Anne-Kathrin Laufmann ist CSR-Direktorin beim SV Werder Bremen, beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit und der sozialen Verantwortung des Clubs.
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Anne-Kathrin Laufmann ist CSR-Direktorin beim SV Werder Bremen, beschäftigt sich mit der Nachhaltigkeit und der sozialen Verantwortung des Clubs.

DeichStube-Interview

Klimaneutral? „Gerne 2040“ - CSR-Direktorin Laufmann setzt bei Werders Nachhaltigkeit auch auf Moore

Bremen – Sie könnte die erste Geschäftsführerin des SV Werder Bremen in der Clubhistorie werden, doch darüber möchte Anne-Kathrin Laufmann noch nicht so gerne reden. Die 43-Jährige spricht als Direktorin für den Bereich CSR (Corporate Social Responsibility) lieber über Nachhaltigkeit. Denn die wird auch für Fußball-Clubs immer wichtiger. Im Interview mit der DeichStube erklärt Laufmann, wie sie das Thema mit Werder angeht und wann der Bundesligist klimaneutral sein will.

Anne-Kathrin Laufmann, Sie sind die Nachhaltigkeitsmanagerin des SV Werder Bremen. Wo fällt es Ihnen persönlich am schwersten, nachhaltig zu agieren?

Im Bereich Bekleidung. Nicht zu oft etwas Neues zu kaufen, sondern die Sachen möglichst lange zu tragen oder zum Beispiel mit Freunden zu tauschen. Das ist mein größtes Laster.

Seit wann achten Sie darauf, nachhaltig zu leben?

Als Kind wurden mir so Dinge wie „Licht aus“, „Türen schließen“ und „Nicht so viel wegschmeißen“ beigebracht. Aber ich glaube, das war auch aus finanziellen Gründen. Jetzt ist es eine grundsätzliche Entscheidung, die durch den Job natürlich verstärkt wird. Ich achte schon darauf, plastikfrei einzukaufen, viel mit dem Fahrrad zu fahren, ein E-Auto zu nutzen oder die Kinder mit Second-Hand-Kleidung auszustatten. Wir kaufen auch zu 95 Prozent nur Bio-Waren. Das kommt alles, weil ich durch meinen Job weiß, was passieren wird, wenn wir uns nicht so verhalten. Und diese Folgen bereiten mir durchaus Sorge.

Wie schwer ist es, als Nachhaltigkeitsmanagerin immer ein Vorbild sein zu müssen?

Bei der Arbeit wird mir da kein Druck gemacht. Meine Kollegen schauen nicht, ob ich mal einen Coffee-to-go-Becher dabeihabe. Den Druck mache ich mir selbst: Wenn ich mich für diese Sachen einsetze, dann muss ich sie auch leben.

Fallen deshalb auch weite Urlaubsreisen weg?

Ja. Wir haben als Familie in diesem Jahr diskutiert und dabei eine Flugreise ausgeschlossen. Jetzt machen wir Camping. Das ist mit zwei kleinen Kindern aber sowieso das Beste, was man machen kann.

Wie reagiert Ihr Umfeld darauf?

Meinen Mann habe ich auch überzeugt. Der lebt das inzwischen auch. Bei meinen Freunden frage ich schon mal nach, warum sie so ein dickes Auto fahren oder warum sie nicht mit dem Rad gekommen sind. Manchmal habe ich den Ruf, eine kleine Oberlehrerin zu sein (lacht). Aber ich passe auf, nicht nur mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen. Es ist viel besser, die Menschen zu motivieren. Denn am Ende ist es eine Einstellungssache. Ich muss überzeugt davon sein, sonst mache ich das nicht auf Dauer.

Werder Bremen-CSR-Direktorin Anne-Kathrin Laufmann über Probleme des Fußballs und das Ziel Klima-Neutralität

Wie überzeugt ist der SV Werder Bremen?

Sehr überzeugt. Das erste soziale Projekt gab es hier 2002. Ich bin seit 2006 bei Werder. Es war ein steiniger Weg. Gerade die gesellschaftlichen Themen liefen nur am Rande mit. Der Fokus lag voll auf dem Profi-Fußball. Das ist ja auch okay, weil es unser Kerngeschäft ist. Aber es hat sich wirklich positiv verändert. Die Geschäftsführung steht voll dahinter. Wir haben Ziele definiert und auch in unserer Strategie verankert. Dieses Thema ist nicht mehr wegzudenken.

Der Begriff „nachhaltig“ ist zwar gerade sehr in Mode, aber dennoch längst nicht für jeden verständlich. Wie würden Sie nachhaltig in wenigen Worten erklären?

