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Die Zukunft des SV Werder Bremen im „Werder-Lab“, dem Werder-Labor, soll trotz der Coronavirus-Krise vorangetrieben werden.

Start-ups können nicht in Bremen sein

So funktioniert das „Werder-Lab“ in Zeiten des Coronavirus 

Bremen/Berlin – Schon beim feierlichen Finale hatte es Anfang Februar dieses schlechte Omen gegeben. Diesen kleinen Vorgeschmack auf das, was da in Sachen Coronavirus noch kommen könnte. Schauplatz: Berlin-Neukölln. Einen Tag vor seinem bis dato letztem Bundesligaspiel bei Hertha BSC hatte Werder Bremen in der Hauptstadt die Sieger seines „Werder-Lab“, seines „Werder-Labors“ gekürt.

Ein internationaler Wettbewerb für Start-up-Unternehmen, deren Aufgabe es gewesen war, dem SV Werder Bremen Antworten auf strukturelle Fragen der Zukunft zu liefern. Inwieweit kann künstliche Intelligenz beim Spieler-Scouting helfen? Wie lassen sich mögliche Verletzungen frühzeitig prognostizieren – und dann vermeiden?

Solche Themen standen dabei im Mittelpunkt, bearbeitet hatten sie insgesamt 94 Start-ups aus zwölf Ländern, von denen es letztlich neun ins Berliner Finale geschafft hatten. Vor Ort sein konnten sie wegen des Coronavirus aber nicht alle. Die Teilnehmer aus Italien, Kanada und Israel wurden online zugeschaltet. Technisch kein Problem in der heutigen Zeit und irgendwie schon ein guter Probelauf für Werder, denn auch mit den drei Sieger-Start-ups läuft die Zusammenarbeit – anders als ursprünglich geplant – wegen Corona nur noch telefonisch und digital.

Werder Bremen und FC Liverpool arbeiten mit Start-up Skill Corner zusammen

„Wir sind in engem Austausch und hatten gerade erst eine Telefonkonferenz“, berichtet Ex-Profi Clemens Fritz, Werders Scouting-Chef, der mit seiner Abteilung seit Mitte März eng mit dem französischen Start-up „Skill Corner“ kooperiert. Das junge Unternehmen um Morgan Jacquin generiert Daten anhand von TV-Übertragungen von Fußballspielen. Während die Partie über den Bildschirm flimmert, legt eine entsprechende Software Rahmen um jeden einzelnen Spieler, erfasst all seine Bewegungen und stellt die Werte auf eine Weise dar, wie man sie bisher höchstens aus Computerspielen kennt. 

Die Intensität des Pressings etwa zeigt ein Kreis über dem Spielerkopf an, der sich je nach Höhe einer Prozentzahl von grün nach rot verfärbt. „Visualisierung ist ein Thema, das für die Vermittlung von Inhalten immer wichtiger wird“, hatte Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry in Berlin gesagt, „da kann man Spielern in Zukunft ganz anders vorführen, wie sie auf dem Platz zu reagieren haben.“ Für den FC Liverpool übrigens keine neue Erkenntnis. Der Spitzenverein arbeitet schon länger eng mit „Skill Corner“ zusammen.

Werder Bremen: DNA-Analysen als Hilfe beim Talentscouting und zur Verletzungserkennung

Auch das Start-up „The Gene Box“ aus Indien hatte die Werder-Jury in Berlin überzeugt, nachdem Firmenchef Pranav Anam auf der kleinen Bühne erklärt hatte, wie sein Unternehmen mittels DNA-Analyse sowohl beim Talentscouting als auch beim Voraussagen möglicher Verletzungen helfen kann. Werder, das wurde in Berlin direkt klar, ist sich bewusst, ein ethisch-heikles Thema anzupacken. Viel gläserner als durch den Blick auf seine DNA kann man einen Menschen schließlich nicht machen. 

„Wir sind da sehr achtsam und schauen darauf, was ethisch vertretbar ist“, versicherte Filbry. Das Thema aber links liegen zu lassen, „wäre aufgrund des Potenzials, das dahintersteckt, fahrlässig.“ Und überhaupt: Kein Profi und schon gar kein Nachwuchsspieler müsse jetzt Proben abgeben. Werder geht es vielmehr um einen ersten Berührungspunkt mit der Thematik, darum, sich ein Urteil aus erster Hand bilden zu können.

Werder Bremen: Zusammenarbeit mit Gewinnerteams funktioniert auch ohne Anwesenheit vor Ort

Zum dritten Gewinner-Unternehmen wurde das schwedisch-amerikanische Start-up „Svexa“ gekürt, das die Minimierung des Verletzungsrisikos von Spitzenathleten durch Datenanalyse verspricht. Ursprünglich geplant gewesen war, dass die drei Sieger für eine längere Arbeitsphase nach Bremen kommen, um vor Ort Daten sammeln und ihre Software auf Werder zuschneiden zu können. Das fällt in Zeiten der Pandemie flach.

Für Clemens Fritz, der in Berlin mit in der Jury saß, ist das jedoch kein großes Problem. „Es ist zwar ein bisschen schade, weil wir die Zusammenarbeit mehr vor Ort durchführen wollten, aber es geht auch so gut“, hält der 39-Jährige fest. Dann eben mit dem Hörer in der Hand oder vor dem Bildschirm sitzend – geforscht wird an den strukturellen Zukunftsfragen des Bundesligisten auch weiterhin. Was momentan – anders kann man es nicht ausdrücken – bei aller Berechtigung des Themas eine ordentliche Portion Ironie enthält. Denn die Frage, ob beispielsweise DNA-Analyse künftig ein gewinnbringendes Element sein kann, rückt in Zeiten, in denen der ganze Verein wegen Corona ums Überleben bangt, freilich drastisch in den Hintergrund. (dco)

Zur letzten Meldung vom 7. März 2020:

Werder kürt Sieger seines Start-up-Wettbewerbs – und beschäftigt sich künftig mit DNA-Analysen

Ein schöner Kontrast, gleich zu Beginn. Denn der Ort, an dem Werder Bremen an diesem verregneten Märztag einen Blick in die Zukunft werfen möchte – dieser Ort hat eine bewegte Geschichte. Schauplatz Berlin-Neukölln, Harzer Straße 39. Hier steht bis heute das rote Backsteingebäude, in dem früher die Geyer-Werke untergebracht waren, Deutschlands älteste Filmfabrik.

Die umstrittene Leni Riefenstahl ging hier einst ein und aus, später wurden dann die Filme Rainer Werner Fassbenders in den Geyer-Werken bearbeitet. Lange her all das. Inzwischen geht es an der Harzer Straße um ganz andere Themen.

Der Fußball-Bundesligist aus Bremen hat an diesem Tag in sein „Werder-Lab“, ins „Werder-Labor“ eingeladen. Neun Start-up-Unternehmen aus acht verschiedenen Ländern werden dem Verein ihre Antworten auf strukturelle Fragen der Zukunft präsentieren. Es geht dabei vorrangig um Themen wie Spielerscouting mit Hilfe künstlicher Intelligenz sowie das frühzeitige Prognostizieren eventueller Verletzungsanfälligkeiten. 

Oder, noch knapper zusammengefasst, um die Frage, wie sich Technologie und Sport möglichst gewinnbringend vereinen lassen. Die drei Sieger, für die sich Werder am Ende des Tages entscheiden wird und die ab sofort erstmal für zwei Monate mit dem Verein zusammenarbeiten, kommen aus den Bereichen DNA-Analyse, Datenerfassung anhand von TV-Übertragungen und Trainingssteuerung. Aber der Reihe nach. Willkommen im Werder-Labor!

Werder Bremen: Zehn Millionen Euro lieber in Technologie als in neuen Stürmer investieren?

Ein schmaler Durchgang, unscheinbar. Dann durch ein steriles Treppenhaus bis in den zweiten Stock – hier ist Werder heute zu Gast, bei Betahaus. Das Unternehmen, ein sogenannter Co-Working-Space, in dem sich Menschen aus verschiedensten Branchen kleine bis mittelgroße Büros hinter Glaswänden mieten können, hat dem Bundesligisten bei der Ausschreibung des Start-up-Wettbewerbs geholfen. Die Leute, die einem bei Betahaus begegnen, haben zweierlei gemeinsam: sie sind jung und aufgeschlossen. Einige tragen große Brillen, andere lange Bärte, einer sogar einen Hund auf dem Arm. Hier duzt man sich, nice to meet you!

Schwere Entscheidung: Die Jury um Werders Aufsichtsratchef Marco Bode nahm sich viel Zeit, um aus den neun Start-up-Unternehmen drei Gewinnern herauszufiltern. (Foto: werder.de)

Insgesamt 94 Unternehmen, verstreut über den gesamten Globus, hat Betahaus gemäß Werders Ansprüchen herausgefiltert und daraus bis zum Finaltag neun gemacht. „Immer mehr Firmen erkennen, dass sie ohne externe Innovatoren nicht mehr wettbewerbsfähig sind“, sagt Betahaus-Gründer Maximilian von der Ahe. Werder habe er geraten, dass es sinnvoller sein könnte, die nächsten zehn Millionen nicht in einen neuen Stürmer, sondern in Expertise zu investieren. Sport und Technik, das sei ein ständig wachsender Markt. Einer, auf dem Werder von Beginn an Anschluss halten, keine wichtige Entwicklung verpassen möchte. Deswegen das Labor, in dem nicht Mikroskope und Reagenzgläser, sondern MacBooks und Smartphones die Instrumente sind. Dazu Sperrholzmöbel, Kaffeetassen, Flachbildschirme, vereinzelt Topfpflanzen. Und natürlich, fast schon obligatorisch: Kickertisch und Kühlschränke mit Glasfront.

Werder Bremens Zukunftswettbewerb: Corona-Virus verhindert Anwesenheit einiger Teilnehmer

Pranav Anam ist anfangs etwas nervös, was aber auch kein Wunder ist – schließlich führt er den Anstoß aus, präsentiert als erster Start-up-CEO sein Unternehmen. „The Gene Box“ heißt es, Firmensitz Indien. Eine lange Reise also, die der Gründer hinter sich hat. Anders als einige seiner Kontrahenten konnte er sie trotz Corona-Virus antreten. Die beiden Teilnehmer aus Italien, der aus Israel und auch der aus Kanada werden hingegen zugeschaltet, präsentieren online. Fünf Minuten hat jeder Kandidat Zeit für seinen sogenannten „pitch“, ein englisches Wort aus der Start-up-Szene, das an diesem Tag doppeldeutig passt: Es bedeutet sowohl Präsentation als auch Fußballfeld.

Anam erklärt der Jury, in der nahezu Werders komplette Führungsetage um Aufsichtsratschef Marco Bode, Hauptgeschäftsführer Klaus Filbry und Vereinspräsident Hubertus Hess-Grunewald sitzen, wie sein Unternehmen mittels DNA-Analyse sowohl beim Talentscouting als auch beim Voraussagen möglicher Verletzungen helfen kann. Werder überzeugt das, „The Gene Box“ darf nach Bremen kommen. Der Verein ist sich dabei durchaus bewusst, ein ethisch-heikles Thema anzupacken. Viel gläserner als durch den Blick auf seine DNA kann man einen Menschen schließlich nicht machen. „Wir sind da sehr achtsam und schauen darauf, was ethisch vertretbar ist“, versichert Filbry. Das Thema aber links liegen zu lassen, „wäre aufgrund des Potenzials, das dahintersteckt, fahrlässig.“ Und überhaupt: Kein Profi und schon gar kein Nachwuchsspieler müsse in den kommenden zwei Monaten Proben abgeben. Werder geht es vielmehr um einen ersten Berührungspunkt mit der Thematik, darum, sich ein Urteil aus erster Hand bilden zu können. Denn im Verein sind sie sich sicher: Das Thema wird kommen.

