+
Leonardo Bittencourt vom SV Werder Bremen im launigen Gespräch mit DeichStube-Reporter Björn Knips.

Ingwer-Fan Bittencourt hat eigenen Spielstil erfunden

Werders Leo Bittencourt im Interview: „Feiner Kerl und nerviger Spieler“

Bremen – Leonardo Bittencourt kommt mit einem Lächeln ins TV-Studio des Weserstadions. Gerade musste er noch Hunderte Bälle signieren, eine Aktion der Marketing-Abteilung seines SV Werder Bremen, um die Sponsoren glücklich zu machen. Bittencourt hat diese Aufgabe genauso locker erledigt, wie er nun auch das Interview mit der DeichStube angeht.

Dieser 25-Jährige strahlt einfach gute Laune aus. Dabei ist der Leihspieler aus Hoffenheim, den Werder Bremen nach einer Saison fest verpflichten wird, auf dem Platz fast das Gegenteil, dort wird aus dem „feinen Kerl ein nerviger Spieler“, wie er selbst sagt. Offen spricht Leonardo Bittencourt darüber, was es bedeutet, ein 1,70 Meter großer Fußball-Profi zu sein – und er erklärt, warum er nun mit einem neuen Getränk in den Tag startet.

Leonardo Bittencourt, wie schmeckt eigentlich ein Ingwer-Shot?

Scharf, sehr scharf – da sind noch einige Zutaten drin. Der Shot muss schnell runter. Man kann ihn auch mit Wasser mischen, aber ohne geht es schneller.

Wie oft trinken Sie den?

Jeden Morgen.

Sind Sie deshalb auf dem Platz so giftig?

(lacht) Nein, nein, das war ich schon vorher. Aber die Ernährung spielt im Fußball eine immer wichtigere Rolle. Einige Spieler sind sogar schon vegan geworden. Ich sehe das zwar nicht so streng, aber achte schon auf meine Ernährung. Das Spiel ist einfach viel athletischer geworden, da möchte ich nicht hinterherhinken.

Wenn es nicht am Ingwer liegt, woher kommt dann Ihr unbändiger Einsatz?

Das liegt daran, wo ich aufgewachsen bin. In Cottbus war der Nachwuchsfußball nicht mit so vielen guten Spielern gesegnet, das Einzugsgebiet ist recht klein. Dort musste vor allem hart gearbeitet werden, um in den Junioren-Bundesligen gegen Teams wie Hertha, Wolfsburg oder Werder bestehen zu können. Bei mir trafen dann die lockere Atmosphäre aus meinem brasilianischen Elternhaus auf diese deutsche Zucht und Ordnung aufeinander. Das hat meinen Charakter geprägt.

Sind Sie damit zufrieden?

Sehr zufrieden, die Kombi passt doch gut. Die Trainer damals haben mich schon entsprechend geprägt. Ich musste und muss ja auch immer gegen Größere spielen (lacht). Wenn ich da nicht noch härter als jeder andere in die Zweikämpfe gehe, werde ich einfach weggestoßen.

Werder Bremen-Neuzugang Leo Bittencourt: „Biss hat mich immer ausgezeichnet“

War Ihre Körpergröße auch mal ein Problem und so etwas wie eine Karriere-Bremse?

Durchaus. Ich bin in der C-Jugend Torschützenkönig geworden und fest davon ausgegangen, auch als jüngerer Jahrgang in die B-Jugend-Bundesliga zu kommen. Dann hieß es: Der ist zu klein, zu schmächtig, der bleibt noch unten. Ich durfte dann aber die Vorbereitung mitmachen. Am Ende bin ich in der Saison unser Torschützenkönig geworden. Es hat mich immer ausgezeichnet, dass ich mich reinbeißen konnte.

Leonardo Bittencourt antwortet gestenreich im DeichStube-Interview mit Björn Knips.

Haben Sie versucht, über Krafttraining und Stabilitätsübungen etwas aufzuholen, oder sind da bei Ihrer Körpergröße einfach auch Grenzen gesetzt?