Das Prinzip von Nachhaltigkeit ist es, nur so viel zu verbrauchen, wie auch nachwächst. Man muss sich immer Gedanken über die nächsten Generationen machen. Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben? Wie wollen wir mit unserer Erde umgehen? Wir müssen ein gutes Maß finden, dass wir nicht zu viel nehmen. Dieses Maß haben wir leider alle nicht eingehalten. Deswegen sind wir an diesem Punkt, etwas verändern zu müssen.

Mit dem richtigen Maß ist das gerade bei einem Fußball-Club so eine Sache. Alle zwei Wochen kommen 40.000 Zuschauer ins Wohninvest Weserstadion – und das nicht nur aus der direkten Umgebung. Die Mannschaft fliegt zu Auswärtsspielen. Das ist alles andere als nachhaltig.

Richtig, da entstehen in der Tat sehr hohe CO2-Emissionen. Aber unsere Aufgabe ist es zu schauen: Wie bekommen wir das reduziert? Wir haben als SV Werder eine umfassende CO2-Bilanzierung gemacht. Reise-Tätigkeiten von Fans und den Teams sind dabei schon sehr große Themen, aber auch eine große Herausforderung, weil wir nicht immer die direkte Handhabe besitzen. Dass unsere Tickets am Spieltag auch für den öffentlichen Nahverkehr gelten, ist schon mal ein guter Schritt. Aber wir müssen weitere Anreize schaffen, dass nicht so viele mit ihrem Auto kommen. Manche Dinge können wir allerdings nicht vermeiden, dazu gehört sicher auch mal eine Flugreise. Dann gib es immer noch die Möglichkeit der Kompensation.

Was wäre das?

Ich finde das Thema Moore sehr interessant. Das ergibt gerade in dieser Region sehr viel Sinn. Moore geben zwar zunächst CO2 ab, wenn man sie wiederbelebt, nehmen dann aber sehr viel CO2 auf. Im Moment werden von Unternehmen oftmals CO2-Zertifikate eingekauft, und mit diesem Geld werden dann weltweit Projekte gefördert und zum Beispiel Bäume gepflanzt. Wir müssen das nicht, aber wir wollen perspektivisch klimaneutral werden – und dazu brauchen wir auch diese Kompensationen.

Wann will Werder klimaneutral sein?

Gerne 2040. Wichtiger als die Kompensation ist dabei aber die Reduzierung und Vermeidung der Emissionen. Da gibt es noch genügend Möglichkeiten.

Anne-Kathrin Laufmann, CSR-Direktorin beim SV Werder Bremen, im Interview mit DeichStube-Reporter Björn Knips.

Werder Bremen-CSR-Direktorin Anne-Kathrin Laufmann: Fußball-Clubs müssen sich stärker mit Nachhaltigkeit befassen

Aber bei Ihnen müssen doch alle Alarmglocken läuten, wenn hier im Stadion regelmäßig die Beleuchtungsanlage angeht, damit der Rasen besser wächst.

Darüber gibt es tatsächlich viele Diskussionen. Aber die Beleuchtung gehört zur Pflege eines Hybridrasens, der optimal gepflegt sein muss, dazu. Allerdings würde dies auch bei einem Naturrasen nicht anders sein, der dann häufiger ausgetauscht werden müsste und dadurch entstehen wiederum neue Emissionen. Immerhin beziehen wir nur Öko-Strom und produzieren über unsere einzigartige Photovoltaik-Anlage am Stadion auch jede Menge Strom selbst. Da muss man immer abwägen.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat nun erstmals eine verpflichtende Nachhaltigkeitsrichtlinie in ihrer Lizenzierungsordnung verankert. Wo muss Werder noch nachbessern?

Wir haben alle Themen, die dort genannt werden, auf der Agenda. Das ist schon mal ein Riesenvorteil. Dabei geht es ja nicht nur um Ökologie, sondern auch um gesellschaftliches Engagement und Compliance. Gerade beim Thema Compliance müssen wir sicher noch nachjustieren.

Brauchte es diese Pflicht für die 36 Profi-Clubs?

Ja! Es gibt noch viel zu viele Clubs, die nicht genug machen. Der Tenor lautet oft: Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, darum können wir uns jetzt nicht auch noch kümmern. Aber es muss sich einfach jeder mit diesem Thema beschäftigen. Es wird in der Zukunft staatliche Regulation geben. Darauf müssen wir als Liga und Clubs vorbereitet sein – und das geht am besten gemeinsam. Außerdem verankern wir uns damit noch viel besser in der Gesellschaft. Wir haben eine so große Strahlkraft, die müssen wir nutzen, um für diese Themen zu werben und ein Bewusstsein zu schaffen.

Ihre Abteilung ist mit elf hauptamtlichen Mitarbeitern und 150 Ehrenamtlichen inklusive Trainern die größte dieser Art im deutschen Profi-Fußball. Wie kann sich der Verein das leisten, wenn ständig von finanziellen Schwierigkeiten die Rede ist?

