+
Ludovic Magnin (Bild) weiß, warum weder sein „Ziehvater“ Lucien Favre noch sein Berner Kollege Adi Hütter Trainer des SV Werder geworden sind.

So denkt Ludovic Magnin über seine Ex-Clubs Werder und Stuttgart

Magnin im Interview: „Kohfeldts Arbeit ist faszinierend“

Zürich/Bremen - Ein Morgenmuffel ist er nicht, so viel ist klar. Die Interview-Anfrage per Whatsapp beantwortet Ludovic Magnin mit einem knappen „Morgen um 8.00 Uhr habe ich Zeit.“ Dann eben um acht.

Das „Moin, Moin“ beantwortet er mit einem fröhlichen Lachen – so war er früher schon als Werder-Profi. Immer gut drauf. Von Januar 2002 bis 2005 spielte der Schweizer in Bremen, gewann 2004 das Double. Nach der Zeit in Grün und Weiß folgten viereinhalb Jahre beim VfB Stuttgart, die durch den Titelgewinn 2007 veredelt wurden. Zwei Stationen, zwei Meisterschaften – Magnin hatte eine gute Zeit in der Bundesliga. Seit zwei Monaten ist er nun Coach des FC Zürich, es ist sein erster Job als Cheftrainer. Im Acht-Uhr-Gespräch plaudert Magnin (wird am Freitag 39 Jahre alt) über das bevorstehende Duell seiner Ex-Clubs, über Max Kruse und Mario Gomez sowie über langgezogene Ohren und die Kraft einer Philosophie.

Am Samstag spielt der SV Werder beim VfB Stuttgart – wie groß ist noch die Verbundenheit zu Ihren Ex-Clubs?

Ludovic Magnin: Immer noch sehr groß. Beim VfB spielen in Mario Gomez und Christian Gentner noch zwei Kumpel, mit denen ich 2007 den Titel gewonnen habe. Bei Werder sind es Co-Trainer Tim Borowski und Sportchef Frank Baumann, zu denen ich noch Kontakt habe. Alte Freunde gibt es also auf beiden Seiten, deshalb verfolge ich beide Clubs.

Werder oder der VfB – haben Sie einen Liebling?

Magnin: Ganz ehrlich: Ich habe mit beiden das Gleiche erlebt, da ist es schwer, überhaupt Unterschiede zu machen. Ich muss auch keinem speziell die Daumen drücken, denn eigentlich sind beide schon gerettet. Von daher habe ich keinen Druck in der Geschichte. Eigentlich ist es mir auch egal, wer gewinnt. Aber klar: Wenn man zwei alte Freunde hat, die noch in der einen Mannschaft spielen, ist der Bezug zu Stuttgart aktuell etwas größer.

Sie waren Meister mit beiden Clubs, aktuell sind beide aber weit von diesen Erfolgen entfernt. Können Sie sich vorstellen, dass es für einen der beiden Clubs nochmal ein Revival als Spitzenmannschaft geben wird?

Magnin: Kurzfristig ist das für beide unmöglich. Es fehlt – im Vergleich zu den besten Acht in der Liga – an Qualität im Kader.

Und langfristig?

Magnin: Stuttgart hat da sicherlich größere Möglichkeiten als Bremen. Die Region ist wirtschaftlich stärker, die Anziehungskraft für Sponsoren ist größer. Wenn Stuttgart in der Lage ist, einen Mario Gomez zurückzuholen (kam in der Winterpause für 3,5 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg zum VfB, d. Red.), dann ist das schon ein Zeichen für die Zukunft, dass der Club fähig ist, wieder etwas Großes aufzubauen.

Was den Stuttgartern ihr Gomez, ist den Bremern ihr Max Kruse – wagen Sie eine Einordnung, wer wertvoller ist für seine Mannschaft, seinen Club?

Magnin: Sportlich sind beide für ihre Teams lebenswichtig. Ich denke aber, dass es einen großen Unterschied gibt. Mario Gomez hat in Stuttgart eine andere, noch größere Aura als Max Kruse in Bremen. Mario hat mit dem VfB 2007 die Meisterschaft gewonnen. Das hat er Max Kruse einfach voraus. Wenn ein Spieler zum VfB zurückkommt, der schon mal Meister war mit dem Verein, der dort jeden kennt und der noch dazu ein Ur-Schwabe ist, dann ist das schon etwas anderes als bei Kruse und Werder.

Bei beiden geht es noch um das WM-Ticket – wen würden Sie mitnehmen nach Russland, wenn Sie es entscheiden dürften?