Natürlich habe ich das alles gemacht. Was für mich aber viel wichtiger war: Ich hatte keine Angst, mich reinzuhauen. Und wenn ich mich reinhaue, dann nur komplett. Denn Halbgas kann bei mir sehr schmerzhaft sein. Ich habe da auch eine spezielle Spielweise für mich entdeckt. Ich probiere, so in den Zweikampf an den Ball zu kommen, dass mich die Gegner mit ihrer Masse nicht wegdrängen können. Das sieht manchmal etwas fies aus, wenn ich da von der Seite oder von hinten irgendwie vorbeiflinke und den Ball wegspitzel. Es ist nicht alles schlecht, wenn man klein ist (lacht).

Die Gegenspieler finden das weniger lustig, wie oft wurde Ihnen nach dem Spiel schon der Handschlag verweigert?

Die können das alle schon ganz gut einschätzen und haben es nach dem Spiel vergessen. Es gibt halt diese nervigen Spieler, gegen die keiner so gerne spielt. Davon bin ich wohl einer. Mein Vorteil ist es aber auch: Weil ich schon bei so vielen Vereinen gespielt habe, kenne ich sehr viele Gegner. Und die wissen, dass ich eigentlich ein ganz feiner Kerl bin – nur auf dem Platz halt nicht.

Ihre kompromisslose Spielweise hat Ihnen diese Saison schon vier Gelbe Karten eingebracht, so viele hat kein anderer Werder-Profi gesehen. Müssen Sie sich etwas drosseln?

Erst mal muss ich hier festhalten, dass die erste Gelbe Karte ganz klar die Schuld von Davy Klaassen ist.

Warum?

Am zweiten Spieltag habe ich noch für Hoffenheim gespielt und Davy überhaupt nicht berührt. Er fällt hin, ich kriege Gelb – und er lacht heute noch darüber. Na ja, dann hatte ich mit Werder gleich dieses fiese Spiel bei Union Berlin und damit schon die zweite Gelbe Karte. Ich weiß, dass mir jetzt eine Sperre droht, es wäre auch nicht die erste in meiner Karriere. Aber ich kann doch deshalb nicht mein Spiel verändern. Ich will keinem wehtun, aber ich will die Zweikämpfe auch gewinnen.

Werder Bremen: Kopfballungeheuer Leonardo Bittencourt

Noch eine Frage bitte zum Thema Größe: Wie groß ist für Sie eigentlich die Genugtuung als kleiner Spieler ein Kopfballtor zu machen – so wie in Wolfsburg?

Sehr groß! Kopfballtore sind immer schöne Tore. Und in Wolfsburg waren sie hinten schon ziemlich groß. Da ist es echt witzig, dass ausgerechnet ich treffe. Aber diese Halbflanke von Ludwig Augustinsson passte schon ziemlich gut, das war genau meine Höhe und sehr clever von Ludde.

Es war nicht Ihr erstes Kopfballtor.

Das stimmt. Eigentlich gelingt mir jedes Jahr mindestens eins. Da waren ein paar schöne Tore dabei. Ich habe schon ein gutes Timing und ein gutes Kopfballspiel. Es zahlt sich aus, dass ich das in der Jugend in Cottbus viel trainiert habe.

Sie haben jetzt zwei Treffer auf Ihrem Konto, Ihr Saisonrekord liegt bei fünf und stammt aus der Saison 2017/18 beim 1. FC Köln. Was ist in dieser Saison möglich?

Ich will mich immer im Vergleich zur Vorsaison verbessern. Das war jetzt mit dem einen Tor letztes Jahr in Hoffenheim nicht so schwierig. Ich will schon diese Fünf-Tore-Marke aus Köln knacken. Aber ich mache mir da nicht zu viel Druck. Vielleicht bin ich da nicht egoistisch genug, aber für mich zählt wirklich zuerst die Mannschaft.

Leonardo Bittencourt: „Wenn ich als Außenverteidiger gebraucht werde, spiele ich da gerne“

Sie wurden in Hoffenheim als Offensivspieler durchaus auch mal defensiver als Achter oder als Sechser eingesetzt. Bei Werder kamen Sie nun sogar schon als Außenverteidiger zum Einsatz. Wo führt das hin?

