.

Am Samstag (18.30 Uhr im DeichStube-Liveticker) treffen Sie mit Werder Bremen auf den 1. FC Köln und damit auch auf Ihren ehemaligen Mitspieler Davie Selke. Wohin der am liebsten schießt, dürften Sie noch wissen, oder?

(lacht) So in etwa. Davie ist wirklich ein toller Typ. Ich habe schon mehrfach versucht, ihn für unsere Nationalmannschaft zu gewinnen. Da seine Mutter aus Tschechien stammt, wäre das möglich. Mal sehen, ob es sich eines Tages ergibt. Am Samstag darf er aber gerne ohne Tor bleiben. Wir wollen in Köln ein gutes Spiel machen und die Punkte nach Hause bringen. Nach den bisherigen Spielen ist unsere Ausgangslage für die restliche Saison gut, aber wir wissen, dass wir auf keinen Fall nachlassen dürfen. Ein guter Start gegen Köln ist deshalb sehr wichtig.

Ihr Vertrag bei Werder läuft noch bis 2025, dann sind Sie 33 Jahre alt. Halten Sie es für möglich, dass Sie in Ihrer Karriere für keinen anderen Verein mehr spielen?

Das weiß ich nicht, aber es könnte sein. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe und noch ein paar Jahre spielen kann. So lange Werder mich behalten will, würde ich gerne bleiben. Wir hatten als Familie mal den Gedanken, es so zu machen wie Theo Gebre Selassie, der zum Zeitpunkt der Einschulung seines Sohnes wieder in Tschechien sein wollte. Drei Jahre könnten wir dann noch bleiben. Wir haben uns aber dazu entschieden, dass unsere Kinder auch in Bremen zur Schule gehen können. (dco)

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