Magnin (lacht): Es kommt darauf an, wen ich sonst noch zur Verfügung habe. Wenn ich einen Timo Werner im Kader habe, der ähnlich spielt wie Max Kruse, würde ich Gomez mitnehmen. Aber dann hast du Sandro Wagner, der ähnlich ist wie Gomez. Zu Wagner passt wiederum eher Kruse.

Gomez ist ein reiner Strafraumstürmer, Kruse dagegen der Mann, der sich zwischen den Linien bewegt und deutlich spielstärker ist. Würde Stuttgart auch ohne Gomez und Werder ohne Kruse funktionieren?

Magnin: Beim VfB haben wir ja in der Hinrunde gesehen, wie er ohne Gomez funktioniert hat – also nicht so gut wie jetzt (Stuttgart hat in den 17 Spielen der Hinrunde ohne Gomez 17 Punkte geholt, in bislang 13 Rückrundenspielen mit ihm aber 22 Zähler). In der Box beschäftigt Mario beide Innenverteidiger, ist immer da. Das ist schon außergewöhnlich. Umgekehrt: Wenn du einen Mittelstürmer brauchst, der sich spielerisch mehr einbringt, der sich auch mal zurückfallen lässt, dann ist Kruse die richtige Wahl. Ich denke, dass sie beide sehr gut harmonieren würden. Es wäre eine spannende Geschichte, Kruse und Gomez zusammen in einem Team zu sehen.

Kruse gilt als bisheriger Königstransfer von Frank Baumann, Ihrem ehemaligen Kapitän bei Werder. Wie bewerten Sie seine Arbeit als Bremer Sportchef?

Magnin: Unglaublich! Wirklich unglaublich! Und da beziehe ich das neue Trainerteam gleich mit ein. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Mannschaft in der Rückrunde so locker aus dem Abstiegskampf rauszieht. Die Entwicklung in Bremen wird auch in der Schweiz sehr aufmerksam registriert. Ich werde hier oft auf Werder angesprochen.

Nachfrage zum Verständnis: Richtet sich Ihr Lob mehr an Trainer Florian Kohfeldt oder mehr an Frank Baumann?

Magnin: Da ist Bremen doch eine Einheit, das habe ich damals schon gelernt. Das war zu meiner Zeit bei Klaus Allofs und Thomas Schaaf so und entwickelt sich mit Baumann und Kohfeldt in die gleiche Richtung. Es ist doch so: Baumann muss No-Name-Spieler mit Qualität finden, und Kohfeldt muss sie zum Spielen bringen, wie sie es machen. Beides ist eine Kunst. Deshalb kann man nicht sagen, es ist Baumanns Erfolg oder Kohfeldts. Es gehört beiden. Man kann sagen: Die Familie Werder hat wieder funktioniert.

Hatten Sie bereits die Gelegenheit, Florian Kohfeldt kennenzulernen?

Magnin: Nein, ich beobachte seine Arbeit nur aus der Entfernung. Aber was er macht, ist faszinierend. Die Idee, gegen jeden Gegner – egal wie stark – Fußball spielen zu lassen oder es wenigstens zu versuchen, finde ich spannend.

Kohfeldt ist wie Sie ein junger Trainer. Er setzt stark auf taktische Flexibilität. Sie machen es laut Berichten aus der Schweiz ebenfalls. Ist es mittlerweile ein Muss, Systeme für alle Situationen in petto zu haben?

Magnin: Es ist kein Muss. Es ist meine Philosophie, es sind meine Prinzipien. Und bei Florian Kohfeldt wird das ähnlich sein. Es gibt aber auch eine gute Aussage von Mats Hummels zu diesem Thema. Sinngemäß hat er mal gesagt: ,Der Trend bei den jungen Trainern geht zum Taktikfuchs mit 100 Systemen. Aber es gibt auch Jupp Heynckes. Der spielt immer das Gleiche, und es funktioniert auch.‘ Für mich bedeutet das: Es gibt nicht die eine Wahrheit im Fußball. Du musst einfach von deinen Lösungen überzeugt sein – und die Mannschaft muss es auch sein.

Ludovic Magnin wurde in seiner Laufbahn mit Werder (2004) und Stuttgart (2007) Deutscher Meister.

Werder-Co-Trainer Tim Borowski gehörte wie Sie und Baumann zum Double-Team. Halten Sie noch Kontakt?

Magnin: Ab und zu. Aus der gemeinsamen Zeit in Bremen haben wir natürlich auch noch gemeinsame Freunde, deshalb hört man manchmal voneinander.

