Anderthalb Jahre lang spielte Leonardo Bittencourt für Energie Cottbus. Am Montag trifft der Profi mit Werder Bremen im DFB-Pokal auf seine alte Heimat.
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Anderthalb Jahre lang spielte Leonardo Bittencourt für Energie Cottbus. Am Montag trifft der Profi mit Werder Bremen im DFB-Pokal auf seine alte Heimat.

Bittencourt im DeichStube-Interview

„Für uns war es ein Paradies“: Werder-Profi Leonardo Bittencourt über seine Kindheit in Cottbus und das Spiel im DFB-Pokal

Bremen – Werder Bremens Erstrundenspiel im DFB-Pokal bei Energie Cottbus (Montag, 18.00 Uhr) wird für Leonardo Bittencourt zur Reise in die Vergangenheit. Seine komplette Kindheit und Jugend hat der Bremer Mittelfeldspieler in der Lausitz verbracht, ehe er 2012 von Energie Cottbus zu Borussia Dortmund wechselte.

Im Interview mit der DeichStube spricht der 28-Jährige über seinen Sehnsuchtsort Stadion der Freundschaft und seinen Förderer Claus-Dieter „Pele“ Wollitz. Außerdem verrät Leonardo Bittencourt, warum er früher hin und wieder Autogramme gefälscht hat und wie er sich einst von Werder Bremens Stars Diego und Naldo einen Korb abholte.

Herr Bittencourt, ganz spontan, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie den Namen Sielow hören?

Dass ich da groß geworden bin natürlich. Sielow ist ein Stadtteil von Cottbus, für uns Kinder war es damals das Paradies. In der Siedlung sahen alle Häuser gleich aus, es gab Spielplätze, Fußballplätze, alles in der Nähe. Teilweise sind wir bis nachts draußen geblieben, weil unsere Elternhäuser nur einen Zuruf entfernt waren. Wenn wir rein mussten, konnten wir unsere Sachen einfach liegen lassen, und am nächsten Tag waren sie immer noch da. Wir kannten uns ja alle gut. Es war eine sehr freie und unbeschwerte Kindheit, die mein Bruder und ich in Sielow erlebt haben.

Sie sind 1998 als Vierjähriger mit Ihrer Familie aus Leipzig nach Cottbus gezogen, weil Ihr Vater Franklin Bittencourt damals vom VfB Leipzig zu Energie Cottbus gewechselt ist. Insgesamt 14 Jahre haben Sie danach in Cottbus gelebt. Was bedeutet Ihnen die Stadt heute?

Sehr viel. Ich habe meine komplette Jugend in Cottbus verbracht, habe meine Frau dort kennengelernt. Ihre Familie lebt immer noch in der Stadt, auch einige gute Freunde von mir. Es ist definitiv ein Stück Heimat für mich, denn meine schönsten Jahre als Kind und Jugendlicher habe ich dort erlebt. Bis heute geht es mir so, dass ich mich wie im Film fühle, wenn ich nach Cottbus reinfahre, weil viele alte Bilder von früher sofort wieder hochkommen.

Als Kind eines Cottbusser Bundesliga-Stars – wie viele Autogrammkarten mussten Sie täglich mit zum Spielplatz schleppen?

(lacht) Das Witzige war, dass im Wohnpark in Sielow viele Cottbusser Profis mit ihren Familien gelebt haben. Andrzej Kobylanski, Vasile Miriuta, Tomislav Piplica und noch mehr. Mit ihren Kindern habe ich viel Zeit verbracht. Dazu kamen ein paar Kumpels, deren Väter keine Fußballer waren. Als Söhne der Profis haben wir uns aber nie gesehen. Das war irgendwie ganz normal für alle. Wobei, einen kleinen Spaß haben wir uns schon hin und wieder erlaubt.

Werder Bremen-Profi Leonardo Bittencourt über Kindheit in Cottbus: „Es war eine sehr freie und unbeschwerte Zeit“

Welchen?

Wenn mal Fans bei uns geklingelt haben und ein Autogramm von Papa haben wollten, sind wir kurz reingegangen, haben selbst drauf unterschrieben und die Karte wieder abgegeben (lacht). Cool war auch, dass wir Papa immer sagen konnten, mit welchem Bundesligaspieler er im nächsten Spiel das Trikot tauschen soll. Am nächsten Tag auf dem Bolzplatz haben wir es dann direkt angezogen.

Was war Ihre größte Trophäe?

Ein Bayern-Trikot von Giovane Elber. Für meinen Papa war es immer leichter, mit Brasilianern das Trikot zu tauschen, weil sie sich gut unterhalten konnten. Später, als ich Balljunge in Cottbus war, habe ich auch hin und wieder ein Trikot abgegriffen. Nach einem Spiel gegen Werder habe ich mal Diego und Naldo gefragt, sie haben aber nett abgewunken. Ein paar Jahre später stand ich ihnen dann selbst in der Bundesliga gegenüber. Das war schon verrückt.

Bei all Ihren schönen Erinnerungen an Cottbus – es gibt auch unerfreuliche Themen wie Fremdenfeindlichkeit, mit denen die Stadt immer wieder zu kämpfen hat. Haben Sie solche Erfahrungen auch machen müssen?