Generiert Werder Bremen zukünftig Daten anhand von TV-Übertragungen aus Fußballspielen?

Weniger heikel und deutlich besser visualisierbar ist das, womit sich „Skill Corner“ am Ende durchsetzt. Das französische Start-up um Morgan Jacquin generiert Daten anhand von TV-Übertragungen von Fußballspielen. Während die Partie über den Bildschirm flimmert, legt die entsprechende Software Rahmen um jeden einzelnen Spieler, erfasst all seine Bewegungen und stellt die Werte auf eine Weise dar, wie man es bisher höchstens aus Computerspielen kennt. Die Intensität des Pressings etwa zeigt ein Kreis über dem Spielerkopf an, der sich je nach Höhe einer Prozentzahl von grün nach rot verfärbt. „Visualisierung ist ein Thema, das für die Vermittlung von Inhalten immer wichtiger wird“, sagt Filbry, „da kann man Spielern in Zukunft ganz anders vorführen, wie sie auf dem Platz zu reagieren haben.“ Für den FC Liverpool übrigens keine neue Erkenntnis. Der Champions-League-Sieger arbeitet schon länger eng mit „Skill Corner“ zusammen.

Jury und Gewinner: Zum Abschluss des "Werder-Lab" gab es das traditionelle Gruppenfoto. (Foto: werder.de)

Die Vertreter von „Svexa“ müssen lange auf ihren „pitch“ warten. Das amerikanisch-schwedische Start-up, das ausgeschrieben „Silicon Valley Exercise Analytics“ heißt, ist erst als Drittletzter mit Präsentieren dran. Schlussphase also, die Jury längst voller Input. Geschäftsführer Mikael Mattsson findet aber trotzdem sofort ins Spiel und überzeugt mit seinen Ideen davon, wie sich das Verletzungsrisiko von Spitzenathleten durch Datenanalyse minimieren lässt. Sowohl Sportphysiologie als auch die sogenannte Präzisionsmedizin kommen dabei zum Einsatz. „Svexa hat nicht nur einen rein technologischen, sondern auch einen wissenschaftlichen Ansatz. Davon versprechen wir uns einen Mehrwert“, sagt Jury-Mitglied Nico Hruby, der sich bei Werder federführend um das Thema Digitalisierung kümmert.

Werder Bremen freut sich auf Zusammenarbeit mit drei Gewinnern von Betahaus

Drei Gewinner also, drei spannende Ansätze – aber auch drei Fragezeichen. Denn ob und mit wem Werder nach Ablauf der zweimonatigen Arbeitsphase weiter kooperiert, entscheidet der Verein erst im Mai – übrigens unabhängig davon, ob künftig in erster oder zweiter Bundesliga gespielt wird. Zu den jungen und aufgeschlossenen Leuten von Betahaus wollen die Bremer in jedem Fall Kontakt halten. 

Schließlich waren sie eine Art Türöffner in die mögliche Welt von morgen und hatten zudem durchaus Gespür für Werders Geschichte bewiesen. Auf dem offiziellen Logo des „Werder-Lab“ dribbeln nämlich nicht Klaassen und Rashica, sondern die Vereinsikonen Votava und Schaaf, stilecht im Portas-Trikot. Zu hören, was diese beiden zum Tag im roten Backsteingebäude an der Harzer Straße 39 gesagt hätten, wäre durchaus interessant gewesen. (dco)

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