Wir haben schon lange ein festes Budget. Einige unserer Programme werden auch gefördert zum Beispiel vom European Football for Development Network, von der DFL-Stiftung, von der Deutschen Kinder- und Jugend-Stiftung oder auch von der Postcode-Lotterie. Dazu haben wir Sponsoren, die uns unterstützen. Gerade die Fördergelder machen uns etwas unabhängiger.

Nach dem Aufstieg geht der Club mit dem Beitritt zur Bewegung „Common Goal“ nun sogar noch einen Schritt weiter und spendet ein Prozent seiner Einnahmen aus dem Sponsoring und Ticketing für soziale Projekte – warum das auch noch?

Die Idee von Common Goal ist total spannend – mit Fußball-Entwicklungsprojekten auf der ganzen Welt. Das passt zu uns. Wir konnten über Common Goal auch unser Spielraum-Programm, mit dem wir in Bremen sehr aktiv sind, zertifizieren lassen. Das kann dadurch gefördert werden, wir profitieren also auch. Und wir sind wieder einmal Vorreiter, weil wir der erste Profi-Club in Deutschland sind, der sich dort engagiert. Die Strahlkraft ist schon enorm.

Rückt Anne-Kathrin Laufmann bei Werder Bremen in die Geschäftsführung auf? CSR-Direktorin will nicht vorgreifen

Werder-Boss Klaus Filbry engagiert sich auch persönlich bei „Common Goal“, genauso wie einige Bremer Bundesliga-Spielerinnen. Werden Sie das auch machen – und würden Sie sich das genauso von den Großverdienern im Club, den Bundesliga-Profis, wünschen?

Natürlich wünsche ich mir das. Aber man sollte es nicht fordern, weil es immer auch um Überzeugung geht. Das ist das Allerwichtigste, weil es sonst nicht glaubwürdig und nicht nachhaltig ist. Trotzdem darf man schon sagen, dass gerade Großverdiener etwas Gutes tun sollten. Ich werde es wohl auch machen. Aber ich engagiere mich schon sehr viel, da bewegen mich auch andere Themen wie der Umweltschutz und der Tierschutz.

Wie wichtig sind Niclas Füllkrug und Co. für Ihre Arbeit?

Sehr wichtig – in erster Linie aber für sie selbst, weil sie dadurch einen Perspektivwechsel erleben. Fußball kann mehr als nur diese 90 Minuten auf dem Rasen. Für die Kids ist es eine wahnsinnige Anerkennung, wenn die Profis bei unserem Spielraum-Projekt auf den Platz kommen. Und natürlich ist die öffentliche und mediale Wahrnehmung eine andere, wenn dort ein Profi auftaucht.

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es auch um die Clubführung und -organisation. Eine Strukturkommission schiebt da aktuell große Veränderungen bei Werder an – gerade im Bereich Compliance, also der Regeltreue von Unternehmen. Wie wichtig ist das für den SV Werder?

Das ist auch ein Lizenzierungskriterium und deshalb sehr wichtig. Irgendwann kommt auch auf uns das Thema Berichtspflicht zu, dann werden auch so Sachen wie Ämter-Pluralität kritisch abgefragt.

Die Kommission schlägt dazu vor, dass der Präsident künftig nicht mehr gleichzeitig auch Geschäftsführer in der ausgegliederten KG sein darf. Der Verein soll aber trotzdem als alleiniger Gesellschafter weiter einen Geschäftsführer mitbestimmen dürfen. Für diese Rolle sind Sie vorgesehen. Welche Verantwortung kommt da auf Sie zu?

Wichtig ist, dass die Vorschläge der Strukturkommission personenunabhängig zu betrachten sind. Zunächst muss das Präsidium darüber entscheiden, dann müssen sie den Mitgliedern vorgestellt werden und auf der Mitgliederversammlung, dem wichtigsten Gremium des Vereins, muss darüber abgestimmt werden. Es wäre ein völlig falsches Zeichen, diesem Prozess vorzugreifen und schon jetzt darüber zu diskutieren, mit welchen Personalien mögliche neue Positionen besetzt werden.

Dann anders gefragt: Sie sind seit 2006 bei Werder, was bedeutet Ihnen Grün-Weiß?

Ganz viel, das ist eine Lebenseinstellung. Fußball ist ohnehin schon sehr emotional. Das gilt auch für die Nachhaltigkeit, wo man so viel Positives bewegen kann. Für mich ist es eine Lebensaufgabe, das bei Werder machen zu dürfen und zu spüren, wie positiv das begleitet wird. Ich merke das immer, wenn jemand etwas gegen Werder sagt. Dann fühle ich mich persönlich angegriffen (lacht). (kni)

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