Die Double-Saison haben Sie wegen diverser Verletzungen fast komplett verpasst, kamen auf nur vier Einsätze. Im Pokal hatten Sie gar nicht gespielt.

Magnin: Das stimmt schon, aber es gibt keinen Grund, den verpassten Spielen nachzutrauern. Ich bin sehr glücklich über alles, was ich erleben und gewinnen durfte. Für mich bleiben als größte Erinnerungen die Champions-League-Spiele in der Saison nach dem Double und vor allem die Schweizer Fahne auf der Tribüne im Weserstadion. Dass da drei, vier Leute wegen mir die Schweizer Fahne geschwenkt haben, da war ich schon stolz. Das war schon etwas Besonderes. Leider habe ich die Leute nie kennengelernt.

Neben Ciriaco Sforza, der mit dem 1. FC Kaiserslautern und Bayern München jeweils den Titel gewann, sind Sie der einzige Schweizer, der mit zwei unterschiedlichen Vereinen Deutscher Meister wurde. Stolz?

Magnin: Ich sage Ihnen was: Wenn Cacau im Pokalfinale 2007 nicht die Rote Karte bekommen hätte, wäre ich heute der einzige Schweizer, der mit zwei unterschiedlichen Vereinen das Double gewonnen hätte. Und noch dazu der einzige Spieler der Bundesliga-Geschichte, dem das gelungen wäre, ohne für die Bayern gespielt zu haben. Mein Gott, da wäre ich ja unsterblich gewesen (lacht).

Dieser Ruhm hat sie aber nicht erreicht. Alles nur, weil Cacau bei der 2:3-Finalniederlage gegen den 1. FC Nürnberg schon nach 31 Minuten vom Platz geflogen war?

Magnin: So ist es. Ich bin auch immer noch sauer und rede seit zehn Jahren nicht mehr mit ihm (lacht).

Armin Veh beim VfB, Thomas Schaaf bei Werder und Lucien Favre in der Schweiz, noch lange bevor aus ihm ein berühmter Trainer wurde – dies sind die drei Chefs, unter denen Sie in Ihrer Karriere die meisten Spiele gemacht haben. Wer hat Sie am stärksten geprägt?

Magnin: Jeder von ihnen hatte einen brutal starken Einfluss auf mich. Was sie aber alle gemeinsam hatten und was ich für mich auch übernommen habe: Sie hatten alle eine klare Linie, eine Philosophie vom Fußball. Sie haben gesagt, dass es vielleicht nicht die beste Philosophie war, aber es war ihre eigene. Und das ist das, was ich jetzt auch jeden Tag in Zürich sage. Ich habe meine Linie, und an der halte ich fest.

Ihr Start als Trainer des FC Zürich verläuft bislang – gemessen an den Ergebnissen – eher holprig. Der FC Zürich hat zwar durch einen Sieg über den Stadtrivalen Grasshoppers den Einzug ins Pokalfinale geschafft, in der Liga haben Sie von sieben Spielen aber nur eins gewonnen.

Magnin: Ich gebe zu: Die Ergebnisse fehlen noch. Ich weiß auch, dass irgendwann Unruhe aufkommen wird, wenn es so bleibt. Aber ich bin überzeugt von meiner Mannschaft und von meiner Arbeit. Früher oder später setzt sich Qualität immer durch. Ich bin da guter Dinge. Zudem weiß ich, dass auch ein Favre, ein Schaaf oder ein Veh irgendwann die Erfahrung gemacht hat, dass es nicht so lief wie gewünscht. Und trotzdem haben sie immer an ihrer Idee des Fußballs festgehalten. Zum Beispiel Thomas Schaaf...

...jetzt kommt die Geschichte der UI-Cup-Blamage beim FC Superfund Pasching im Sommer 2003, richtig?

Magnin: Richtig! Ich kann mich gut erinnern: Nach Pasching wurde die gesamte Mannschaft von Thomas Schaaf und Klaus Allofs in die Geschäftsstelle bestellt. Du wusstest als Spieler: Wenn du nach oben zitiert wirst, ist das nie gut. Sie haben uns dann die Ohren langgezogen – zurecht auch. Aber sie haben damals die Ruhe nicht verloren und vor allem hat Schaaf die Art, Fußball spielen zu lassen, nicht verändert. Am Ende der Saison waren wir Double-Sieger, worauf nach Pasching wohl niemand auch nur einen Cent gesetzt hätte. Mir zeigt dieses Beispiel, dass es sich lohnt, als Trainer an der eigenen Philosophie festzuhalten und sich auch im Misserfolg treu zu bleiben.

