Werder Bremens Ex-Profi Kevin Schindler (re., mit U 21-Nationalspieler Pætur Petersen) ist als Co-Trainer des HB Torshavn 2020 Meister auf den Färöern geworden.
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Werder Bremens Ex-Profi Kevin Schindler (re., mit U 21-Nationalspieler Pætur Petersen) ist als Co-Trainer des HB Torshavn 2020 Meister auf den Färöern geworden.

Interview der DeichStube

„Ich habe hier einfach großen Spaß“: Ex-Werder-Profi Kevin Schindler über sein Leben auf den Färöer-Inseln und die neue Aufgabe als Cheftrainer

Bremen – Viel Wind, viel Regen, ganz viel Fisch und noch mehr Schafe – das sind in Deutschland die gängigen Klischees, wenn es um die Färöer-Inseln geht. Kevin Schindler lebt inzwischen seit eineinhalb Jahren auf der Inselgruppe im Nordatlantik – und vor Kurzem hat der Ex-Profi des SV Werder Bremen dort seinen ersten Cheftrainer-Posten angetreten.

Nach einem Jahr als Assistenzcoach beim Rekordmeister HB Torshavn trägt der 33-Jährige nun interimsweise die Verantwortung. Mit der DeichStube hat Kevin Schindler über Autoverkäufer im Team, die Ruhe beim Wandern in den Bergen – und eine schwierige Aufholjagd gesprochen.

Herr Schindler, wenn Ihnen vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass Sie mit 33 als Cheftrainer auf den Färöer-Inseln arbeiten werden – was hätten Sie geantwortet?

(lacht) Dem hätte ich ziemlich sicher den Vogel gezeigt, denn damit hätte ich selbst niemals gerechnet. Im Fußball geht es manchmal aber schneller, als man denkt. Die Aufgabe ist sehr spannend, und ich nehme die Herausforderung gerne an. Die Absprache mit dem Verein läuft erstmal bis Ende der Saison. Dann sehen wir, wie es weitergeht.

Wie waren die ersten Tage im Amt?

Sehr turbulent. An einem Montagnachmittag, kurz vor einer Teambesprechung, wurde bekannt, dass Jonas Dal Andersen als Trainer gehen muss und ich übernehmen soll. Das war schon sehr hektisch. Ich bin die Sache trotzdem konzentriert und ruhig angegangen. Ich habe eine gute Beziehung zu den Spielern und den Menschen im Verein. Das hat sehr geholfen.

Dabei ist Ihre Aufgabe nicht leicht. Torshavn hat in der vergangenen Saison das Double gewonnen, nun aber als Dritter bereits elf Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Klaksvik. Das scheint kaum mehr aufzuholen.

Natürlich ist das noch aufzuholen, denn rechnerisch ist es noch möglich. Genauso sage ich das auch meiner Mannschaft. Wir spielen noch zweimal gegen den Tabellenführer, noch einmal gegen den Zweiten. Da geben wir noch lange nicht auf.

Kevin Schindler verließ 2011 Werder Bremen

Im Vorjahr haben Sie in vier Spielen auf dem Platz ausgeholfen. Ist das wieder geplant?

Nein, das ist kein Thema mehr. Das war damals nur nötig, weil wir viele verletzte Spieler hatten.

Konnten Sie denn mithalten? Wie ist das fußballerische Niveau auf den Färöern?

Ja, das ging schon noch. Generell können wir uns in etwa mit einer Spitzenmannschaft aus der Regionalliga oder einem Team aus dem Keller der 3. Liga messen. Das ist realistisch. Meine Mannschaft ist im Moment wieder gut drauf. Bei meinem Debüt als Cheftrainer haben wir 6:0 gewonnen und hatten gefühlt 90 Prozent Ballbesitz.

Wie groß ist die Fußballbegeisterung im Land? Sind die Ränge voll, wenn Torshavn spielt?

Nein, nicht wirklich. Es ist überschaubar. Bei Spitzenspielen kommen etwa 1000 bis 2000 Fans.

Sie leben seit Januar 2020 auf den Färöern. Was schätzen Sie am Alltag dort?

Hier läuft alles deutlich ruhiger ab. Ich lebe sehr gerne hier, esse gerne den frischen Fisch, den es hier überall gibt. Auch die Landschaft genieße ich. Die Ruhe beim Joggen oder Spazierengehen in den Bergen tut sehr gut, um etwas Abstand zu gewinnen. Das Angeln habe ich inzwischen aber aufgeben, weil die Erfolge eher mau waren und dazu auch die Zeit fehlt.

Sprechen Sie inzwischen die Landessprache?

Nein. Dänisch verstehe ich, aber das meiste läuft für mich hier auf Englisch. Färöisch ist wirklich schwer zu lernen, die Grammatik ist echt hart. Mir wurde gesagt, dass die Sprache Verbindungen zum Deutschen haben soll. Das mag ich aber nicht glauben.

Die Spieler Ihrer Mannschaft sind keine Vollprofis, sondern gehen noch geregelten Berufen nach. Wie oft können Sie da trainieren?

Momentan schaffen wir es sechs Mal in der Woche. Wir haben Elektriker im Team, Bauarbeiter, Bankangestellte, auch Schüler und Autoverkäufer. Das bekommen die Spieler aber gut unter einen Hut.

In Sachen Corona-Virus sind die Färöer-Inseln eine Art gelobtes Land, weil es nach wie vor kaum Fälle gibt. Macht sich die Pandemie überhaupt bemerkbar?

Wir haben in den letzten fünf, sechs Wochen etwa eine Handvoll neue Fälle gehabt, aber weitestgehend ist das Thema hier vom Tisch. Ich war Gott sei Dank nicht infiziert und werde in den nächsten Tagen meine erste Impfung bekommen.

Werder Bremens Ex-Profi Kevin Schindler steht kurz vor der A-Lizenz als Trainer

Nochmal zurück zum Fußball: Ihr Ziel ist es, den Fußballlehrer-Schein zu machen, um in der eingeschlagenen Trainerlaufbahn weiterzukommen. Wie weit sind Sie da?

Ich habe im vergangenen Jahr in Berlin die B-Lizenz gemacht. Jetzt steht die A-Lizenz vor der Tür, die ich schnellstmöglich absolvieren möchte.

Kann die Arbeit auf den Färöern denn ein Sprungbrett als Trainer sein, oder liegt der Fußball auf den Inseln dann doch zu weit unter dem Radar der Aufmerksamkeit?

Ich bin damals hierhergekommen, um mich als Trainer zu entwickeln. Dazu habe ich jetzt wieder ein Stück mehr die Gelegenheit. Aber natürlich sind die Färöer sehr, sehr weit unter dem Radar. Das spielt für mich aber keine Rolle. Ich habe hier einfach großen Spaß an der Arbeit.

Ihr Vertrag mit Torshavn läuft im Herbst aus. Wie geht es dann weiter?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Dass ich nicht mein Leben lang auf den Färöern bleiben werde, ist klar. Aber was genau nach der Saison passiert, wird sich erst zeigen müssen. (dco)

Verfolgt das Testspiel des SV Werder Bremen gegen ZSKA Sofia im Liveticker der DeichStube.

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