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Prost, Marco Bode! Der Aufsichtsratsvorsitzende des SV Werder Bremen feiert an diesem Dienstag seinen 50. Geburtstag.

In Irland leben und nie schlafen

Bode im Interview zum 50.: „Ich wäre gerne Josh Sargent“

Bremen – Wer wird schon gerne 50? Marco Bode jedenfalls nicht. Der Ex-Profi und aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende des SV Werder Bremen hofft sogar, dass dieser eigentlich besondere Dienstag schnell vorbeigeht.

Trotzdem kam der einstige Stürmer, der 2002 seine Karriere beendet hat, bestens gelaunt zum großen Geburtstags-Interview mit der DeichStube, blickte amüsiert auf seine vielen Spiele zurück, verriet, warum er nie Sportchef wurde und erklärte, wieso er so ungerne schläft.

Herr Bode, herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag. Welches Ihrer Tore würden Sie gerne noch einmal schießen?

(lacht) Meinen Fallrückzieher 1996 gegen die Bayern. Das war mein schönstes Tor, wurde aber wegen angeblich gefährlichen Spiels zurückgepfiffen. In der Pause hat sich Schiedsrichter Jürgen Jansen dafür bei mir entschuldigt, nachdem er die Fernseh-Bilder gesehen hatte.

Heute würde Ihnen der Video-Beweis helfen.

Ganz sicher. Ich mag ihn trotzdem nicht, habe mich damit aber abgefunden. Wir müssen den Video-Beweis optimieren, da ist noch viel Luft nach oben. Ich würde aber lieber noch über ein anderes Tor sprechen.

Welches?

Mein letztes überhaupt – und mein einziges bei einer WM. Es war auch das einzige Mal in meiner Karriere, dass ich in allen deutschen Zeitungen auf der Titelseite stand. Durch den 2:0-Sieg gegen Kamerun hatten wir 2002 die Gruppe überstanden, wir hätten auch ausscheiden können. Es wurde übrigens auch das Tor des Monats, das war schon eine kuriose Geschichte.

Warum?

Ich habe die Medaille am Strand von Juist übergeben bekommen. Es war übrigens eine ziemlich blöde Idee von mir, nach einem WM-Finale in Deutschland Urlaub zu machen. Das war eine zweiwöchige Autogrammstunde . . .

Ärgern Sie sich heute noch über die 0:2-Niederlage im Finale gegen Brasilien?

Wenn ich daran denke, sage ich mir schon: Weltmeister zu sein, wäre eine schöne Geschichte gewesen. Dieses Gefühl, in einem WM-Finale in der Startelf zu stehen, das werde ich nicht vergessen.

Sie sind Europameister, Europapokalsieger, Deutscher Meister und Pokalsieger geworden – welche Party danach war am schönsten?

Ich war nie jemand, der sich in diese Partys reingeworfen hat. Die größte Euphorie bei mir persönlich war 1999 nach dem Pokalsieg gegen die Bayern. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben bei einem Elfmeterschießen getroffen (lacht). 1992 hatte ich im Halbfinale gegen Hannover den entscheidenden Elfmeter verschossen. Einen Tag später saß ich mit Rune Bratseth auf dem Marktplatz und habe Eis gegessen. Wir wollten uns nicht verkriechen. Die Leute sind an uns vorbeigegangen und haben gesagt: „Da sind die Verschießer.“ Aber sie haben das mit einem Schmunzeln gemacht. Ich habe neulich mal einen Podcast zum Thema Scheitern gemacht, das war sehr interessant.

Warum?

Das ist einfach spannend, sich auch mal mit dieser Seite des Sports zu beschäftigen. Es gibt gewiss auch viele Menschen in Bremen, die sagen: Der Bode hat auch eine Menge Chancen vergeben. Er hat zwar 101 Tore, aber er müsste mindestens so viele haben wie Claudio Pizarro (109, Anm. d. Red.).

Denken Sie das auch?

Manchmal schon. Aber ich weiß auch, dass ich nie ein echter Torjäger war wie Claudio. Ich war ein variabler Offensivspieler, keine klassische Neun, eher eine Elf.

Hat Sie vielleicht die Angst vor dem Scheitern davon abgehalten, zu einem größeren Club zu wechseln?

Von Angst würde ich nicht sprechen. Aber ich bin schon jemand, der vorsichtig und nicht so mutig ist wie andere. Ich brauche eine gewisse Sicherheit. Die Vorstellung, in München zu spielen, hat mir Respekt eingeflößt. Der Hauptgrund, in Bremen zu bleiben, war aber, dass ich mich wohlgefühlt habe und wir sehr erfolgreich waren.