Das weiß ich nicht. Aber man muss bedenken, dass die Position des Außenverteidigers mit einer Dreierkette dahinter gar nicht so defensiv ist, wie man sich das vielleicht vorstellt. Eigentlich ist man so etwas wie ein linker Mittelfeldspieler, muss nur nach hinten aufpassen, weil da kein echter Außenverteidiger mehr ist. Mit Ball ist die Rolle sogar sehr offensiv. Wenn ich dort gebraucht werde, spiele ich da gerne. Aber ich kann nicht jede Position gleich gut spielen.

14 Punkte nach 13 Spielen, wie sieht Ihre Rechnung bis Weihnachten aus?

In der Bundesliga kann man nicht rechnen, das haben doch die letzten Ergebnisse gezeigt. Oder hätte jemand damit gerechnet, dass Mainz erst Hoffenheim und dann auch noch Frankfurt weghaut? Mit unserem Sieg in Wolfsburg haben auch nicht viele gerechnet. Also gilt wie immer: von Spiel zu Spiel schauen. Wir haben jetzt ein enorm wichtiges Spiel gegen Paderborn, das ist noch wichtiger als in Wolfsburg.

Weil alle einen Sieg erwarten?

Natürlich. Aber wer die Spiele von Paderborn gesehen hat, der weiß, wie schwierig das wird.

Warum?

Obwohl sie erst fünf Punkte haben, verlassen sie nicht ihr Spielsystem. Sie verlieren auch nicht ihr Selbstvertrauen, sondern sie genießen einfach jedes Spiel und spielen so, als wäre es ihr letztes. Wer in einer Halbzeit drei Tore in Dortmund schießt, der kann nicht schlecht sein. Das liegt ganz bestimmt auch am Trainer, den ich sehr gut kenne.

Leonardo Bittencourt liegt in der Luft - in einem Wimpernschlag wird sein Flugkopfball im Tornetz des VfL Wolfsburg einschlagen.

Werder Bremen: Paderborn-Trainer Steffen Baumgart spielte gemeinsam mit Leo Bittencourts Vater Franklin

Sie meinen Steffen Baumgart.

Richtig. Er hat mit meinem Vater (Franklin Bittencourt, Anm. d. Red.) zusammen in Cottbus gespielt. Da muss ich so sechs, sieben Jahre alt gewesen sein. Steffen war ein kleiner Wadenbeißer – so wie ich jetzt (lacht). Ich kann mir schon gut vorstellen, wie heiß er seine Jungs vor einem Spiel machen kann.

Paderborn gehört übrigens zu Ihren Angstgegnern.

Warum?

Drei Spiele, drei Niederlagen.

Mit Hannover und Cottbus – richtig?

Ja.

Das ist ewig her. Gegen Freiburg habe ich auch immer getroffen – und diesmal dann nicht. Diese ganzen Statistiken interessieren mich nicht mehr.

Sie sind seit drei Monaten in Bremen, was gefällt Ihnen in der Stadt am besten?

Der Verein. Ich bin ein Mensch, der gerne zum Training fährt und dann wieder nach Hause. Da gehe ich mit unserem Hund spazieren und mache etwas mit meiner Frau und meinem Kind. Ich bin nicht so der Stadtgänger.

Also kaufen Sie Weihnachtsgeschenke eher online?

Ja. Aber einmal gehe ich eigentlich immer auf den Weihnachtsmarkt der Stadt, in der ich gerade lebe. Das reicht mir allerdings.

Als Profi dürfte das auch sehr anstrengend sein, weil Sie überall erkannt werden.

Wenn ich Mütze und dicke Jacke trage, denken die meisten doch: Der kleine Junge spielt auf gar keinen Fall Fußball. Wenn sie mich dann auf den dritten oder vierten Blick erkennen, bin ich mit meinen gebrannten Mandeln schon längst wieder weg (lacht).

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare