Ex-Mainz-Manager Christian Heidel würde Werder Bremen in der ersten Fußball-Bundesliga vermissen.
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Ex-Mainz-Manager Christian Heidel würde Werder Bremen in der ersten Fußball-Bundesliga vermissen.

Vor dem Spiel gegen Werder Bremen

Ex-Mainz-Manager Heidel im Interview: „Werder ist noch nicht abgestiegen“

Mainz – Von Hans-Günter Klemm. Christian Heidel macht keinen Hehl daraus, dass er den SV Werder Bremen in der Bundesliga vermissen würde. Doch im Abstiegskampf drückt er am Samstag beim Bremer Abstiegskrimi dem FSV Mainz 05 die Daumen.

Kein Wunder, schließlich stammt der 57-Jährige aus der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, hat den Club als Manager in die Bundesliga geführt und dort etabliert. Nach seiner Zeit beim FC Schalke 04 (2016 bis 2018) verfolgt Christian Heidel nun von Mallorca aus die Bundesliga. Im Interview mit der DeichStube spricht er über Werder Bremens Chancen im Abstiegskampf, eine Zukunft in der Zweiten Liga – und er vergleicht Trainer Florian Kohfeldt mit seinen Entdeckungen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel.

Haben Sie am Mittwoch eine Flasche geköpft nach dem Mainzer Sieg in Dortmund, Christian Heidel?

Nein, ich habe mich sehr gefreut, aber mich noch zurückgehalten, was das Feiern betrifft. Es wäre verfrüht, schon jetzt von dem Klassenerhalt auszugehen. Ich bin da immer vorsichtig. Anders wäre es gewesen, wenn Düsseldorf in Leipzig nicht kurz vor Schluss noch den Ausgleich markiert hätte.

Im Vorgespräch vor dem Spieltag in dieser Woche klangen Sie recht optimistisch bezüglich der Mainzer Aussichten.

Richtig, ich habe den Mainzer Erfolg in Dortmund vorausgesagt.

Was war der Grund?

Es war ein typisches Spiel, wie es Mainz liebt. Die Mannschaft, der Klub insgesamt, ist sehr erfahren im Abstiegskampf. Alle verlieren nie die Nerven. Das war früher so, es ist so geblieben auch bei den Verantwortlichen, die nun das Sagen haben. Ich hatte insofern die große Hoffnung, dass die Mannschaft an Ihre sportlichen und mentalen Grenzen geht. Unter Druck wächst die Mainzer Mannschaft über sich hinaus, wie zuletzt gesehen beim siegreichen Derby in Frankfurt. Dortmund wurde überrascht, hatte einen so unangenehmen Gegner nicht erwartet, der mit dieser Vehemenz und Leidenschaft auftritt.

Willi Lemke, der frühere Werder-Manager, hat in einem Interview mit dem NDR davon gesprochen, dass die Dortmunder Vorstellung verbunden sei mit einem „Geschmäckle“. Geben Sie ihm recht?

Bei aller Wertschätzung für Willi Lemke: Das ist Quatsch! Die Bremer sollten nun nicht anfangen, die Gegner der Kontrahenten im Abstiegskampf zu bewerten. Zumal dieses Vorgehen letztendlich auch die überragende Leistung der Mainzer schmälert, die ein tolles Spiel abgeliefert haben. Werder hätte ja auch Bayern schlagen können. Jeder ist seines Glückes Schmied, wie es so schön heißt. Jeder in der Liga ist für sich selbst und seine Punkte verantwortlich.

Ex-Mainz-05-Manager Christian Heidel: „Werder Bremen ist noch nicht abgestiegen“

Wie sehen Sie die Chancen der Bremer im Finale?

Werder ist noch nicht abgestiegen, sie können den Verbleib noch schaffen. Werder hat eine reelle Chance, wenn sie die beiden Spiele in Mainz und gegen Köln gewinnen. Natürlich sind sie darauf angewiesen, dass Düsseldorf „mithilft“. Doch der Relegationsplatz ist für Werder Bremen noch machbar, eine direkte Rettung halte ich indes für fast ausgeschlossen.

Als Manager in Mainz haben Sie manche Existenzkämpfe erlebt. Welche Erinnerungen haben Sie?

Wenn ich an 2007 denke, so verbinde ich damit keinerlei traurige Gefühle. Im letzten Spiel haben wir grandios 3:0 die Gladbacher besiegt, doch durch ein 2:2 von Mitabsteiger Aachen in Wolfsburg sind wir abgestiegen. Insgesamt leider verdient. Wir waren Drittletzter und es gab damals keine Relegation. Erhobenen Hauptes sind wir runter nach drei Jahren in der Erstklassigkeit.

Wie haben die Fans reagiert?

Niemand ist nach Abpfiff gegangen. Und als Jürgen Klopp eine dieser überragenden Reden am Mikrofon in der Arena gehalten hat, hat das ganze Stadion gejubelt. Man muss sich das vorstellen: Wir steigen ab und ein ganzes Stadion feiert die Mannschaft. Gänsehaut pur.

Erwähnenswert ist noch, dass Sie mit Klopp in die Zweite Liga gegangen sind.

Das stand völlig außer Frage. Wir haben Jürgen Klopp vertraut, auch nachdem wir im ersten Halbjahr nur ein Spiel gewonnen haben. Unsere Auffassung war die: Wenn wir mit Klopp absteigen sollten, dann wäre dies mit jedem anderen Trainer auch passiert. Im Misserfolgsfall haben viele im Club einen Anteil, in jenem Fall hatte der Trainer den geringsten. Kloppo war auch im Misserfolg für uns unantastbar.

Werder Bremen hat an Florian Kohfeldt festgehalten, das ist „bemerkenswert“ 

Die damalige Vorgehensweise am Rhein gleicht der bei Werder. Wie sehen Sie die Parallelen?

Ich finde es zunächst mal absolut bemerkenswert, wie Werder die Personalie Trainer gehandhabt hat. Die Bremer haben Kohfeldt vertraut und an ihm festgehalten.

Hätte Werder frühzeitig verkünden sollen, dass der Trainer auch im Abstiegsfall bleibt, wie damals mit Klopp in Mainz geschehen?

Ich kenne die Interna nicht, die vertraglichen Regelungen. Sinnvoll scheint es, mit einem Coach, von dem man restlos überzeugt ist, auch im Fall des Misserfolgs in die Zweite Liga zu gehen. Doch dazu gehören immer beide Seiten. Management und Trainer müssen überzeugt davon sein und diesen Weg wollen.

Erst Jürgen Klopp, dann Thomas Tuchel – Sie gelten als Förderer und Entdecker von Trainertalenten. Ist Kohfeldt eine solche Begabung?

Absolut, er ist ein Trainertalent. Ich habe ihn aufmerksam beobachtet, seine öffentlichen Stellungnahmen, seine sehr angenehmen und logischen Interviews, wie er Dinge einordnet und erklärt. Überzeugend und unaufgeregt. Ich vergleiche ihn mit Domenico Tedesco, dessen Werdegang ähnlich verlaufen ist. Im ersten Jahr Vizemeister auf Schalke, Champions League – aus unterschiedlichen Gründen hatte er im zweiten Jahr dann große Probleme. Dennoch bleibe ich dabei: Domenico ist ein überragender Trainer. Ich möchte daran erinnern, dass selbst ein Jürgen Klopp in Dortmund auf dem letzten Platz nach der Vorrunde stand. So etwas kann immer passieren. Es ist kein grundlegendes Zeugnis dafür, ob ein Trainer gut oder schlecht ist.

Sie haben hautnah beobachtet, wie Klopp und Tuchel arbeiten. Wie würden die beiden als Übungsleiter bei Werder vor den beiden Endspielen agieren?

Zunächst mal: Der aktuelle Abstiegskampf ist außergewöhnlich, es gibt kein vergleichbares Szenario. Ohne Zuschauer fehlt ein wichtiger Faktor. Rückhalt der Fans, Stimmung auf den Rängen, die Atmosphäre – gerade wichtig in Bremen. Ich habe selbst erlebt, wenn 40.000 wie ein Mann hinter der Werder-Elf stehen. Da sind die Gegner schon beeindruckt, da können selbst gestählten Profis die Knie schlottern. Dies fällt nun weg, gerade Jürgen Klopp würde es in einer solchen Lage ausnutzen, eine entsprechende Stimmung erzeugen. Nun müsste er auf andere Art seine Spieler motivieren, was ihm sicher gelänge.

Motivator Klopp. Und Tuchel?

Thomas Tuchel würde auch versuchen die Mannschaft richtig einzustellen, vermutlich mehr über taktische Ansagen. Doch bevor ein falscher Eindruck entsteht: Sowohl Klopp als auch Tuchel haben beides im Repertoire, sie können beides, zählen daher aus meiner Sicht zu den besten fünf Trainern in der Welt. Sie können mit Tricks und Worten anstacheln und sie können eine Formation bestens taktisch einstellen. Tuchel tut man unrecht, wenn dies nicht berücksichtigt wird. Ich habe an Mannschaftssitzungen von ihm teilgenommen, nach denen ich am liebsten selbst aufgelaufen wäre, wenn ich Fußballschuhe dabei gehabt hätte.

