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Torhüter-Legende Günter Bernard (Mitte) bejubelt mit Karl-Heinz-Kamp (l.) und Rudi Assauer (r.) einen Sieg mit dem SV Werder Bremen. Am Montag wird Bernard 80 Jahre alt.

Deutscher Meister von 1965 feiert Geburtstag

Günter Bernard wird 80: Auf Mallorca wurde aus dem Bayer ein Bremer

Achim – Gebucht war die Reise schon länger: 280 Mark für 14 Tage Mallorca. Zahlen aus einer anderen Zeit, aus dem Sommer 1963 – als sich Günter Bernards Leben durch seine Unterschrift beim SV Werder Bremen für immer verändern sollte. Dabei hatte er eigentlich bloß Urlaub machen wollen.

Nach einer langen und kräftezehrenden Oberliga-Saison mit dem 1. FC Schweinfurt 05 wollte der 23-jährige Torwart in der Sonne ausspannen, gemeinsam mit seiner Frau, seinem besten Freund Heinz Sidon und dessen Frau ein paar schöne Tage verbringen. Dann kam Hansi Wolff. Und es ging doch wieder um Fußball. Werder Bremens Geschäftsführer legte Günter Bernard beim Abendessen im Hotel einen Zweijahresvertrag vor, den der Torwart unterschrieb – und damit den Grundstein für seine beeindruckende Karriere legte. Deutscher Meister, WM-Teilnehmer, einer der Besten seiner Zunft. Am Montag feiert Bernard nun seinen 80. Geburtstag. Zeit, um auf all das zurückzuschauen.

Im ersten Moment will das gute Stück noch nicht so, wie Günter Bernard sich das vorstellt. Erst nach zwei, drei Versuchen löst sie sich vom Haken – und er hält sie in der Hand: die Meisterschale von 1965. Eine Nachbildung nur, klar, aber dennoch ein wohlgehütetes Erinnerungsstück, das Bernard in seinem Haus in Achim, wo er mit Partnerin Annegret Feldmann lebt, an die Wand gehängt hat. An diesem Vormittag, Ende Oktober, der Herbst hat den Sommer endgültig in die Knie gezwungen, nimmt sich der Ex-Profi viel Zeit, verdichtet Jahre seines Lebens zu einer guten Stunde Retrospektive, prall gefüllt mit großen Namen und noch größeren Anekdoten. „Im Norden“, beginnt er, „wollte ich eigentlich nur zwei Jahre bleiben.“ Daraus sind inzwischen 56 geworden.

Der Stadionsprecher hat es soeben durchgesagt: Köln spielt gegen Nürnberg nur 0:0, wodurch Werder zum ersten Mal Deutscher Meister ist. Unbändige Freude bei (von links): Höttges, Bernard, Steinmann, Ferner, Lorenz, Matischak und Klöckner.

Günter Bernard: Vater Robert war ebenfalls deutscher Nationalspieler

Bernard, 1939 im bayerischen Schweinfurt geboren, gilt früh als großes Fußballtalent, was kein Wunder ist. Schließlich lief schon sein Vater Robert in der höchsten bayerischen Spielklasse auf, nahm mit der deutschen Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet Robert Bernard ein Sportartikelgeschäft. „Das war ein Vorteil für mich“, berichtet Günter Bernard, damals stolzer und in der Nachbarschaft vor allem einziger Besitzer eines echten Lederballs. „So konnte ich bei den Größeren mitspielen, auf der Straße, zwischen den Ruinen.“

Schweinfurt, eine Industriestadt, hat im Krieg viel abbekommen, auch die Familie Bernard muss einen Schicksalsschlag hinnehmen. „Mein fünf Jahre älterer Bruder und meine Großmutter sind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen“, erzählt Günter Bernard, der zum Zeitpunkt des Unglücks zu Hause bei den Eltern ist. „Genauso gut hätte ich aber mit ihm bei Oma und Opa sein können“, sagt er. An seinen Bruder hat er heute keine Erinnerungen mehr, „ich war zu jung damals“.

