Florian Kohfeldt entschied sich für eine offensive Taktik. Es half nichts: Werder Bremen unterlag gegen Mainz 05 mit 1:3.
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Florian Kohfeldt entschied sich für eine offensive Taktik. Es half nichts: Werder Bremen unterlag gegen Mainz 05 mit 1:3.

1:3-Pleite in Mainz

Trotz totaler Offensive: Die üblichen Fehler killen Werder - Taktik-Analyse

Gegen den FSV Mainz 05 musste ein Sieg her. Doch trotz offensiver Ausrichtung verlor der SV Werder Bremen die Partie 1:3. Da half nicht einmal eine taktische Umstellung in der Halbzeitpause. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.

Am vorletzten Spiel konnte Werder Bremen nicht mehr taktieren. Die tabellarische Ausgangslage war eindeutig: Die Bremer brauchten gegen Mainz einen Sieg, wenn sie am letzten Spieltag den Klassenerhalt aus eigener Kraft hätten schaffen wollen. Florian Kohfeldt wählte den einzig gangbaren Weg: den Weg nach vorne.

Werder Bremen greift an

Von der ersten Minute an versuchten die Bremer, den Gegner unter Druck zu setzen. Kohfeldt stellte seine Mannschaft dazu in einem 5-3-2 auf. Leonardo Bittencourt begann als Achter neben Davy Klaassen, Maximilian Eggestein sicherte dahinter auf der Sechs ab. Den Doppelsturm bildeten Yuya Osako und Joshua Sargent.

Auffällig war in den ersten Minuten, wie wuchtig die Bremer Mainz störten. Die Außenverteidiger rückten weit nach vorne, um die gegnerischen Außenverteidiger anzulaufen. Nach Ballverlusten zog Werder sich sofort zusammen, um die Kugel zurückzuerobern. Die ersten Minuten waren geprägt vom Bremer Versuch, den Gegner am eigenen Strafraum festzudrücken.

Mainz brauchte einige Minuten, ehe sie sich sortierten. Ihr taktisches System zeigte erst nach zehn Minuten seine Konturen. So zogen sie sich gegen den Ball zunächst in einem passiven 4-1-4-1 zurück, ehe Jean-Paul Boëtius auf die Zehner-Position wechselte. Mainz übte nun mit einem 4-4-1-1 mehr Druck auf Bremens Mittelfeld aus.

Mainz 05: Danny Latza geht voran

Dass Mainz nach einer schwachen Anfangsphase zurück ins Spiel fand, lag vor allem an einem Mittelfeldspieler: Danny Latza. Klug ließ er sich aus dem zentralen Mittelfeld auf die Rechtsverteidiger-Position fallen. Wenn ihm ein Bremer Mittelfeldspieler folgte, öffnete dies Räume für Boëtius im Zentrum. Folgte Latza kein Mittelfeldspieler, konnte er entweder den starteten Rechtsverteidiger Ridle Baku schicken – oder eine lange Verlagerung nach links spielen.

Die Grafik zeigt, wie die Mainzer nach und nach die Kontrolle über das Spiel übernahmen. Latza ließ sich fallen und wich damit dem Bremer Druck aus. Zugleich konnte Baku dadurch aufrücken und für Gefahr sorgen.

Werder Bremen wurde gegen die sicherer auftretenden Mainzer von Minute zu Minute passiver. Die Außenverteidiger hörten auf, weit in der gegnerischen Hälfte zu pressen. Gerade Marco Friedl ließ sich durch Baku weit nach hinten drücken. Im Zentrum bekam Werder den Gegner gar nicht in Griff. Latza und Boëtius schalteten und walteten, wie sie wollten.

Und dann gab es da noch das älteste Problem dieser Saison: Nach Balleroberungen verlor Werder die Kugel zu schnell wieder. Vorne fehlte ein Stürmer, der lange Bälle festmacht. (Auch wenn Osako einen der stärkeren Auftritte in dieser Saison zeigte.) Nachdem Bremen in der Anfangsviertelstunde 60% Ballbesitz hatte, verringerte sich der Anteil bis zur Pause auf 50%. Doch während Mainz nun immer wieder vor das Tor kam, prallte Werder an der 4-4-1-1-Mauer der Gastgeber ab.

Werder Bremen: Individuelle und kollektive Fehler

Es kam, wie es kommen musste: Mainz ging in Führung. Das erste Tor fiel – wie sollte es anders sein? – nach einem Standard. Diesmal bekam Werder einen langen Flugball an den zweiten Pfosten nicht verteidigt. Bremen kassierte damit den 19. Gegentreffer durch einen Standard; das ist der schwächste Wert der Liga. Das zweite Tor leitete Latza mit einem Dribbling im Zentrum ein. Kein Werderaner stellte sich ihm energisch entgegen. Dass es nur 0:2 zur Pause stand, lag an der starken Leistung von Keeper Jiri Pavlenka.

In der zweiten Halbzeit musste Kohfeldt All-In gehen. Mit den Einwechslungen von Niclas Füllkrug und Fin Bartels (für Bittencourt und Christian Groß) stellte er um. In der Abwehr verteidigte fortan eine Viererkette, davor sorgte ein Rautenmittelfeld für eine Überzahl im Zentrum. Eggestein gab weiterhin den Sechser, Klaassen und Bartels spielten auf den Halbpositionen, Osako agierte als Zehner hinter einem Doppelsturm aus Füllkrug und Sargent.

Tatsächlich beflügelte diese Umstellung das Offensivspiel der Bremer. Eggestein ließ sich zwischen die Verteidiger fallen, damit die Außenverteidiger weit nach vorne rücken konnten. Über die Flügel gelang Werder Raumgewinn. Mainz zog sich im 4-4-1-1 weit zurück. Werder Bremen konnte das Spiel wieder in die gegnerische Hälfte verlagern. Sogleich standen sie offen für Konter; kein Wunder, schließlich sicherten mit Eggestein und den zwei Innenverteidigern maximal drei Spieler ab.

Werder Bremen: Ins eigene Verderben

Die offensive Raute brachte Werder zwar 65% Ballbesitz, allerdings nur ein Tor. Kohfeldt musste weiter auf Offensive umstellen. Am Ende hatte Werder eine komplett improvisierte Aufstellung auf dem Rasen, bei der Claudio Pizarro im zentralen Mittelfeld neben Osako spielte.

Diese Aufstellung entblößte Werder defensiv. Mainz-Coach Achim Beierlorzer hatte seine Mannschaft nach siebzig Minuten bereits stabilisiert, indem er auf ein 5-3-2 umgestellt hatte. Nun konnte er beruhigt zusehen, wie Mainz Konter um Konter fuhr, während Werder immer seltener an der gegnerischen Fünferkette vorbeikam. In der 85. Minute fiel das entscheidende 3:1.

Nach dem Spiel sagte Kohfeldt beim TV-Sender Sky: „Wir haben Chancen gehabt, wir haben genug Möglichkeiten gehabt, die Gegentore zu verteidigen. Aber wir haben es wieder nicht geschafft. Da brauche ich auch nicht das Spiel bewerten oder darüber sprechen, wie das denn mit der Taktik nächste Woche vielleicht anders wird.“ Das klingt bereits nach Resignation.

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