Wenige Sekunden im Spiel, schon der Held: Johannes Eggestein erzielte gegen VfL Wolfsburg das 2:0, sein erstes Bundesliga-Tor!
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Wenige Sekunden im Spiel, schon der Held: Johannes Eggestein erzielte gegen VfL Wolfsburg das 2:0, sein erstes Bundesliga-Tor!

Vor sieben Jahren hat Werder Johannes Eggestein entdeckt

Endlich im Rampenlicht

Bremen - Der quietschende Hallenboden, Stimmengewirr, ab und zu schrille Pfiffe aus einer Trillerpfeife und dieser für Sporthallen so charismatisch-muffige Geruch – all diese Eindrücke hat Björn Schierenbeck nicht vergessen.

Sie sind da, jederzeit abrufbar und unzertrennlich mit einem Nachmittag verknüpft, der inzwischen fast sieben Jahre zurückliegt. Damals, im Winter 2011, hatte Schierenbeck diesen Jungen vom TSV Havelse zum ersten Mal spielen sehen. Niedersächsische U13-Hallenmeisterschaft in Barsinghausen. Was kaum provinzieller klingen könnte, ist nichts anderes als ein Pflichttermin für die Scouts aller Proficlubs aus dem Norden. „Auf dieser Bühne ist er sofort aufgefallen“, erinnert sich Schierenbeck: „Jeder hat gesehen, was er für Fähigkeiten hat.“ Dem Direktor von Werders Nachwuchsleistungszentrum ist die Verblüffung von damals noch heute anzuhören. Schließlich begann an jenem Tag die gemeinsame Geschichte von Werder Bremen und Johannes Eggestein, die am vergangenen Freitag ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Fußball-Romantik unter gleißendem Flutlicht

Im Heimspiel gegen Wolfsburg wird Eggestein eingewechselt, Schlussphase, und sorgt nur drei Minuten später mit seinem ersten Bundesligator für den 2:0-Endstand. Der Junge aus dem eigenen Nachwuchs, den Werder 2013 aus Havelse in die U17 geholt hatte, endlich mit seinem ersten großen Moment im Weserstadion – es ist Fußball-Romantik unter gleißendem Flutlicht. „Es ist ein schönes Gefühl“, sagt Eggestein später selbst. Ein Gefühl, auf das nicht nur er lange gewartet hat.

Johannes Eggestein als U17-Kapitän im Jahr 2014.

In den vergangenen Jahren gab es sie zuhauf, die Geschichten über Eggestein, den Hochbegabten. 39 Tore in 28 Spielen der A-Jugend-Bundesliga, Gewinner des Silbernen Schuhs als zweitbester Torschütze bei der U 17-Weltmeisterschaft, und dazu immer wieder Namen nationaler und internationaler Topclubs, die das Talent auf dem Zettel haben sollen. Keine Frage: So etwas schafft Erwartungen, ziemlich hohe sogar – viel zu hohe, wie Werder-Trainer Florian Kohfeldt betont. „Es wurde erwartet, dass er aus der A-Jugend kommt und sofort die Bundesliga zerschießt“, moniert Kohfeldt, „das war einfach Schwachsinn!“

Ein „Jahrhundert-Talent“

Nach Toren über Toren in Werders Nachwuchsteams braucht Eggestein, der 2016 zu den Profis aufrückt, zunächst Anlaufzeit im Herrenbereich. Bei seinen sporadischen Einsätzen in der Bundesliga wirkt der Stürmer körperlich unterlegen. Dazu kommt Anfang 2017 ein Syndesmosebandriss, der ihn fast drei Monate lang außer Gefecht setzt. „Johannes wusste damals schon, dass es nicht immer nur nach oben gehen kann“, erinnert sich Schierenbeck: „Er hat aber Geduld bewiesen und noch härter an sich gearbeitet.“ Ganz einfach ist die Zeit des Wartens für den Stürmer, den Hannovers Ex-Profi Dieter Schatzschneider einst ein „Jahrhundert-Talent“ nannte, aber nicht. „Ein Spieler stellt sich dann schon die Frage, wie es jetzt weitergeht“, erklärt Werders Sportchef Frank Baumann. „Wichtig ist nur, dass man nicht die Nerven verliert.“ Und das tut Johannes Eggestein nicht. „Er ist ein Spieler, der seinen Weg geht, auch wenn es mal hakt“, lobt Baumann, der diese Eigenschaft Eggesteins nicht zuletzt auf dessen „bodenständiges Elternhaus“ zurückführt.