Werder Bremen: Günter Bernard verdiente mit seinem erstem Profi-Vertrag 50 Mark

Nach der Schule lernt Bernard Maschinenbauer, arbeitet später auch in diesem Beruf – macht sich parallel dazu aber auch einen Namen als Fußballer. Sein erster Profivertrag, unterschrieben 1957 beim 1. FC Schweinfurt 05, Oberliga Süd, ist monatlich mit 50 Mark dotiert. „Nach Steuern blieben mir davon noch 37,50 Mark“, weiß Bernard bis heute. Und auch: „Zum Einstand musste ich den Mannschaftskameraden einen ausgeben. Da war das erste Gehalt direkt wieder weg.“

Lange dauert es nicht, dann wird Bernard erstmals in die U23-Nationalmannschaft berufen, die erste Einladung zu einem A-Länderspiel folgt am 24. Oktober 1962. Knapp ein Jahr später schlägt dann Werders Geschäftsführer Wolff zu, und die Bremer freuen sich nach dem Deal im mallorquinischen Sollér über den ersten Star-Einkauf ihrer Vereinsgeschichte. Bernard hat schließlich schon einige U23-Länderspiele absolviert. 1965 dann die Sensation: Werder holt die Schale, Bernard steht während der Meistersaison in allen Spielen im Tor. „Es war der reine Wahnsinn. Die Menschen haben uns so sehr gefeiert. So eine Euphorie hatte ich noch nie erlebt.“ Bernards Augen leuchten bei diesen Sätzen. Sentimental wirkt er nicht. Eher zufrieden. Und ist bis heute stolz auf das Erreichte. „Ich habe eine wunderschöne Zeit im Fußball gehabt.“ Ein Fazit, das er mitten im Gespräch zieht. Dann geht es weiter, Sommer 1966, das Wohnzimmer wird zum Wembley-Stadion.

Torwart Günter Bernard holte mit dem SV Werder Bremen sensationell die Deutsche Meisterschaft 1965.

Werder Bremen: Günter Bernard verbrachte als deutsche Nummer „tolle Wochen“ bei der WM 1966

Bei der WM in England zählt Bernard zum deutschen Kader, ist hinter dem Dortmunder Hans Tilkowski und vor dem Münchner Sepp Maier die Nummer zwei. „Tolle Wochen waren das“, sagt Bernard, der den Vormittag vor dem Endspiel gegen England auf – sagen wir – ungewöhnliche Weise verbringt: Er spielt Tennis gegen Sepp Maier, während der Rest der Mannschaft der Spielbesprechung von Trainer Helmut Schön lauscht. „Es durfte ja noch nicht ausgewechselt werden, und da Tilkowski gesetzt war, war Sepp und mir klar, dass wir nicht gebraucht werden.“ Schön habe nicht einmal bemerkt, dass die beiden Ersatztorhüter fehlten.

Bei Werder ist Bernard hingegen weiterhin unverzichtbar, was sich erst in der Spielzeit 1967/68 kurzzeitig ändert, als ihn Trainer Günter Brocker überraschend nicht mehr aufstellt, stattdessen Karl Loweg spielen lässt. Gerüchteweise soll sich der Trainer eine Beteiligung an den Einsatzprämien des Ersatzkeepers zugesichert haben lassen. Es lohnt sich nicht. Nach vier Niederlagen zum Auftakt muss Brocker gehen, Nachfolger Fritz Langner beordert Bernard sofort wieder zwischen die Pfosten. Auch als Jahre später am 3. April 1971 einer davon am Gladbacher Bökelberg bricht, ist Bernard noch Bremens Nummer eins, hat also beste Sicht aufs Geschehen. „Netzer flankt, Laumen will köpfen, ich fange den Ball, Laumen fliegt an mir vorbei ins Netz, und dann ging das alles los“, sagt er.

Günter Bernard wurde bei Werder Bremen von Dieter Burdenski beerbt

1974, nach 287 Bundesligaspielen, ist dann Schluss. Bei Werder wird Bernard von Dieter Burdenski beerbt, lässt seine Laufbahn aber noch vor den Toren der Stadt zwei Jahre lang beim SV Atlas Delmenhorst ausklingen. Bereits während seiner Zeit als Werder-Profi hatte er als Vertreter für den Sportartikelhersteller Puma angefangen, Bereich Hamburg/Schleswig-Holstein. Nach der Karriere bleibt Bernard in der Branche, spielt weniger Fußball, dafür umso mehr Tennis und später Golf. „Sport ist bis heute mein Leben“, sagt er.

Torhüter-Legende Günter Bernard gewann 1965 die Deutsche Meisterschaft mit dem SV Werder Bremen. Am Montag wird er 80 Jahre alt.

Ein schöner Schlusssatz ist das, eigentlich. Doch da ist ja noch die Sache mit der Nachbildung der Meisterschale, die nun wieder an die Wand muss. Enkel Arasto, 18, hat dem Großvater einst ein Versprechen abgerungen. „Ich habe ihm gesagt, er bekommt die Schale, wenn ich mal 80 bin“, erzählt Günter Bernard, wiegt das gute Stück bedächtig in den Händen und sagt: „Ich glaube, da muss ich mit ihm nochmal nachverhandeln.“ (dco)

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