Klaus Augenthaler spricht im DeichStube-Interview über die Chancen des SV Werder Bremen im Duell mit dem FC Bayern München, die aus seiner Sicht übertriebene Kritik an Bayern-Coach Julian Nagelsmann und über ein besonderes Treffen mit dem damaligen Werder-Manager Willi Lemke.
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Klaus Augenthaler spricht im DeichStube-Interview über die Chancen des SV Werder Bremen im Duell mit dem FC Bayern München, die aus seiner Sicht übertriebene Kritik an Bayern-Coach Julian Nagelsmann und über ein besonderes Treffen mit dem damaligen Werder-Manager Willi Lemke.

Ex-Münchner DeichStube-Interview

Bayern-Legende Klaus Augenthaler: „Es ist kein Zufall, dass Werder so weit oben steht“

München – Werders Sieg gegen Schalke hat er sich im Fernsehen angeschaut: Denn Ex-Profi Klaus Augenthaler denkt nicht nur an seinen FC Bayern München. Der Weltmeister von 1990, der als Experte beim Bayern-TV aktiv ist und als Nachwuchstrainer das internationale Programm des Rekordmeisters begleitet, schaut sich viele Spiele an. Und der 65-Jährige mag die Art, wie Werder Bremen als Aufsteiger auftritt.

Im Interview mit der DeichStube spricht der ehemalige Ausputzer über die Chancen des SV Werder Bremen im Duell mit dem FC Bayern München (Dienstag, 20.30 Uhr im DeichStube-Liveticker), die aus seiner Sicht übertriebene Kritik an Bayern-Coach Julian Nagelsmann und über ein besonderes Treffen mit dem damaligen Werder-Manager Willi Lemke.

Herr Augenthaler, es wird in Gesprächen mit Ihnen ständig die legendäre 42-Sekunden-Pressekonferenz als Trainer in Wolfsburg thematisiert, als Sie sich selbst eine Frage gestellt und die Antwort gegeben haben. Also: Welche Frage würden Sie sich vor der Partie Bayern München gegen Werder Bremen stellen?

Wie kann Bayern diese Werderaner knacken? Wie ich beobachte, hat Bremen eine gute und intakte Mannschaft.

Haben Sie im TV Werders Sieg gegen Schalke verfolgt?

Sicher.

„Ich bin der ewige Fußballer“ haben Sie mal über sich gesagt. Es stimmt also, wenn Sie für dieses Spiel den Abend am Samstag „opfern“?

Ich schaue mir viele Spiele an, nicht nur die Spiele, die aus Bayern-Sicht interessant sind.

Klaus Augenthaler, Legende des FC Bayern München, über Werder-Bremen-Trainer Ole Werner: „Leistet perfekte Arbeit“

Hat dieser Auftritt des Aufsteigers Werder überrascht?

Ein wenig schon, dass Werder so überzeugend spielt und aktuell so gut dasteht. Eigentlich schade, dass Bremen abgestiegen ist. Wie der Hamburger SV oder auch Hannover 96 und Düsseldorf, diese Vereine mit ihren fantastischen Stadien gehören einfach dazu. Doch bezüglich Werder sei noch mal betont: 21 Punkte, der siebte Tabellenplatz - ich vermute, damit haben die Bremer selbst nicht gerechnet.

Was sind die Gründe für diesen Höhenflug des Aufsteigers?

Die Mannschaft hat eine gute Mischung, ein gutes Alter. Es ist ein Team, das funktioniert. Und Werder hat mit Ole Werner einen Trainer, der perfekte Arbeit leistet und alles in die richtige Bahnen lenkt.

Trauen Sie Werder zu, auf Sicht gesehen diese Position in der Liga zu halten? Kann eventuell sogar Europa angepeilt werden?

Es sind nur wenige Punkte zu den Clubs, die ganz oben platziert sind. Und es ist kein Zufall, dass Werder so weit oben steht.

Was ist die besondere Stärke der Truppe?