Lucien Favre haben Sie mal als Ihren „Ziehvater“ bezeichnet. Sie sind sich schon beim FC Echallens begegnet, ein Provinzverein in der Schweiz und Ihr Heimatclub.

Magnin: Als Lucien Favre wegen einer Verletzung seine aktive Karriere beenden musste, wollte er nicht gelangweilt zu Hause sitzen und ist Assistenztrainer in der C-Jugend-Mannschaft geworden, in der ich spielte. Favre ist dann schnell Trainer der Herren-Mannschaft geworden und in Liga zwei aufgestiegen. Da durfte ich dann mittrainieren – als erst 15-Jähriger!

Favre trainiert aktuell den französischen Erstligisten OGC Nizza. Wie ist Ihr Kontakt zu ihm?

Magnin: Wir telefonieren ständig – und das schon seit Jahren. Er hilft mir mit seiner Erfahrung. Ich war gerade für ein einwöchiges Praktikum bei ihm in Nizza. Und ich muss sagen, dass er ein absoluter Weltklassetrainer ist.

Wenn Sie so eng mit ihm sind, können Sie sicherlich erklären, wieso Favre im vergangenen Herbst nicht Werder-Trainer geworden ist. Er galt als Kandidat.

Magnin (lacht): Da werde ich ganz sicher nicht sein Vertrauen missbrauchen. Die Frage ist doch: War Werder für ihn überhaupt ein Thema?

Kennen Sie die Antwort?

Magnin: Ich glaube, dass Lucien Favre es jetzt verdient hat, einen größeren Schritt zu machen. Bayern oder Dortmund – das sind die Kaliber, die er verdient hätte. Ich glaube, dass er das in naher Zukunft, wenn seine Arbeit richtig anerkannt wird, auch hinbekommen wird.

Adi Hütter, Trainer des souveränen Schweizer Tabellenführers Young Boys Bern, war ebenfalls im Gespräch bei Werder. Wenn Sie an seiner Stelle gewesen wären, hätten Sie den Wechsel gewagt?

Magnin: Ich schätze Adi Hütter sehr. Was er bei YB geleistet hat, ist außergewöhnlich. Es ist mehr als 30 Jahre her, dass Bern das letzte Mal Meister war in der Schweiz. Ich glaube, er wollte sein Kunstwerk beenden in Bern. Jetzt wird er dort eine unsterbliche Legende werden. Was ich gemacht hätte, spielt keine Rolle. Für mich wäre es auch anders gewesen, wenn Bremen gerufen hätte. Werder ist schließlich in meinem Herzen.

Liebäugeln Sie irgendwann mit einem Posten in der Bundesliga?

Magnin: Eine Karriereplanung dieser Art ist in meinen Augen totaler Schwachsinn. Zu sagen, in zwei Jahren will ich hier sein, in fünf Jahren dort – das wäre nur Blabla. Es ist doch so: Wenn du deinen Job gut machst, kommen Angebote von ganz allein. Und dann kannst du überlegen, was du machst. Aber jetzt muss ich erstmal den ersten Schritt machen und mit meiner Mannschaft Punkte holen. Mein Ziel ist es, mit dem FC Zürich den Pokal zu gewinnen und in naher Zukunft dem FC Basel und Young Boys Bern an der Spitze Paroli zu bieten. Aktuell sind wir Tabellenfünfter, am Saisonende wollen wir Dritter sein, um direkt für die Europa-League-Gruppenphase qualifiziert zu sein.

Als Spieler waren Sie ein Spaßvogel, einer, der auch mal Quatsch gemacht hat. Müssen Sie sich als Trainer jetzt besonders zusammenreißen?

Magnin: Naja, ich bin jetzt Ende 30 und habe vier Kinder – da wird man reifer. Aber ich bin immer noch locker, wenn es die Situation erlaubt. Ich kann allerdings auch hart und ernst sein. Ob Spaßvogel oder harter Hund – letztlich ist es doch das Wichtigste, immer ehrlich mit den Spielern zu sein. Und bisher funktioniert es sehr gut.

Schon gelesen?

Das Restprogramm der Kellerkinder

Veljkovic: Erst Werder, dann WM

Polizeikosten: Bremen hat den ersten Nachahmer

Schon gesehen?

(B)Escherwisser-Taktik-Analyse: So kann Werder Stuttgart schlagen

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare