Ömer Toprak, Kapitän des SV Werder Bremen, köpft den Ball gegen Rouven Hennings von Fortuna Düsseldorf.
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Ömer Toprak, Kapitän des SV Werder Bremen, köpft den Ball gegen Rouven Hennings von Fortuna Düsseldorf.

Werder und der Umgang mit Kopfbällen

Reine Kopfsache: Werders Weg durch die Debatte um Hirnschäden und Verbote

Bremen – Allein und verlassen stehen sie da. Die drei Galgen, die schon so manchen Profi des SV Werder Bremen gequält haben. Gleich da hinten neben der riesigen Sandkiste bei Platz 12. An den Metallkonstruktionen baumelten einst die guten alten Kopfballpendel, die mittlerweile jedoch ausgedient haben. Weil sie nicht mehr zeitgemäß sind. Und vielleicht auch gar nicht so gut, sondern mehr Schaden verursachen könnten als dass sie helfen. Schon seit einiger Zeit genießt das Kopfballspiel nicht mehr den besten Ruf, Wissenschaftler und Mediziner sorgen sich um die Gesundheit der Akteure.

„Wir haben die Diskussionen rund um dieses Thema in den vergangenen Monaten verfolgt“, erklärt Werder Bremens Cheftrainer Ole Werner auf Nachfrage der DeichStube. „Ich persönlich lasse das Kopfballspiel nicht speziell trainieren. Aber natürlich kommt es in den Übungen oder im Trainingsspiel auch zum Kopfball. Grundsätzlich versuchen wir aber schon, den Ball über den Rasen laufen zu lassen.“ Nicht zwingend aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil es schlichtweg der gewünschten Spielweise entspricht, mit der der Coach samt seiner Mannschaft zum Erfolg kommen will. Und ohnehin sind die Profis nur ein Teil der Debatte.

Werder Bremen-Trainer Ole Werner: „Ich persönlich lasse das Kopfballspiel nicht speziell trainieren“

Aktuell geht es besonders um den Nachwuchs. In England ist Kindern unter zwölf Jahren bereits aus Angst vor Hirnschäden und weiteren Schädelblessuren das Köpfen untersagt. In den USA liegt die Grenze sogar bei zehn Jahren. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) will man nicht ganz so weit gehen. Anstelle von Verboten verständigte man sich während des Bundesjugendtages in Duisburg Ende Januar auf eine andere Strategie. „Verbote bringen relativ wenig. Wir versuchen es mit Vernunft und Verstand. Wir haben die Grundlage dafür geschaffen, um mit dem Kopfball umzugehen“, sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann und versprach: „Fußballspiele ohne Kopfbälle wird es im älteren Juniorenbereich genau wie bei den Erwachsenen nie geben. Wir sind gut beraten, Kinder altersgerecht darauf vorzubereiten.“ Denn die Gefahr ist real. Davon sind sie nicht nur beim DFB überzeugt, auch andernorts.

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Am Klinikum Bremen Ost etwa, wo Prof. Dr. Thomas Duning Chefarzt der Klinik für Neurologie ist. Er beschäftigt sich seit längerer Zeit mit dem Thema und weiß um die Risiken, die es während eines Kopfballs gibt. „Man erlebt ein sogenanntes Mikrotrauma“, erläutert der Mediziner im Gespräch mit der DeichStube. „Die Nervenzellen des Gehirns schlagen an, und das können sie nicht gut leiden: Einige gehen unter. Wenn das im Laufe des Lebens zu häufig passiert, dann kommt das Gehirn irgendwann an seine Kompensationsreserven. Das sorgt für kognitive Defizite, die schließlich alltagsrelevant werden. Und das nennt man Demenz.“

Werder Bremen: „Das Risiko für Profi-Fußballer im Alter an Demenz zu erkranken ist vier- bis fünffach so hoch“

Nun wäre es zu einfach, die Schuld allein den Kopfbällen zu geben. Vielmehr ist es das Gesamtpaket, das zur Beeinträchtigung führen kann. „Man weiß inzwischen schon relativ lange, dass körperbetonte Sportarten diesbezüglich zu einem erhöhten Risiko führen“, sagt Duning. „Das prägnanteste Beispiel sind Boxer, die viele Schläge gegen den Kopf und entsprechend viele Mikrotraumata bekommen. Dadurch besteht ein deutlich erhöhtes Risiko, an Parkinson oder auch an Alzheimer zu erkranken. Das sind klassische und häufige neurodegenerative Krankheiten. Auch bei Spielern im American Football oder Eishockey hat man diesen Zusammenhang inzwischen nachgewiesen.“

Und nun eben auch beim Fußball. „Da war das lange unklar, da gab es allenfalls Hinweise. Nun gab es aber eine sehr große Studie mit über 7000 schottischen Profifußballern. Deren Entwicklung ist über Jahrzehnte nachverfolgt worden“, berichtet der Neurologe. „Die exzellente Datenlage sorgt dafür, dass die Erkenntnisse sehr profund wirken. Mehr als 1,8 Millionen Probanden-Jahre wurden dokumentiert. Dabei zeigte sich, dass im Vergleich zu den Daten identisch vieler Menschen, die nicht Profifußball spielen, ein deutlich erhöhtes Risiko besteht, im Alter an Demenz zu erkranken. Das Risiko ist mindestens doppelt bis vier- oder fünffach so groß.“

Werder Bremen: DFB teilt Einschätzungen der schottischen Studie über Erkrankungen aufgrund von Kopfverletzungen nicht

Auch dem DFB ist diese Studie nicht verborgen geblieben, doch die Interpretation der Resultate sei zweifelhaft, heißt es vonseiten des Verbandes. „Die untersuchten Fußballer haben bereits vor sehr langer Zeit gespielt, sie lebten länger als Vergleichspersonen“, sagt Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger, Lehrstuhlinhaber für Sportmedizin an der Universität Paderborn und Facharzt für Neurologie, der in der Medizinischen Kommission des DFB das Fachthema „Kopfverletzungen beim Fußball“ betreut. Beide Faktoren seien ebenso wie die Möglichkeit anderer Ursprünge für die Erkrankung nicht in die Interpretation eingeflossen. „Eine ursächliche Klärung ist aufgrund dieser und anderer Mängel der schottischen Studie nicht ohne Weiteres möglich, so dass weiterhin erheblicher Forschungsbedarf besteht“, teilte der DFB mit.

Dennoch wird gehandelt. Indem künftig besondere Richtlinien für den Kinder- und Jugendfußball gelten. So sieht der DFB ein Training mit leichteren Bällen und eine geringe Zahl von Kopfball-Wiederholungen pro Training vor. Kleine Spielfelder mit Mini-Toren sollen dazu beitragen, dass die Bälle flach gespielt werden. „Wir wollen Kinder und Jugendliche sinnvoll auf das Kopfballspiel vorbereiten – mit einer vernünftigen Technik und einer vernünftigen Muskulatur“, sagt DFB-Teamarzt Tim Meyer.

Werder Bremen: Neurologe Thomas Duning würde Ömer Toprak „nicht raten, dass er das Kopfballspiel grundsätzlich sein lässt“

Er beschreibt damit einen Weg, der bei Werder Bremen ohnehin schon gegangen wird. „In den jüngeren Jahrgängen des Leistungszentrums versuchen die Trainer, das Kopfballspiel ganz weg zu lassen, in den älteren Jahrgängen wird es ebenfalls sehr dosiert trainiert, gehört aber teilweise bei Übungen dazu“, schildert Werders Profi-Trainer Ole Werner.

Es ist ein System, das auch dem Bremer Neurologen Prof. Dr. Thomas Duning zusagt. „Es ist wie mit allem: Wenn man es nicht übertreibt, dann ist es okay“, meint er. „Man weiß, dass Sportler grundsätzlich ein geringeres Risiko haben, an einer Demenz zu erkranken als unsportliche Menschen. Ich würde mir dennoch keine Sportart aussuchen, in der ich regelmäßig viele Mikrotraumata bekomme, wenn ich kognitiv gesund alt werden möchte.“ Und deshalb hat der Mediziner einen einfachen Tipp parat: „Wenn ich Spieler wäre, dann würde ich insbesondere in jungen Jahren auf massives Kopfballtraining verzichten. Wenn es aber natürlich später mein Beruf ist, dann würde ich mich nicht zurückhalten“, erklärt Duning. „Ich würde Herrn Ömer Toprak jedenfalls nicht raten, dass er das Kopfballspiel grundsätzlich sein lässt, insbesondere im Aufstiegskampf, sondern darauf setzen, dass er sonst einen gesunden Lebenswandel pflegt, um gesund alt zu werden.“ (mbü)

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