Werder Bremen: „Die unübersichtliche Handregel wird durch den VAR nicht besser“

Zu wem haben Sie noch einen engen Draht?

Das kann man nicht vergleichen. Jürgen Klopp ist mein Freund. Wir haben sehr engen Kontakt, kurz vor der Coronavirus-Pandemie hatten wir fünf schöne Tage auf Mallorca, zusammen mit unseren Familien. Auch die Frauen sind in ständigem Kontakt. Thomas schätze ich wirklich sehr. Als Trainer und auch als Mensch. Aber der Kontakt ist jetzt nicht so intensiv.

Ein Zitat von Ihnen in den Mainzer Jahren: „Wir als Mainz 05 müssen Tickets und Spieler verkaufen, um investieren zu können, andere verkaufen dafür Autos und Brause.“ Hat sich dieser Trend verstärkt, dass Traditionsvereine ins Hintertreffen geraten gegenüber den Clubs mit Finanzinvestoren oder den Clubs, die Anteile verkauft haben?

Es ist legitim, was die angesprochenen Clubs machen, sie halten sich an die Regel, die sich der Profifußball gegeben hat. Ich wollte damals nur auf die Unterschiede aufmerksam machen, ohne Kritik zu üben. Ich halte mich für einen Fußball-Romantiker, doch gepaart mit dem Blick für die Realitäten. Die ausgegliederten Kapitalgesellschaften, die sich Kapital besorgt haben, sind im Vorteil. Mainz als eingetragener Verein wie auch Werder als Gesellschaft, die noch keine Anteile veräußert hat, haben es schwer, mit ihren Möglichkeiten mitzuhalten. Doch eins ist auch gewiss: Im Fußball gibt es keine Garantien. Auch Geld gibt keine Garantie für Erfolg, es erhöht allenfalls die Wahrscheinlichkeit dafür.

Sie sprechen die Unwägbarkeiten an, dazu zählen auch umstrittene Entscheidungen der Schiedsrichter wie in dieser englischen Woche. Wie bewerten Sie den Videobeweis?

Ich war immer ein Verfechter, bin es immer noch. Doch ich war und bin kein Träumer. Wie andere, die sich erhofft haben, dass es keine Fehler mehr geben würde. Solange Menschen auf dem Platz oder im Kölner Keller entscheiden, müssen wir mit Fehlern leben. Und zum Beispiel wird die unübersichtliche Handregel durch den VAR auch nicht besser. Meine Meinung: Der Fußball ist ein wenig gerechter geworden.

Christian Heidel: Der sofortige Wiederaufstieg wäre für Werder Bremen machbar

Sie haben die Klopp-Rede im Augenblick des Abstiegs erwähnt. Klopp sagte: „Heute ist nicht das Ende aller Tage. Wir kommen wieder!“ Gälte dies im Abstiegsfall auch für Werder?

Die Rahmenbedingungen in Mainz waren natürlich andere: Es traf uns nicht wie ein Schock, weil der Club nicht den Anspruch erheben konnte, dauerhaft erstklassig zu sein. Und wir waren vorbereitet und gut aufgestellt: Wir besaßen ein dickes Festgeldkonto, um uns in der Zweiten Liga zu behaupten. Die Lage in Bremen kann ich nicht so genau nicht beurteilen, weil mir die Hintergründe fehlen. Doch eins weiß ich: Die Werder-Familie wird zusammenhalten, diesen Abstieg, sollte er wirklich kommen, als Betriebsunfall sehen. Das Weserstadion wird auch in der Zweiten Liga, wenn Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, voll sein.

Wäre ein sofortiger Wiederaufstieg machbar?

Klar ist das machbar, die Bremer müssen sich aber auf einen radikalen Einschnitt einstellen. Der Gang in die Zweite Liga ist von den wirtschaftlichen Kennzahlen her vergleichbar mit Ihrem Wandel von einem Dauerteilnehmer im europäischen Geschäft, hin zu einem „normalen“ Bundesligisten, vor knapp zehn Jahren Ich wünsche Werder, sollten sie in der Tat herunter müssen, dass sie schnell den Wiederaufstieg schaffen. Ich würde Werder, wie sicherlich ganz viele Fußballfreunde in Deutschland, sehr vermissen in der höchsten Spielklasse. Aber: Noch können sie es vermeiden auch wenn ich natürlich, als gebürtiger Mainzer, meinen Mainzern am Samstag die Daumen drücke.

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