Ich weiß, dass es leider solche Vorfälle gibt, kann aber sagen, dass ich selbst keine Anfeindungen erlebt habe. Wir hatten in all den Jahren nie irgendwelche Probleme, auch wenn unsere Familie aus Brasilien stammt. Deswegen ist mein Bild von Cottbus auch durchweg positiv.

Werder Bremen: Leonardo Bittencourt über DFB-Pokal-Spiel bei Energie Cottbus - „Wird definitiv besonders“

Sie haben die komplette Jugendabteilung von Energie Cottbus durchlaufen mit dem Ziel, eines Tages Profi zu werden. Das Stadion der Freundschaft dürfte also ein Sehnsuchtsort für den jungen Leo Bittencourt gewesen sein. Jetzt kehren Sie mit Werder zurück. Mit welchem Gefühl?

Es wird definitiv ein besonderes Gefühl sein. Ich habe sehr viel in diesem Stadion erlebt, sehr viel Schweiß dort liegen lassen, Siege gefeiert, Enttäuschungen erlebt. Gefühlt habe ich meine ganze Jugend in diesem Stadion verbracht. Wenn ich am Montag einlaufe, werde ich mich bestimmt schnell wieder wie zu Hause fühlen.

Mit was für einem Empfang rechnen Sie?

Schwer zu sagen. Mein Papa hat jedenfalls deutlich mehr Applaus verdient als ich. Nach anderthalb Jahren bei den Profis war ich ja schon wieder weg, er hingegen hat für Cottbus drei Jahre in der Bundesliga gespielt. Ich habe ihm schon gesagt, dass ich ihn nach dem Spiel an die Hand nehme und mit ihm eine Runde drehe, damit er sich feiern lassen kann. Früher als Kind saß ich nach den Spielen oft auf seinen Schultern. Das schaffe ich umgekehrt aber nicht (lacht).

Cottbus‘ Trainer ist seit 2021 erneut Claus-Dieter „Pele“ Wollitz, unter dem Sie damals Ihr Profi-Debüt in der 2. Liga gefeiert haben. Sind Sie ihm dankbar?

Ja, denn das werde ich nie vergessen. Er hat mich kurz nach meinem 17. Geburtstag zu den Profis geholt und hat mir vom ersten Tag an den Rücken gestärkt. Er hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er voll auf mich baut. Es war damals mein großes Glück, dass er da war. Ich freue mich sehr darauf, ihn wiederzusehen.

Ihre Chancen, am Montag in Werders Startelf zu stehen, sind nicht allzu schlecht – neuer Kapitän ist in Marco Friedl allerdings ein anderer geworden. Auch Sie galten als Kandidat für das Amt. Sind Sie mit der Wahl einverstanden?

Ich habe auch gelesen, dass ich angeblich Kapitän werden wollte, aber das stimmt nicht. Ich wollte es nie werden. Ich habe den Jungs gesagt, dass sie mich nicht wählen brauchen. Ich muss nicht Kapitän sein, denn ich weiß auch so, welche Rolle ich in der Mannschaft habe und welches Gewicht meine Stimme hat. Damit werde ich Marco im Hintergrund unterstützen. Er hat sich das Amt verdient.

Werder Bremen-Profi Leo Bittencourt half mit beim Mitchell Weiser-Transfer: „Habe sofort gesagt, dass wir ihn holen müssen“

In der Werder-Doku über die Saison in der 2. Bundesliga ist zu sehen, wie Sie vor der Leihe von Mitchell Weiser von den Verantwortlichen um Rat gebeten werden und sich für den Transfer aussprechen. Ist Ihre Meinung in solchen Fällen häufiger gefragt?

(lacht) Ich habe ja schon für fünf Vereine in der Bundesliga gespielt und kenne deswegen viele Spieler persönlich. Mit Mitch bin ich auch privat sehr gut befreundet. Ich habe sofort gesagt, dass wir ihn holen müssen, weil er sportlich und menschlich ein Gewinn für uns ist.

Inzwischen wurde Weiser sogar fest verpflichtet. Sind Sie zufrieden mit dem neuen Kader?

Ja. Ich gehe auf jeden Fall mit einem guten Gefühl in die Bundesliga, weil wir im letzten Jahr eine gute Saison hatten und deshalb alle positiv gestimmt sind. Es wird eine schwierige Aufgabe, klar. Wir sind Underdog in der Liga. Aber wir haben im letzten Jahr etwas geschaffen, einen großen Zusammenhalt, der uns dabei helfen kann, unsere Ziele zu erreichen.

Ein erster Schritt wäre das Weiterkommen in Cottbus. Sind Sie bereit, der alten Liebe wehzutun?

Klar! Wenn ich gegen meinen Bruder oder meinen Vater spiele, will ich auch unbedingt gewinnen, obwohl ich sie über alles liebe. Es geht um ein Spiel, in dem ich gegen Cottbus gewinnen will. Das ändert aber nichts an meiner Beziehung zu Stadt und Verein. (dco)
 

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