Marco Bode im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Björn Knips.

Welcher aktuelle Fußballer wären Sie gerne?

Das ist schwierig. Aber okay, dann wäre ich gerne Josh Sargent. Er steht am Anfang seiner Karriere, hat eine große Begabung, muss aber auch noch eine Menge tun, um es wirklich zu schaffen. Das ist eine ganz spannende Situation. Ich hoffe sehr, dass er in der nächsten Saison einen großen Schritt vorwärts macht. Und noch mehr hoffe ich, dass er anders als ich vor dem Tor eiskalt sein wird (lacht). Ich habe mit 19 Jahren meine ersten Bundesliga-Spiele gemacht und hatte dann Glück, von den Verletzungen anderer Spieler zu profitieren. Dann habe ich auch noch getroffen, da ging es relativ flott. Aber Otto Rehhagel hat mich trotzdem immer mal wieder rausgenommen.

Spielen Sie selbst noch?

Selten. Meistens nur bei Charity-Veranstaltungen und dann auch gerne nur auf einem kleinen Feld. Die große Bühne brauche ich nicht mehr. Aber wenn mich Claudio Pizarro irgendwann zu seinem Abschiedsspiel einladen sollte, dann werde ich mich noch mal fit machen.

Warum haben Sie kein eigenes Abschiedsspiel gemacht?

Ich glaube wegen Dieter Eilts.

Warum?

Wir haben 2002 gleichzeitig unsere Karriere beendet. Es soll so gewesen sein, dass das Präsidium damals Dieter gefragt hat, ob wir ein Abschiedsspiel haben möchten – und er hat in unser beider Namen abgelehnt. Mich hat diese Information erst viel, viel später erreicht (lacht). Da muss ich bei Dieter nochmal fragen, ob das wirklich so war..

Inzwischen sind Sie Aufsichtsratsvorsitzender bei Werder. Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Ich mag es, mit anderen Menschen zusammen Ideen und Konzepte zu entwickeln, um Erfolg wahrscheinlicher zu machen. Ich sehe mich dabei immer als Teamplayer, der aber auch Führungsverantwortung übernimmt. In diesem emotionalen Umfeld Fußball macht das besonders viel Spaß – bei Werder sowieso, weil der Club für Werte und eine Philosophie steht.

Als Aufsichtsrat arbeiten Sie eher im Hintergrund. Warum haben Sie nie einen Job in der ersten Reihe im operativen Geschäft – also zum Beispiel als Sportchef – übernommen?

Ich glaube, das können andere besser. Als Sportchef oder Trainer musst du dich 24 Stunden am Tag mit Fußball beschäftigen wollen. Das bin ich eher nicht. Ich war schon als Spieler jemand, den auch noch ganz viele andere Dinge interessieren.

Welche?

Bildung, Kommunikation, Chancengleichheit – ganz speziell für Kinder. Es geht um unsere gesellschaftliche Verantwortung. So, wie ich es bei Werder sehe, möchte ich auch in einer Stadt leben, die weltoffen ist.

Machen Sie sich Sorgen, dass sich dieses Zusammenleben verändert?

Da gibt es schon einige Dinge wie zum Beispiel zunehmender Populismus in der Politik oder auch Korruption. Nicht zu vergessen die vielen Kriege. Ich habe gerade erst gelesen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das ist schwer zu begreifen.

Das gilt allerdings auch für die enormen Ablösesummen und Gehälter im Fußball. Wie passt das zusammen?

Ich will mich nicht als Weltretter präsentieren. Ich bin auch kein Heuchler. Diese Diskussion habe ich am Ende meiner Karriere schon mal entfacht, als ich gesagt habe, die Gehälter von Fußball-Profis sind im Verhältnis zu Krankenschwestern absurd. Ja, ich bin auch ein Teil dieser kommerzialisierten Fußball-Welt. Trotzdem erlaube ich mir, das eine oder andere kritisch zu sehen. Außerdem setzt sich der Fußball auch für viele Dinge ein und hilft mit seinen Projekten. Ich sehe viele Chancen, die der Fußball über seinen Stellenwert bietet.

Wäre es für Sie vorstellbar in die Politik zu gehen?

Paul Stalteri hat mich schon zu meiner aktiven Zeit Bürgermeister genannt (lacht). Im Grunde gilt auch hier, was ich schon beim Thema Sportchef und Trainer gesagt habe: Auch das wäre ein Fulltime-Job – und so politisch bin ich dann auch wieder nicht.

