Das Tor für den 1. FC Köln im Spiel gegen Werder Bremen sorgte für reichlich Diskussion. Das sagen Andreas Reinke, Tim Wiese und Oliver Reck zu der strittigen Szene.
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Das Tor für den 1. FC Köln im Spiel gegen Werder Bremen sorgte für reichlich Diskussion. Das sagen Andreas Reinke, Tim Wiese und Oliver Reck zu der strittigen Szene.

Das sagen Tim Wiese, Andreas Reinke und Oliver Reck

Foul oder Patzer? Gegenwind durch Bremer Torhüter-Legenden für Werder-Keeper Jiri Pavlenka

Bremen – Als der Ball im Bremer Tor lag, schaute Florian Kohfeldt angestrengt, fast schon flehend nach oben. Aber nicht in den Himmel, um von dort – in welcher Form auch immer – Unterstützung zu erhalten, sondern die Tribüne des Kölner Rhein-Energie-Stadions hoch. Wohl zu einem Mitarbeiter, der mit Fernsehbildern bestens versorgt war. Von dort erhoffte sich der Coach des SV Werder Bremen vermutlich die erste Einschätzung: kein Tor, weil Foul an Jiri Pavlenka.

Doch am Ende war es egal, welche Signale von oben gesendet wurden, entscheidend war, was von unten, was aus dem „Kölner Keller“ kam. Und für die Wächter über die Video-Bilder war der Treffer von Jonas Hector zum 1:1 regulär – was Kohfeldt anschließend deutlich kritisierte: „Eine Fehlentscheidung.“ Er hatte eine irreguläre Aktion gegen Pavlenka gesehen. Allerdings findet der Coach von Werder Bremen mit seiner Sichtweise bei Bremer Torhüter-Legenden nur wenig Unterstützung. Sie sehen die Schuld zu einem großen Teil bei Pavlenka und dessen Verhalten beim Rauslaufen. Und auch der ehemalige Bremer Bundesliga-Referee Peter Gagelmann stützt die Entscheidung von Referee Matthias Jöllenbeck und dessen Video-Assistenten Bastian Dankert: „Ich sage nicht, dass diese Meinung Gesetz ist. Aber um Foul zu pfeifen, war mir das zu wenig.“ Dis Diskussionsrunde komplett Werder-Sportchef Frank Baumann, der – logisch – die Gegenposition einnimmt: „Für mich ist das 0,0 ein Patzer von Pavlas. Ich spreche ihn da von jeder Schuld frei.“

Werder Bremen: Tim Wiese findet Jiri Pavlenka ist nicht energisch genug hingegangen

Konkret ging es um den rechten Arm des Kölner Emmanuel Dennis, der sich mit Pavlenkas rechtem Arm gekreuzt hatte. Der Werder-Keeper bekam den Ball nicht zu fassen, Hector staubte zum Ausgleichstreffer ab. Und dass das Tor trotz Überprüfung durch den Video-Assistant-Referee (VAR) zählte, war nicht nur in Gagelmanns Augen völlig in Ordnung. Sondern auch in denen von Tim Wiese. „Der Ball ist eigentlich leicht zu fangen, Pavlenka ist da nicht energisch genug hingegangen – dann passiert das halt“, argumentiert der 39-Jährige, der in 266 Pflichtspielen im Werder-Tor gestanden hat und weiß, dass es nur eine – von ihm während der eigenen aktiven Zeit sehr resolut verfolgte – Regel gibt, wenn ein Torhüter die Linie verlässt. Sie lautet: hopp oder top. „Mit seinen 1,96 Metern muss sich Pavlenka da besser behaupten.“

Werder Bremen: Für Oliver Reck war es „natürlich kein Foul“ an Jiri Pavlenka

Oliver Reck, von 1987 bis 1998 die Nummer eins im Bremer Tor und in der Zeit zweimal Deutscher Meister, zweimal DFB-Pokalsieger und Gewinner des Europapokals der Pokalsieger, schlägt sich ebenfalls nicht schützend auf Pavlenkas Seite. Schon gar nicht folgt er Kohfeldts Meinung. „Natürlich war das kein Foul“, sagt der 56-Jährige, „Pavlenka muss da einfach kompromissloser zum Ball gehen.“ Heißt: Fausten statt Fangen – und zwar so, dass ein 21 Zentimeter kleinerer Stürmer (Dennis misst nur 1,75 Meter) gar keine Chance hat, irgendwie zu stören. Reck: „Ich glaube, Pavlenka hat die Situation ein bisschen unterschätzt. Klar war die Hand des Kölners weit oben, aber ein Bundesliga-Torhüter muss da einfach kompromissloser agieren.“