Eindeutig die Geschlossenheit, das Kollektiv, es ist eine Einheit. Es gibt keine Superstars. Zudem haben sich Spieler wie Weiser oder Bittencourt über die Jahre famos entwickelt.

Klaus Augenthaler, Legende des FC Bayern München, über Werder Bremens Niclas Füllkrug: „Seine Leistung ragt heraus“

Ist Torjäger Niclas Füllkrug in dieser Truppe momentan nicht der Superstar?

Seine Leistung ragt natürlich heraus. Daher steht Füllkrug mit Recht so im Blickpunkt. Zu meiner Zeit hat es das auch gegeben. Der FC Bayern war „Breitnigge“: Rummenigge und Breitner. Doch diese beiden Superstars haben es sich nicht anmerken lassen. Gerade Paul Breitner hat damals als Kapitän vorgelebt, was es heißt, Fußball als Mannschaftssport zu begreifen. Und so sehe ich den Ausnahmespieler Füllkrug bei Werder auch.

Die Tore sprechen für Niclas Füllkrug, der gegen Bayern verletzungsbedingt ausfallen wird. Die Diskussion um seine Berufung in die Nationalelf hat nach der schweren Verletzung von Timo Werner noch mehr Fahrt aufgenommen. Wie ist Ihre Meinung?

Die Leistung spricht für Füllkrug. Er wird gesucht, er bekommt viele Bälle und er bestätigt Woche für Woche seine Klasse.

Am letzten Wochenende hat auch Dortmunds Moukoko kräftig Werbung für sich gemacht. Wenn Sie Hansi Flick wären, wen würden Sie für die WM bevorzugen? 

Das kann man nicht vergleichen und werten. Mit Füllkrug habe ich einen Akteur, von denen es wenige gibt. Imponierend sind seine Statur und seine Kopfballstärke, Fähigkeiten, die gefragt sein könnten, wenn die deutsche Elf mal zurückliegt und die Brechstange auspacken muss. Das ist kein Plädoyer gegen Moukoko, der ein großartiger Fußballer ist und mit seinen erst 17 Jahren eine große Zukunft vor sich hat.

Ein Shootingstar in München ist Jamal Musiala. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Er hat eine unwahrscheinliche Entwicklung gemacht. Obwohl er so schmächtig wirkt, hat er ein körperliche Robustheit aufgebaut. Er ist stabil im Zweikampf und kann sich behaupten. Und die anderen Qualitäten sind bekannt: Schnelligkeit, eine überragende Technik, ein super Abschluss und eine unglaubliche Übersicht, gerade, wenn es eng wird.

Die Bayern hatten mit der Niederlage in Augsburg und der Remis-Serie punktemäßig eine kleine Delle. Haben sie sich nun gefangen?

Ich glaube schon. Wer genau hinschaut, erkennt, wie unglücklich die Partien in jener Zeit gelaufen sind. Beispielsweise hätten die Bayern gegen Gladbach mit 5:1 gewinnen müssen. Doch ich sehe einen anderen Aspekt: Es tut der Bundesliga unglaublich gut, wenn München nicht wieder schon frühzeitig als Meister feststeht, wenn es spannend bleibt. Wenn in der Endphase der Saison noch zwei oder drei Mannschaften berechtigte Chancen haben, den Titel zu holen.

Klaus Augenthaler, Legende des FC Bayern, vor Duell gegen Werder Bremen: „Chuopo-Moting ein hervorragender Fußballer“

So wie früher, als Sie mit den Bayern siebenmal die Schale erobert haben.

Richtig, da gab es diese engen Duelle. Gerade mit Werder oder mit dem HSV. Ich erinnere an 1986, diese Dramatik, als Werder lange vorn war und wir sie noch eingeholt haben. So eine Spielzeit ist unvergleichlich, aus Sicht der Fans, aber auch der Spieler.

Die Münchner haben sich nunmehr aus der „kleinen Krise“ geschossen. Auch dank Choupo-Moting?

