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Klaus Allofs (r.) lotste Johan Micoud 2002 zu Werder Bremen. Schon beim Gedanken an den Transfer habe der Manager Gänsehaut bekommen, erzählt er heute.

„Man wusste, dass er jeden Augenblick austicken konnte"

Werders Ex-Manager Klaus Allofs und die Gänsehaut bei „Rüpel“ Johan Micoud

Bremen – Werder Bremen lässt in den spielfreien Wochen von den Fans in den sozialen Medien die Topspieler der Vereinsgeschichte wählen. Gerade ist das Mittelfeld dran – und der Gewinner steht eigentlich schon fest: Johan Micoud.

„Le Chef“, wie der Franzose in Bremen nur genannt wurde, hat Werder 2004 zum Double geführt. Klingt schön romantisch, aber das war es mit Johan Micoud nicht immer, wie Ex-Sportchef Klaus Allofs nun im Podcast „Phrasenmäher“ verrät: „Man wusste, dass er jeden Moment austicken konnte, so impulsiv war. Er hat sich aber auch immer unglaublich für die Mannschaft eingesetzt.“

Micoud war schon vor seinem Wechsel zu W erder Bremen 2002 ein besonderer Spieler. Er galt als bester Spielmacher Frankreichs – allerdings immer erst nach einem gewissen Zinedine Zidane. „Plötzlich rief mich ein französischer Berater an. Johan Micoud sei zu haben, zu ganz guten Konditionen. Da habe ich erstmal eine Gänsehaut gekriegt“, erinnert sich Allofs.

Johan Micoud zunächst wenig begeistert von Wechsel zu Werder Bremen

Er hatte selbst in Frankreich gespielt, schaute damals anders als viele Bundesliga-Konkurrenten gerne ins Nachbarland und kannte deshalb natürlich auch Micoud. Der 29-Jährige war nach seinem Wechsel zum AC Parma in Italien nicht glücklich geworden. Es gab ein Treffen in Nizza. „Johan war am Anfang von der Idee, nach Deutschland und dann auch noch nach Bremen zu wechseln überhaupt nicht begeistert. Johans Frau hat sogar gefragt, wie lange denn Schnee in Bremen liegen würde – nach dem Motto: Das muss ja schon ganz weit im Norden sein“, erzählt Klaus Allofs. Letztlich konnte der damalige Werder-Manager die Micouds aber überzeugen. Dabei half ihm seine eigene Vergangenheit in Frankreich, er hatte wie Micoud auch für Girondins Bordeaux gespielt.

Sportlich war der neue Spielmacher ein Volltreffer für Werder Bremen. Nur menschlich gab es immer mal wieder Probleme. „Johan war in jedem Training unangenehm und ekelig für die Mitspieler, aber auch für den Trainer. Das war nicht einfach. Aber warum war er so? Weil er immer gewinnen wollte!“, berichtet Allofs. Diese Siegermentalität steckte irgendwann im ganzen Team, und mit seiner spielerischen Klasse machte Micoud aus einer guten, eine sehr gute Mannschaft. Die Krönung war der Double-Gewinn 2004.

Johan Micoud bei Werder Bremen: Kopfnuss für Fabian Ernst, Ohrfeige für Journalist

Doch es gab auch Tiefpunkte. Im Januar 2005 im Trainingslager versetzte Micoud seinem Mitspieler Fabian Ernst eine Kopfnuss. „Johan war kein Verrückter, keiner, der wirklich gewalttätig war. Meistens konnte man ganz normal mit ihm reden. Aber manchmal reichte eine Kleinigkeit, wenn sein Stolz verletzt wurde, dann wurde es gefährlich“, so Allofs. Eigentlich hätte er Micoud nach der Kopfnuss rausschmeißen müssen. „So eine Aktion von einem Spieler, der keinen Wert für die Mannschaft hat, wäre nicht akzeptiert worden. Die Mannschaft wusste aber, wie wichtig er war. Alle Spieler sind zwar eigentlich gleich, aber manche sind eben gleicher“, erzählt Allofs und es ist ein leichtes Lachen zu hören.

Es war übrigens nicht der erste Ausrutscher des Superstars gewesen. 2003 hatte Johan Micoud einen Journalisten der „Bild“-Zeitung geohrfeigt. „Das war Wahnsinn. Ich habe damals zu Thomas Schaaf gesagt: Das kriegen wir nicht mehr gerettet“, erinnert sich Allofs. Letztlich wurde die Sache dann doch noch geklärt – mit einer halben Entschuldigung von Micoud. „Er hat schon durchblicken lassen, dass er das eigentlich nicht hätte machen dürfen. Aber es kam sofort sein Hinweis: ,Ganz unschuldig ist der andere auch nicht.’“

Klaus Allofs im „Phrasenmäher“ über Werder Bremen

Micoud war eben eine Diva. 2006 verließ er Werder und wechselte zurück zu Girondins Bordeaux, wo er zwei Jahre später seine Karriere beendete. Allofs blieb bis 2012 als Sportchef bei Werder Bremen, ging dann zum VfL Wolfsburg. Dort wurde er 2016 entlassen. Nach einer ganz bewussten Pause ist der inzwischen 63-Jährige wieder bereit für einen Job im Fußball-Geschäft, aber nicht auf der Suche, denn sein Motto lautet: „Zu Aufgaben muss man gerufen werden. Und wenn man nicht gerufen wird, muss man sich damit auch abfinden.“

Im „Phrasenmäher“ spricht Allofs übrigens auch noch über weitere Werder-Themen wie die Entdeckung von Claudio Pizarro, den verrückten Transfer von Julio Cesar und den vielleicht etwas zu frühen Abgang von Mesut Özil. (kni)

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