Grünen-Politikerin Claudia Roth hat Sie als DFB-Präsident ins Gespräch gebracht, sind Sie interessiert?

Das war ein charmanter Vorschlag von ihr. Ich freue mich, dass sie mir das zutraut. Aber das Thema ist noch nie auf irgendeinem relevanten Weg an mich herangetragen worden. Ich denke, dass sich viele Verantwortliche beim DFB momentan Gedanken machen, mit welchen Strukturen man auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre reagieren kann. Dieser Prozess ist jetzt wichtiger. Alles andere sind momentan mediale Spielereien, die ich nicht so ernst nehme..

Wie sieht ein perfekter Marco-Bode-Tag aus?

Dieser Tag müsste 48 Stunden haben, von denen ich nur sechs schlafen würde. Schlafen fühlt sich für mich oft wie verschwendete Zeit an, deshalb schlafe ich wahrscheinlich auch schlecht, weil ich mich innerlich dagegen wehre (lacht). Den Rest würde ich mit Familie, Freunden, Sport, viel Bewegung und Natur verbringen.

Was macht die Zahl 50 mit Ihnen, spüren Sie bereits eine Midlife Crisis?

Ich versuche, mich damit nicht zu sehr zu beschäftigen. Ich hoffe, der Tag geht schnell vorbei (lacht).

Werden Sie gar nicht feiern?

Ein bisschen schon. Ich verziehe mich in meine Heimat in den Harz und werde Familie und Freunde treffen. Wahrscheinlich spiele ich eine Runde Golf. Mal gucken, ob wir noch eine größere Feier nachholen. Meine Frau ist tatsächlich auch schon 50, obwohl sie wie 39 aussieht. Da bietet sich eine gemeinsame Feier eigentlich an.

Welche Menschen haben Sie am meisten geprägt?

Neben meinen Eltern sicherlich meine Frau, mit der ich zwar nicht verheiratet, aber schon 30 Jahre zusammen bin. Das prägt einen. Das gilt auch für meine Tochter. Im nicht-privaten Umfeld sicherlich jemand wie Otto Rehhagel, aber da gab es auch besondere Mitspieler. Als junger Spieler saß ich in der Kabine neben dem acht Jahre älteren Rune Bratseth. Der hat mir vermittelt, die Sache sehr ernst zu nehmen und ehrgeizig zu sein, aber gleichzeitig auch immer zu wissen, dass es nur Fußball ist.

Marco Bode, Rune Bratseth und Dietmar Beiersdorfer (v.l.) nach dem Sieg im DFB-Pokalfinale 1994 gegen Bayern München.

Sie leben seit 31 Jahren in Bremen, bleiben Sie für immer?

Ich versuche schon länger, meine Frau zu überreden, ein paar Jahre in Irland zu leben. Aber ihr ist das Wetter dort zu schlecht.

Warum Irland?

Ich liebe einfach diese grüne Insel. Die Iren sind so mit die nettesten Menschen auf der Erde.

Sie sind passionierter Schachspieler. Welche Schachfigur wären Sie gerne?

Als Fußballer würde natürlich der Läufer gut passen. Ich war ja auf dem Platz auch kreuz und quer unterwegs. Springer würde mir aber auch gut gefallen. Das ist die am schwierigsten zu verstehende Figur im Schach, die mit den größten Überraschungen. Ich weiß nicht, ob ich das bin, aber vielleicht möchte ich einfach so sein.

Warum nicht der König?

Der ist doch langweilig, er wird eigentlich nur beschützt.

Wen würden Sie gerne mal schachmatt setzen?

Man muss ja realistisch bleiben. Aber ich habe sogar schon gegen den Weltmeister spielen dürfen und dabei für eine Schlagzeile bei Sport1 gesorgt: „Carlsen schlägt Bode“ (lacht). Ich würde aber Felix Magath nehmen, obwohl ich schon weiß, wie er reagieren wird.

Wie?

Er würde es mir wahrscheinlich übel nehmen. Es gab doch 1999 die Geschichte, als Felix bei uns Trainer war. Da hat ihn Andreas Herzog gefragt, ob Magath nicht mal gegen mich Schach spielen könnte. Süffisant sagte Andi, es würde die Mannschaft interessieren, wie das ausgeht. Der Trainer blieb cool, rührte seinen Tee und hat dann in seiner typischen Art geantwortet: „Glaubt ihr denn, es wäre gut für euch, wenn Marco mich schlägt?“ Damit war das Thema erledigt.

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