Sicher ist das ein Aspekt. Choupo-Moting ist ein hervorragender Fußballer, der vielfach noch unterschätzt wird. Als Ersatz für Lewandowski stand er lange im Schatten. Nun kann er zeigen, was er drauf hat.

War der Verkauf von Lewandowski unvermeidlich?

Es war richtig, ihn gehen zu lassen. Doch ich habe damals im Sommer gleich gesagt, dass dies ein großes Thema wird in dem Moment, wenn es nicht läuft.

Klaus Augenthaler vor Duell gegen Werder Bremen: Kritik an Bayern Münchens Julian Nagelsmann war „absolut übertrieben“

Ein Thema wurde dann auch der Trainer. War die Kritik an Julian Nagelsmann zu drastisch?

Absolut übertrieben. Für die Presse war es ein gefundenes Fressen. Ich kenne dies, dieses Schicksal des Trainerdaseins: Hast du Erfolg, bist du der Größte, hast du keinen Erfolg, bist du allein. Die Bayern und Nagelsmann sind nun wieder erfolgreich.

Stichwort Katar: Wie schätzen Sie das Leistungsvermögen der deutschen Mannschaft ein? Gehen Sie mit einem guten Gefühl ins Turnier?

In erster Linie freue ich mich auf die WM. Dabei steht für mich hinter der Elf von Hansi Flick ein dickes Fragezeichen. Es wird interessant sein, wie sich das Team präsentiert und ob die zuletzt sichtbaren Schwachpunkte ausgemerzt werden können.

Wer ist WM-Favorit?

Ich sehe keinen Topfavoriten, auch nicht zwei oder drei Nationen mit den besten Chancen. Es ist ein breites Feld von Mannschaften, die sich etwas ausrechnen dürfen.

So könnte die Startelf-Aufstellung von Werder Bremen gegen den FC Bayern München aussehen!

Bayern-München-Legende Klaus Augenthaler: Ex-Werder-Bremen-Manager Lemke hätte ihn gerne aus der Gondel geworfen

Eine Frage, die in Interviews mit Ihnen unvermeidlich ist. Wie blicken Sie heute auf Ihr damals folgenschweres Foul am Bremer Rudi Völler im November 1986. Wie kommen Sie mit Rudi, der sich dabei schwer verletzt hat, aus?

Kaum ein Mensch kannte damals die Hintergründe. Wir hatten uns kurz danach ausgesprochen, alles war somit rasch geklärt zwischen uns. In der Winterpause war ich mit einigen Bayern-Kollegen zum Skilaufen in Leogang. Zufällig waren auch ein paar Bremer da. Wir hatten Spaß und waren gemeinsam Eisstockschießen. So kam es zur Aussprache.

„Ein normales Foul“, hat Sie Manager Uli Hoeness damals in Schutz genommen. „Ein brutales Foul“, haben Sie später die Aktion bewertet, für das Sie nur Gelb gesehen haben.

Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Vor drei Wochen hat mir jemand ein Video geschickt von einem Amateurspiel, bei dem ein Spieler für ein ähnliches Foul vom Platz musste. Sein Kommentar: Und Du hast nicht die Rote Karte gesehen! Ich habe ihm geantwortet, ich sei halt einen Schritt zu spät gekommen und das Ganze habe schon brutal ausgeschaut. Doch es darf nicht vergessen werden, wie alles hochgeschaukelt worden ist, hochgepuscht in dem damaligen Klima. Das ewige Duell Bayern gegen Werder, die Scharmützel Uli Hoeneß gegen Willi Lemke. Da fällt mir noch eine schöne Anekdote ein: Jahre später war ich wieder beim Skifahren. Schlechtes Wetter, ich sitze in der Gondel. Mir gegenüber ein Mann, der mir unbekannt war. Schließlich nahm er Mütze und Skibrille runter. Und wer war es? Der Herr Lemke. Aber wir haben nicht groß gesprochen. (hgk)

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