Johannes Eggestein: Seine Karriere in Bildern

Johannes Eggestein
Mit 15 Jahren wechselte Johannes Eggestein zur Saison 2013/14 vom TSV Havelse zu Werders U17. In seiner ersten Saison schoss er 19 Tore und wurde Torschützenkönig. © imago
Johannes Eggestein
Von der U17 ging es zwei Jahre später zur U19. Mit 33 Toren aus 26 Spielen wurde Eggestein in der Spielzeit 2015/16, wie schon in den beiden Jahre zuvor, Torschützenkönig der Junioren-Bundesliga. © Gumz
Johannes Eggestein
Ein guter Grund für Werder, Eggestein längerfristig zu binden: Im Juni 2016 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag. © gumzmedia
Johannes Eggestein
Anschließend durfte Johannes Eggestein mit den Profis ins Trainingslager reisen. Die Saison absolvierte er aber bei der U23, nur im DFB-Pokal bekam er Einsatzzeit bei den Profis. © Gumz
Johannes Eggestein
Auch unter Alexander Nouri trainierte Eggestein bei den Profis mit. Zu Saisonende erlitt er einen Syndesmosebandanriss, fiel für die letzten elf Spieltage aus.  © Gumz
Johannes Eggestein
In der folgenden Saison 2017/18 war Johannes Eggestein zur Vorbereitung wieder fit. So konnte er unter anderem in den Testspielen gegen West Ham United ein Tor beisteuern.  © Gumz
Johannes Eggestein
Er stand anschließend zwar häufiger im Profikader als zuvor, bekam aber nur drei Kurzeinsätze in der Bundesliga und einen im Pokal.  © Gumz
Johannes Eggestein
In den Jugendmannschaften des DFB war er dagegen ein fester Bestandteil. Schon 2012 wurde er für Deutschlands U15 nominiert, spielte dann in allen Juniorenteams.  © imago
Johannes Eggestein
Für die U17 nahm er 2015 an der Europameisterschaft und an der Weltmeisterschaft teil. © imago
Johannes Eggestein
Im September 2017 folgte das Debüt für die U21-Nationalmannschaft und die Teilnahme an deren EM-Qualifikation. Das Besondere: Erstmals stand er dort mit seinem Bruder Maximilian auf den Platz. © imago
Johannes Eggestein
Nur zwei Monate später lief Eggestein auch erstmals für die U20-Mannschaft des DFBs auf. © imago
Bei den Profis wartet Johannes Eggestein noch auf seinen Durchbruch. In der Saison 2017/18 kam er auf sieben Einsätze.
Bei den Profis wartet Johannes Eggestein noch auf seinen Durchbruch. In der Saison 2017/18 kam er auf sieben Einsätze. © gumzmedia
In der ersten Runde des DFB-Pokals 2018/19 erzielte Johannes Eggestein seinen ersten Pflichtspieltreffer für Werder. Der Clou: Auch sein Bruder Maximilian Eggestein traf beim 6:1-Sieg.
In der ersten Runde des DFB-Pokals 2018/19 erzielte Johannes Eggestein seinen ersten Pflichtspieltreffer für Werder. Der Clou: Auch sein Bruder Maximilian Eggestein traf beim 6:1-Sieg. © gumzmedia
Am siebten Spieltag der Saison 2018/19 hatte das Warten endlich ein Ende: Johannes Eggestein schoss gegen Wolfsburg sein erstes Bundesligator überhaupt. Vorlage: Claudio Pizarro, 40 Jahre. Torschütze: Johannes Eggestein, 20 Jahre. 
Am siebten Spieltag der Saison 2018/19 hatte das Warten endlich ein Ende: Johannes Eggestein schoss gegen Wolfsburg sein erstes Bundesligator überhaupt. Vorlage: Claudio Pizarro, 40 Jahre. Torschütze: Johannes Eggestein, 20 Jahre.  © gumzmedia
Am zehnten Spieltag der Saison 2018/19 bedankt sich Johannes Eggestein im Spiel gegen Mainz 05 mit einer Vorlage für Claudio Pizarro.
Am zehnten Spieltag der Saison 2018/19 bedankt sich Johannes Eggestein im Spiel gegen Mainz 05 mit einer Vorlage für Claudio Pizarro. © gumzmedia
Johannes Eggestein hat im April 2019 seinen Vertrag bei Werder Bremen verlängert. Bruder Maximilian folgte mit seiner Vertragsverlängerung zwei Tage später.
Johannes Eggestein hat im April 2019 seinen Vertrag bei Werder Bremen verlängert. Bruder Maximilian folgte mit seiner Vertragsverlängerung zwei Tage später. © gumzmedia

Nun also das erste Bundesligator im elften Spiel, ein Meilenstein und ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Geschichte von Werder und Johannes Eggestein eine Erfolgsgeschichte werden könnte. Schließlich ist der 20-Jährige neben seinem Bruder Maximilian (21) derzeit das beste Beispiel dafür, dass der oft zitierte Werder-Weg in die richtige Richtung führt. Früh verpflichtet, selbst ausgebildet und in die Bundesliga gebracht – die Eggesteins leben das vor, was Werder mit möglichst vielen Talenten schaffen möchte. Geht es nach Baumann, werden beide Profis ihre Verträge bald verlängern. Der von Johannes läuft im kommenden Sommer aus, der von Maximilian im Sommer 2020. „Wir wollen unsere jungen, talentierten Spieler langfristig halten“, sagt Baumann. Auch Kohfeldt würde das freuen. Schließlich gilt er im Verein als größter Förderer der beiden Brüder.

Werders Eggesteins: Maximilian (li.) und Johannes.

Kein Wunder also, dass sich der Trainer am vergangenen Freitag ganz besonders gefreut hat, als Johannes Eggesteins Premierentor gefallen war. „Er hat sich belohnt. Dieser Moment hat ihn für ganz, ganz viele Stunden entschädigt, die er hier hart gearbeitet hat“, sagt Kohfeldt. Als Eggestein in der 86. Minute jubelnd abdrehte, saßen viele seiner ehemaligen Werder-Jugendtrainer auf der Tribüne. Wegbegleiter, Förderer, Menschen, die stets an ihn geglaubt haben. „Es war einfach nur Riesenfreude“, sagt Kohfeldt, „zuerst natürlich für Jojo, aber auch für den Gesamtverein.“

Björn Schierenbeck war am Freitagabend übrigens nicht im Weserstadion. „Ich hatte andere Termine“, sagt er. Eggesteins großen Moment verpasst zu haben, dürfte er aber verkraften können. Schließlich hat er ja noch die Erinnerungen an 2011, an den Jungen im Havelse-Trikot, der einfach nicht zu stoppen war.

Schon gehört?

#DeichFUMS - Folge 2: Roboter Pizarro, Prödl calling und der Anrufbeantworter des Todes

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