Viel Gegenwind also für Pavlenka, der jedoch wenigstens von Andreas Reinke, Double-Gewinner 2004 mit Werder Bremen, ein wenig kollegialen Schutz bekommt. „Wenn der Gegenspieler Pavlenkas Hand berührt, dann ist es ein Foul, denn dann ist der Bewegungsablauf des Torhüters gestört“, meint der 52-Jährige, schränkt aber ein: „Früher, zu meiner Zeit, wäre das auch nicht gepfiffen worden. Insgesamt ist es schwierig zu bewerten, für mich eine 50:50-Entscheidung.“

Werder Bremen: Für Peter Gagelmann „gibt es in dem Fall kein Schwarz oder Weiß“

Wenn Peter Gagelmann durch die Brille eines Schiedsrichters auf die Szene, die Werder Bremen den Sieg und damit zwei wichtige Punkte gekostet hat, schaut, dann sieht auch er erstmal eine „Grauzone“ und sagt: „Es gibt in dem Fall kein Schwarz oder Weiß.“ Was erstmal so klingt, als wolle sich da jemand um eine klare Meinung herumdrücken, ist laut Gagelmann aber vor allem eines: das Wissen um den Schiedsrichter-Alltag. „Ich kann verstehen und nachvollziehen, wenn ein Schiedsrichter das pfeift. Das wäre anhand der Bilder auch zu belegen. Aber wenn es nicht gepfiffen wird, muss man das genauso akzeptieren“, fordert der 52-Jährige und bestätigt Referee Jöllenbeck vorsichtig in dessen Entscheidung: „Der Kölner Spieler springt vor Pavlenka hoch, berührt ihn natürlich am Arm, aber es ist für mich kein klares Foulspiel. Ein Kontakt oder eine Berührung muss ja nicht gleich ein Foul sein.“ Also ein reguläres Tor?

So hatte es der VAR, den es zu Gagelmanns aktiver Zeit (der Bremer leitete zwischen 2000 und 2015 insgesamt 214 Bundesliga-Partien) noch nicht gegeben hatte, beurteilt. Dass Video-Referee Dankert so entschied und Jöllenbeck nicht einmal zur Ansicht der Videobilder an den Spielfeldrand beordert worden war, kritisieren nicht nur viele Werder-Fans in den Internet-Foren, sondern auch Andreas Reinke: „Wenn man die Möglichkeit schon hat, kann sich der Schiedsrichter die Szene auch anschauen. Ich verstehe nicht, dass er es nicht getan hat.“ Gagelmann versucht sich an einer Erklärung, die aber keine Rechtfertigung der Entscheidung und auch keine Bewertung der strittigen Szene sein soll: „Wenn die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR klar und die Wahrnehmung ähnlich war, dann gibt es keinen Grund, den Schiedsrichter rauszuschicken.“

Werder Bremen: Sportchef Frank Baumann springt für Jiri Pavlenka in den Ring

Die Verantwortung für den Bremer Gegentreffer nur bei den Unparteiischen zu suchen, ist Peter Gagelmann ohnehin zu sehr in grün-weiß gedacht. Letztlich sieht er es wie Wiese und Reck: Pavlenkas Anteil war nicht gerade klein. Gagelmann: „Das ist Bundesliga und nicht Kreisliga. Und in der Bundesliga muss ich als Torwart so zum Ball gehen, dass ich den Ball habe. Und wenn ich mich durch eine Berührung so aus der Fassung bringen lasse, dann bin ich halt nicht der Torwart, der ich auf dem Niveau sein sollte. Klingt hart, ist aber so.“

Nein, ist nicht so, meint Baumann und springt für Jiri Pavlenka in den Ring. Sein Gegenargument: „Wie soll er seinen Gegenspieler denn wegräumen? Etwa mit dem Knie voraus? Solche Szenen wollen wir von Torhütern doch nicht mehr sehen. Er springt zum Ball, hat ein gutes Timing. In meinen Augen muss er da auch nicht fausten, weil er den Ball ja fängt, wenn es nicht zu der Berührung kommt. Für mich ist es ein Foul, denn durch die Aktion des Stürmers werden Pavlas die Hände auseinandergedrückt, sodass er den Ball nicht halten kann.“ (csa)

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